Plötzlich Promi

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Irgendwann muss Michael Fux zum ersten Mal eines seiner Werke auf der Straße gesehen haben. Oder in einem Hochglanzmagazin, auf der Nase eines Stars. Seit 2005 ist er 50-Prozent-Eigentümer und Chefdesigner der Brillenmanufaktur Lunor, die sich zum Sehhilfenlieferanten der globalen Prominenz entwickelt hat. Doch der heute 31-Jährige beteuert: An die erste Begegnung mit einem von ihm selbst entworfenen Modell kann er sich gar nicht erinnern. Denn entscheidend sei für ihn nur, dass er eine Brille der eigenen Marke vor sich hat.

Im offiziellen Auftritt beschreibt die Firma die Grenzen seiner Freiheit etwas verklausuliert so: „Als Designer entwirft Michael Fux neue Modelle und tüftelt, typisch Schwabe, an zukünftigen technischen Innovationen. Statt modischer Übertreibungen setzen wir bei Lunor seit jeher auf gewählte Zurückhaltung.“ Ulrich Fux, Michaels Vater und Eigentümer der anderen Unternehmenshälfte, formuliert es lakonischer als die Werbetexter: „Wir werden nichts machen, wofür man sich zehn Jahre später schämt.“ Also: keine absurd großen Gestelle. Und keine quietschbunten Farben. Schließlich steht die Marke für Vintage-Optik, ihre Modelle orientieren sich am Look der dreißiger bis sechziger Jahre.

Vom Schwarzwald bis nach Hollywood

Dass die Vergangenheit Ideen fürs Design liefert, war schon 1991 so, als ein leidenschaftlicher Brillensammler das Unternehmen gründete: Gernot Lindner hatte Exemplare aus mehreren Jahrhunderten zusammengetragen. Seine erste eigene Kollektion bestand ausschließlich aus Goldgestellen und gab so der Marke den Namen: „Lunette d’Or“, französisch für „Goldbrille“, wurde zu Lunor. Und Lunor binnen weniger Jahre zu einer Marke für Stars. Vermutlich, weil das klassische Design und die hochwertigen Fassungen den New Yorker Edelbrillenhändler Robert Marc überzeugten, die Modelle aus Schwaben ins Sortiment zu nehmen, sagt Ulrich Fux. In seiner Promikunden-Galerie listet das Unternehmen mittlerweile jede Menge Namen auf, die auf der ganzen Welt bekannt sind: Uma Thurman, Tom Cruise, Elton John, Oprah Winfrey, Harrison Ford, Madonna, Cindy Crawford, Robin Williams, Bette Midler.

Die Liste deutscher Berühmtheiten ist da sogar vergleichsweise kurz: Helge Schneider, Jan Josef Liefers – übrigens sowohl im „Tatort“ als auch im echten Leben – und Gerhard Schröder. Als der Altkanzler sich eine Lunor kaufte, rief dessen Optiker postwendend und stolz beim Hersteller an. Vom vielleicht treuesten unter ihren berühmten Kunden haben die Fuxens nicht ganz so prompt erfahren. Zum legendären Standard-Outfit des Apple-Gründers Steve Jobs gehörte in dessen letzten Lebensjahren neben dem schwarzen Rollkragenpullover, einer robusten Levi’s-Jeans und Turnschuhen des US-Herstellers New Balance eine minimalistische Sehhilfe: zwei runde Gläser, zwei dünne Bügel, ein Nasensteg. Vielleicht war es neben dem puristischen Design auch das Herkunftsland seiner „Lunor Classics Rund PP“, das Jobs von genau diesem Modell überzeugte.

