Seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sehen sich insbesondere Mittelständler mit energieintensiver Produktion der Frage ausgesetzt, wie sie trotz steigender Energiepreise im Geschäft bleiben. Liegt die Lösung darin, selbst zum Energieproduzenten zu werden?

„Wäre ein Gasembargo kurz nach Beginn des Angriffskrieges gekommen, wären wir in ernsthaften Schwierigkeiten gewesen. Wir hätten schlichtweg nicht produzieren können, da die Verwendung von Gas für unseren Produktionsprozess immanent ist“, erinnert sich Martin Krengel, der als CEO die WEPA Gruppe in zweiter Generation leitet. Auf ein solches Krisenszenario war der Hygienepapierhersteller mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro, rund 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 13 Werken in Europa nicht vorbereitet. „Was das für uns kurz- und mittelfristig bedeutet hätte, vermag ich nicht zu sagen.“ Plötzlich und unerwartet mit stark gestiegenen Energiekosten konfrontiert zu sein – so ging es vielen Unternehmen.

Höhere Preise durchsetzen

Wie gehen Familienunternehmen mit steigenden Kosten um? Laut einer Umfrage des Instituts für Wirtschaftsforschung (ifo) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen stellen Preiserhöhungen das Mittel der Wahl dar: Rund 43 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, Preiserhöhungen bereits durchgeführt zu haben. Für circa 30 Prozent sind Preiserhöhungen sehr wahrscheinlich, um die Mehrkosten aufzufangen. Investitionen in Energieeffizienz bilden die zweithäufigste Maßnahme, mit der Unternehmen hierzulande bereits reagiert haben (knapp 28 Prozent) oder die sie wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich tätigen werden (rund 54 Prozent). Investitionsstaus und der Wechsel hin zu anderen Energieträgern sind die dritt- und vierthäufigste Antwort von Familienunternehmen auf die derzeitige Situation am Energiemarkt.

Tessa Bertram, Vorsitzende des Beirats, Gebr. Kemper GmbH und Co. KG

Tessa Bertram, Vorsitzende des Beirats, Gebr. Kemper GmbH und Co. KG / Foto: Kemper

Weder geplant noch wahrscheinlich sind für den Großteil der Familienunternehmen hingegen der Abbau von Arbeitsplätzen (circa 73 Prozent), Produktionsstopps (85 Prozent), die Aufgabe energieintensiver Geschäftsfelder (knapp 79 Prozent) und die Verlagerung von Betriebsstätten ins Ausland (knapp 89 Prozent). Insgesamt nahmen im Oktober 2022 1.052 Unternehmen an der Befragung der Stiftung Familienunternehmen und des ifo teil, davon 892 Familienunternehmen.

Wie bewerten einzelne Familienunternehmerinnen und -unternehmer die derzeitige Lage am Energiemarkt mit Blick auf das eigene Geschäft, und welche Konsequenzen ziehen sie daraus? Für die Gebr. Kemper GmbH und Co. KG mit Sitz im nordrhein-westfälischen Olpe bildet das Übergangsmetall Kupfer den Hauptrohstoff. Das Unternehmen mit einem Umsatz von rund 320 Millionen Euro und rund 930 Mitarbeitern, das im Bereich der Gebäude-, Guss- und Walztechnik tätig ist, schmilzt jährlich 32.500 Tonnen Kupferlegierungen.

„Kupfer schmilzt bei 1.085 Grad Celsius“, sagt Tessa Bertram, Vorsitzende des Beirats des Familienunternehmens. Der Gesamtenergiebedarf des Unternehmens fällt mit 17 Millionen Kilowattstunden Gas und 45 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr entsprechend aus. Den größten Teil der Energie (circa 80 Prozent) benötigt Kemper dabei für die Walzprodukte. Das Geschäft mit Kupfer als zentralem Rohstoff werde auch weiter energieintensiv bleiben, sagt Bertram. Daher sucht das Unternehmen nach Lösungsansätzen, beispielsweise durch eine Optimierung der Fertigung.

