Wenn es um die philanthropische Mission geht, haben die Werhahn Stiftung und der Budnianer Hilfe e.V. offenbar viel gemeinsam: Benachteiligte Kinder und Jugendliche fördern, so lautet das Ziel, idealerweise an einem der Standorte der jeweils verbundenen Familienunternehmen. Die Wege dorthin sind allerdings so grundverschieden, wie es auch die beiden Unternehmen selbst sind. Die Iwan Budnikowsky GmbH & Co. KG, kurz Budni, ist ein vor allem norddeutscher Player im Drogeriegeschäft mit 188 Filialen, insbesondere im Großraum Hamburg, und rund 1.950 Mitarbeitern. Die Wilh. Werhahn KG ist ein international agierender Mischkonzern in den Bereichen Baustoffe, Konsumgüter und Finanzdienstleistungen mit weltweit rund 10.000 Mitarbeitern und 4 Milliarden Euro Umsatz. Bei Budni gibt es fünf Gesellschafter, bei Werhahn rund 500. Gemeinsam ist ihnen: Im Verein wie auch in der Stiftung arbeitet jeweils eine Vertreterin der Nachfolgegeneration daran mit, das gesellschaftliche Engagement von Familie und Unternehmen zukunftsfähig zu gestalten, Julia Wöhlke als Vorstandsvorsitzende der Budnianer Hilfe und Dr. Leonie Fittko als Vorstandsmitglied der Werhahn Stiftung. Sie müssen sich fragen: Wie organisieren wir uns? Woher kommt das Geld? Und wen müssen wir überzeugen?
Die Kasse als Kraftort: der Budnianer Hilfe e.V.
Der Budnianer Hilfe e.V. ist eine Gemeinschaftsgründung: Der Verein entstand 1997 auf Initiative von Mitarbeitern der Drogeriekette, die sich auf privater Basis in ihrem direkten Umfeld gesellschaftlich engagierten. Auf der Suche nach einer höheren Wirksamkeit wandten sie sich an Cord Wöhlke, den Geschäftsführenden Gesellschafter von Budni. „Die Frage war: Wäre der Hebel nicht viel größer, wenn man die Bemühungen der Einzelnen zusammenfasst, unter dem Dach von Budni und mit der Rückendeckung der Familie?“, beschreibt Julia Wöhlke (42), Budni-Gesellschafterin und Vorstandsvorsitzende des Vereins, die Gründungssituation.

Bei der Unternehmerfamilie Wöhlke rannte die Belegschaft mit dieser Idee offene Türen ein, allen voran bei Gabriele Wöhlke (72), der Frau des damaligen Geschäftsführenden Gesellschafters Cord Wöhlke. Auch die Familie hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt verschiedentlich gesellschaftlich engagiert, ihre Aktivitäten aber nicht in einer äußeren Struktur gebündelt. Das geschah 1997 mit der Gründung der Budnianer Hilfe. Unter dem Motto „Gemeinsam helfen in der Nachbarschaft“ hat sich der Verein der Förderung benachteiligter Kinder rund um die Budni-Filialen, also vor allem im Großraum Hamburg, verschrieben.
Bis 2015 leitete Gabriele Wöhlke den Verein als Vorstandsvorsitzende, dann übernahm ihre Tochter Julia den Job. Als Familienmitglied in vierter Generation hat sie als Teenagerin nicht nur bei Budni gejobbt, sondern auch die Aufbauarbeit ihrer Mutter in dem neu gegründeten Verein mitbekommen. Die Budnianer Hilfe nennt sie ihr „zweites Zuhause“ neben dem Familienunternehmen. Die Diplom-Kauffrau Julia Wöhlke hat seit 2008 viele Jahre operativ im Familienunternehmen mitgearbeitet, 2012 trat sie gemeinsam mit ihrem Bruder Christoph in die Geschäftsleitung ein. Bis 2019 war sie Teil der Geschäftsführung bei Budni.
Die enge Verbindung zum Unternehmen prägt die Arbeit des Vereins, allen voran die Möglichkeiten des Fundraisings über das große Filialnetz sowie den Kontakt zu den Endverbrauchern: Sie können bei Budni Artikel mit Spendenanteil kaufen oder an der Kasse „aufrunden“, also neben ihrem Einkauf einen Cent-Betrag spenden, wodurch in der Masse durchaus hohe Summen zusammenkommen. Oder sie sammeln Punkte über das hauseigene Bonussystem und spenden das gesammelte Guthaben. „Allein darüber bekommen wir pro Jahr einen sechsstelligen Betrag zusammen“, sagt Julia Wöhlke. Hinzu kommen Spenden vom Familienunternehmen, von Mitarbeitern und externen Partnern. Insgesamt standen dem Verein im Jahr 2022 Mittel in Höhe von 920.000 Euro zur Verfügung, davon rund 80 Prozent aus Kundenspenden.
