Weiherhammer in der Oberpfalz? Klingt weit weg und ist es auch. Hier, an der bayrisch-tschechischen Grenze, sind die „böhmischen Wälder“ nicht fern, in denen sich schon die „Räuber“ von Friedrich Schiller versteckten: Tiefe, dunkle Wälder, die kaum je von eines Menschen Fuß betreten werden – das ideale Räuberversteck. Umso überraschender taucht plötzlich die Firmenzentrale von BHS Corrugated zwischen den Bäumen auf, die aussieht, als wäre ein Ufo am Ufer des Hammerweihers gelandet.
Das sogenannte Lifecycle-Building wurde 2017 fertiggestellt und greift in seiner Architektur die Wellen auf, die der Wellpappe Stabilität verleihen. Denn bei BHS Corrugated werden Maschinen hergestellt, die auf der ganzen Welt bei der Wellpappenproduktion zum Einsatz kommen. Mit der Wellpappe, die mit Maschinen von BHS Corrugated produziert wird, ließe sich die gesamte Landfläche Irlands bedecken. Dementsprechend selbstbewusst dominiert die Firmenzentrale das kleine Dorf in der Oberpfalz: Außer dem Lifecycle-Building gehören noch einige teils historische Bauten zu dem Gebäudekomplex.
Die Unternehmenswurzeln von BHS Corrugated
Das Ufo kam aber nicht vom Himmel, sondern aus der Erde. BHS Corrugated ist historisch gewachsen, und seine Wurzeln reichen tief. Im Jahr 1717 ließ Herzog Theodor Eustach von Pfalz-Sulzbach hier im heutigen Weiherhammer einen Hochofen errichten, der die Grundlage des im Jahr 2024 florierenden Unternehmens bilden sollte. Die tiefen, dunklen Wälder wurden gerodet, und 1836 war alles Holz verfeuert. Hüttenmeister Franz Xaver Schmid heizte mit Torf weiter und entwickelte so ein Verfahren, das die Produktivität vervierfachte. Typisch Weiherhammer: Innovation können sie hier, und sie sind auch mächtig stolz darauf. „Das Geheimnis des Erfolgs ist die Fähigkeit der Menschen hier, mit der Zeit zu gehen“, wird der heutige Geschäftsführer Christian Engel im „Oberpfalz Echo“ zitiert.

NEW steht auf allen Autos, denn das ist das Kfz-Kennzeichen des Landkreises Neustadt an der Waldnaab, zu dem Weiherhammer gehört. „New“, also neu, ist auch die Familie, in deren Hand sich das heutige Familienunternehmen befindet, denn BHS Corrugated wird erst in der zweiten Generation von der Familie Engel geführt. Der Vater der heutigen Geschäftsführer, Paul Engel, stieg zwar schon in den 1950er Jahren in das Unternehmen ein, kaufte es aber erst 1993 – und im Verhältnis zu der Zeit, die seit 1717 vergangen ist, scheinen 30 Jahre wenig. Über 200 Jahre lang stand in Weiherhammer eine Gießerei, deren Beteiligung an der Rüstungsindustrie dem ursprünglichen Hochofenbauer Theodor Eustach noch zum Verhängnis werden sollte: Ein Skandal um hier gegossene Munition zwang ihn, nach Dinkelsbühl umzusiedeln, ins Exil, wo der Herzog schließlich auch verstarb.
Was folgte, war das 19. Jahrhundert und die Industrialisierung: Ein Mitarbeiter der Unternehmenskommunikation erzählt sehr lebendig von der alten Gießerei: den rußschwarzen Gesichtern der Arbeiter; dem metallischen Geschmack, den jeder im Mund hatte, der die alten Produktionshallen betrat. Schon scheinen sich die Arbeitergesichter auf den alten Schwarz-Weiß-Fotos kurz über sein eigenes Gesicht zu schieben. Und wirklich hat schon sein Urgroßvater in der alten Gießerei gearbeitet. Die Gesichter bleiben, aber die Welt drumherum verändert sich.
Eine Familie namens Engel
„Zu gutmütig“ sei er gewesen, das ist die einzige Kritik, die Christian Engel zu seinem 2012 verstorbenen Vater Paul einfällt. Sonst hat er nur lobende, dankbare Worte für ihn: seinen Freiheitssinn, seine unternehmerische Entschlossenheit – ein immaterielles Erbe, das Christian und seinen Bruder Lars als Geschäftsleute geprägt hat. Lars Engel sitzt ruhig daneben, als Christian von ihrem Vater Paul Engel erzählt, und ergänzt den temperamentvollen, manchmal fast unwirschen Monolog seines Bruders mit Einwürfen und Kommentaren, die er im Gespräch mit sanfter Stimme vorbringt. Aber alle hören ihm respektvoll zu.
