Unternehmer und die Kunstsammlung: Was steckt dahinter?

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Von weniger wohlhabenden Menschen als luxuriöses Hobby verspottet, hat die Sammelleidenschaft von Unternehmern der Kunstwelt und deren Freunden durchaus große Dienste getan. Die Sammlung Thyssen-Bornemisza, die Sammlung von Friedrich Christian Flick, Frieder Burda oder auch von Reinhold Würth gehören zu den bekanntesten. Auch Hartwig Piepenbrock oder Alexander Neven DuMont haben Sammlungen aufgebaut. Jüngste Vertreterin ist die 29-jährige Julia Stoschek, Gesellschafterin des fränkischen Automobilzulieferers Brose, die vor zwei Jahren den Aufbau einer Sammlung begonnen hat. Marli Hoppe-Ritter, der gemeinsam mit ihrem Bruder Alfred-Theodor Ritter die Ritter Sport GmbH gehört, hat ähnlich wie Würth oder Burda ihr eigenes Museum rund um die private Kunstsammlung gebaut. Die heute 59-Jährige sammelt seit über 20 Jahren zeitgenössische Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Seit rund 15 Jahren konzentriert sie sich auf abstrakt-geometrische Kunst und hier speziell auf das Thema „Quadrat“.

Ritter Sport und quadratische Kunst – Was für eine absurde Idee, ein formales Kriterium als thematischen Überbau für eine Kunstsammlung zu wählen. Ein hoher Preis für einen Marketinggag, der auch noch im abgelegenen Waldenbuch seine Verwirklichung findet.

Wer sich trotz dieser Skepsis von Stuttgart in das 20 km entfernte Aichtal aufmacht, ist überrascht. Der 14 m hohe, würfelförmige Bau ist in dem grünen Tal nicht zu übersehen. Ein viel zu großer Legostein in einer Märklin-Landschaft. Dennoch kein hässlicher Klotz. Der Bau wirkt imposant und in seiner Strenge sogar elegant. Wer den Eingang zum Kubus sucht, steht plötzlich mitten drin, in einer offenen Passage, die den Würfel in der Mitte durchschneidet und sich zum Tal hin weitet. Der Blick fällt auf eine Idylle von sanften Hügeln und dichtem Wald. Mitten im Bau des Schweizer Architekten Max Dudler ist man zugleich mitten drin im Schwabenländle.

Info

Alfred Ritter gründete im Jahr 1912 die schwäbische Schokoladenfabrik. Heute wird sie von seinem Enkel Alfred T. Ritter geführt. Seit 2004 sind die Umsätze leicht rückläufig. Im Jahr 2006 erzielte Ritter Sport einen Umsatz von 284 Millionen Euro. Ritter gründete 1989 die Paradigma Energie- und Umwelttechnik GmbH & Co. KG., einen Anbieter von ökologischen Heizsystemen (180 Mitarbeiter). 1996 war er an der Gründung der Solar-Fabrik Group in Freiburg beteiligt und ist weiterhin Minderheitsgesellschafter und Aufsichtsratsvorsitzender des börsennotierten Solarunternehmens.

Respekt, Frau Hoppe-Ritter, sehr gelungen! Das finden auch zahlreiche Besucher an diesem Dienstagmorgen um 10 Uhr. Mehrere Schulklassen toben durch die Passage. Die Kombination mit dem Ritter-Sport-Werksverkauf und der Schokoladenwerkstatt für Kinder hat das Museum nicht zuletzt zu einem beliebten regionalen Ausflugsziel gemacht.

Die Kunstsammlung Hoppe-Ritter ist gut inszeniert, und sie ist – wenn man sich denn grundsätzlich auf abstrakte, geometrische Kunst einlassen will – keinesfalls anspruchslos.

Marli Hoppe-Ritter hat das „Quadrat in der Kunst“ keinesfalls erfunden. Der russische Künstler Kasimir Malewitsch begründete 1913 mit seinem „Schwarzen Quadrat auf weißem Grund“ den „Suprematismus“ als Stilrichtung. Es geht dabei um eine konsequent ungegenständliche Kunst, die sich auf einfachste geometrische Formen reduziert. Unter den verschiedenen konstruktivistischen Kunstströmungen, die in dieser Zeit entstanden, war Malewitschs Suprematismus eine der radikalsten.

Etwas anders näherte sich der deutsche Künstler Josef Albers dem Thema in den vierziger und fünfziger Jahren. Die unterschiedlichen Varianten seiner „Hommage to the Square“ erzielen aktuell auf Kunstauktionen sechsstellige Beträge. Albers experimentierte viel mit der Wirkung von Farben, Formen, Linien und Flächen aufeinander und mit der Subjektivität der optischen Wahrnehmung. Letzteres wurde als Stilrichtung später Opt Art genannt. Ein berühmter Vertreter ist der Franzose Victor Vasarely, vor allem mit seinen Werken aus den sechziger und siebziger Jahren.

Malewitsch, Albers und Vasarely hängen deshalb heute auch im Aichtal. Allerdings nicht allein. Neben ihnen finden sich dort zahlreiche weitere, bisweilen sogar amüsante und groteske Exponate. Die Kunstsammlung ist mitnichten eine Hommage an das Ritter-Sport-Quadrat. Sie inszeniert zuvorderst die Richtung der abstrakt-geometrischen Kunst. Das Thema erfährt gerade eine Renaissance. In der Hamburger Kunsthalle findet aktuell eine Malewitsch-Ausstellung mit mehr als 100 Werken statt. Der schwarze Kubus von Gregor Schneider vor dem Gebäude entfachte bereits eine politische Debatte. Im Mai 2007 will der Künstler Mischa Kuball 625 Menschen als lebendes Quadrat durch die Stadt wandern lassen. Hamburg oder Waldenbuch, die Formen, die man in den Museen besichtigen kann, sind starr. Und dennoch setzen sie die Region in Bewegung.