Neubau von Werken zu teuer

Ein weiteres Mittel, auf das Kemper aktuell zurückgreift, sind Preiserhöhungen. „Wir sind mitten in den Verhandlungen“, sagt Bertram. Das Problembewusstsein bei Kunden und Geschäftspartnern sei vorhanden. Hinzu kämen Maßnahmen wie sparsameres Heizen von Büroräumen und die Nutzung von LEDs. Der große Wurf sei hier allerdings nicht zu erwarten, sagt die ausgebildete Mediatorin. Im Vergleich zu Konzernen sieht Bertram Familienunternehmen aufgrund einer größeren Standortgebundenheit im Nachteil. Der Neubau eines Walzwerks an anderer Stelle koste zwischen 200 und 220 Millionen Euro, eine Standortverlagerung aufgrund steigender Energiepreise sei für das Familienunternehmen daher keine Option.

Martin Krengel, CEO, WEPA Gruppe

Martin Krengel, CEO, WEPA Gruppe / Foto: WEPA

Aus diesem Grund sondiert das Familienunternehmen derzeit Möglichkeiten, selbst zum Energieproduzenten zu werden. Hierbei gibt es allerdings ein Problem: Zumindest die Dächer der firmeneigenen Gießereien kommen – beispielsweise für die Montage von Photovoltaik – aufgrund der Brandgefahr nicht in Frage. „Da machen die Versicherungen nicht mit“, erläutert Bertram. Die Sondierung anderer Firmenflächen dauere derzeit noch an, die Verfahren zur Ausstattung mit Photovoltaik und insbesondere Windenergie und zu den einzuhaltenden Abstandsregelungen brauchen jedoch ihre Zeit und sind keine schnelle Lösung, sagt Bertram.

Notfall- und Investitionspläne

Die WEPA Gruppe mit Sitz im sauerländischen Arnsberg arbeitet schon länger mit firmeneigenen Lösungen zur Energieproduktion. Mit Blick auf den Energieverbrauch steht die Papierbranche laut einer in diesem Sommer veröffentlichten Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim (ZEW) in Deutschland auf Platz 5. WEPA benötigt für die jährliche Produktion von circa 850.000 Tonnen Hygienepapier viel Energie, davon entfällt mehr als die Hälfte, ungefähr 55 Prozent, auf Gas, das im Herstellungsprozess von Hygienepapieren benötigt wird.

„Die Energiekosten haben sich gegenüber Normalniveau zeitweise verzehnfacht. Aufgrund der Energiepreissituation kann es dazu kommen, dass die Produktion vorübergehend nicht mehr wirtschaftlich ist“, erklärt Martin Krengel. In dieser Situation kommt WEPA zugute, dass das Unternehmen bereits seit langem und fortlaufend die Verbrauchsreduktion vorantreibt. So werden aktuell über 100 Energiesparmaßnahmen umgesetzt. Für die nahe Zukunft plant das Unternehmen, über 100 Millionen Euro in Energieeffizienz zu investieren, unter anderem in die eigene Energiegewinnung durch Windkraft und Photovoltaik. WEPA war bereits in der Vergangenheit aktiv, um das Energiethema im Speziellen und die Nachhaltigkeit im Allgemeinen systematisch anzugehen. „Auch Start-ups helfen uns bei der Kreierung innovativer Ideen, zum Beispiel was Energieinitiativen im Zusammenschluss mit anderen Unternehmen angeht“, sagt Martin Krengel.

Jens Fiege, Co-CEO, Fiege Gruppe

Jens Fiege, Co-CEO, Fiege Gruppe / Foto: Fiege Logistik

Investitionen in den firmeneigenen Standort in Giershagen, ebenfalls im Sauerland gelegen, zeigen zum Beispiel, dass nicht nur alternative Energiequellen für die Herstellung von Hygienepapieren wie Küchentüchern und Toilettenpapier genutzt werden können, sondern sich diese auch mit Nachhaltigkeitszielen verknüpfen lassen. So wird an dem Standort ein Kraftwerk betrieben, in dem produktionsbedingte Reststoffe thermisch genutzt werden und somit 85 Prozent des Dampfverbrauchs des Werkes vor Ort produziert werden können.

