Armin Eiche, bei der vorherigen Barometerumfrage sahen 61 Prozent der befragten Unternehmerfamilien die Inflation als größte Bedrohung für das Familienvermögen. Beim aktuellen wir-Barometer, das von Oktober bis Dezember 2023 durchgeführt wurde, waren es nur noch 28 Prozent. Unterschätzen Vermögensinhaber die anhaltenden Folgen der Inflation?
Zunächst einmal: Wir beobachten keine Panik bei Familienunternehmern, wohl aber Sorge. Aus Unternehmenssicht betrifft das die Lohn-Preis-Spirale, wir sehen in verschiedenen Bereichen, dass die Löhne gestiegen sind. Die Inflation ist zwar wieder zurückgegangen, aber man muss bedenken, dass es sehr viel einfacher ist, die ersten Schritte mit kleinen Maßnahmen zu gehen. Es ist verhältnismäßig leicht, die Inflationsrate beispielsweise von 8 Prozent auf 6 Prozent zu senken. Aber es wird schwer sein, von 2,5 Prozent auf 2 Prozent zu gelangen. Das lässt sich vielleicht gut mit dem Rennsport erklären: Für die letzten Hundertstelsekunden muss man wirklich hart kämpfen.
Was folgt daraus für die Anlagestrategie und den von Unternehmerfamilien angestrebten realen Vermögenserhalt?
Ich weiß nicht, wo wir mit der Inflationsrate landen werden. Sie wird weiter sinken, aber einen Zielkorridor von unter 2 Prozent halte ich mittelfristig für ambitioniert. Sollten die Renditen nochmals zurückkommen, ergeben sich jetzt nochmals gute Investitionsmöglichkeiten in festverzinsliche Wertpapiere, da die Chance auf Kursgewinne und Zins besteht. Perspektivisch wird es aber kaum möglich sein, mit erstklassigen Staatsanleihen langfristig real Vermögen zu erhalten.
Was folgt daraus für die Gewichtung von einzelnen Asset-Klassen?
Es führt langfristig nichts an einer stärkeren Gewichtung von Aktien vorbei. Pictet untersucht und analysiert seit 1988 in einer Langfriststudie die Wertentwicklung von Aktien und festverzinslichen Papieren in der Schweiz seit 1926. Jährlich wird die Studie aktualisiert. Ein Ergebnis lässt sich für den Vergleich zwischen beiden Anlageklassen heranziehen: Im Hinblick auf die nominalen Renditen war 2023 für Schweizer Staatsanleihen kein gutes Jahr, vor allem nicht in Bezug auf die realen, also inflationsbereinigten Renditen. Obwohl diese Instrumente weniger volatil sind als Aktien, beträgt ihre durchschnittliche nominale Jahresrendite seit 1926 rund 4 Prozent in Schweizer Franken – kaum mehr als halb so hoch wie die von Schweizer Aktien, nämlich 7,7 Prozent. Real ist der Unterschied sogar größer. Bei Aktien betrug die inflationsbereinigte Rendite seit 1926 im Durchschnitt 5,6 Prozent, bei Schweizer Obligationen 2,0 Prozent.
Ein Ergebnis des vorherigen und aktuellen Barometers lautet, dass ein Drittel der befragten Familienunternehmer Investitionen in Private Equity ausbauen möchte. Rechnen Sie damit, dass sich diese Entwicklung fortsetzt?
Ja. Aber zunächst: Private Equity ist wie die Aktie ja erst einmal Equity. Es ist Beteiligungsvermögen, das allerdings im Vergleich zur Aktie illiquide ist. Es ist also vor allem eine interessante Anlageklasse für diejenigen, die Illiquidität verkraften können. In Diskussionen werden gern immer wieder die angelsächsischen Endowment-Funds als Beispiele heran gezogen, da sie zum Teil bis zu 50 Prozent in Private Equity investiert sind. Man muss aber bedenken, dass diese Trusts auf Unendlichkeit angelegt sind und daher auch eine sehr hohe Illiquiditätsquote tolerieren können, die ihnen langfristig wiederum hohe Renditen beschert. Private Equity ist als Anlageklasse aus zwei Gründen interessant. Erstens können durch die Einflussnahme des Private-Equity-Managers aktiv Synergien kreiert, Wertschöpfung geschaffen und neue Märkte erschlossen werden, um einen echten Mehrwert für das Beteiligungsunternehmen zu generieren. Zweitens bietet Private Equity eine sehr breite Risikostreuung. Die intrinsische Intelligenz des Unternehmens, gepaart mit einer klugen Buy-and-Build-Strategie, verringert das konzeptionelle Risiko für Investoren. Das Risiko-Return-Verhältnis ist deutlich besser als bei einem Einzelinvestment. Die Frage ist allerdings: Um wie viel besser ist es? Und was ist der Preis? Der Preis ist die Illiquidität, das investierte Geld ist über viele Jahre gebunden.