Mutter Ingrid Engel hat im Jahr 2003 die Stiftung „Angels for Children“ gegründet. Die Stiftung hat die Schulbildung von Kindern in Laos zum Ziel und unterstützt staatliche Grundschulen und weiterführende Schulen, deren Top-Absolventen zur Berufsausbildung nach Weiherhammer eingeladen werden. Den laotischen Azubis gefällt es angeblich in der Oberpfalz sehr gut, auch wenn sie dort beständig frieren. „Die setzen sogar bei über 20 Grad ihre Mützen nicht ab!“, beobachtet Christian Engel. Doch das Nachwuchsproblem wird durch die Laoten nicht gelöst: BHS Corrugated bräuchte pro Jahrgang knapp doppelt so viele Auszubildende, wie das Unternehmen finden kann, beklagen die Geschäftsführer. Das sei, neben dem demografischen Wandel, der in allen Unternehmen zu Fachkräftemangel führe, natürlich auch der Örtlichkeit geschuldet: Wer auch im großstädtischen München oder im schönen Regensburg wohnen kann, zieht nicht unbedingt nach Weiherhammer.
Also legt sich BHS Corrugated als Arbeitgeber mächtig ins Zeug: ein vornehmes Restaurant statt Kantinenfraß, ein hauseigenes Fitnessstudio und ein Napping-Room mit einem futuristischen Kokon für den Mittagsschlaf. Möglichkeiten zum Homeoffice gibt es, einen Fokus-Raum für konzentriertes Arbeiten sowie einen Riesenbildschirm für die Ferndiagnose und Installationshilfe der Wellpappenanlagen.
Lars und Christian Engel sind stolz auf die Geschwindigkeit, mit der sie zu Corona-Zeiten ihre Verwaltung ins Homeoffice bringen konnten. Doch der Standort ist und bleibt auch Produktionsstandort, und außer Büros sind hier auch riesige Werkshallen zu bespielen, in denen gewaltige Anlagen zusammengeschraubt werden, die danach in die ganze Welt exportiert werden. 731 komplette Produktionsstraßen – nicht einzelne Maschinen – hat BHS Corrugated inzwischen schon verkauft. An den Wänden der Fabrikhallen hängen große Flachbildschirme, die Fotos von den neu installierten Anlagen zeigen samt Datum der Inbetriebnahme und Ort der Installation – Großbritannien, Malaysia. Als würden die inzwischen erwachsenen Kinder eine Postkarte schicken. Um sie herum stehen auf den Fotos die Fabrikarbeiter, halten die Daumen in die Höhe und freuen sich über ihre neue Anlage. Manche tragen hellblaue Haarnetze.
„Die Leute brauchen nicht Maschinen, sondern Anlagen“, das war die Beobachtung von Paul Engel in den 1990er Jahren, auf der der unternehmerische Erfolg seiner Söhne Lars und Christian Engel heute noch fußt. Doch denken auch sie weiter: „Die Leute brauchen keine Wellpappenanlagen, sondern hochproduktive Wellpappenfabriken“, so formuliert es Lars Engel. Der alte Hüttenmeister hätte gesagt: Der Hochofen braucht kein Holz, sondern Torf. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Paul Engel hingegen war nicht Hüttenmeister, sondern Vertriebsleiter bei BHS, bevor er 1993 das Unternehmen erwarb.
Vom bayerischen Staat erworben
Bis dahin war BHS ein bayrischer Staatsbetrieb namens Bayerische Berg-, Hütten- und Salzwerke, in den das herzögliche Hüttenwerk 1927 per Landesgesetz eingegliedert worden war. Christian Engel hat für die damalige Zeit nur verächtliche Worte übrig. Politisches Taktieren aus der Landeshauptstadt habe unternehmerisches Entscheiden vor Ort unmöglich gemacht. „Personal abbauen? Undenkbar! Das kostet uns ja die nächste Wahl!“, erinnert er sich an die Reaktionen der Entscheider damals. Personal abbauen war allerdings das Erste, was Paul Engel tat, nachdem er das Unternehmen aus der Hand des bayrischen Staates befreit hatte: Der Standort schrumpfte Anfang der 1990er Jahre auf 300 Mitarbeiter.
