Deutsche Mode kommt nicht aus Düsseldorf, Berlin oder München. Deutsche Mode wird in der Provinz gemacht. Dies- und jenseits des Teutoburger Waldes, wo vor Jahrhunderten in Heimarbeit Flachs zu Leinen gesponnen wurde. In Ostwestfalen haben mehr ein halbes Dutzend bekannte Familienunternehmen die Branchenkrise erfolgreich überlebt. Früher waren es einmal weit mehr. Dann kam der Strukturwandel, und die Arbeitsplätze gingen. Knapp 20.000 Menschen arbeiteten 1977 in der ostwestfälischen Bekleidungsindustrie, heute sind es noch 3.400.Von 227 Betrieben sind 30 übriggeblieben. „Tja“, sagt Klaus Brinkmann, einer der beiden Geschäftsführer der Herforder Brinkmann- Gruppe, mit ihren Marken Bugatti, Odermark Wilvorst oder Pikeur zweitgrößter deutscher Herrenausstatter nach Hugo Boss, und dann nichts mehr. Das ist nicht typisch für den sonst so eloquenten 55-Jährigen, zuständig für die Bereiche Marketing und Vertrieb bei der Brinkmann-Gruppe. Die Zahlen erdrücken.
Die Geschichte von Brinkmann spiegeln sie indes nicht. „Unsere Mitarbeiterzahl hat sich nicht besonders stark verändert“, sagt Brinkmann.„Wir hatten schon immer plus minus 1.200 Mitarbeiter ohne große Schwankungen.“ 370 davon in der Zentrale der Gruppe in Herford, einer 70.000-Einwohner- Stadt rund 20 km nördlich von Bielefeld. Logistik, Verwaltung und ein Teil der Produktion sind hier untergebracht. Der Großteil wird schon seit den 1970ern zu großen Teilen in Asien hergestellt. „Mein Vater Friedrich Wilhelm Brinkmann war einer der Ersten, die stark auf externe Kapazitäten gesetzt haben.“ Anderes hat sich dagegen stark verändert. Aus dem 1947 gegründeten Unternehmen ist in den letzten 30 Jahren eine Gruppe unabhängig agierender Firmen geworden mit rund 240 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Aus dem Mantelspezialisten (Lord) ein Herrenkomplettausstatter. Und aus ostwestfälischen Einzelkämpfern, die landläufig als ein wenig stur und eigensinnig gelten, Kollegen.
Überwindung der Sturheit
Früher war die Konkurrenz der Feind schlechthin. Undenkbar, auch nur Kontakte zu unterhalten. „Zu Zeiten meines Vaters war Unternehmensführung noch geheime Kommandosache“, sagt Klaus Brinkmann, Präsident des German Fashion Modeverbands Deutschland. „Das war überall so, nicht nur bei uns.“
Mittlerweile sind die Beziehungen zu den anderen Familienunternehmen gut. Und derer gibt es noch einige. Brax- Leineweber (Hosen) und Ahlers (Pierre Cardin, Otto Kern, Jupiter, Pioneer) sitzen in Herford. Seidensticker und Windsor in Bielefeld. Jenseits des Teutoburger Waldes in Halle sitzt Modezar und Tennisunternehmer Gerry Weber. Alle sind ähnlich groß, setzen zwischen 220 und 260 Millionen Euro pro Jahr um. Nur Gerry Weber ragt mit über 500 Millionen Euro Umsatz 2007 heraus. Vor über 40 Jahren hatte er mit ein paar Modegeschäften angefangen.
„Ich glaube an den Satz: Konkurrenz belebt das Geschäft“, verrät Brinkmann, „solange sie nur fair bleibt.“ „Wir profitieren alle von der hohen Konzentration der Firmen vor Ort, auch wenn sie zum Teil Mitbewerber sind.“ Geschäftspartner können in Ostwestfalen zwei Tage lang Termine machen und alle Produkte von Herrenhemden bis Damenoberbekleidung anschauen.“
„Heute morgen habe ich noch mit Herrn Weber telefoniert. Ein englischer Kunde von uns wollte gerne einen Termin mit ihm machen und bat mich, für ihn den Kontakt herzustellen.“ Eine Region entdeckt ihre Stärken. „Wir müssen uns überlegen, ob man die Region nicht stärkt, wenn wir uns zusammentun.“ In Düsseldorf belegen Ahlers, Gerry Weber, Seidensticker und Brinkmann die Messehalle 29 als gemeinsamen Showroom. In Branchenkreisen heißt diese nur Ostwestfalenhalle. Eine Region präsentiert sich als Komplettanbieter.