Auch organisatorisch ist die Verzahnung des Vereins und des Familienunternehmens eng. Neben Julia und Gabriele Wöhlke sitzt der familienexterne und ehemalige Budni-CFO Marcus Jung im ehrenamtlichen Vorstand des Vereins. Zudem gibt es im Familienunternehmen 1,5 Festangestellte, die die Arbeit des Vereins operativ umsetzen. „Das ist wichtig, weil wir so den Spendern wirklich glaubhaft versichern können, dass ihre Spende zu 100 Prozent für inhaltliche Arbeit eingesetzt wird“, sagt Julia Wöhlke. Die Kommunikation mit den Kunden, die ja zugleich auch Spender sind, ist eine zentrale Aufgabe des Vereins. Zudem ist die Vereinsarbeit auch am Arbeitsmarkt ein Asset. „Wir werden von Bewerbern regelmäßig auf die Budnianer Hilfe angesprochen“, sagt Julia Wöhlke.

Als Vertreterin der vierten Generation treibt Julia Wöhlke die Professionalisierung der Vereinsarbeit voran. Ihre Mutter habe, wie sie es sagt, oft allein „an der Front“ gestanden. Die Nachfolgerin hat ihre eigene Rolle als Vorstandsvorsitzende deutlich strategischer aufgestellt und setzt auf die Verteilung von Aufgaben auf mehrere Personen. Neben den Kunden will sie auch weitere Partner aus dem Netzwerk gewinnen, das sie sich in ihrer operativen Tätigkeit bei Budni aufgebaut hat, und die Bedeutung von Kooperationen mit anderen Unternehmen stärken – als logische Weiterentwicklung des Grundsatzes „Gemeinsam helfen“.
Eine gute Kommunikation innerhalb des Gesellschafterkreises setzt Julia Wöhlke als Basis für die erfolgreiche Arbeit des Vereins voraus. Die Absprachen zwischen den fünf Budni-Gesellschaftern, von denen ihre beiden Brüder Christoph und Nicolas sowie ihr Vater Cord operativ im Unternehmen arbeiten, beschreibt sie als schnell und unkompliziert. „Das ermöglicht uns, auch kurzfristig schlagkräftige Aktionen an der Kasse umzusetzen, wie zum Beispiel die besondere Spendenaktion zur Unterstützung von Geflüchteten aus der Ukraine im Großraum Hamburg im Februar und März 2022 oder für die Erdbebenopfer in der Türkei und Syrien in diesem Jahr“, erläutert Julia Wöhlke. Dennoch sieht sie auch auf Governance-Ebene noch Luft bei der konsequenteren Festschreibung des Engagements von Familie und Unternehmen. In den zurückliegenden Jahren habe die Familie eine Charta erarbeitet, in der auch die gesellschaftliche Verpflichtung verbindlich festgeschrieben ist, so Julia Wöhlke. Die enge Verbindung zur Eigentümerfamilie und zur Kraft der Kasse werden dem Verein also noch lange erhalten bleiben, ist sie sich sicher.
Abbild des Gesellschafterkreises: die Werhahn Stiftung
Die Wilh. Werhahn KG wurde vor rund 180 Jahren durch Peter Wilhelm Werhahn gegründet und ist heute noch im Eigentum von 500 Nachfahren. Eine davon ist Dr. Leonie Fittko, Werhahn-Gesellschafterin und zugleich Mitglied des dreiköpfigen, ehrenamtlichen Vorstands der Werhahn Stiftung. Anders als das Unternehmen ist die Stiftung vergleichsweise jung. Ähnlich wie bei Budni gab es auch im Gesellschafterkreis von Werhahn über die Generationen hinweg verschiedene soziale Engagements, allerdings ohne eine gemeinsame, strukturierte Form. Eine Arbeitsgruppe von rund 20 Gesellschaftern bereitete in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre die Gründung einer Werhahn Stiftung vor, darunter auch Leonie Fittko, damals 30, als jüngste Vertreterin der Familie. Die Werhahn Stiftung sollte das soziale Engagement der Wilh. Werhahn KG und ihrer Gesellschafter bündeln. 2010 beschloss dann die Gesellschafterversammlung, die Stiftung mit dem Ziel zu gründen, Kinder und Jugendliche aus einem benachteiligten Umfeld zu fördern. Sie agiert vor allem als Förderstiftung, hat aber auch schon eigene Organisationen ins Leben gerufen.

Bei der Gründung betrug das Stiftungskapital 1 Million Euro, zusätzlich folgten Zustiftungen von Gesellschaftern in nochmal derselben Höhe. Jedes Jahr wird ein fester Sockelbetrag von 150.000 Euro von der Wilh. Werhahn KG an die Stiftung gespendet. In besonders erfolgreichen Jahren wird der Betrag erhöht. Im ehrenamtlichen zwölfköpfigen Kuratorium der Stiftung gibt es je einen festen Sitz für einen Vertreter des Verwaltungsrates, dem aktuell Anton Werhahn vorsitzt, und des Werhahn-Vorstands, der im Kuratorium durch den Externen Alexander Boldyreff vertreten wird.
