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Carolina Müller-Möhl war erst 32, als ihr Ehemann Ernst mit seiner Cessna über dem Gotthart-Gebiet abstürzte. Er hinterließ einen zweijährigen Sohn und ein großes Vermögen, bestehend aus einem Wirrwarr von Unternehmensbeteiligungen, Wertpapieren und Aktienpaketen. Es gab keine Struktur, keine erkennbare Strategie, keine Unterlagen, keine Eingeweihten. Es gab nichts, was der jungen Frau hätte helfen können, sich ein Bild von ihrem Erbe zu machen, nur einen Schreibtisch und einen Computer. Ernst Müller-Möhl hatte seine Karriere in der Züricher BZ-Bank begonnen. In den neunziger Jahren hatte er selbst drei Banken gegründet und ein ansehnliches Vermögen als Finanzinvestor erworben. Am 3. Mai 2000 verunglückte er tödlich.

Carolina Müller-Möhl wurde von einer Sekunde auf die andere in ein völlig neues Leben geworfen. Die Politologin wollte gerade mit einer Dissertation beginnen. Zuvor hatte sie als Journalistin und im PR-Bereich gearbeitet. Erfahrungen im Finanzbereich besaß sie nicht. Trotzdem zögerte sie keine Sekunde.

Noch am Abend des Unglücks tritt sie vor die Mitarbeiter der A&A Actienbank in Zürich, deren Gründer und Mehrheitsanteilseigner ihr Mann gewesen war, und erklärt, dass sie das Werk ihres Mannes fortsetzen wolle. Innerhalb von zehn Tagen stellt sie ein eigenes Team zusammen und stürzt sich in die Arbeit. Sie gründet die Müller-Möhl Group, stellt einen Verwaltungsrat ein und beginnt, das Vermögen selbst zu managen. „Viele haben ihr das nicht zugetraut, weil sie vorher nicht in die Geschäfte ihres Mannes involviert war“, erinnert sich Dr. Felix Ehrat, Global General Counsel bei Novartis und dienstältestes Verwaltungsratsmitglied der Müller-Möhl Group. „Diesem Eindruck ist sie aber ganz entschieden entgegengetreten“, so Ehrat. „Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie die Verantwortung übernehmen würde.“

Eine Frage der Persönlichkeit

Warum hat sie sich das damals aufgebürdet? Sie hätte auch alles verkaufen und sich ins Privatleben zurückziehen können. Es sei eben eine Frage der Persönlichkeit, ob man bereit sei, Verantwortung zu tragen, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Carolina Müller-Möhl sitzt am Konferenztisch ihres Büros am Weinplatz im Zentrum von Zürich und hat die Beine übereinander geschlagen. Geduldig gibt sie Auskunft über ihr Leben nach dem Schicksalsschlag. Dabei möchte sie eigentlich nicht über die Zeit nach dem Tod ihres Mannes sprechen. Zu oft ist sie schon ausgefragt worden und zu lange hat sie gegen das Klischee der jungen Witwe gekämpft. Die 44-Jährige möchte nach vorne schauen und ihre Investments und Stiftungsaktivitäten vorantreiben.

Carolina Müller-Möhl ist Investorin und Philanthropin. Sie selbst sieht sich als Unternehmerin: „Der Unternehmer ist der Eigentümer und eigenverantwortliche Leiter eines Einzelunternehmens mit umfassender Entscheidungsbefugnis“, zitiert sie die Definition eines Unternehmers nach Wikipedia. „Ich muss mit meinem Single Family Office nicht nur jeden Tag wichtige Entscheidungen treffen, sondern trage damit auch Verantwortung für viele Arbeitsplätze. Ohne Investoren gäbe es viele Unternehmen nicht“, sagt Müller-Möhl. Natürlich weiß sie, dass solche Aussagen provozieren. Sie ist keine Frau, die mit ihrer Meinung hinter dem Berg hält. Sie mischt sich ein als Verwaltungsrätin, Stifterin, Rednerin vor Entscheidungsträgern aus Wirtschaft und Politik und als Kolumnistin in der „Zeit“. Eine „starke Meinung und Grundüberzeugung“ bescheinigt ihr auch ihr langjähriger Verwaltungsrat Ehrat.

Die Stunde null

Diese Eigenschaft kam ihr zugute, als sie im Jahr 2000 die Aufgaben ihres Mannes übernahm. Denn zunächst blies ihr der Wind heftig ins Gesicht: Die wirtschaftliche Großwetterlage verschlechterte sich zusehends, die IT-Blase platzte, und die Märkte brachen ein. Viele Investments waren fremdfinanziert. Die Schulden hatte ihr Mann auf 25 Bankinstitute verteilt. Diese forderten nun höhere Sicherheiten. Zudem drängten sie die Partner der A&A-Bank, ihre Anteilsmehrheit abzugeben.

Drei Jahre dauert es, bis das Schlimmste überstanden ist, und drei weitere, bis Müller-Möhl und ihr Team Struktur in den Nachlass ihres Mannes gebracht haben. „Wir haben fast bei null angefangen“, erinnert sich Ehrat. „Die Vermögensbestandteile mussten erst einmal erfasst und dokumentiert werden.“ Müller-Möhl verkauft ihre Beteiligungen an den Finanzinstituten und führt über die Jahre die Bankschulden zurück. 2007 gelingt ihr der Verkauf des Medizintechnikanbieters Plus Orthopedics für rund 1 Milliarde Schweizer Franken an Smith & Nephew.