Erfolgskampagne: Die Familie ist die Marke
Die Geschäftsstrategien ähneln sich. Denen, die übriggeblieben sind, ist ein Markenaufbau gelungen. Allen voran vielleicht Seidensticker, Europas größtem Hemdenhersteller. So selbstbewusst wie nie verbanden die Bielefelder 2007 in ihrer Werbekampagne Familien- und Markennamen. „Hinter manchen Marken stehen Investoren. Hinter Seidensticker steht Familie. Mit ihrem Namen. „Seit 1919“ stand orange auf schwarz auf Plakaten und in Zeitschriften. Drei Generationen des Familienunternehmens mit Gerd (77), Oliver und Louis (13) Seidensticker präsentieren darauf im Profil markante Nasen und eine hohe Stirn.
„Wer nur Preis verkauft, ist schon längst vom Markt verschwunden“, glaubt Rudolf Delius, Textilunternehmer aus Bielefeld. Abschreckendes Beispiel ist Steilmann. Der Moderiese aus dem Ruhrgebiet peilte als Umsatzziel 1 Milliarde Euro an, ging pleite, weil andere noch billiger waren. „Keiner wollte Steilmann, alle wollten nur billig.“ Entscheidend seien nicht Umsatzsprünge, sondern was davon übrigbleibe, sagt Klaus Brinkmann. Ein Satz, den alle Bekleidungshersteller unterschreiben könnten. Umsatzsprünge sind außer bei Weber untypisch für die Branche.
Schumpfen, um zu bleiben
Auch Stella Ahlers sieht das so. Die unprätentiös auftretende Enkelin des Firmengründers Adolf Ahlers, kaufte vor zwei Jahren Boss die Marke Baldessarini ab. „Weg von margenschwacher Massenproduktion, mehr und mehr hinein in den lukrativen Premiumbereich“, deutet Walter Erasmy vom Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie die Strategie. Margen und Marken hängen eng zusammen. Der Exportanteil wächst bei allen Herstellern kontinuierlich. Im zunehmend internationalen Geschäft muss der Markenname international aufgebaut werden. Bei Seidensticker liegt er bei 35 Prozent, bei Brinkmann dagegen macht er inzwischen die Hälfte der Umsätze aus. Wer sich allein auf den schwächelnden Inlandsmarkt konzentriert, bekommt zunehmend Probleme.
Nur 2 bis 3 Prozent Umsatzrendite sieht Brinkmann für das Gros der Betriebe. Gerry Weber ist dagegen mit über 10 Prozent Referenz. „Außer Reichweite“, meint Brinkmann, „aber zwischen 5 und 10 Prozent müssen es schon sein.“ Damit in die Zukunft investiert werden kann.
Mit dieser Strategie sind die mittelständischen Familienunternehmen erfolgreich. Obwohl Ahlers und Gerry Weber börsennotiert sind, liegt die Mehrheit der Stimmrechte bei den Gründerfamilien. Walter Erasmy vom Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie sagt: „Die Ostwestfalen sind solide“ und meint damit grosso modo auch die Textilhersteller. Die Insolvenz von Hucke aus Minden trübt das Gesamtbild nicht. „Das letzte kranke Huhn“, hofft Brinkmann. Auch der Textilhersteller Delius hat sich gesundgeschrumpft. Auf ein Viertel der einstigen Belegschaft. Nur noch drei Stockwerke belegt die Verwaltung im betongrauen Delius-Haus in der Bielefelder Innenstadt. Die andere Hälfte des Gebäudes ist vermietet. Delius hat umstrukturiert, Bekleidungsstoffe aus dem Programm genommen, auf technische Textilien – Stoffe für die Industrie – umgestellt. Auch Heimtextilien stellt Delius noch her. Stoffe, die abdunkeln, reflektieren, antistatisch sind, jedenfalls „eine Zusatzfunktion bieten“. Dabei ist noch Knowhow gefragt, nicht nur Preis. Das geht noch in Deutschland. Für eine Weile, glaubt er. „Zurücklehnen kann man sich nicht“, sagt Delius. Ob die zehnte Generation auch in Textil machen wird, lässt er offen. Er will seiner Tochter Verena in zehn Jahren ein schlankeres Unternehmen und freie Mittel für zeitgemäße Investments übergeben.