Heute ist die Zahl auf das Zehnfache gewachsen: 3.400 Mitarbeiter hat BHS Corrugated weltweit. 300 von ihnen arbeiten am Standort Tachov in Tschechien, 540 in Schanghai und 120 in Brasilien; auch in Kuala Lumpur und Indien gibt es Standorte. Weiherhammer hat mit 1.350 die meisten Mitarbeiter, wobei Verwaltung und Produktion bewusst Hand in Hand gehen. Auch das war Teil des architektonischen Konzepts des Lifecycle-Buildings. „Als Unternehmer darf Ihr Denken nicht an den Grenzen des Regierungsbezirks aufhören“, erklärt Christian Engel, „Sie müssen auch mental international aufgestellt sein.“
„Tod oder Freyheit!“, ließ Friedrich Schiller seinen Helden Karl Moor im zweiten Akt von „Die Räuber“ ausrufen. Ähnlich dramatisch muss man sich den Kauf von BHS Corrugated durch Paul Engel vorstellen, der nur eine einzige Bedingung an den Verkäufer Bayern stellte: vollkommene unternehmerische Freiheit. 1989 hatte sich das Unternehmen im Streit von seinem Vertriebsleiter getrennt und der darauf folgende Versuch, BHS Corrugated zu privatisieren, scheiterte. Währenddessen machte Paul Engel sich in den frühen 1990er Jahren sehr erfolgreich selbständig, bis der bayrische Staat wieder an seine Tür klopfte. „Entweder Paul Engel kauft den Laden – oder wir müssen schließen“, so schildert Christian Engel heute die Handlungsoptionen, die BHS Corrugated damals für sich sah. Bei der Finanzierung des Kaufs griffen der Freistaat und einige Banken Paul Engel unter die Arme – ein Geschäft, das sich rückblickend für alle Beteiligten gelohnt hat.
Noch eine zweite Bedingung stellte Paul Engel, allerdings familienintern: Seine Söhne mussten ihm versprechen, das Unternehmen nach seinem Ausscheiden zu übernehmen. „Er hat uns gefragt, ob wir das machen wollen, da waren wir gerade Mitte 20“, erzählt Lars Engel. Eine andere Option für ihre Berufsbiografien scheinen die beiden studierten BWLer nie in Erwägung gezogen zu haben. Nur sechs Jahre nach dem Kauf, 1999, ereilte den Vater ein Schlaganfall, „ein schlimmer“, berichtet Christian Engel. Daraufhin habe sich die Familie beeilt, die Nachfolge zu regeln: „Da wurden die Anteile in einer vorweggenommenen Schenkung übertragen.“
Der Weg ist bereitet
Christian Engel übernahm schon Mitte der 1990er Jahre die Geschäftsführung, Lars folgte 1999. Heute leiten die beiden das Unternehmen zusammen mit dem Group Executive Committee, acht Führungskräfte aus verschiedenen Bereichen. „Die sind topfit!“ lobt Christian Engel. Er hat vier, sein Bruder zwei Kinder, die sich gerade in der entscheidenden Lebensphase zwischen 15 und 25 Jahren befinden und von denen noch keines die Nachfolge ins Familienunternehmen kategorisch ausgeschlossen hat.
Auf Eigentümerseite dagegen ist der Weg bereitet. Lars und Christian Engel haben eine Familienstiftung gegründet und ihre Anteile auf die Stiftung übertragen – um Streitigkeiten zu vermeiden, aber auch, um sich von politischen Entscheidungen unabhängig zu machen, wie Christian Engel ganz offen sagt: „Als sich bei der jüngsten Bundestagswahl abzeichnete, dass das was Rot-Grünes wird, und uns zu Ohren kam, was die so vorhaben, da ist uns ganz anders geworden. Denn auch wir müssen ja das Vermögen weitertransportieren in die nächste Generation. Vermögensabgabe wird diskutiert, das Dauerthema Erbschaftsteuer hier in diesem Land – das sind alles so Themen, die will ein Unternehmer nicht haben. Wir wollen das nicht! Und so haben wir uns für eine Stiftungslösung entschieden und in die Familienstiftung das ganze betriebliche Vermögen eingebracht, von diesem und von anderen Unternehmen, um sicherzustellen, dass wir von Sachen, die man sich in Berlin so ausdenkt, nicht betroffen sind.“ Lars Engel ergänzt: „Wir wollen unseren Kindern die Möglichkeit geben, selbst zu entscheiden, wo sie leben wollen. Und je nachdem, wie die Dinge sich hier in Deutschland entwickeln, kann es passieren, dass man als Geschäftsführer lieber in Schanghai leben will.“
Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.

