Als Literaturwissenschaftlerin bin ich der Meinung, dass Gesellschaften auf Erzählungen basieren. Solche Narrative bilden die eigentliche, heimliche Grundlage großer politischer und wirtschaftlicher Systeme. Im Falle des Wirtschaftssystems, in dem wir leben – mag man es Kapitalismus nennen oder, hübscher, „freie Marktwirtschaft“ oder, netter, „soziale Marktwirtschaft“ –, ist das zugrunde liegende Narrativ das des sozialen Aufstiegs. Und niemand verkörpert diesen Aufstieg so überzeugend wie Dagobert Duck.
Besonderer Respekt gilt dabei der Leistung von Zeichnern wie Carl Barks und Don Rosa
und vor allem der legendären Übersetzerin Dr. Erika Fuchs. In den 1990er Jahren hat Don Rosa es sich zur Aufgabe gemacht, die Lebensgeschichte von Dagobert Duck in dem großen Sammelband „Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden“ zu erzählen. Dieses zu Recht preisgekrönte Meisterwerk erzählt die Geschichte des jungen Dagobert, der als mittelloser Junge auf einem Viehtransporter von Schottland nach Amerika auswandert, um – wir ahnen es – die reichste Ente der Welt zu werden. Dreck und Kälte und der Bosheit seiner Mit-Enten zum Trotz setzt Dagobert seine Vision durch, „härter als die Härtesten und schlauer als die Schlauesten“ – und am Ende findet er einen Goldnugget von der Größe eines Straußeneis, die Grundlage seiner Fantastilliarden. Das ist die Geschichte, die den Kapitalismus im Innersten zusammenhält: die Geschichte des sozialen Aufstiegs.
Umso mehr erschreckt es mich, in einer Studie der Stiftung Familienunternehmen lesen zu müssen, dass Wirtschaftslehrkräfte an weiterführenden Schulen nicht mehr an dieses Aufstiegsversprechen glauben. Der Aussage „Durch hohe Leistungen ist es möglich, zu hohem Einkommen und Vermögen zu kommen“ stimmt die Hälfte der Befragten nicht oder „eher nicht“ zu – und diese Befragten sind keine Straßenpunks oder abgehängtes Prekariat, sondern Lehrkräfte an weiterführenden Schulen, die wirtschaftliche Fächer unterrichten. Die Hälfte! Was bedeutet das für die Entenküken in ihren Klassenzimmern? Ganz sicher werden die sich nicht jahrzehntelang durch den halbgefrorenen Matsch wühlen, so wie Dagobert es tat, wenn sie nicht mehr daran glauben können, am Ende ein Straußenei-Nugget darin zu finden. Es sind nicht die Appelle des Bundeskanzlers, dass „wir“ mehr arbeiten sollen, die „uns“ motivieren – es ist genau dieses Versprechen, durch harte Arbeit Großes erreichen zu können. Und dieses Versprechen ist unglaubwürdig geworden.