Rückblickend auf schwere Jahre sagt der 55-Jährige: „Ein Investor hätte wohl vor Jahren geschlossen, aber so konsequent ist man als Familienunternehmer nicht.“ Bindung an die Firma und die Loyalität zu den Mitarbeitern überwiegen phasenweise das reine Profitstreben und helfen über manche Durststrecke hinweg – auch wenn die Kapitalverzinsung nicht immer stimmt. Auch das ein Aspekt von Familienunternehmen.
„Reich werden kann man heute mit Textilproduktion in Deutschland nicht mehr“, sagt Rudolf Delius. Dass das früher anders war, lässt die Ahnengalerie der Firma erahnen. 300 Jahre Firmen- und Stadtgeschichte spiegeln sich darin. 1722 gründete Johann Caspar Delius mit barocker Perücke eine Leinenhandlung. Das war die Zeit der vorindustriellen Heimspinner. Dann ist da der wohlhabende Gottfried Delius (1802-1885) mit dem üppigen Backenbart. Unter Hermann und Carl Albrecht Delius die Revolution. Mit einer Maschinenspinnerei, wie sie in England zuhauf entstanden waren, kam die Industrialisierung nach Bielefeld. 130 Jahre später verschwand sie wieder. Von seinem Büro im sechsten Stockwerk aus überblickt Rudolf Delius die Bielefelder Altstadt. „Manchmal lese ich alte Briefe aus dem Firmenarchiv. Darin geht es um die gleichen Themen wie heute. Da schreibt etwa die Firmenleitung im Arbeitskampf, dass bei den Lohnforderungen der Gewerkschaft, die Arbeitsplätze nicht zu erhalten sind. Es macht mich gelassener, zu wissen, dass alle Probleme auch früher schon mal da gewesen sind.“ So gesehen, kann die nächste Revolution kommen.
Die Ostwestfalen-Connection |
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AHLERS AG (Herford) Herrenbekleidung Marken u.a. Otto Kern, Pierre Cardin inhabergeführt 3. Generation 3.000 Mitarbeiter 245 Mio Euro Jahresumsatz |
VERSE – WIEBE (Bielefeld) Damenbekleidung Verse-Blusen Fremdmanager 2. Generation 125 Mitarbeiter 36 Mio. Euro Jahresumsatz |
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SEIDENSTICKER (Bielefeld) Damen-/Herrenbekleidung Marken u.a. Jobis Jacques Britt inhabergeführt 3. Generation 1.300 Mitarbeiter 259 Mio. Euro Jahresumsatz |
GERRY WEBER AG (Halle/Westfalen) Damen-/Herrenbekleidung Marken u.a. Taifun Samoon mehrheitlich Familienbesitz 1. Generation 1.900 Mitarbeiter 505 Mio. Euro Jahresumsatz |
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BRINKMANN-GRUPPE (Herford) Herrenbekleidung Marken u.a. Bugatti, Wilvorst inhabergeführt 2. Generation 1.200 Mitarbeiter 242 Mio. Euro Jahresumsatz |
WINDSOR (Bielefeld) Damen-/Herrenbekleidung Marken u.a. Windsor, Lizenz Joop Fremdbesitz Holy-Brüder seit 2004 360 Mitarbeiter |
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DELIUS-GRUPPE (Bielefeld) Textilien, Heimtextilien, technische Textilien inhabergeführt 9. Generation 440 Mitarbeiter 80 Mio. Euro Jahresumsatz |
LEINEWEBER (Herford) Damen-/Herrenbekleidung Marken u.a. Brax inhabergeführt 3. Generation 1.527 Mitarbeiter 226 Mio. Euro Jahresumsatz |
