Karsten Wulf betritt den großen Raum. Er setzt sich auf einen Stuhl am Tisch, schaut sich um, steht wieder auf und knipst das Licht an. Obwohl die bodentiefen Fenster eigentlich genug Licht hineinlassen. Niemand vor ihm hat die Notwendigkeit gesehen, einen der unzähligen Lichtschalter zu betätigen.
Karsten Wulf und das Thema Licht? Das passt zusammen. Nicht nur der Name seines Single Family Offices, zwei.7 Holding, sondern auch dessen Gründungsgeschichte ist damit eng verbunden. Draußen, am Neubau des Firmensitzes in Osnabrück, prangt nicht umsonst der Claim „Wir bringen Werte zum Leuchten“ in grellen blauen Neon-Buchstaben.
Auf den ersten Blick könnte das Setting hier im Erdgeschoss auch eine Art Kneipe sein. Mehrere runde Leuchten strahlen auf den riesigen Holztisch, ideal für eine Stammtischrunde. Die vollausgestattete Bar mit ihren durchsichtigen Kühlschränken lädt zu allen vorstellbaren Getränkekombinationen ein. Tischtennisplatte und Tischkicker stehen bereit. Boxen warten auf Hintergrund- oder gar Live-Musik. Ein Sofa will müde Gäste für eine kurze Pause auffangen. Die passende Klientel für die Kneipe wäre indes nicht weit. Denn die Universitätsbibliothek Osnabrück liegt nur eine Minute die Straße hoch entfernt.

Teure Kunst
Aber auf den zweiten Blick erahnen Besucher, dass das Setting doch mehr zu einem hippen Hauptsitz einer Unternehmerfamilie und deren Eigentumsverwaltung passt. Das verraten die Kunstwerke an den Wänden. Das Werk „Hakon del Plume“ von Thorsten Brinkmann, immerhin mit einem Wert von 13.000 Euro, thront über der Tischtennisplatte.
Viele der Kunstwerke sind mit speziell ausgerichteten Leuchten ins rechte Licht gerückt. Vorausgesetzt, es kümmert sich jemand darum, diese anzuknipsen. Trotz guter Lichtsituation, Kunst bleibt Geschmackssache. Auch für die, die täglich hier ein und aus gehen. „Manches mag man eben, manches nicht. So ist das mit der Kunst“, sagt Lisa Paul, Partnerin und verantwortlich für das Personalmanagement bei der zwei.7 Holding. Pauls Lieblingswerk ist nicht von Brinkmann, sondern hängt auf der gegenüberliegenden Seite der Tischtennisplatte. Das Werk spielt versiert mit Neonleuchten, wenn man durch den Rahmen blickt, wirkt es so, als blicke man in einen Schacht, der mehrere Meter tief ist und in die Wand hinein geht.
Am großen Tisch neben der Tischtennisplatte findet auch das Quartalsmeeting des Family Offices statt. Fast ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versammeln sich um den großen Tisch. Eine Sitzordnung gibt es nicht. Die beiden Kernbereiche, in die das Family Office investiert, sind Unternehmensbeteiligungen und Immobilien. Die Teams berichten über die Aktivitäten der vergangenen drei Monate, zeigen die Entwicklung der KPIs an einem großen Fernseher, erörtern die Quartalsbilanz und wagen Prognosen für die Zukunft. Inflation und unsichere wirtschaftliche Aussichten drücken die Zahlen im Moment nach unten.
„Wir haben gegen die Inflation verloren“, klagt Anja Brors. „Manchmal frage ich mich, wofür wir das machen, wenn am Ende keine positiven Zahlen in der Bilanz stehen“, sagt die Portfoliomanagerin für den Immobilienbereich. Das lässt die HR-Verantwortliche Lisa Paul nicht lange im Raum stehen. „Wenn ihr eure Arbeit nicht gemacht hättet, sähen die Zahlen noch schlechter aus. Wir haben zwar Einbußen, aber entwickeln uns besser als der Markt“, versucht sie aufzumuntern.

Eigentümer Karsten Wulf, um dessen Geld es hier eigentlich geht, nimmt die nicht so rosigen Zahlen gelassen hin und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Trübe Stimmung? Weit gefehlt.
Vielleicht lassen ihn die rückläufigen Prognosen für die kommenden Quartale im Immobilienmarkt kalt, weil er mit dem von ihm gegründeten Unternehmen buw schon so einige Höhen und Tiefen erlebt hat. 1993 gegründeten er und sein Studienkollege Jens Bormann ein Zwei-Mann-Unternehmen für Telefonmarketing. Dieses entwickelte sich zu einem der größten Dienstleister für Kundenbetreuung in Deutschland. Über 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren in den Callcentern von buw beschäftigt. Im Jahr 2015 kam buw auf einen Umsatz von 159,2 Millionen Euro. Aber auf dem Weg dahin gab es eben Jahre, in denen der Umsatz einbrach, zum Beispiel als der Großkunde Deutsche Telekom einen anderen Dienstleister für seine Callcenter beauftragte.
