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Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ hat Martin Luther nie gesagt. Denn erstens würde Luther so eine putzige Formulierung nie verwenden, wie der Theologe Martin Schloemann in der F.A.Z. erläutert, und zweitens war der Weltuntergang nichts, wovor Martin Luther sich fürchtete. Er freute sich darauf.
Hurra, alles geht den Bach runter! Diese Grundstimmung ist wohl etwas, was Martin Luther mit vielen zeitgenössischen mittelständischen Unternehmern in Deutschland gemeinsam hat. Düstere Prognosen werden mit einem heimlichen, freudigen Gruseln ausgesprochen: Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist „am Ende“, so klagen Verbände und Organisationen; die Lage, sagt inzwischen sogar der Wirtschaftsminister, ist „dramatisch schlecht“. Man stelle sich vor, ein Familienunternehmer übergebe mit genau diesen Worten an seine Nachfolgerin: „Meine Tochter, der Wirtschaftsstandort Deutschland ist am Ende und die Lage ist dramatisch schlecht. Hier hast du die Führung für unser Familienunternehmen. Viel Erfolg damit.“ Man kann sich vorstellen, mit welchem Enthusiasmus die Nachfolgerin unter diesen Umständen an ihre Arbeit ginge: mit keinem.
Natürlich gibt es auch reale Probleme. Aber Wirtschaft besteht auch aus Psychologie. Und wir tragen Verantwortung für unsere eigene Psyche und für die der Menschen um uns herum. Wer jammert und schwarzmalt, ohne konstruktiv über Lösungen nachzudenken, richtet Schaden an. Warum also tun das gefühlt alle im Moment?
Auch die Antwort auf diese Frage liegt mal wieder in der Psychologie: Eitelkeit und Narzissmus. Wer spürt, dass es mit ihm selbst zu Ende geht, will die ganze Welt mit in den Abgrund reißen, damit das eigene Verschwinden wenigstens einen gewissen dramatischen Effekt hat. Und Luther? Der freute sich auf den Weltuntergang, weil er als Christ glaubte, dass das Jüngste Gericht nicht nur das Ende dieser Welt mit sich bringt, sondern auch, endlich, Gerechtigkeit – und den Beginn einer neuen Weltordnung. Einen neuen Himmel und eine neue Erde.
