Stefanie Bremer, Sie sind heute 35 und seit gut elf Jahren Gesellschafterin eines süddeutschen Herstellers für Spezialmaschinen mit rund 2.000 Mitarbeitern. Wie gut kannten Sie vor der Anteilsübergabe den unternehmerischen und finanziellen Hintergrund Ihrer eigenen Familie?
Wahrscheinlich könnte man sagen: mittelgut. Alle paar Jahre haben wir an Führungen an verschiedenen Standorten des Unternehmens teilgenommen. Einiges davon hat sich mir stark eingeprägt, zum Beispiel der Geruch von Plastik. Aber ich wusste nichts darüber, wie das Unternehmen geführt wird. Wir waren geographisch zu weit weg vom Unternehmen, so dass ich dort nicht die typischen Unternehmerkinder-Erfahrungen sammeln konnte. Den Unternehmensgründer habe ich nie kennengelernt, weil er vor meiner Geburt gestorben ist. Meine Eltern haben beide Berufe außerhalb des Familienunternehmens verfolgt. Ihnen war es immer wichtig, sich selbst ernähren zu können und nicht von der Gesellschafterrolle abhängig zu sein.
Wie haben Sie vor diesem Hintergrund die Übertragung der Unternehmensanteile im Wert von etwa 10 Millionen Euro wahrgenommen?
Einerseits unvermittelt, andererseits aber auch potentiell spannend. Meine Eltern kamen von einer Gesellschafterversammlung nach Hause und sagten: „Übrigens, du bekommst Anteile übertragen. Die Steuerberater haben gesagt, dass das jetzt sinnvoll ist.“ Ich habe mich erst mal wichtig gefühlt. Ich dachte: „Ja, jetzt habe ich auch Anteile! Dann darf ich zu Gesellschafterversammlungen mit und kann endlich mal mehr von dem verstehen, was da so abgeht.“ Erst später konnte ich diesen Schritt in einen größeren Zusammenhang setzen.
Was meinen Sie damit?
Viele Unternehmerfamilien werden von der Angst vor einer verschärften Erbschaftsteuer getrieben, die auch von verschiedenen Beratern immer wieder befeuert wird. Das hat Konsequenzen. 2014 gab es die größte Welle an Übertragungen von Unternehmensanteilen an Minderjährige jemals. Genau in diese Phase fallen auch die Übertragungen an mich, auch wenn ich damals schon volljährig war und alles freiwillig unterschrieben habe. Ob solche Entscheidungen über den steuerlichen Faktor hinaus klug sind, sei dahingestellt.
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Für eine gerechtere Verteilung hat die Initiative fünf Vorschläge formuliert: Die Erbschaft- und Schenkungsteuer soll reformiert werden. Die Grundsätze für die Vermögensteuer, die seit 1996 ausgesetzt ist, sollen entsprechend der Klage des Bundesfinanzhofs überarbeitet werden. Kapitalerträge sollen, wie auch die Erträge aus Erwerbsarbeit, progressiv besteuert werden. „Wenn Menschen arbeiten, dann zahlen sie auf ihr Einkommen progressiv bis zu 47 Prozent“, verdeutlicht Stefanie Bremer. „Wenn Menschen ihr Geld für sich arbeiten lassen, zahlen sie darauf pauschal nur 25 Prozent.“ Taxmenow schlägt zudem eine einmalige Vermögensabgabe vor, wenn der Staat aufgrund der Schuldenbremse seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann, und fordert eine bessere Ausstattung der Finanzbehörden, damit sie Steuerhinterziehung und Steuervermeidung besser bekämpfen können.
Sie haben sich die Angst vor der Erbschaftsteuer offenbar nicht zu eigen gemacht. Wann haben Sie begonnen, Ihre Situation als Erbin zu reflektieren?
Das hat eine längere Vorgeschichte. Grundsätzlich habe ich schon in meinem Elternhaus gelernt, mich nicht auf einem zufällig auf mich gekommenen Erbe auszuruhen. Für mich war es wichtig, nicht die Bodenhaftung zu verlieren und immer in Kontakt zu weniger privilegierten Menschen zu bleiben. Nach dem BWL-Studium habe ich parallel zum Master in Nachhaltigkeitsmanagement als Putzkraft in einer lokalen Metzgerei gearbeitet. Schon als Teenager, als ich nur ein sehr diffuses Bild davon hatte, dass einmal viel Geld auf mich zukommen würde, dachte ich: „Damit könnte man so viele Probleme lösen!“ 2007 haben meine Eltern für mich eine Zustiftung an die Bewegungsstiftung getätigt, die sich für einen Systemwandel einsetzt – ich hatte zu dem Zeitpunkt noch kein eigenes Vermögen. Bei der Bewegungsstiftung entscheiden zu gleichen Teilen StifterInnen und AktivistInnen über den Einsatz der Mittel.