Hin zum Selbstversorger

Auf dem Weg zum Energieproduzenten ist FIEGE Logistik Stiftung GmbH & Co. KG mit Sitz in Greven nördlich von Münster auch schon weit vorangeschritten. So hat das Familienunternehmen mit mehr als 23.000 Mitarbeitenden weltweit und einem Jahresumsatz von 1,8 Milliarden Euro bereits gut 360.000 Quadratmeter seiner Dachflächen mit Photovoltaikanlagen ausstatten lassen. FIEGE möchte dadurch den jährlich anfallenden Stromverbrauch von rund 40 Millionen Kilowattstunden zumindest zum Teil selbständig decken. Der Schritt zum Energieproduzenten sei aktuell aufgrund der hohen Marktwerte für Solarstrom besonders attraktiv, sagt Co-CEO Jens Fiege, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Cousin Felix Fiege in fünfter Generation führt. „Aber nicht nur die finanziellen Vorteile sind ein Argument für unseren Weg. Es geht auch darum, unabhängiger von Energieversorgern zu werden.“

Um bei der Energieversorgung selbständiger zu werden, hat die Klingele Papierwerke GmbH & Co. KG mit Sitz im baden-württembergischen Remshalden bereits viel Geld in die Hand genommen. Hersteller von Papier und Verpackungen aus Wellpappe wie Klingele benötigten erhebliche Mengen an thermischer und elektrischer Energie, sagt Dr. Jan Klingele, geschäftsführender Gesellschafter. „Beispielsweise entspricht der Strombedarf in der gesamten Gruppe dem Verbrauch von 150.000 durchschnittlichen Haushalten.“ Im Jahr 2000 war das Unternehmen noch stark von Erdgas und Strom abhängig. „Dank unserer Investitionen im deutlich dreistelligen Millionen-Euro-Bereich setzen wir aktuell nur noch zu 17 Prozent fossile Brennstoffe ein und stellen unseren Wärmebedarf weitgehend aus Biomasse, Reststoffen und Biogas her. Mehr als die Hälfte unseres Strombedarfs erzeugen wir selbst nachhaltig aus Biomasse, Reststoffen, Wasserkraft, Biogas, Windkraft und Photovoltaik“, sagt Klingele und ergänzt: „Bei den aktuellen Energiepreisen können wir uns freuen, dass unsere Entscheidungen nicht nur umweltfreundlich waren, sondern uns nun auch deutliche wirtschaftliche Vorteile geben.“

Im Dialog mit der Politik

Dr. Jan Klingele, Geschäftsführender Gesellschafter, Klingele Gruppe

Dr. Jan Klingele, Geschäftsführender Gesellschafter, Klingele Gruppe / Foto: Klingele

Was ist mit Blick auf die kommenden Monate zu erwarten? Das Ergebnis der Studie des ifo-Instituts und der Stiftung Familienunternehmen zeigt, dass Familienunternehmen derzeit weder ihre Standorte verlagern noch die Produktion stoppen oder Arbeitsplätze abbauen wollen. Ob Preiserhöhungen als Mittel der Wahl im Angesicht der Energiekrise allein ausreichen werden, ist fraglich. Einige Familienunternehmen haben sich bereits auf den Weg gemacht, Energie selbständig zu produzieren, andere Unternehmen befinden sich noch in der Planungsphase.

Was die Familienunternehmer seit Beginn des Angriffskrieges eint: Halten sich viele sonst lieber von der Politik fern oder meiden politische Statements, befinden sie sich nun notgedrungen im Dialog mit Politikern und Vertretern von Behörden. Tessa Bertram positioniert sich beispielsweise in verschiedenen Verbänden, um beim Gesetzgeber für mehr Verständnis für die Bedeutung von bezahlbarer Energie für die Wirtschaft zu werben. Außerdem müsse die Politik mit mehr Weitsicht agieren und sich weniger auf Maßnahmen wie Einmalzahlungen fokussieren, die an den Ursachen der Energiekrise nichts änderten, fordert sie.

Martin Krengel spricht deutliche Worte: „Gerade Familienunternehmen stehen zum Produktionsstandort Deutschland. Sie wollen den notwendigen Transformationsprozess mitgestalten. Dafür ist ein enger Austausch mit der Politik notwendig, um zum Beispiel zu verdeutlichen, dass durch die Gas- und Strompreisbremse wettbewerbsgerechte Energiepreise gewährleistet sein müssen. Nur so sind wichtige Transformationsinvestitionen finanzierbar.“

Jens Fiege hat die Erfahrung gemacht, dass seitens der Behörden nun eine größere Gesprächsbereitschaft für Themen wie beispielsweise Abstandsregelungen bei Windkraft, die Stromeinspeisung in lokale Netze oder gemeinsame Anträge von Firmen für Energieprojekte besteht. Er verweist auf die Chancen und Möglichkeiten, die die Energiekrise mit sich bringe. Autarkie in Sachen Energie stelle „angesichts dieser neuen Realität einen unternehmerischen Wert dar“, sagt Jens Fiege.

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