Yannick Lehmann: „Ich kann jedem Nachfolger nur raten, sich mit anderen Nachfolgern zu unterhalten.“

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Yannick Lehmann, warum beschäftigen Sie sich mit dem Thema Nachfolge?

Ich bin selber Nachfolger in einem Familienunternehmen, deswegen hat mich das Thema von früher Jugend an beschäftigt. Das Studium an der EBS in Oestrich-Winkel brachte mich auf die Idee, mich auch theoretisch mit dem Thema Nachfolge zu beschäftigen.

Nachfolge war auch das Thema Ihrer Masterarbeit. Wie lautet die genaue Fragestellung?

In meiner Masterarbeit habe ich mich mit der Auswirkung von Tradition auf die Motivation von Nachfolgern in Familienunternehmen beschäftigt. Der englische Titel lautet: „Exploring the Role of Tradition in Successor Motivation within Family Businesses“.  

Wie definieren Sie „Tradition“?

Das war tatsächlich ein ganz wesentlicher Teil meiner Arbeit, diesen Begriff zu definieren! In meiner Arbeit beschreibe ich Tradition als Rituale, aber auch aus Wertevorstellungen und Glaubenssätzen.

Was waren die Erkenntnisse bezüglich der Motivation von Nachfolgern?

Um herauszufinden, wie sich Tradition in Unternehmerfamilien auf die Motivation von Nachfolgern auswirkt, habe ich qualitative Forschung betrieben. Die empirische Grundlage waren sieben Interviews mit Nachfolgern in Familienunternehmen. Das Ergebnis war, dass Tradition sich sehr stark auf die Motivation von Nachfolgern auswirkt! Entscheidend sind dabei drei Faktoren: Erstens das Praktizieren von Tradition, also Rituale und Ähnliches. Der zweite wichtige Faktor ist der Kontakt und die Kommunikation zwischen den Generationen innerhalb des Familienunternehmens, und der dritte ist die gemeinsame Planung der Nachfolge.

Info

Nachfolge bei Auktion & Markt AG
Yannick Lehmann (*1998) ist Nachfolger bei der Auktion & Markt AG mit Sitz in Wiesbaden. Unter diesem Dach vereint das Familienunternehmen mehrere Marken aus dem Online-Auktionshandel für Automobile und Immobilien. Das Unternehmen existiert seit 1988, hat knapp über 400 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von 3,2 Milliarden Euro. An der EBS in Wiesbaden begann Yannick Lehmann, sich auch theoretisch mit dem Thema Nachfolge in Familienunternehmen zu beschäftigen, und schrieb seine Masterarbeit über Tradition und Motivation von Nachfolgern.

Was bedeutet Tradition für Familienunternehmen im Gegensatz zu anderen Unternehmen?

Anders als andere Unternehmen müssen Familienunternehmen ihre Tradition nicht erfinden, sondern vielmehr entdecken. Nachfolgern kommt dabei eine wichtige Rolle zu, wenn sie Nachforschungen über die Geschichte des Unternehmens anstellen und dabei vielleicht auch in weiter zurückliegenden Generationen auf Werte stoßen, mit denen sie sich identifizieren können. Auch mit eventuellen problematischen Aspekten einer Unternehmensgeschichte umzugehen kann identitätsstiftend wirken.

Kann ein Zuviel an Tradition NextGens auch erdrücken? Oder ist es weniger „zuviel“ und mehr „die falsche Art“ Tradition?

Tradition kann sich tatsächlich auch negativ auf die Motivation von Nachfolgerinnen und Nachfolgern auswirken. Probleme macht dabei aber weniger ein „Zuviel“ im quantitativen Sinne und mehr ein „Falsch“ im qualitativen Sinne. Bei weiblichen Nachfolgern können das zum Beispiel antiquierte Rollenbilder sein, die Frauen keine Führungsqualitäten zutrauen. Und die Verantwortung, ein Familienunternehmen weiterzuführen, kann von Nachfolgern als Bürde und als Last empfunden werden. Dieses Gefühl ist auch ein Ergebnis der Art, wie in dem Familienunternehmen Tradition gelebt wird. Wenn Tradition Stillstand oder veraltete Geschäftsmodelle bedeutet, vergeht Nachfolgern schnell die Lust auf das Unternehmen.

Sie forschen nicht nur zum Thema Nachfolge, sondern sind selber auch Nachfolger. Inwiefern haben Sie sich in den Ergebnissen Ihrer Arbeit wiedergefunden?

Diese qualitativen Interviews mit anderen Nachfolgerinnen und Nachfolgern haben mir persönlich das Gefühl gegeben: Ich bin nicht alleine. Andere sind mit ähnlichen Aufgaben und Problemen konfrontiert wie ich und haben ganz unterschiedliche Strategien entwickelt, um damit umzugehen. Manchmal hat jemand in einem Interview in einem Nebensatz etwas erwähnt, was mir selbst völlig neue Möglichkeiten eröffnet, Konflikte zu lösen oder mit Emotionen umzugehen. Ich kann jedem Nachfolger nur raten, sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinander zu setzen – oder sich einfach mit anderen Nachfolgern zu unterhalten.

Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.