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Ich bin Sternzeichen Widder, Aszendent Krebs. Mein Arbeitgeber wusste das bis jetzt nicht – ich vermute, es hat ihn auch nicht interessiert. Und das ist gut so. Denn der Querschnitt der üblichen Charakterbeschreibungen zu diesem Sternzeichen weist zwar auf der Habenseite zum Beispiel eine hohe emotionale Intuition und Empathie auf. Auf der anderen Seite attestieren sie mir unter anderem Stimmungsschwankungen, ich soll launisch und unberechenbar sein.
Mal davon abgesehen, dass ich das mir und meinem Umfeld nicht wünsche: Was wäre, wenn das vor meiner Einstellung im Jahr 2007 in der F.A.Z.-Gruppe jemand gelesen hätte? Wäre ich dann jemals auch nur als Praktikantin beschäftigt worden?
Wem die Frage abwegig erscheint, der hat nicht kürzlich das „Handelsblatt“ gelesen. Dort wird der Fall der Geschäftsführenden Gesellschafterin eines österreichischen Druckereiunternehmens beschrieben, die sich bei der Führung ihres Unternehmens in deutlichem Umfang von der Astrologie leiten lässt, von strategischen Entscheidungen bis hin zum Datum für Banktermine. Als Eigentümerin, möchte man meinen, ist das zunächst mal ihre Sache, und ganz sicher betreibt sie Astrologie auf einem höheren Niveau als die durchschnittliche Fernsehzeitschrift.
Problematisch wird es aber, wenn Personalentscheidungen ins Spiel kommen. In einem Nebensatz erzählt die Unternehmerin von der Einstellung ihres zweiten Geschäftsführers vor mehreren Jahren: „Natürlich hätten auch Anforderungen und Bewerbungsgespräche gepasst, sagt sie. Aber eben zusätzlich sein Horoskop.“
Leute, ernsthaft? Wir leben in einer Zeit, in der Bewerbungen zum Teil ohne Foto und Klarnamen verschickt werden, um Voreingenommenheit zum Beispiel gegenüber Herkunft und Geschlecht der Bewerberinnen und Bewerber zu vermeiden. Der Zeitpunkt der eigenen Geburt (den man für jedes halbwegs seriöse Horoskop minutengenau angeben muss) ist eines der Dinge im Leben, die vollkommen außerhalb unseres eigenen Einflusses liegen. Es ist das Gegenteil von persönlicher Leistung und Entwicklung. Sollte etwas so Deterministisches wirklich ein Kriterium für eine Personalentscheidung sein? Ich denke, die Antwort ist klar.
PS: Bisher mein Favorit unter den Online-Fundstücken ist: „Der Widder mit Aszendent Krebs […] ist oft hin- und hergerissen zwischen Familie, Arbeit und seinen Wünschen.“ Wahrscheinlich ist mein Sternzeichen einfach „Mutter“.
