Sanierung in Eigenverwaltung bei Titus: Stürzen und aufstehen mit Publikum

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Julius Dittmann, im Februar 2025 hat die Titus GmbH überraschend Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Wie kam dazu?

Julius Dittmann: Vor 16 Jahren habe ich im Rahmen des Generationswechsels eine in die Jahre gekommene Legacy-IT-Infrastruktur übernommen. Da mussten wir ran. Das, was für Kunden relevant ist, haben wir mehrfach erfolgreich weiterentwickelt: den Webshop.

Vorgespult nach 2024: Wir hatten noch ein super erstes Quartal. Obwohl der allgemeine E-Commerce Markt da schon ein bisschen am Kränkeln war, schafften wir es, im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum hinzubekommen. Zeitgleich waren wir in einem großen Umstellungsprozess: Der Webshop lief super, doch Warenwirtschaftssystem, Kassensysteme, Logistik und Buchhaltungssoftware mussten nun dringend verbessert werden… alles mit einem Relaunch. Das waren anderthalb Jahre Vorbereitung, ein riesiges Pflichtenheft, wir hatten alle Mordsrespekt davor. Dann kommt der 1. Juni 2024, wir schalten das neue System live – und nichts geht. Gefühlt ein kompletter Stillstand von einem auf den nächsten Monat, 50 Prozent Umsatzverlust, einfach weil wir nicht mehr performen konnten.

Was ist im Detail passiert?

Dittmann: Ein großes Problem war die Warenverfügbarkeit. Das Lagerverwaltungssystem zeigte andere Bestände als das Warenwirtschaftssystem und noch mal andere als im Webshop. Dadurch generierten wir allein im Juni 35 Prozent Leerverkäufe, sprich: Du zahlst deine Customer Acquisition Costs bei Google, Meta und Co, du zahlst den Payment Provider – und dann sind 35 Prozent dieser verkauften Produkte gar nicht auf Lager, und der Kunde bekommt die Rückmeldung: Ist nicht da. Allein das zu bewältigen, dauerte ein paar Wochen , es bäumt sich auf einmal ein riesiger Customer-Service-Rückstau an, tausende von E-Mails, die bearbeitet werden müssen.

Titus ist auch im stationären Handel vertreten. Wie war die Lage dort?

Dittmann: Eigentlich arbeiten wir mit einem Replenishment-System. Das heißt, die Läden haben kaum eigene Lager. Stattdessen kommt automatisiert immer wieder aus dem Zentrallager die Ware nach, die verkauft wurde. Obwohl vorab getestet: Auch das System funktionierte im Live-Betrieb nicht. Wir hatten vorher so viel anderes was brannte – daher merkten wir das erst zwei Monate später so richtig, als in den Läden dann die Bestände runter gingen und die Shopmanager in der Zentrale anriefen. Als ich im August in den Shop in Münster kam, war dort die ganze Wand mit Komplettskateboards leer – und das Lager, wo ich gerade herkam, war rappelvoll. In der gleichen Nacht sind mein Vater Titus – mit 77! – und ich mit einem Lkw ins Lager gefahren, haben da die Komplettboards rausgeholt und standen um ein Uhr nachts damit vor dem Shop. Wenn um die Uhrzeit vor einem Shop ein Lkw steht, dann wird da eigentlich Ware rausgeholt – wir haben ganz viel Ware reingetragen.

Wann kam die Erkenntnis, dass Titus Insolvenz anmelden muss?

Dittmann: Zunächst mal haben sich alle bei Titus voll reingekniet, um die Probleme zu lösen. Aus allen Bereichen sind Leute in die Logistik gekommen, wir haben Nachtschichten gemacht, ich stand mit meinem Wohnmobil auf dem Betonparkplatz vor der Tür. Meine Familie kam zwischendurch zum Abendessen vorbei, um mir mal Hallo zu sagen. Das war echt sehr fordernd. Zugleich habe ich versucht, aus anderen Unternehmen die Liquidität zusammenzubringen. Und wir wurden auch besser. Aber 2025 im Januar – das ist unser umsatzschwächster Monat – wurde es einfach zu eng. Da kamen mein Co-Geschäftsführer Carsten und ich umgehend unserer Pflicht nach und reichten Insolvenz ein. Wir nahmen Kontakt mit Restrukturierern auf, lernten viel über die Sanierung in Eigenverwaltung, bauten einen Restrukturierungsplan auf.

Was hat gegen eine Regelinsolvenz und für die Insolvenz in Eigenverwaltung gesprochen?

