In Baden-Württemberg wurde mit Nicole Hoffmeister-Kraut 2016 erstmals eine Gesellschafterin eines traditionellen Familienunternehmens zur Wirtschaftsministerin ernannt. Was treibt sie an? Und was kann sie für Unternehmen bewirken?

Frau Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Sie sind seit gut einem Jahr Wirtschaftsministerin in Baden-Württemberg und engagieren sich außerdem in Kirche, Schule und Gemeinde. Warum?

Ich möchte etwas bewegen können. Nach der Geburt meiner zweiten Tochter und der Entscheidung, Familienzeit zu nehmen, habe ich angefangen, mich ehrenamtlich zu engagieren, zuerst in der Schularbeit in Balingen. Die Resultate haben mich motiviert, weiterzumachen und mehr Verantwortung zu übernehmen.

Wie gelingt es Ihnen, andere von Ihren Standpunkten zu überzeugen?

Ich setze auf Argumente. Damit bin ich bisher immer gut gefahren. Und ich bin jemand, der sich persönlich stark engagiert und vorlebt, was mir wichtig ist. Das ist vor allem im Ehrenamt wichtig und wertvoll. Abgesehen davon kommt es natürlich darauf an, mit wem man es zu tun hat. Als Führungsperson überzeugen und reüssieren zu können erfordert auch, dass hinter einem ein kompetentes Team steht und die Chemie im Team stimmt. Ich hatte bisher immer das Glück, die richtigen Leute um mich herum zu haben. Das ist ein Schlüsselfaktor.

Warum haben Sie sich entschieden, das Amt als Ministerin anzunehmen?

Ich bin seit 2009, mit dem Eintritt in die CDU, politisch aktiv geworden. Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 habe ich das Direktmandat im Landkreis Balingen gewonnen, was nicht selbstverständlich war. Vor diesem Hintergrund beantwortet man die Frage, ob man Wirtschaftsministerin werden möchte, natürlich nicht mit nein. So eine Chance kommt im Leben nicht häufig. Mich hat der Ehrgeiz gepackt. Zumal man als Ministerin viel mehr Möglichkeiten hat, etwas zu gestalten.

Welche Argumente haben Sie bei der Entscheidung abgewogen?

Ein Ministeramt ist eine Position, in der man eine große Verantwortung übernimmt. Das gilt im Allgemeinen und als Wirtschaftsministerin in einem wirtschaftlich starken Bundesland wie Baden-Württemberg auch im Besonderen. Deshalb hatte ich und habe noch immer großen Respekt vor dem Amt. Hinzu kommt, dass Landespolitik eine andere Dimension hat als Kommunalpolitik. Man hat mit seinen Entscheidungen einen viel größeren Einfluss. Andererseits waren die Erfahrungen aus der Kommunalpolitik für meine Entscheidung, das Ministeramt anzunehmen, auch sehr hilfreich.

Info


Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut (geb.1972) studierte zunächst Betriebswirtschaft und promovierte 2001 an der Universität Würzburg. Sie heuerte in London bei der Investmentbank Morgan Stanley an, danach arbeitete sie bis 2005 bei Ernst & Young in London und Frankfurt am Main. Sie ist seit 1998 Gesellschafterin der Bizerba SE & Co. KG, die sich zu 100 Prozent in Familienbesitz befindet, 1866 gegründet wurde und mit weltweit 3.900 Mitarbeitern einen Umsatz von 653 Millionen Euro erwirtschaftet. Als sie 2016 zur Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau des Landes Baden-Württemberg ernannt wurde, gab sie ihren Sitz im Aufsichtsrat bei Bizerba auf.

Wie hat Ihr persönliches und familiäres Umfeld reagiert?

Familie und Freundeskreis haben sich für mich gefreut. Natürlich haben wir in Gesprächen abgewogen, was ein Ministeramt für das Familienleben bedeutet. Bis dahin war ich viel für die Familie da. Uns war klar, dass sich diese Situation ändern würde – auch wenn meine Familie für mich nach wie vor an erster Stelle steht. Ich versuche, mir den Sonntag freizuhalten, und bin froh, dass ich ein so gutes familiäres Netzwerk habe.

Welche Qualifikationen haben Sie mitgebracht, die Sie als Ministerin brauchen?

Ich bin in einer Unternehmerfamilie groß geworden und mit den Strukturen, die die baden-württembergische Wirtschaft mit ihren vielen kleinen und mittelständischen Firmen ausmachen, bestens vertraut. Ich habe dadurch ein Vorwissen mit ins Amt gebracht, das für mich als Wirtschaftsministerin hilfreich ist. Das gilt auch für die Einblicke in die Kommunalpolitik, die ich in den vergangenen Jahren habe sammeln können.