Eisiger Ausflug
Ein Element in der Geschichte, wie es zum Verkauf von buw kam, ist wieder das Thema Licht. 2016 fuhr Karsten Wulf mit seiner Familie in die Antarktis in den Urlaub. Im Sonnenlicht, das die Eisberge erleuchtete, fasste Wulf den Entschluss, buw hinter sich zu lassen. Die Digitalisierung und die Internationalisierung der Callcenterbranche warfen da bereits ihre Schatten voraus.
Im selben Jahr veräußerten er und Jens Bormann buw an die US-amerikanische Convergys Corporation, einen Großkonzern, der weltweit Callcenter und Kommunikationskanäle für Kunden betreibt und damals einen Umsatz von knapp unter 3 Milliarden Euro machte. „Das war für uns die beste Option, da wir uns im zunehmend globalen Callcentermarkt als vergleichsweise kleiner Player nicht hätten durchsetzen können“, blickt Karsten Wulf zurück.
Nach dem Verkauf nahm sich Wulf erst einmal eine Auszeit, aber merkte schnell, dass er Hummeln im Hintern hatte. „Zwei Drittel der Verkäufer sind eher daran interessiert, das unternehmerische Leben hinter sich zu lassen“, sagt Wulf. Er gehört nicht dazu. Selbst seine Kinder erkennen das: „Papa, mach mal wieder was“, wird ihm vom Nachwuchs nahegelegt.
Neu gründen, das konnte er sich nicht vorstellen, aber Unternehmertum fördern, an der Entwicklung partizipieren und Rendite erwirtschaften, das klang nach einer guten Zukunftsaussicht, fand Wulf. Da Convergys die Gründer bei der Übernahme von buw in Cash ausgezahlt hatte, lag es nah, ein Family Office ins Leben zu rufen.

Der Name der zwei.7 Holding GmbH erklärt sich durch den eisigen Ausflug in die Antarktis. Denn die Eisberge, die Wulf auf seiner Reise in die Antarktis so faszinierten, schimmerten durch das Sonnenlicht ab und an in einem Blauton. Neue Wege zu gehen, das verbindet Wulf seitdem mit der Farbe. Und daher auch der Name des Family Office. Dafür greift Wulf tief in die physikalische Lehre der Atom- und Kernphysik: Wenn ein Elektron im Atom in eine niedrigere Umlaufbahn zurückfällt und dabei die zuvor aufgenommene Energie abgibt, entsteht bei exakt 2,7 Elektronenvolt die Farbe Blau. Daher zwei.7 Holding. Und so wie die Eisberge leuchten, sollen in Zukunft auch die Targets des Family Offices zum Leuchten gebracht werden.
Oh, wie schön ist Family Equity
Nach seiner Neugründung bemerkt Karsten Wulf, dass ihm eine Sache fehlt, die er in seiner vorherigen Kariere immer hatte: ein Netzwerk. „Ein Großteil meiner über die Jahre gesammelten Kontakte waren für den Neustart nicht hilfreich“, blickt der Unternehmer zurück.
Gemeinsam mit Olaf Bock, der selbst ein Unternehmen für B2B im Bereich IT gegründet hatte, geht Karsten Wulf im Kreis Osnabrück nach der Gründung der zwei.7 Holding Ende 2016 auf hundert Unternehmer zu. Bock und er erklären Wulfs Geschichte und den Family-Equity-Ansatz, den er mit seinem Family Office gehen will. Aber schon allein der Begriff „Family Office“ ist für kleinere Mittelständler erklärungsbedürftig, findet Wulf heraus. „Neun von zehn Unternehmern konnten damit nichts anfangen“, sagt er. Also versuchen die beiden, Überzeugungsarbeit zu leisten. Warum wird es sich lohnen, Unternehmensanteile an zwei.7 zu übertragen, um den nächsten Wachstumsschritt zu gehen oder die Unternehmensnachfolge zu regeln?

Argumente haben sie viele. Bei der Personalarbeit können sie Unterstützung anbieten, ebenso strategisches Sparring für Inhaber, um bei wichtigen Entscheidungen zu helfen, im Bereich Digitales verfügen sie über Wissen. Und sie haben einen anderen Zeithorizont als Private-Equity-Investoren, die in der Regel nach fünf bis sieben Jahren einen Verkauf anstreben. Die langfristige und nachhaltige Perspektive komme dem Mittelstand sehr entgegen, meint Karsten Wulf.