Woher kam dann der Impuls zur Gründung der Vereins Taxmenow – Initiative für Steuergerechtigkeit?
Während der Corona-Pandemie vor der Bundestagswahl 2021 kam aus dem aktivistischen Umkreis der Bewegungsstiftung der Impuls, dass die Zeit reif sei für eine erneute Diskussion über die Vermögensbesteuerung. Das Thema wird seit Jahrzehnten diskutiert, findet aber keine Aufmerksamkeit. Die Idee zur Gründung von Taxmenow war: Wenn vermögende Menschen darüber reden, verändert das die Diskussion – denn uns kann man nicht unterstellen, wir seien neidisch.
Als Mitglied des Presseteams von Taxmenow treten Sie in der Öffentlichkeit unter Pseudonym auf. Nehmen Sie weiterhin Ihre Aufgaben als Gesellschafterin wahr?
Natürlich! Das ist ja wohl das Mindeste – auch wenn ich finde, dass einmal im Jahr zur Gesellschafterversammlung zu gehen kaum eine ausreichende Leistung ist für den Gegenwert, den man als Gesellschafter hat. Das ist für mich zu selten, um einen echten Kontakt und eine emotionale Bindung zum Unternehmen aufzubauen, zumal wir anfänglich kaum in tiefere Zusammenhänge eingeführt wurden. Dass ich in meinen ersten Gesellschafterversammlungen überhaupt irgendetwas verstanden habe, lag daran, dass ich zu dem Zeitpunkt schon BWL studiert habe. Zumindest die Informationsweitergabe hat sich aber inzwischen deutlich verbessert.
Sie sind Betriebswirtin und Nachhaltigkeitsmanagerin – keine schlechte Qualifikation für eine NextGen. Haben Sie je über eine operative Mitarbeit nachgedacht?
Das ist eine schwierige Frage. Tatsächlich glaube ich, dass mir für den Einstieg in das Unternehmen die nötige Berufserfahrung fehlt. Daher weiß ich nicht, ob eine Tätigkeit dort mich glücklich machen würde. Davon abgesehen lassen die individuellen und unternehmerischen Rahmenbedingungen es derzeit nicht zu.
Sie haben schon von Beratern gesprochen – die würden zum Thema Einbindung der nächsten Generation womöglich sagen: Beschäftigen Sie sich doch mal mit dem Thema Family Governance.
Das gab es in unserer Familie bereits, in Zusammenarbeit mit einer externen Mediatorin. Ich will dazu aber nicht ins Detail gehen. Für mich ist klar: Die Family Governance unseres Familienunternehmens ist nicht die Hauptursache für meinen Aktivismus zum Thema Steuergerechtigkeit. Das Problem ist viel umfassender. In Familienunternehmen werden viele problematische Narrative gepflegt. Das fängt damit an, dass die Familie um jeden Preis als der beste Eigentümer für das Unternehmen dargestellt wird – das kann man ja hinterfragen. Massiv ist auch die Erzählung vom bösen Staat, der die Unternehmen bedroht. Viel ehrlicher wäre es, wenn die Unternehmen sich als das verstehen, was sie sind: Systemteilnehmer, die innerhalb der vom Staat geschaffenen Rahmenbedingungen arbeiten und gedeihen. Einfachstes Beispiel: Auf welchen Straßen fahren denn die Lkw? Und da sind wir wieder beim Thema Steuern.
Ihr Vermögen ist in Unternehmensanteilen gebunden. Warum verkaufen Sie nicht und tun mit dem Erlös etwas ganz anderes?
Derartiges Eigentum ist mehr als der Gegenwert in Euro, es eröffnet Spielräume. Als Besitzerin von Immobilien etwa kann ich mich dazu entscheiden, am unteren Ende des Mietspiegels zu vermieten, gerade so, dass die günstige Überlassung des Wohnraums nicht als Schenkung angesehen wird – einfach, weil ich das für richtig halte. In Bezug auf das Unternehmen habe ich nach wie vor die Hoffnung, dass ich als Gesellschafterin und mit meiner Qualifikation als Nachhaltigkeitsmanagerin darauf einwirken und es in eine zukunftsfähige Richtung begleiten kann. Solange ich nicht wenigstens drei Jahre in Folge den Eindruck habe, ich laufe mit meinen Impulsen gegen eine Wand, werde ich Stand jetzt auch nicht verkaufen. Ich möchte einmal das Gefühl haben, ich habe mir dieses Geld verdient.
Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.

