Im vergangenen Jahr verkaufte Tegut seine Handelssparte an den Schweizer Migros-Konzern. Seitdem gehen Sohn Thomas und Vater Wolfgang Gutberlet beruflich getrennte Wege. „wir“ sprach mit Thomas Gutberlet über den Schnitt und den Neuanfang.

Thomas Gutberlet, Tegut ist von Ihrem Großvater als Handelsunternehmen gegründet worden. Im vergangenen Jahr haben Sie die Handelssparte verkauft. Wie schmerzhaft war die Trennung?

Insgesamt war die Zeit sehr anstrengend. Wir haben vor zwei Jahren damit begonnen, uns mit dem Gedanken, einen Unternehmensteil zu verkaufen, auseinanderzusetzen. Im Frühjahr 2012 sind wir den Prozess dann aktiv angegangen. Zu diesem Zeitpunkt lag der unangenehme Teil der persönlichen Entscheidungsfindung schon hinter uns.

Ihr Vater Wolfgang hat das Unternehmen 36 Jahre lang geleitet, bevor er Ihnen 2009 den Vorstandsvorsitz übertrug. Wie war der Verkauf für Ihren Vater?

Ähnlich wie für mich: ein Sichdurchringen.

Warum haben Sie die Handelssparte verkauft?

Wir hatten ein sehr diversifiziertes Unternehmen mit land – wirtschaftlichen Betrieben, vorbereitender Produktion wie Schlachthöfen und Mühlen, Produktionsbetrieben, Forschungseinrichtungen, Qualitätsberatung, Gastronomie und Handel. Wir haben uns im Familienkreis und im Vorstand Gedanken gemacht, wie man dieses Konglomerat in die Zukunft führen kann, und sind zu dem Schluss gekommen, dass es keinen Sinn macht, das Unternehmen in dieser Form weiterzuführen. Daher haben wir einen Schnitt gemacht und einen Teil verkauft.

Warum erschien Ihnen das nicht sinnvoll?

Weil wir gesehen haben, dass es uns als Mittelständler nicht möglich sein würde, alle Bereiche mit der notwendigen Intensität weiterzuentwickeln. Investitionen in einem Bereich gingen immer zu Lasten eines anderen.

Sie hätten auch die Bäckereien und Metzgereien verkaufen und den Handel behalten können.

Ich glaube, dass das Handelsgeschäft ein hohes Potential hat, das es zu entwickeln gilt. Aber das Wettbewerbsumfeld ist sehr hart. Es ist schwer, als Mittelständler allein durchzukommen. Das ist in der Produktion einfacher. Wir sind der Meinung, dass das Handelsgeschäft in einer größeren Gemeinschaft besser aufgehoben ist.

Info

Im Oktober 2012 beschließt die Familie Gutberlet den Unternehmensverkauf ihres Handelsunternehmen Tegut an die Genossenschaft Migros Zürich in der Schweiz. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt das Fuldaer Unternehmen 6.400 Mitarbeiter in 290 Filialen in Hessen, Thüringen, Nordbayern, Göttingen und Mainz und erwirtschaftet einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro, allerdings bei negativem Ertrag. Die Produktionsbetriebe, die Herzberger Bäckerei und die kff Kurhessische Fleischwaren Fulda, die landwirtschaftlichen Betriebe, das Catering-Unternehmen tegut… bankett und das Qualitätssicherungsunternehmen Quant verbleiben in der Familienstiftung. Diese erhält im Zuge des Verkaufs der Handelssparte eine neue Struktur und mit W-E-G Stiftung & Co. KG einen neuen Namen. Thomas Gutberlet ist aus dem Vorstand der Stiftung ausgeschieden und leitet die Geschäfte von Tegut nun unter dem neuen Eigentümer. Sein Bruder Johannes Gutberlet wird künftig neue Aufgaben innerhalb der Migros-Gruppe übernehmen. Zurzeit lernt er das Unternehmen kennen und arbeitet in einer Migros-Verkaufsstelle in Zürich.

Sie können sich nun als Familie umso stärker auf die in der Familienstiftung verbliebenen Unternehmen konzentrieren. Was sind die Ziele für das Restunternehmen?

