Die kommende Unternehmergeneration sieht beim Vermögen vieles anders als ihre Vorgänger. Laut einer Studie wollen die jungen Familienunternehmer gesellschaftlich positive Veränderungen lostreten – und das eben nicht nur über Stiftungen und Ehrenamt, sondern nachhaltig auch beim Familienvermögen und im Familienunternehmen selbst. In einem Punkt ähnelt die junge NextGen aber durchaus ihren Vorgängern: Über genaue Geldbeträge spricht man nicht.

Die kommende Unternehmergeneration möchte sich in den nächsten Jahren noch mehr gesellschaftlich engagieren. Das ist ein Ergebnis der Studie „NextGens. Zwischen Erbe und Idealismus“, die das Analyse- und Beratungshaus PHINEO zusammen mit der WHU – Otto Beisheim School of Management durchgeführt und erarbeitet hat. Zwischen September 2020 und Februar 2022 wurden hierzu 100 Vertreter der NextGen (zwischen 18 und 50 Jahren) befragt.

Familienstiftungen werden positiv gesehen

Knapp die Hälfte der Befragten hat das Gefühl, aufgrund ihrer Privilegien und ihres Vermögens ihren Mitarbeitenden und der Gesellschaft besonders gerecht werden zu müssen. 35 Prozent definieren diesen Druck als gesellschaftlich gemacht. Vielen jungen Mitgliedern von Unternehmerfamilien ist es unangenehm, zur vermögenden Schicht der Gesellschaft zu gehören, so die Ergebnisse der Studie.

Fast alle befragten Unternehmerfamilien engagieren sich gesellschaftlich. 95 Prozent der Unternehmerkinder sagen, dass dies bereits bei der vorhergehenden Generation der Fall war. Vor allem, wenn schon eine Familienstiftung besteht, sehen das viele NextGens als positiv an. In den Familien, in denen es solche Strukturen noch nicht gibt, will die NextGen die Gründung einer solcher Institution vorantreiben beziehungsweise engagiert sie sich in gemeinnützigen Organisationen, die der Familie nahestehen.

Für die große Mehrheit der Befragten hat gesellschaftliches Engagement auch einen unternehmerischen Aspekt. 60 Prozent stimmen der Aussage „ein gesellschaftliches Engagement hat positive Auswirkungen auf den Erfolg eines Unternehmens“ mindestens teilweise zu.

Für ihre eigenen Rollen in und um das Familienunternehmen herum sehen knapp zwei Drittel der NextGens, dass sie die Verantwortung haben, das gesellschaftliche Engagement der deutschen Familienunternehmen in Zukunft signifikant zu steigern und dass dies mit der Unternehmensstrategie einhergehen sollte.

Verantwortung für Klima und Umwelt

Bei der Frage, in welchen Bereichen das Geld und das Engagement investiert werden sollen, sehen die Nachfolger ihre Vorgänger kritisch – und wollen neue Wege gehen. Über die Hälfte nimmt Unterschiede zwischen ihren Ideen zum gesellschaftlichen Engagement und dem ihrer Vorgängergenerationen wahr. Eine Aussage aus den qualitativen Interviews der Studie zeigt, wie ein Vertreter der NextGen nicht nachvollziehen kann, wieso sich seine Familie in einem bestimmten Bereich engagiert: „Irgendwann kam dann auf einmal die Kunst und dann die Kunststiftung, weil es sozial angesehen war. Und von diesem Punkt entferne ich mich – und meine Generation. Keiner interessiert sich mehr dafür, ob man ein tolles Museum hat oder auch nicht. Ich würde mich lieber im Bereich Bildung engagieren“, so der anonymisierte Antwortgeber.

Wofür will sich die NextGen also einsetzen? Vor allem für den Bereich Bildung. Dazu kommen die Themen Umwelt sowie Diversität und Inklusion. Zwar gaben 18 Prozent und damit die meisten der befragten NextGens an, sich künftig mehr im Bereich Umwelt engagieren zu wollen. Aktuell betätigen sich die Nachfolger aber am meisten in der Bildung. Als Erklärung führt die Studie an, dass manche NextGens ein Gefühl der Ohnmacht haben, wenn es um Klima und Umwelt. Eine einzelne Person oder ein einzelnes Unternehmen könne keinen Unterschied machen, werden Nachfolger zitiert.

Der angesprochenen Ohnmacht zum Trotz will die Mehrheit der NextGens einen Wandel in der unternehmerischen Denkweise sehen. 65 Prozent finden, dass sich Unternehmen mehr an Sinn statt an Gewinn orientieren sollten und das philanthropische Engagement der Unternehmerfamilie zu wenig sei. Das gilt auch für die Kapitalanlage des Familienvermögens. Hier zeigt die Umfrage, dass NextGens mehr Wert auf eine positive gesellschaftliche Wirkung legen als ihre Vorgängergeneration. Wobei speziell des Thema Impact-Investing – also ein Investment, das sowohl auf eine soziale Wirkung als auch auf eine finanzielle Rendite der Investition abzielt – zeigt, dass ein solcher Investmentansatz von der Höhe des Vermögens abhängt. Stehen vergleichsweise weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, wird das Impact-Investing stärker hinterfragt, als das bei höheren Vermögen der Fall ist.