Dittmann: Drei Dinge: Das Eigenkapital der Titus GmbH im letzten Jahresabschluss ist positiv, also keine Überschuldung in der Bilanz. Dann waren unsere Warenbestände noch auf einem guten Niveau. Natürlich haben wir Preise reduziert, um Liquidität zu machen, aber nur mit circa 30 Prozent – Restrukturierer oder Insolvenzverwalter gehen ja auf 70 oder 80 Prozent. Und wir konnten nachweisen, dass es ein einmaliger Dip durch die fehlerhafte Einführung der Warenwirtschaft war. Am 10.2.2025 fiel um 14.35 Uhr beim Amtsgericht Münster der Hammer, und wir durften in die Sanierung in Eigenverwaltung.

Pia Hillrichs, Sie haben dann die weiteren Schritte der Insolvenz in Eigenverwaltung filmisch begleitet. Wie ist Ihr Bezug zu Titus?

Pia Hillrichs: Die Marke begleitet mich seit den achtziger und neunziger Jahren, ich bin mit Titus groß geworden. Ich lag im Februar 2025 nachts im Bett und kam beim Doomscrolling auf einen Beitrag über die Insolvenz. Irgendwie hatte ich den Impuls, Julius auf Instagram eine Nachricht zu schreiben. Ich habe zu der Zeit Kommunikationsberatung gemacht, und ich habe ihm angeboten, mir einfach mal seine digitalen Kanäle anzuschauen und ihm Rückmeldung zu geben. Zwei Wochen später hat sich Julius tatsächlich gemeldet, ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet. Dann habe ich eine Präsentation vorbereitet mit allem Möglichen von Spotanalyse, Konkurrenzanalyse, wie ist der digitale Auftritt, was fehlt.

Woher kam dann die Idee zu dem Filmprojekt?

Hillrichs: Beim Durchgehen der Kanäle fand ich krass, wie Julius bei LinkedIn aufschlägt. Er benutzt den Kanal so, wie er eigentlich benutzt werden sollte: Er ist rausgegangen mit seinem Scheitern und hat sich Hilfe gesucht. Das ist schon fast einmalig, weil da sonst immer nur über Erfolg geredet wird. Aber Julius hat gesagt: Hier läuft gar nichts toll, und ich brauche eure Hilfe. Und die hat er auch bekommen, ganz viele Leute haben sich angeboten – ich ja auch. Ich fand die Situation einzigartig und dachte, es wäre total schön, das filmisch zu begleiten. Ich habe jahrelang selbst gedreht, geschnitten und Filme produziert für Unternehmen und fürs Fernsehen. Da die Insolvenz ja schon lief, mussten wir uns beeilen: Eine Kollege aus der Brache, Andreas Wall von der Kreativagentur Teufelküche Superfilm, war direkt bereit, das Projekt pro bono zu begleiten. Und dann ging es noch darum, Julius’ Vertrauen für das Projekt zu gewinnen. Zwei Wochen standen wir in Münster im Skaters Palace und haben die erste O-Töne gemacht. Das war wichtig, weil die Emotionen noch so schmerzvoll waren. Und da wusste man ja auch noch nicht, wo die Reise hingeht.

Julius Dittmann, warum haben Sie entschieden, sich in dieser unternehmerischen Ausnahmesituation auch noch von einem Kamerateam begleiten zu lassen?

Dittmann: Erst mal habe ich mich an jeden Strohhalm geklammert – und so auch auf Pias erste Nachricht geantwortet. Sie kam mit einer krass ausgearbeiteten Präsentation um die Ecke, mit Ideen, die wir super umsetzen konnten. Im Nachgang kam sie dann auf einmal mit der Frage: „Du, ich bin außerdem Filmemacherin, dürfen wir dich filmerisch begleiten und eine Doku daraus machen?“ Da hatte ich erstmal ‛nen richtig fetten Kloß im Hals und musste ein paar Nächte drüber schlafen. Du weißt ja nicht, wie die Story ausgeht – ist das im Worst Case nicht total bloßstellend? Und: Ist es nicht eigentlich viel wichtiger, jetzt die ganze Zeit nur bei Titus vor Ort zu crunchen? Aber da hat mir die Einstellung vom Skateboarding geholfen: Wenn du auf die Fresse fällst, fällst du auf die Fresse. Mut ist, sich zu zeigen, aufzustehen und weiterzumachen. Wenn Du beim Skaten in einer Session an einem Trick arbeitest, dann sind ja auch Leute dabei. Die bekommen mit, wenn Du fällst – und wenn es irgendwann klappt.

Hillrichs: War der Dreh für dich auch so was wie Therapie?

Dittmann: Auf jeden Fall hilft es bei der Verarbeitung, indem du reflektierst, das Thema noch mal angehst und noch mehr Struktur reinbekommst, vielleicht wie eine Art Journaling. Das hat auf jeden Fall mitgeholfen, alles einzusortieren und eine gewisse Klarheit zu gewinnen.

