Das Taxi bringt uns zurück in die Zivilisation. Rund 20 Kilometer vom nächsten Bahnhof entfernt hatten wir dem „Wildtierland“ in Klepelshagen, ganz oben rechts in Mecklenburg-Vorpommern, einen Besuch abgestattet. „Wer in diesem Sommer hier war, der kommt nicht mehr wieder.“ Nach Wochen schlechten Wetters und zuletzt einigen Tagen mit Starkregen steht halb Meck-Pomm unter Wasser. Die zahllosen natürlichen Tümpel und Teiche zwischen den von urzeitlichen Gletschern aufgetürmten Hügeln sind über die Ufer getreten. Manche haben mit neuen Bachläufen Verbindung zueinander aufgenommen. Mit der Wende ist über Mecklenburgs traditionell ausgeprägte Landwirtschaft ein Modernisierungssturm hinweggefegt, der die meisten Arbeitsplätze mit sich gerissen und wirtschaftliche Ödnis hinterlassen hat. Eine große Brache liegt am Ortseingang von Pasewalk, dem Ort mit dem Bahnhof. „Da stand mal die Milchfabrik.“ Etwas abseits lag ein großer Geflügelbetrieb, der ebenfalls vielen Menschen Arbeit bot. Der Bahnhof war mal ein Drehkreuz, das heute einsturzgefährdete große Mitropa-Hotel an den Gleisen zeugt davon.
Das Land blüht nur noch im wörtlichen Sinne. Mit einer Arbeitslosenquote von um die 20 Prozent bieten sich für die Jungen keine Perspektiven mehr. Wachstum und Innovation – das sind keine Begriffe, für die Mecklenburg steht. Das wusste schon Reichskanzler Bismarck, als er sich über das rückständige Verfassungswesen der Region lustig machte: „Wenn einst die Welt untergeht, dann will ich nach Mecklenburg gehen. Dort geschieht alles 100 Jahre später.“
Wagemut braucht Unkenntnis
„Es ist manchmal ganz hilfreich, wenn man nicht zu Beginn schon weiß, wie schwierig eine Sache wird“, sagt Haymo Rethwisch, 72, Öko-Großlandwirt und Stifter, außerdem Ex-Mittelständler von Rang. Rethwisch hat sich unmittelbar nach der Wende, da war er Anfang 50, in Mecklenburg einen Traum erfüllt. Er erwarb zunächst 1.100, später weitere 900 Hektar Land. Ein Drittel Wald, zwei Drittel Wiesen und Äcker, rund um das Gut Klepelshagen gelegen, gut 30 Kilometer Luftlinie vom Stettiner Haff entfernt.
Es war ein Mix aus Motiven, der seine Frau und ihn dazu brachte, den Einstieg in Land- und Forstwirtschaft zu wagen. Im Ergebnis war damit auch der Verkauf seines Betriebs, der boco GmbH & Co. KG, an den Haniel-Konzern verbunden. Gut 20 Jahre hatte er die Nachfolge des Vaters geschultert und dabei aus einem 16-Millionen-DM-Betrieb einen mit rund 300 Millionen D-Mark Umsatz aufgebaut. „Das Unternehmen war in guter Verfassung. Doch nach dem Erwerb der ersten Tranche der Ländereien im Osten wurde uns mehr und mehr klar: Das geht nicht so nebenbei. Die Anfrage von Haniel kam mir sehr gut zupass.“ Das nötige Kleingeld, um weitergehende Pläne zu verfolgen, kam auf diese Weise auch in die Kasse. Vor allem aber wurde der Kopf frei. „Landwirtschaftlich gesehen war ich Anfang der neunziger Jahre einigermaßen kenntnisfrei. Nur allmählich wurde uns die Größe der Aufgabe voll bewusst, auf diesem Flecken Erde ökologischen und wildtierschonenden Landbau zu betreiben.“
Die Liebe seines Lebens
Seit seiner frühen Jugend ist Rethwisch verliebt – in die wilde Natur und besonders in die Jagd. Als Junge des Jahrgangs 1938 fiel seine frühe Kindheit in die Kriegsjahre. Er wurde mit der Mutter aus Hamburg evakuiert und lebte während der Kriegsjahre in der Nähe von Schwerin in einem Haus mit großem Selbstversorgergarten, der in der Jagd des Vaters gelegen war. Von seinem sechsten Lebensjahr an begleitete er seinen Vater auf der Jagd. Der Anblick von Rotwild in freier Wildbahn, aber auch alle anderen wilden Schönheiten vom Schreiadler bis zur Rotbauchunke, die brannten sich in der Kindheit nicht nur in sein Gedächtnis, sondern vor allem in sein Herz.