Impact messen oder nicht?

Ob privates gesellschaftliches Engagement wirklich Wirkung zeigt, wird nach Angaben von 70 Prozent der Befragten nicht gemessen. Fehlendes Know-how geben aber weniger als 10 Prozent als Grund dafür ein. Knapp 75 Prozent erklären, über eine Messung der Wirkung bislang nicht nachgedacht zu haben. Manche fürchten sogar, dass Wirkungsmessung bei sozialen Projekten nicht angebracht ist oder sogar negative Konsequenzen haben könnte, so die Studie.

Das passt zwar zum Argument, dass NextGens sich gesellschaftlichem Druck ausgesetzt fühlen, widerspricht aber dem, was viele den Vorgängergenerationen mit Blick auf die Vermögensverwaltung ankreiden. Vielen NextGens fehlt laut Studie eine strategische Ausrichtung des gesellschaftlichen Engagements. Dennoch bemühen sie sich im Privaten wie ihre Vorgänger kaum, Impact zu messen.

Ganz im Gegensatz dazu steht das Engagement, wenn es direkt vom Familienunternehmen ausgeht. Insbesondere wenn der Business-Case eine Rolle spielt, wird demnach signifikant mehr Wert auf eine Evaluation der Maßnahmen gelegt, als es beim privaten Engagement der Fall wäre.

Wenig Vertrauen in andere soziale Projektträger

Mögliche Partner in sozialen und gesellschaftlichen Projekten betrachten die NextGens skeptisch. Nur fast ein Viertel vertraut Netzwerken, NGOs und Vereinen. Projekte mit anderen Familienunternehmen anzugehen können sich noch knapp über 15 Prozent der Befragten vorstellen. Erst danach folgen Stiftungen und Sozialunternehmen, mit denen einer von zehn NextGens zusammenarbeiten würde. In der Umfrage ganz hinten rangieren internationale Partner, andere Familienstiftungen und Multi Family Offices.

Die Studie führt aus, dass die NextGens allgemein Misstrauen gegenüber dem sozialen Sektor hegen. Sozialromantik, mangelnde Effizienz oder wenig Professionalität gehörten zu den wichtigsten Assoziationen. Bei Teilnehmern, die den Non-Profit-Gesellschaften nicht vertrauen, wurde deutlich, dass die NextGens den For-Profit-Bereich als Innovationstreiber für gesellschaftliche Lösungen verstehen.

NextGen hat kein Zugriff auf Vermögen

Bei der Umsetzung ihrer Pläne und Ideen sehen die NextGens Stolpersteine von Seiten der Politik, allen voran zu viel Bürokratie im Zusammenhang mit Unternehmensengagement. Aber auch rechtliche Hürden bei Auslandsspenden beäugen die Nachwuchsunternehmer kritisch. Die hohe Besteuerung des Mittelstands halte sie von stärkerem philanthropischem Einsatz ab.

Herausforderungen sehen die Befragten auch in hierarchischen Strukturen im Unternehmen und in der Familie. Viele Unternehmerkinder halten es für schwierig, das eigene Engagement sinnvoll umzusetzen, wenn es gegen den Willen der familieninternen Opposition geht. Oftmals seien Entscheidungen in Unternehmen und Familie auf eine konservativ und patriarchalisch geprägte Person zugeschnitten. So fehle der NextGen der eigene Zugriff auf das Familienvermögen.

Überzeugungsarbeit zu leisten empfinden die Nachfolger laut Studie als sehr schwierig, weil sich vor allem die Themen Klima und Nachhaltigkeit als sehr komplex und erklärungsbedürftig darstellen. Es fehle auch generell am Interesse der älteren Generation, sich mit den Themen zu beschäftigen.

Vor allem NextGens, die ihre eigene gesellschaftliche Stellung kritisch hinterfragen, tun sich innerfamiliär schwer damit zu überzeugen. Denn wenn der Eindruck einstehe, das eigene Vermögen sei allein durch Erbschaft erworben, gehe das einher mit einer Schwächung des Selbstbewusstseins. Und dieser Umstand führe dazu, dass Konflikte – auch innerhalb der Familie – durch die NextGen gemieden würden.

Von Hürden und Ähnlichkeiten

Trotz aller Kritik an den Vorgängergenerationen: Dass diese sich bereits gesellschaftlich engagieren, freut die Nachfolgergeneration. Sie ist in vielen Fällen auch dazu bereit, das Vermächtnis weiterzuführen, unabhängig davon, ob es zu den eigenen Interessen passt. In einem Punkt sind sich die Generationen ähnlich: Wenn es um den finanziellen Umfang ihres Engagements geht, sind einige NextGens sehr zögerlich, sich zu äußern. Sie stellen sich die Frage, ob es sinnvoll ist, dem gesellschaftlichen Druck nachzugeben und ihr Engagement an die große Glocke zu hängen, oder ob sie sich aus Angst vor dem Vorwurf des Greenwashings zurückhalten sollten.

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