Die junge Generation kann unternehmerisch im Familienunternehmen, im eigenen Start-up, als Philanthrop oder Investor aktiv werden. Diese Vielfalt an Auswahl erschwert die eigene Rollenfindung, sagt Reinhard Prügl, akademischer Leiter des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen an der Zeppelin Universität, und erklärt, warum neue Ansätze in der Qualifizierung von Gesellschaftern notwendig sind.

Prof. Dr. Reinhard Prügl, Sie beschäftigen sich im Rahmen des Executive Master of Family Enterpreneurship mit der Weiterbildung von Gesellschaftern aus Familienunternehmern. Wurde in den vergangenen Jahren hier nicht bereits genug geforscht und getan?

Viele Jahre lang haben sich die Forschung und auch die Öffentlichkeit auf die Perspektive der älteren Generation konzentriert, also auf diejenigen, die das Zepter übergeben. Es wurden viele Modelle entwickelt, in denen es darum ging, den Übergang optimal zu gestalten, so dass das mit dem Loslassen auch klappt. Die Perspektive der jungen Nachfolgerinnern und Nachfolger wurde allerdings vernachlässigt. Sie stehen vor der großen Herausforderung und spüren den Druck, eine Vielzahl von Themen beherrschen zu müssen. Immer häufiger werden sie im Zeitalter der Digitalisierung als Erfolgsgarant für das Unternehmen gesehen, nur weil sie Digital Natives sind. Aber sie wissen oft gar nicht, wie sie all die Zukunftsthemen jonglieren sollen. Ihnen fehlen Rollenvorbilder. Das wollen wir ändern, daran arbeiten wir.

Worin zeigt sich die Unsicherheit dieser sogenannten NextGen?

Ich würde es eher als Unsicherheit im Umgang mit Ambivalenz bezeichnen. Sie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Aber sie fragt sich genauso, was sie zu welchem Zeitpunkt an welcher Stelle im Unternehmen oder im Gesellschafterkreis darf und was nicht. Und sie stellt ihr Können trotz exzellenter Ausbildung in unserer komplexen Welt durchaus in Frage.

Können Sie ein Beispiel geben?

Führung ist eine Herausforderung, denn viele fragen sich, wie sie als junge Person mit älteren und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen umgehen sollen. Wenn man jung ist, fragt man sich, wie man als Führungspersönlichkeit wahrgenommen wird, sowohl im Unternehmen als auch innerhalb der Familie. Selbstführung als Thema nimmt an Bedeutung zu, ebenso die Fähigkeit, sich Freiräume zu schaffen im Spannungsfeld zwischen Ehrgeiz, Disziplin und Information-Overkill. Wie gelingt Führung in einer komplexen Welt?

Gleichzeitig hatten die Nachfolger noch nie die Möglichkeit, Verantwortung in so vielen unterschiedlichen Bereichen zu übernehmen, in denen die Unternehmerfamilie aktiv ist.

Genau darin liegt die Schwierigkeit: unter der Vielzahl der Rollen genau die passende zu finden. Die jungen Gesellschafter fragen sich, ob sie sich besser für eine Aufgabe im Beirat oder im Unternehmen eignen, ob sie eher das Talent und das Interesse für eine Aufgabe im Family Office oder in der gemeinnützigen Stiftung haben. Sie suchen nach Klarheit über ihre Rolle in diesem Familienportfolio. Was den Druck herausnimmt, ist die Tatsache, dass die Wege im und um das Familienunternehmen herum durchlässiger geworden sind. Es wird langsam immer häufiger akzeptiert, dass Rollen innerhalb der Unternehmerfamilie auch wechseln können.

Wenn sich heute ein Nachfolger dazu entscheidet, eine Aufgabe im Beirat wahrzunehmen, ist das ja kein Posten auf Lebenszeit. Wir unterstützen junge Gesellschafterinnen und Gesellschafter darin, die individuelle Frage zu beantworten, wo im Familienportfolio ein eigener Beitrag geleistet werden kann.

Eine Möglichkeit in dieser Rollensuche ist die Gründung eines eigenen Start-ups, um sich auf diesem Wege für einen Posten im Familienunternehmen zu qualifizieren. Es klingt manchmal so, als sei dieser Weg eine Art Königsweg, den man in der Nachfolge gehen muss.

Das sehe ich nicht so. Aber ich schätze, dass mittlerweile knapp die Hälfte aller Nachfolger in einem Start-up eine Option für einen späteren Einstieg ins Familienunternehmen oder seinen Gremien sehen. Dahinter steckt der Transformationsgedanke: unternehmerisches Handeln gepaart mit dem Einfordern von Nachhaltigkeit auf allen Ebenen. Ob danach der Schritt ins Familienunternehmen folgen muss – das ist völlig offen.

Info


Prof. Dr. Reinhard Prügl studierte Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität in Wien. 2008 wurde er als Junior-Professor an die Zeppelin Universität berufen. Zwei Jahre später erfolgte die Ernennung zur Voll-Professur. Neben seiner Rolle als Inhaber des Lehrstuhls für Innovation, Technologie und Entrepreneurship ist Reinhard Prügl auch akademischer Leiter des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen (FIF) sowie Gesellschafter und Gründer mehrerer Unternehmen.

Aktuelle Beiträge

Immobilienvermögen
Wie Unternehmerfamilien in die Assetklasse Immobilien investieren
Studie sichern »
Studie sichern »
Immobilienvermögen