Um wie viel besser ist dieses Risiko-Return-Verhältnis denn bei Private Equity?
Durch das Zinsniveau sind die günstigen Prognosen für Fixed Income und Equity zwar wieder zurückgekommen. Auch die Multiples kehren langsam wieder auf ihr altes Niveau zurück, Private Equity er holt sich insgesamt ebenfalls. Dabei geht es in erster Linie gar nicht um die Renditen an sich, entscheidend ist die Differenz: Wenn Equity 7 Prozent Rendite verdient und Private Equity zwischen 12 und 15 Prozent, dann bleibt die Differenz in der Rendite bestehen, auch wenn sie bei Equity fällt.
Immobilien sind weiterhin eine sehr beliebte An lageklasse bei Unternehmerfamilien. Wie blicken Sie angesichts der aktuell schwierigen Lage, vor allem für Projektentwickler, auf den Markt?
Die hohen Zinsen und stark gestiegenen Baukosten führen zu Engpässen bei den Bauträgern. Nicht nur Signa ist gestrauchelt, Hunderte von kleineren Unternehmen der Branche stecken in Schwierigkeiten. Der Druck ist enorm. Aber dort, wo Druck ist, entstehen auch Chancen. Ein prominentes Beispiel ist Klaus-Michael Kühne, der sich für den Hamburger Elbtower interessiert, eine Signa-Baustelle im wahrsten Sinne des Wortes. In seiner Verhandlungsposition kann er Druck auf die Preise ausüben. Zudem gilt nach wie vor, dass Immobilien in Top-Lagen weiterhin Renditen bringen. Der Markt ist zwar stark verunsichert in das Jahr 2024 gestartet. Aber ich bin optimistisch, dass sich die Unterdeckung auf dem Wohnungsmarkt in diesem Jahr auflösen wird. Die Nachfrage ist ungebrochen hoch, der Staat kommt mit seinem Bauversprechen nicht voran, und es gibt Investoren, die nur auf den richtigen Zeitpunkt warten.
Das aktuelle Barometer zeigt, dass das Thema Nachhaltigkeit beim Investieren leicht an Bedeutung verloren hat. Haben Sie eine Erklärung hierfür?
Die geopolitischen Risiken wie der Krieg in der Ukraine, die Unsicherheit in Taiwan sowie die Erhöhung der Rohstoff- und Energiepreise verbunden mit dem drastischen Zinsanstieg haben unter anderem dazu geführt, dass zum Beispiel Waffenhersteller und Ölproduzenten für Anleger interessanter wurden – also das, was nicht unter den Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit fällt. Daraus resultiert der Glaube, dass nachhaltige Investments die Performance hemmen und Rendite kosten. Das ist allerdings zu kurzfristig gedacht. Wissenschaftliche Stu dien zeigen, dass nachhaltige Investments langfristig genauso gut performen wie nicht nachhaltige. Interessant ist, dass eine Überperformance eintritt, wenn Nachhaltigkeit positiv in den Medien begleitet wird. Das war schon damals zu beobachten, als alle von Solar sprachen. Der Markt explodierte zunächst, um sich dann wieder zu erholen. Beim Thema der Photovoltaikanlagen sehen wir Ähnliches, der Markt dürfte dieses Jahr allein in China um 15 bis 20 Prozent wachsen, gleichzeitig erhöhen sich die bereits vorhandenen Überkapazitäten vermutlich um weitere 25 Prozent – für die Umwelt ein Schritt in die richtige Richtung, aber voraussichtlich kein gutes Investment. Es führt kein Weg dran vorbei: Unternehmer wie Anleger müssen nachhaltig und langfristig profitabel investieren, dabei kann jeder seinen individuellen Schwerpunkt für sich definieren.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