„Wir haben uns total verschätzt.“
Ulrich Fux

Schließlich galt der Mercedes-Fahrer und Besitzer einer Miele-Waschmaschine als Fan deutscher Wertarbeit. Die ist bei Brillen selten geworden. In der Bundesrepublik werden vor allem Brillenfassungen verkauft, die in Asien hergestellt werden. Lunor lässt zwar ebenfalls komplett außer Haus produzieren, aber in Deutschland. Für das Eigentümer-Duo geht es dabei vor allem um Qualität. Denn die Lunor-Brillen sollen nicht nur mit Design überzeugen, sondern auch mit technischer Raffinesse: 200 Arbeitsschritte stecken in einer Fassung, ein selbst entwickeltes Scharnier verspricht Langlebigkeit und präzise Ausrichtung der Bügel, eine eigens entwickelte Schraube liegt nur mit dem Unterrand des Kopfes auf dem Glas. Das soll Druck ableiten und so die Gefahr des Glasbruchs senken.

Betriebsgebäude platzt aus allen Nähten

Doch ehe die von den Lieferanten produzierten Gestelle in den Handel dürfen, müssen sie erst einmal zur Qualitätskontrolle ins 8.000-Einwohner-Örtchen Althengstett. Das liegt im Nordschwarzwald, wo das Landschaftsschutzgebiet Hecken- und Schlehengäu Zuflucht für Mauerfuchs und Gelbbauchunke bietet, von wo aus man aber auch binnen einer halben Stunde zum Stuttgarter Flughafen fahren kann. Lunor residiert zusammen mit Immobilienmaklern, Versicherungsvertretern und einer Freikirche in einer etwas angejahrten Gewerbeimmobilie am Stadtrand. Das allerdings soll sich in diesem Sommer ändern. Das Unternehmen baut für ein paar Millionen Euro ein paar Kilometer weiter, in Unterhaugstett, eine neue und schicke Zentrale: einstöckig mit langgestreckter Glasfront, entworfen von einem renommierten Architektenbüro.

Bis zum Umzug müssen Raumteiler den Platzmangel notdürftig kaschieren. 2005, berichtet Ulrich Fux, hatte Lunor drei Mitarbeiter. Sein Sohn ergänzt: Damals habe jeder irgendwie alles gemacht. Mittlerweile sind die Aufgaben stärker voneinander abgegrenzt und auf mehr Köpfe verteilt. Und deshalb quetschen sich nun 20 Leute an Kunststoffboxen voller Brillen vorbei. Nur Steve Jobs’ Randlos-Modell hat hier lange kaum Platz beansprucht. Um die 70 Exemplare pro Jahr wurden verkauft. Wenn die Macher nicht um den prominenten Kunden gewusst hätten, wäre die Brille wohl aus dem Sortiment geflogen. Die Berichterstattung über seinen Tod im Jahr 2011 allerdings machte sie noch einmal berühmt, ihre Verkaufszahlen schnellten nach oben: Die Sehhilfe schaffte es als „Ding des Jahres“ ins F.A.Z.-Feuilleton, Vater und Sohn Fux landeten mit einer fetten Schlagzeile in der „Bild“-Zeitung.

Modisch war da eigentlich schon die Zeit der anfangs als „Nerd-Brillen“ belächelten Acetat-Modelle angebrochen. Doch die passen erst recht ins Lunor-Retro-Konzept. Und zu Ulrich Fux’ Grundhaltung gegenüber seinem Produkt. Der 63-Jährige kann begeistert darüber sprechen, dass Brillen fast jede Sehschwäche ausgleichen können, während zum Beispiel Hörgeräte, allem technischen Fortschritt zum Trotz, schwindendes Hörvermögen immer nur notdürftig kompensieren. Für ihn waren und sind Augengläser schon immer mehr als ein ungeheuer praktisches, aber doch lästiges und daher möglichst unauffällig zu tragendes Hilfsmittel zum Ausgleich einer körperlichen Schwäche. Ulrich Fux sieht in Brillen ein modisches, mithin auch gern deutlich sichtbares und regelmäßig zu wechselndes Accessoire.

