Familienmanagement im Clan

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Zu den wenigen, die sich über ein aktives Gesellschaftermanagement eines Personenkreises, den man nicht mehr persönlich kennt, Gedanken machen müssen, gehören Freudenberg (über 300 Gesellschafter), Werhahn (300 Gesellschafter) oder Merck (200 Gesellschafter). Zum Vergleich: Selbst die Unternehmen der weitverzweigten Voith-Familie oder der Familie Porsche-Piëch haben weniger als 50 Gesellschafter. Die Familien haben unterschiedliche Lösungsansätze. Der hanielsche ist der bekannteste, auch deshalb, weil die Familie Haniel ihr Modell seit nun 90 Jahren praktiziert und offen darüber spricht.

Im Jahr 1917 beschloss die Familie Haniel gemeinsam mit dem damaligen Generalbevollmächtigten Johann Welker, dass es eine strenge Trennung von Kapital und Geschäftsführung geben sollte. Nie wieder würde ein Haniel operativ im Unternehmen tätig sein. Daran haben sich bis heute alle 560 Gesellschafter gehalten. Interessanterweise ist diese Regel bis heute nicht schriftlich fixiert. Jan van Haeften, ehemaliger Aufsichtsrat von Haniel, sagte dazu in einem Ende 2006 über Haniel entstandenen Film: „Ein ungeschriebenes Gesetz ist viel haltbarer als eines, das aufgeschrieben wurde.“ Bei einer kodifizierten Regel fände sich immer ein findiger Jurist, der eine Ausnahme der Regel herbeiargumentierte.

Das System Haniel funktioniert folgendermaßen: Die Gesellschafterversammlung, die einmal jährlich tagt, bestellt acht Familienvertreter, die gemeinsam mit acht Arbeitnehmervertretern den Aufsichtsrat des Unternehmens bilden. Außerdem bestellt die Gesellschafterversammlung einen 30 Mitglieder umfassenden Familienbeirat, der den Vorstand der Haniel Holding berät, jedoch diesen nicht ein- oder absetzen kann. Der Familienbeirat und die acht Familienvertreter im Aufsichtsrat werden auf fünf Jahre gewählt.

Personelle Veränderungen im Vorstand kann nur der Aufsichtsrat, also der sogenannte „kleine Kreis“ gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern, bewirken. Die Gesellschafter selbst treten in der Versammlung als Einzelakteure auf, sie sind nicht in Stämmen organisiert. Nur drei Gesellschafter haben einen Anteil, der größer als 5 Prozent ist. Es gibt also keine Machtstrukturen, die durch Mehrheiten bestimmt werden.

Auch die moderate Ausschüttungspolitik von 25 Prozent des Unternehmensgewinns nach Steuern (Jahresüberschuss lag 2005 bei 809 Millionen Euro) ist ein ungeschriebenes Gesetz und wird seit mehreren Generationen praktiziert. Um den Zusammenhalt in der Familie bemühen sich die Haniels aktiv – derzeit vor allem der Aufsichtsratsvorsitzende Franz Markus Haniel. Es gibt regelmäßige Jugendtreffen. Anlässlich der 250-Jahr-Feier wurde unter anderem eine historische Zugfahrt für den Clan organisiert. „Zusammenhalt muss man sich erarbeiten“, sagte Franz Markus Haniel in dem im WDR ausgestrahlten Film. Die Treffen verfolgen drei Ziele: Die Familienmitglieder sollen sich kennenlernen. Sie sollen etwas über die Unternehmen erfahren, die die Gruppe ausmachen, und sie sollen Spaß haben. Zusammenhalt wird eben auch durch emotionale Bindung erreicht, so Haniel.

Das hanielsche Familienmanagement ist sicher zur Konfliktvorbeugung geeignet. Kritiker bezweifeln allerdings, dass das Modell auch einer echten Krise standhält. Die Geschichte von Haniel ist eine 250- jährige Erfolgsgeschichte. In den letzten zehn Jahren ist das Unternehmen kontinuierlich um 10 Prozent gewachsen.Wie gut der Zusammenhalt in der Familie wirklich ist, zeigt sich aber meistens erst in der Krise.