Welche Qualifikationen mussten Sie sich zunächst aneignen und lernen?

Fast permanent in der Öffentlichkeit zu stehen, damit musste ich erst einmal umzugehen lernen. Als Ministerin ist man eine öffentliche Person, und eigene Äußerungen haben eine andere Wirkung. Man wägt jedes Wort eher einmal zu viel als einmal zu wenig ab. Vor Ihrem Einstieg in die Politik sind Sie zum Leben und Arbeiten nach London gegangen. Warum? In meiner Jugend war ich Dressurreiterin im baden-württembergischen Landeskader und dadurch örtlich gebunden. Doch es war immer mein Wunsch, einmal ins Ausland zu gehen. Nach meiner Promotion war dafür der richtige Zeitpunkt. Eine andere Kultur und Sprache kennenzulernen ist eine große persönliche Bereicherung. Davon profitiere ich nicht nur jetzt in der Politik; es hat mir auch vorher bei Bizerba geholfen.

Nicole Hoffmeister-Kraut im Gespräch mit Medienvertretern

“Fast permanent in der Öffentlichkeit zu stehen, damit musste ich erst einmal umzugehen lernen.” / Foto: Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg

Von Wirtschaftsvertretern heißt es oft, Politiker hätten keine Ahnung von Wirtschaft. Was ist Ihre Erfahrung?

Das kann man so nicht pauschalisieren. Natürlich ist es so, dass nicht jeder Politiker – in Fraktion oder Landtag – so tief von allen Themen Kenntnis hat wie derjenige, der damit sein tägliches Brot verdient. Doch natürlich gibt es einige sehr gute Wirtschaftspolitiker.

Von Unternehmern heißt es oft, Sie seien nicht politikfähig, weil sie gern schnell und oftmals allein entscheiden. Das sei im Politikgeschäft nicht möglich. Was ist Ihre Erfahrung?

Das Wirtschaftsleben und der Politikbetrieb sind in der Tat zwei Welten. Ich bin in der ersten aufgewachsen, mittlerweile aber in der zweiten angekommen. Das war durchaus ein Lernprozess. Der politische Diskurs und die nötige Kompromissfindung in einer Demokratie mögen für einen Unternehmer, der es gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen und dafür geradezustehen, bisweilen schwer nachzuvollziehen sein, zumal mit Blick auf den Zeitbedarf mancher Entscheidungen. Doch am Ende des Tages müssen auch Politiker Entscheidungen fällen. Das ist – zumal in Koalitionen – nicht immer einfach. Ich bin aber nach wie vor fest davon überzeugt, dass die Demokratie die erfolgreichste Form ist, einen Staat zu führen.

Spielen Netzwerke und Taktik in der Politik eine größere Rolle als Inhalte?

Mein Anspruch ist es, gute Politik zu machen – und dafür braucht man Inhalte. Natürlich muss man wissen, wie man seine Ziele erreichen kann. Insofern sind Taktik und Netzwerke schon wichtig. Doch das Primat liegt ganz klar auf den Inhalten – auch wenn man oftmals Kompromisse machen muss. Das ist in der Politik aber nicht anders als in Wirtschaft oder Familie.

Was wollen Sie in Ihrem Amt als Ministerin verändern?

Die Wirtschaft, nicht nur in Baden-Württemberg, steht vor gewaltigen Herausforderungen. Eine davon ist die Digitalisierung, die quasi jede Branche tangiert. In diesem Umbruch sind wir auf neue Ideen angewiesen, denn diese Initiativen werden dazu beitragen, unsere Wirtschaft in Zukunft zu sichern. Deshalb liegt es mir besonders am Herzen, Start-ups im Land zu fördern – sowohl finanziell als auch durch eine bessere Infrastruktur, damit Gründer mit ihren Ideen schneller am Markt sind. Darüber hinaus möchte ich den Transformationsprozess in der Automobilindustrie hin zur Elektromobilität und zum autonomen Fahren erfolgreich mitgestalten. Damit wollen wir Beschäftigung und Wertschöpfung im Land halten und den Standort Baden-Württemberg zukunftssicher machen. Im Bereich Wohnungsbau, für den ich ebenfalls zuständig bin, ist unser Ziel, zügig mehr bezahlbaren Wohnraum im Land zu schaffen.

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