Info

Lunor AG

Im Jahr 2005 übernahm Ulrich Fux die Brillenmanufaktur Lunor mit Sitz in Althengstett im Schwarzwald. In den Jahren zuvor hatte er bereits mehrere Optikerfachgeschäfte aufgebaut. Schon sein Vater war Uhrmacher. Heute führt Ulrich Fux die Firma gemeinsam mit seinem Sohn Michael und beschäftigt etwas 20 Mitarbeiter. Der Umsatz liegt bei 7 Millionen Euro. Die wichtigsten Absatzmärkte sind neben Deutschland die USA, Frankreich, die Niederlande und Belgien.

Also trug der zumeist in modisch-legeren Schick gewandete Fux schon mehrere Brillen im Wechsel, als er eigentlich noch keine einzige gebraucht hätte. Schließlich wollte er so auch die Kunden überzeugen, denen er damals noch selbst gegenübersaß. Den ersten eigenen Laden hatte er der in Göppingen aufgewachsene Optiker mit 25 Jahren in Calw eröffnet. Einen Hang zur Ästhetik hatte er schon immer, sagt er. Doch bei der Entscheidung für seinen Berufszweig dürften auch pragmatische Gründe eine Rolle gespielt haben: Sein Vater, erzählt er, war Uhrmacher. Und als solcher hatte er beständig den Eindruck, dass es dem Brillenverkäufer nebenan viel besser gehe. Schließlich wird über kurz oder lang jeder zum Kunden eines Optikers – spätestens wenn mit etwa 45 Jahren die Alterssichtigkeit zuschlägt.

Verlockendes Angebot

Ulrich Fux allerdings baute mit seiner Frau gleich mehrere kleine Optikfachgeschäfte auf, druckte Prospekte für Kollegen, vertrieb als Großhändler auch Etuis und Brillenputztücher. Gleichzeitig zelebrierte er Familienleben mit vier Kindern – auch wenn während des Campingurlaubs dann täglich drei Anrufe für ihn beim Platzwart aufliefen. Als ihm der befreundete Lunor-Gründer Lindner 2005 das Unternehmen zur Übernahme anbot, war er 52 Jahre alt und eigentlich schon ein gemachter Mann. Doch seine Begeisterung für Vintage-Brillen war groß, und dem Angebot, eine eigene Manufaktur zu führen, konnte er kaum widerstehen. Darauf eingegangen ist er aber vor allem, weil sein designaffiner Sohn Michael zu diesem Zeitpunkt Anfang 20 war und ebenfalls eine Optiker-Lehre gemacht hatte. Die scheinbar unproblematische Übernahme eines prosperierenden Unternehmens als Vater- Sohn-Projekt sollte beide dann aber doch stärker fordern als erwartet. „Wir haben uns total verschätzt“, sagt Ulrich Fux.

Beide ahnten zum Beispiel nicht, wie ungeduldig die Händler auf neue Modelle der Promi-Brillenmarke warteten. Und wie viel Geld sie als neue Eigentümer über den Kaufpreis hinaus investieren mussten, um diese Erwartungen auch erfüllen zu können. Mittlerweile können beide deutlich entspannter auf ihr Unternehmen schauen. Lunor hat sich neue Märkte erschlossen – zu Frankreich, den USA, Südkorea und Japan sind in den vergangenen gut zehn Jahren China und Taiwan, Hongkong, die Philippinen und Italien hinzugekommen – und alljährlich den Umsatz auf jetzt etwa sieben Millionen Euro gesteigert. Auf Wachstumskurs wollen Vater und Sohn auch weiterhin bleiben. Aber ohne zu übertreiben: Im Moment haben die Lieferanten Kapazitätsgrenzen erreicht, sie müssen erst einmal ihre Produktionen ausbauen.

Lunor selbst führt derweil eine neue Firmensoftware ein. Dafür gesorgt, sagt Ulrich Fux, hat eine 30 Jahre alte und umtriebige Wirtschaftswissenschaftlerin, die das Unternehmen zusehends umkrempelt und auch schon an der Spitze des Aufsichtsrats steht: Sophie, das nach Michael zweitälteste der vier Fux-Kinder.