Marli Hoppe-Ritter im Interview zu ihrer Kunstsammlung

Marli Hoppe-Ritter baut neben dem Ritter-Sport-Firmensitz ein Haus für ihre Kunst. Die Stilrichtung arbeitet vor allem mit quadratischen Formen. Zufall?

Marli Hoppe-Ritter, wie kamen Sie auf die Idee, im entlegenen Waldenbuch auf dem Firmengelände von Ritter Sport ein Museum für moderne Kunst zu errichten?

Jeder Sammler möchte seine Bilder zeigen. Der Platz in den Fluren der Firma war begrenzt. Meine Sammlung ist in den letzten 20 Jahren auf 600 Exponate angewachsen. Den Ausschlag dafür, dass ich mich auf die Suche nach einem dauerhaften Ausstellungsraum gemacht habe, hat jedoch die Ausstellung von Teilen der Sammlung im Mannheimer Kunstverein im Jahr 2000 gegeben.

Die Ausstellung kam auf Initiative eines Freundes, des Leiters des Mannheimer Kunstvereins, Dr. Martin Stadler, zustande. Der Erfolg hat mich überrascht, weil ich eben nicht die ganz großen Namen in der Sammlung habe. Später habe ich mich in der Region nach Ausstellungsräumen umgesehen. Als die Entscheidung anstand, auf dem Firmengelände den Schokoladenshop zu erweitern und eine neue Kantine zu bauen, kam mir Idee, dies mit einer Ausstellungsfläche zu verbinden.

Am Ende ist aus der Idee ein 10 Millionen Euro teurer Museumsbau geworden. Ist das nicht ein kostspieliger Ausflug in die Kunstwelt für ein mittelständisches Unternehmen wie Ritter Sport?

Für den Bau ist ja nicht nur die Firma aufgekommen. Die Hälfte des Gebäudes, nämlich der Museumsteil, gehört mir privat beziehungsweise meiner Stiftung. Der andere Teil beherbergt den Schokoladenshop und die Schokoladenwerkstatt. Hierfür war ohnehin ein neues Gebäude geplant.

Wie steht es bei dem Museum um den wirtschaftlichen Erfolg?

Ein solches Projekt wird sich nie tragen. Mein Ziel war es, die Sammlung bekannter zu machen. Allerdings sind die Besucherzahlen wirklich sehr erfreulich. Seit der Eröffnung bis Ende des Jahres 2006 kamen rund 117.000 Gäste. Der Werbeeffekt für das Unternehmen ist nicht zu unterschätzen.

Sieht das die Geschäftsführung bei Ritter Sport auch so?

Die Geschäftsleitung und die Marketingexperten standen dem Projekt eher kritisch gegenüber.

Und Ihr Bruder?

Dem Bau des Museums ging ein langer Diskussionsprozess voraus. Ich habe das nicht einfach beschlossen. Mein Bruder war anfangs skeptisch. Mittlerweile kann er sich jedoch sehr dafür begeistern, sogar für die Kunst. Ich frage ihn manchmal nach seiner Meinung zu einzelnen Bildern. Er hat ein ganz gutes Auge.

Wie viel ist die Kunstsammlung Marli Hoppe-Ritter wert?

Man kann nur schwer sagen, was ein Bild, das man heute kauft, später wert sein wird. Die Sammlung war nie als Vermögensanlage gedacht. Ich kaufe und verkaufe nicht nach Geldanlagegesichtspunkten. Dass ich überhaupt mal ein Bild verkaufe, ist eher selten.

Sitzen Sie bei den großen Kunstauktionen von Sotheby’s oder Christie’s dabei?

Nein. Ich kaufe, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Auf die großen Auktionen gehe ich nicht. Die Preise, die da gezahlt werden, sind ja fast unmoralisch. Wenn man bedenkt, dass man für 10 Millionen Euro ein solches Gebäude hinstellen kann.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Kunstsammlung und dem Museum?

Ich möchte weiter junge Kunst sammeln und die Sammlung so auf der Höhe der Zeit halten. Ich freue mich, wenn ich einen Beitrag dazu leisten kann, jungen Leuten Kunst zu vermitteln. Die Kunstausbildung an den Schulen ist mangelhaft. Hier in der Region war mittlerweile fast jede Grundschulklasse schon einmal bei uns. Wir vermitteln Kunst auf eine spielerische Art. Außerdem unterstützt die Stiftung junge Künstler bei der Finanzierung erster Ausstellungen.

Gehört für Sie gesellschaftliches Engagement zum Unternehmertum dazu?

Es war schon immer Tradition bei Ritter Sport, dass man als Unternehmerfamilie andere unterstützt. Ritter Sport hat schon damals die lokalen Sportvereine unterstützt und tut das auch heute noch.

Sie waren selbst nie operativ bei Ritter Sport tätig?

Nein. Ich habe als Anwältin in Heidelberg gearbeitet. Es war immer klar, dass mein Bruder die Firma leiten würde. Ich bin aber seit 1978 im Familienbeirat. Seit mein Bruder im Jahr 2005 zurück in die Geschäftsführung gegangen ist, bin ich auch wieder Beiratsvorsitzende, also seine Chefin. „Wie früher zu Hause“, sagt mein Bruder gerne.