Bevor ich zum „wir“-Magazin kam, war ich bereits Redakteurin im F.A.Z.-Fachverlag, allerdings bei einem anderen Medium. In dieser Rolle hatte ich einen Termin auf C-Level bei einem deutschen Autohersteller. Mittagessen gab es im gediegenen Séparée des Vorstands, nahe der Kantine, aber eben doch sorgfältig getrennt (und natürlich in gehobener kulinarischer Qualität).
Wenig später führte mich mein erster Termin für „wir“ in die oberbayrische Provinz zu einem Familienunternehmen, dem Naturarzneimittelhersteller Salus. Nach unserem Interview führte mich Otto Greither, der damals bereits 90-jährige Geschäftsführende Gesellschafter stolz über das Firmengelände, zeigte mir die Zentrale, die Energiegewinnung, die Produktion – und, als Endstation, den Kantinenneubau, wo er ganz selbstverständlich zum Tablett griff, um mitten zwischen seinen Mitarbeitern das von ihm kuratierte Bio-Mittagessen einzunehmen. Greither brauchte – und wollte – kein Séparée, um unbehelligt zu bleiben. Wenn der Eigentümer jeden Tag in der Kantine isst, stellen sich Normalität und Gelassenheit von ganz allein ein.
Hätte mich vor meiner Tätigkeit bei „wir“ jemand gefragt, ob man übermäßig selbstbewusst (vielleicht sogar ein wenig selbstherrlich) und bodenständig zugleich sein kann, wäre ich mir da nicht sicher gewesen. Heute ist die Antwort klar. Natürlich war Otto Greither vollkommen klar, dass er als Eigentümer für jeden Stein (und jeden Menschen) auf dem Gelände verantwortlich ist und den Betrieb nach seinem Belieben gestalten kann, auch mit 90 Jahren noch – einfach, weil er es kann. Natürlich kann Roland Mack, langjähriger Chef des Europa Parks, ein Schild mit der verschnörkelten Aufschrift „Circus Macksimus“ über die Tür zu seinem persönlichen Büro hängen – das übrigens zentral im trubeligen Restaurant des Hotels „Colosseo“ am Rande des Vergnügungsparks liegt. Also mitten zwischen seinen Gästen.
Greither und Mack sind das, was man landläufig „Macher“ nennt. Ihre Macht und Privilegien, ihre Visionen, auch ihre Verschrobenheit spielen in der Berichterstattung oft eine zentrale Rolle. Das Interessante an der Arbeit bei „wir“ ist aber: Auch solche Menschen sind keine Solitäre, im Gegenteil. Jeder von ihnen ist Teil einer Familie, eines oft irrationalen Systems mit ganz verschiedenen Menschen und Interessen. Und sie sind auf dieses System sogar dringend angewiesen, wenn sie wollen, dass die Familie im Unternehmen auch über ihr eigenes Leben hinaus eine Rolle spielt.
In unserer Arbeit bei „wir“ geht es daher nicht nur um selbstbewusstes, visionäres Gestalten, sondern zuallererst mal um Beziehungsarbeit. Das nachzuvollziehen und weiterzuvermitteln, ist wohl die eigentliche Motivation für mich, ein Arbeiterkind aus einer Großfamilie, mit dieser Zielgruppe zu arbeiten.