Das müssen Sie die fragen, die jetzt dafür zuständig sind. Ich bin aus der Stiftung ausgeschieden und dort nicht mehr beschäftigt. Ich bin jetzt ausschließlich Geschäftsführer des Handelsbereichs, insofern obliegt es mir auch nicht, über die Ziele der Stiftung zu sprechen. Das ist Sache des Vorstands und des Aufsichtsrates.

Gab es unterschiedliche Vorstellungen im Familienkreis über die zukünftige Strategie des Unternehmens?

Es gibt immer wieder mal unterschiedliche Vorstellungen darüber, wo man die strategischen Schwerpunkte setzen kann. Wir haben es geschafft, über die unterschiedlichen Vorstellungen zu sprechen. Insofern zeigt das Ergebnis, wo die Familie zukünftig ihre Schwerpunkte setzen möchte.

Hat der Verkauf Druck aus der Familie genommen?

Mein Druck ist nicht weniger geworden, denn ich habe mich dafür entschieden, wirklich etwas verändern zu wollen. Für Familienmitglieder, die die Unternehmensgruppe eher von außen betrachtet haben, ist die Struktur nun etwas überschaubarer geworden. Vielleicht können sich diese jetzt eher damit identifizieren. Das kann ich aber schlecht beurteilen.

Wer sind diese Familienmitglieder, und welche Rolle spielen sie?

Mein Vater ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der W-E-G Stiftung, in der jetzt die Produktions- und landwirtschaftlichen Betriebe zusammengefasst sind. Die übrigen Familienmitglieder sind nicht in der Stiftung tätig. Aber die Stiftung ist eine Familienstiftung. Insofern schauen die anderen Familienmitglieder ebenfalls auf das Unternehmen, unabhängig von den Gremien.

Wie eng haben Sie in der Vergangenheit mit Ihrem Vater zusammengearbeitet?

Unsere Arbeit war immer eng verwoben. Jetzt ist alles getrennt, nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Aufgaben.

Bis vor kurzem waren Sie Familienunternehmer, jetzt sind Sie Angestellter der Migros. Wie fühlt sich das für Sie an?

Ich war auch vorher angestellt. Aber natürlich ist es etwas anderes, wenn ein Teil des Aufsichtsrates durch die Familie besetzt ist. Ich hatte jedoch immer das Bewusstsein, mich in den Dienst der Sache zu stellen, nicht als Eigentümer, sondern als Leistungsträger. Mein Anliegen war es immer, das Unternehmen nach vorne zu bringen, kundenorientiert, mit guten Lebensmitteln und in einem angenehmen Klima für die Mitarbeiter. Dies hat sich auch nach dem Verkauf nicht geändert.

Tegut verfolgt eine anthroposophisch geprägte Philosophie. Wie lässt sich diese mit der Expansionsstrategie von Migros vereinbaren?

Auch die Migros-Gruppe ist ein Unternehmen mit einem besonderen Wertesystem. Sie steht für eine Unternehmenskultur, der wir uns gerne anschließen. Diese ist natürlich eine andere als die unsere. Aber Unternehmenskulturen müssen sich immer wandeln. Wichtig ist, wie man mit den Menschen umgeht.

Info

Theo Gutberlet gründet 1947 mit zwei Tante-Emma-Läden in Fulda und zwei Mitarbeitern das Handelsunternehmen Thegu, später Tegut, mit dem Ziel, „gute Lebensmittel und die Entwicklung von Menschen zu fördern“. Mit der kff Kurhessische Fleischwaren GmbH gründet er 1972 eine eigene Wurst- und Fleischverarbeitung, deren Produkte fortan in den Tegut-Läden verkauft werden. Anfang der achtziger Jahre nimmt der anthroposophisch orientierte Unternehmer Biolebensmittel ins Sortiment auf. 1989 übergibt der Firmengründer die Geschäfte an seinen Sohn Wolfgang. Zeitgleich wird das Unternehmen in die tegut… Gutberlet Stiftung & Co. KG, eine Familienstiftung, überführt. Mit der Herzberger Bäckerei entsteht 1996 ein weiterer Produktionsbetrieb. Im Alter von 65 Jahren übergibt Wolfgang Gutberlet 2009 den Vorstandsvorsitz der tegut… Gutberlet Stiftung an seinen ältesten Sohn Thomas, ist aber weiterhin im Vorstand tätig. Der zweitgeborene Sohn Johannes übernimmt die Leitung des Vertriebs der Tegut-Gruppe.

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