Info

Müller-Möhl Group

Carolina Müller-Möhl gründete das Single Family Office im Jahr 2000. Die Engagements der Gruppe umfassen sowohl Finanz- als auch strategische Beteiligungen und werden von einem fünfköpfigen Verwaltungsrat überwacht, dem Carolina Müller-Möhl vorsitzt. Die Gruppe verfolgt eine langfristige Anlagestrategie, basierend auf Diversifi – kation, sowohl in Bezug auf die Breite der Assetklassen als auch auf die Anzahl der Positionen innerhalb jeder Assetklasse. Zudem tätigt die Gruppe weltweit Investitionen in traditionelle und alternative Anlagen. Müller-Möhl ist Verwaltungsrätin bei der „Neuen Züricher Zeitung“ und dem Stadtentwickler Orascom Development Holding.

Erstmals steht Liquidität zur Verfügung, die reinvestiert werden muss. Müller-Möhl holt sich einen unabhängigen Berater ins Haus, um eine Vermögensstrategie zu entwickeln. Rund zwei Monate diskutiert sie mit ihrem Team über Themen wie Risikobereitschaft, Volatilität und Renditeerwartung. Gemeinsam entwickeln sie eine Anlagestrategie, die vor allem auf Kapitalerhalt ausgerichtet ist. Die Müller-Möhl Group ist heute breit aufgestellt, investiert in Aktien, Bonds, Immobilien, Hedgefonds und tätigt unternehmerische Direktinvestments.

Müller-Möhl ist sichtlich stolz auf das, was sie in den vergangenen 13 Jahren erreicht hat: „Heute sind alle Altlasten bereinigt, wir haben die letzten zwei Finanzkrisen ohne großen Schaden überstanden und sind gut aufgestellt.“ Eine große Stütze in den 13 Jahren sei ihr Verwaltungsrat gewesen, betont Müller-Möhl. Neben Ehrat gelang es ihr, den Schweizer Unternehmer und Alt-Politiker Ulrich Bremi und den Kapitalmarktspezialisten Prof. Peter Forstmoser für ihr Team zu gewinnen. Auch die Mutter der 44-Jährigen war von Beginn an im Verwaltungsrat mit dabei. Die Psychologin und Beraterin hatte bereits Ernst Müller-Möhl in Personalfragen beraten.

Hebel für höhere Ziele

Inzwischen befindet sich die Müller-Möhl Group in ruhigerem Fahrwasser, so dass Müller-Möhl mehr Zeit für Themen hat, die ihr am Herzen liegen wie die Förderung von Jung – unternehmern, frühkindliche Bildung und Gender Diversity. Im vergangenen Jahr hat sie ihre eigene Stiftung, die Müller-Möhl Foundation, gegründet, um ihren zahlreichen gesellschaftspolitischen Engagements ein „Gefäß zu geben“, wie sie sagt. „Unsere Philosophie ist unternehmerisch geprägt“, sagt die Stifterin. „Voraussetzung für die Förderung ist, dass die Initiativen innovativ und selbsttragend sind.“ Die Müller-Möhl Foundation identifiziert und unterstützt Partner, die gleichgerichtete Interessen verfolgen, geht aber auch eigenen Projekten nach. Finanziert wird die Foundation von der Müller-Möhl Group.

Auch innerhalb ihrer Verwaltungsratsmandate in anderen Unternehmen tritt sie für ihre Überzeugungen ein und gilt als aktiv – nicht immer zur Freude aller. Von 2004 bis 2012 saß sie im Verwaltungsrat von Nestlé. Dort setzte sie sich als Mitglied des Nominationskommitees unter anderem dafür ein, dass mehr Frauen im obersten Aufsichtsgremium von Nestlé vertreten sind. „Es gibt viel zu wenig Frauen in Führungspositionen“, sagt Müller-Möhl, „das möchte ich ändern. Würde man alle gut und teuer ausgebildeten Frauen besser in den Arbeitsmarkt integrieren, profitierte der Staat doppelt: Erstens generierten wir so wirtschaftliches Wachstum, und zweitens gingen uns hohe Investitions kosten in die Bildung nicht einfach verloren.“ Auch hier will sie nicht locker lassen, bis sie ihr Ziel erreicht hat.

Info

Müller-Möhl Foundation

Carolina Müller-Möhl gründete die Müller-Möhl Foundation 2012 mit dem Zweck, ihre Stiftungsaktivitäten zu bündeln. Der Fokus der Stiftung mit Sitz in Zürich liegt auf gesellschaftspolitischen Aktivitäten in der Schweiz mit den Schwerpunkten Gender Diversity, Bildung und der Förderung des Wirtschafts- und Stiftungsstandorts. Die MMF betreibt Öffentlichkeitsarbeit, organisiert Veranstaltungen, stößt Initiativen an und bietet finanzielle Unterstützung. Voraussetzung dabei ist, dass die Initiativen innovativ und langfristig selbsttragend sind. Im Rahmen der MMF hält Carolina Müller-Möhl derzeit sieben Stiftungsund neun Beiratsmandate, u.a. beim Forum Bildung (Gründungspartnerin und Co-Präsidentin), einem Verein zur Verbesserung der Bildungschancen für Jugendliche, bei Avenir Suisse, einem Thinktank für die Lösung von ökonomischen und sozialen Problemen in der Schweiz, beim Swiss Economic Forum und bei der Pestalozzi-Stiftung.