Im August 2025 konnte Titus Entwarnung geben, die Sanierung war erfolgreich. Was wäre mit dem Film passiert, wenn es kein Happy End gegeben hätte?

Hillrichs: Ich habe Journalismus studiert und auch als Journalistin gearbeitet. Zwischen Julius und mir war von vornherein klar: Wir machen keine PR, wir machen eine Doku – egal wie es ausgeht. Wir haben ja auch mit anderen Brands gesprochen, mit Lieferanten aus den USA, mit Mitarbeitenden, mit Leuten, die ihren Job verloren haben, die mit Julius zusammengearbeitet haben, als das System gecrasht ist. Dass es im Grundsatz jetzt ein positives Ende geworden ist, freut uns natürlich sehr, weil wir in der Zeit auch eine Bindung aufgebaut und mitgefiebert haben. Aber wir hätten auch jeden anderen Ausgang gezeigt.

Dittmann: Ich habe für das Filmteam zum Teil Intros zu Leuten gemacht, etwa unsere Lieferanten, bis in die USA, war dann aber bei den Interviews selbst gar nicht dabei. Als ich den ersten Trailer gesehen habe, war ich überrascht, was da auf einmal für O-Töne kommen. Aber nur so geht das ja dann auch: Wenn du dich dafür entscheidest, die Karten aufzudecken, dann hast du diese Konsequenz auch zu leben. Ich habe die Doku bis heute noch nicht gesehen, nur ein paar Snippets und den ersten Trailer. Ich bin gespannt.

Noch mal zurück zum eigentlichen Prozess: Wie haben Sie die Insolvenz in Eigenverwaltung erfolgreich abgeschlossen?

Dittmann: Zunächst mal will ich sagen: Wir müssen die Begrifflichkeiten weiterentwickeln. Der Vorgang heißt ja Insolvenz in Eigenverwaltung und ist Teil des Insolvenzrechts. Aber eine Insolvenz ist die endgültige Abwicklung, da ist Feierabend. Eine Sanierung in Eigenverwaltung ist genau das Gegenteil. Das Ziel ist Arbeitsplätze retten, Gläubigerinteressen vertreten, den Schwund möglichst gering halten und das Unternehmen überhaupt in die Zukunft bringen. Wir müssen das Ding umbenennen. Das hat auch was mit der Wahrnehmung draußen zu tun: Denn was ging jetzt durch die Presse? „Titus ist insolvent.“ Das ist fachlich korrekt und klickt sich vielleicht auch gut. Aber wenn es zum Beispiel Sanierung – statt Insolvenz – in Eigenverwaltung hieße, dann kann auch die Berichterstattung in diese Richtung stattfinden, und das hilft der Kundenwahrnehmung, der Brand Awareness und der ganzen Kommunikation nach draußen.

Trotzdem muss am Ende eine finanzielle Lösung her. Wie haben Sie das geschafft?

Dittmann: Wir hatten alles mögliche durch, Distressed M&A-Prozesse, Versuche feindlicher Übernahmen … da könnte man ein eigenes Gespräch drüber machen. Am Ende schafften wir es mit sehr viel Hängen und Würgen, eine eigene Finanzierung auf die Beine zu bekommen: Im Juli 2025 konnte ich mit einer meiner Firmen die Assets aus der Titus GmbH kaufen. Die Gläubigerversammlung hat zugestimmt, dass das die beste Fortführungsprognose ist und so auch die Gläubigerinteressen am besten bedient werden. So konnten wir im Juli einen Neustart für Titus beginnen. Die Systeme konnten wir in der Sanierungsphase wieder auf Spur bringen, die Logistik lief wieder, die Warenverfügbarkeiten in den Läden war wieder da. Unser Sterne Ranking bei Trustpilot und Co ist wieder von 3 Komma irgendwas auf 4,8 hochgeschnellt. Und parallel: Als erster europäischer Skateboard-Anbieter haben wir eine eigene App für IOS und Android – ich bin so mega stolz auf unsere Teams. Nachdem wir erst sechs Läden schließen mussten, eröffneten wir im November 2025 schon wieder einen. Unsere Lieferanten arbeiten eng mit uns zusammen und glauben auch für die Zukunft an uns.

Hillrichs: Meinst du, gibt noch einen zweiten Teil zum Film?

Dittmann: Bitte nicht mit dieser Dramatik. Ich bin mehr als 20 Jahre selbstständig und hab schon viele Tiefen durchlebt. Das hier war mit Abstand das Krasseste, und das wünsche ich niemandem. Und wenn, dann hilft nur: Dranbleiben.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.