Der erste große Wurf
Alles schön und gut, aber da ihnen ein Portfolio und Beispiele fehlen, bleiben die Mittelständler skeptisch. Bei der mittelständischen Firma Ossenberg Gruppe, einem Spezialisten für Gehhilfen und orthopädischen Hilfsmitteln, stoßen die beiden zwar auf offene Türen. Aber die Gesellschafterfamilie ist sich nicht sicher, ob zwei.7 der passende Wachstumspartner sein könnte. Um dem zu begegnen, gehen Wulf und Bock unkonventionelle Wege. Sie schlagen vor, 50 Prozent der Anteile an Ossenberg zu übernehmen und für einen festgelegten Zeitraum an der Entwicklung des Unternehmens zu arbeiten. Eine Art externer Gesellschafter auf Probezeit. „Unser Angebot an die Familie war: Schaut euch an, was wir strategisch an Mehrwert liefern können. Wenn es mit uns nicht klappt, dann haben lediglich wir unsere Zeit und Energie investiert und ihr könnt die Anteile zum selben Preis wieder zurückhaben“, sagt Olaf Bock.
Dass er und Karsten Wulf diese Geschichte heute erzählen können, zeigt, dass es nicht zum Rückkauf kam. Ossenberg wurde zum ersten großen Deal von zwei.7. Heute, mit weiteren Deals und Exits in der Tasche, gehe das Family Office forscher an Unternehmer heran, sagt Olaf Bock. „Die offene Kommunikation mussten wir aber auch erst lernen“, blickt er zurück. „Früher sind wir vorsichtiger an Mittelständler herangetreten. Nun drucksen wir nicht mehr herum, wenn wir sehen, dass ein Unternehmen zu uns passt“, sagt er. „Wir wollen mit unseren Beteiligungen dann schnell und stark wachsen.“
Und das in immer neuen Bereichen. Noch vor ein paar Jahren auf einem Panel eines Events des „wir“-Magazins sagte Bock, dass für zwei.7 Sanierungsfälle nicht in Frage kämen. Damals saß ihm mit Alexander Schaeff ein ausgewiesener Sanierer gegenüber. Als der schilderte, wie herausfordernd es sei, Unternehmen aus der schiefen Bahn wieder in die richtige Richtung zu lenken, winkte Olaf Bock ab.
„Was kümmert uns das Geschwätz von früher?“, sagt er jetzt. Karsten Wulf stimmt zu. Die beiden haben ein Unternehmen ausgemacht, das zwar ein Sanierungsfall ist, aber bei dem sich die beiden mit ihrem Team zutrauen, es zum Leuchten zu bringen. Die Zahlen mögen dort im Moment nicht stimmen. Aber: „Das ist ein Case, der fühlt sich richtig an“, sagt Karsten Wulf und erinnert in dieser Haltung an so viele Familienunternehmer, die entgegen den Einschätzungen von Analysten und Experten einen Deal einfädeln, der auf den ersten Blick nicht zum Portfolio und zur Investmentthese passt. „Trotz aller Excel-Sheets und statistischer Voraussagen – manchmal ist es das Bauchgefühl, das einen Deal und ein Target bringt“, ist sich Karsten Wulf sicher.
Und falls kein leuchtender Wert dabei rumkommt? „Wenn es schiefgeht, habe ich mir nichts vorzuwerfen“, sagt der Inhaber des Family Offices. Er könne dann sagen, dass er es zumindest versucht habe. Da denke er vielleicht auch anders als dynastisch geprägte Familienunternehmer. Denn das Geld, das er investiere, sei komplett von ihm selbst erarbeitet.
Karsten Wulf: „Ohne das Eingehen von Risiken gibt es kein Unternehmertum“
Karsten Wulf ist der festen Überzeugung, dass Druck und das Verlassen der Komfortzone entscheidende Faktoren dafür sind, Erfolg zu haben. „Ohne das Eingehen von Risiken gibt es kein Unternehmertum“, sagt er. Denn daraus entstünden Innovationen, neue Geschäftsfelder oder Produkte.
Risiken einzugehen heißt aber auch, Fehler zu machen und diese zu akzeptieren. Zu Zeiten, in denen Karsten Wulf noch Geschäftsführender Gesellschafter von buw war, lag ihm offene Kommunikation innerhalb des Unternehmens und der Teams am Herzen. Gemeinsam mit Lisa Paul, die auch schon bei buw Personalleiterin war, hatte er dort ein Konzept zur besseren Fehlerkultur eingeführt. Mitarbeitende, die einen Fehler gemacht hatten, diesen aber schnell und offen kommunizierten, bekamen einen Bonus. Das Konzept hatte sich Wulf bei Larry Ellison abgeschaut, der den US-amerikanischen Soft- und Hardwarehersteller Oracle gegründet hat.
Diese Offenheit gilt auch für das Team im Family Office. Dass ein Journalist mit am Tisch des Quartalsmeetings des Family Offices sitzen darf, illustriert, dass Wulf auch mit seinem Family Office den offenen Austausch schätzt.
Im Gestaltungsprozess der Büros und des Gebäudes habe Wulf das ganze Team mitgenommen, sagt Lisa Paul. So entstanden die offenen Büroräume auf allen Etagen, das voll ausgestattete Fitnessstudio im Untergeschoss und das Penthouse, indem ab und an Olaf Bock wohnt, wenn er sich in Nachtschichten neuen Targets widmet. Denn das Leuchten von Werten muss ab und an in der Dunkelheit vorbereitet werden.
Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