Über diese Ämter und finanziellen Zuwendungen hinaus bestehen keine weiteren personellen oder organisatorischen Verflechtungen zwischen Familienunternehmen und Stiftung. Nach der Gründung befand diese sich zunächst als Treuhandstiftung in der Trägerschaft des Stifterverbands in Essen. „Die Idee war, erst mal mit einer unselbständigen Stiftung zu starten, um Erfahrungen zu sammeln“, so Wilhelm Straaten, Vorsitzender des Vorstands der Werhahn Stiftung. Dabei übernahm der Stifterverband die komplette Verwaltung.
Allerdings gingen mit der Unselbständigkeit auch Einschränkungen einher, wie etwa die fehlende Möglichkeit, eigene Angestellte zu beschäftigen. Das war eines der Argumente, die den Stiftungsvorstand dazu bewogen, die Umwandlung zu einer selbständigen Stiftung zu vollziehen. „Ein jahrelanger Prozess – das hat uns überrascht“, resümiert Vorstandsmitglied Leonie Fittko. Eine Stiftung sei eine behäbige Struktur. „Veränderungen sind nicht schnell zu machen.“
Neben der Sichtung und Entscheidung über Förderanträge für Projekte an den Unternehmensstandorten, von Südindien über die Ukraine bin ins heimatliche Neuss, ist für Stiftungsvorständin Helene Reuther die Kommunikation in den Gesellschafterkreis hinein die wichtigste Aufgabe der Stiftungsgremien. Das liegt nur nahe, denn die Werhahn Stiftung arbeitet nicht mit dem Geld von Familienexternen. Das Fundraising, das zusätzliche Mittel zur jährlichen Spende der Werhahn KG einwerben soll, richtet sich ausschließlich an den eigenen Gesellschafterkreis.
Auch ohne externe Stakeholder scheinen Vorstand und Kuratorium kommunikativ durchaus gut ausgelastet. „Wir diskutieren sehr viel“, sagt Leonie Fittko. Dass Entscheidungsfindung da manchmal länger dauert, findet sie für die Eigentümerstruktur durchaus angemessen. „Im Kuratorium sitzen Menschen zwischen 30 und 70 Jahren, wir haben ganz verschiedene Lebensentwürfe. Der Werhahn-Gesellschafterkreis stellt einen repräsentativen Querschnitt unserer Gesellschaft in Deutschland dar – das bilden wir im Kuratorium ganz gut ab“, so Fittko. „Wir bewegen uns nicht schnell, aber stetig.“
Wichtig ist ihr, dass Veränderung grundsätzlich möglich ist. Zum Beispiel hat sie schon vor Jahren die Idee eingebracht, nicht nur klassische Wohltätigkeitsunternehmen wie den Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) zu unterstützen, sondern auch Sozialunternehmertum zu fördern. „Wer eine Idee mitbringt, muss sich dafür einsetzen“, sagt sie. Inzwischen sei es für alle Kuratoriumsmitglieder selbstverständlich, dass die Stiftung auch mit Partnern wie dem Sozialunternehmernetzwerk Ashoka zusammenarbeitet. Das zahle auf die Faktoren Professionalisierung und Wirksamkeit ein: „Ashoka selektiert sehr genau, wer dort Fellow wird und Förderung bekommt“, so Leonie Fittko. Das stärke das Vertrauen, dass das Geld der Stiftung sinnvoll eingesetzt werde.
Bei den Treffen der jungen Gesellschafter der Werhahn KG, bei denen alle zwei Jahre (zukünftige) Gesellschafter zwischen 18 und 35 an die Familie und das Unternehmen herangeführt werden, stellt der Stiftungsvorstand die Arbeit der Stiftung vor. „Wir wollen noch mehr Gesellschafterinnen und Gesellschafter dafür gewinnen, mitzuarbeiten, zu spenden und an der Arbeit der Stiftung Anteil zu nehmen“, sagt Leonie Fittko. „Da müssen wir stetig dranbleiben.“ Dass die junge Generation sich zunehmend für das Thema Philanthropie begeistert, wie es verschiedene Studien nahelegen, scheint sich auch bei der Werhahn Stiftung zu zeigen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es für die anstehende Wahl des ehrenamtlichen Kuratoriums im kommenden Jahr neue Anwärter gibt. Parallel dazu sucht die Stiftung neben der Arbeit im Kuratorium nach weiteren Formaten der Beteiligung für Gesellschafter, auch mit weniger Zeitaufwand. Angesichts des großen Gesellschafterkreises wird der Pool an möglichen Kandidaten jedenfalls fortwährend größer.
Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.