Seine Eltern ließen ihr einziges Kind gewähren, als dieses vor lauter Naturbegeisterung beinahe das „Einjährige“ nicht schaffte. Dabei hatten sie ihn schon auf eine Steiner-Schule geschickt. „Die normale Volksschule hätte ich nie gepackt.“ Nach der Schule hat er lange „rumgedaddelt“, würde man heute sagen. Eine Bank und ein Industriebetrieb, die mit dem Vater gut verbunden waren, nahmen den jungen Mann jeweils für ein paar Monate auf, ließen ihn hospitieren. „Von der strukturierten Ausbildung, die die Lehrlinge erfuhren, war das weit entfernt.“ Oft wussten die Abteilungen, denen der Junge zugeteilt wurde, nicht recht etwas mit ihm anzufangen. Den wesentlichen Teil seiner Nachkriegsjugend und jungen Erwachsenenzeit verbrachte er auf der 2.000 Hektar umfassenden Jagd des Vaters in der Nordheide. Später kam das Skeet-Wurftaubenschießen als Leistungssport hinzu, das er bis 1967 mit einigem Erfolg kultivierte. Nichts Anständiges gelernt, kein Beruf, viel Geld von den Eltern und Hobbys wie ein Fürst: In den zwanziger Jahren seines Lebens gab er ohne Mühe das Bild eines verwöhnten Taugenichts ab.
Dass man ihn im väterlichen Betrieb, in den er mit unterschiedlichen Aufgaben mit 20 eintrat, ernst genommen hat, bezweifelt er. Sicher ist er sich allein, dass ihm die Taugenichts-Jahre nicht geschadet haben. „Die Jagd hat mich Demut und Geduld gelehrt, der Sport den Zusammenhang von Disziplin und Erfolg.“ Die Freiheit, die ihm seine Eltern gewährten (und finanzierten), mag dazu beigetragen haben, dass er die Welt immer als etwas begriffen hat, das man nach seinen Vorstellungen gestalten kann.
Die Stiftung
Wildtiere in Deutschland zu schützen und Menschen für die Schönheit und Einzigartigkeit der heimischen Wildtiere zu begeistern – das ist das Anliegen der Deutschen Wildtier Stiftung. Die Stiftung erhält Lebensräume von Wildtieren in Deutschland und setzt sich bei Politikern und in der Wirtschaft für ihren Schutz ein. Die Wurzeln der heutigen Wildtier Stiftung gründen tief. Sie nahm ihren Anfang, lange bevor es „in“ wurde, „grün“ zu sein und sich für Schutz und Erhalt der Natur zu engagieren. In den sechziger Jahren begann der Hamburger Unternehmer Haymo G. Rethwisch im niedersächsischen Fintel mit dem Kauf erster Flächen, die er konsequent in Lebensräume für Wildtiere umgestaltete. Mitte der neunziger Jahre erwarb er das mecklenburgische Gut Klepelshagen, in unmittelbarer Nähe zu Wildtierland, das heute zu der von Rethwisch gegründeten Deutschen Wildtier Stiftung gehört. Die Bandbreite der selbst gesetzten Auf gaben der Stiftung erweiterte sich von Jahr zu Jahr. Wildtierpolitik und Umwelt bildung stehen heute stärker im Vordergrund. Der Ausbau der Forschungsstation Gut Klepelshagen und das Naturerleb nisprojekt Wildtierland in MecklenburgVorpommern haben derzeit Priorität. 2007 startete die Deutsche Wildtier Stiftung mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) ein fünfjähriges Schutzprogramm für den stark bedrohten Schreiadler. Im darauf folgenden Jahr erhielt die Deutsche Wildtier Stiftung Auszeichnungen für ihre Kam pagnen „Rettet den Spatz – Gebt ihm ein zu Hause!“. Am 13. Mai 2011 wurde Haymo G. Rethwisch der „Deutsche Stifterpreis 2011“ verliehen.
Einen Vorsatz hat er aus der Beobachtung der späten Jahre des Vaters mitgenommen: „Ich war fest entschlossen, dass ich im Laufe meines Lebens nicht auf den Betrieb reduziert werden wollte.“ Nach seiner Erinnerung hatte der Vater in seinen letzten Lebensjahren nur das und die Familie, aber sonst nichts im Leben, was ihm am Herzen lag. „Ich wollte nie am Schreibtisch sterben.“
Den Bezug zur Natur wollte der Sohn jedenfalls nie aufgeben, sondern vielmehr immer weiter vertiefen. Genauso selbstverständlich war allerdings das Eintreten in den väterlichen Betrieb. „Mir war immer klar, dass diese Rolle auf mich wartete. Von Kindesbeinen an hatte meine Mutter mir klargemacht: Das ist alles für Dich, was wir hier aufbauen.“ Insofern habe er auch nie etwas anderes werden wollen. Nicht Lokomotivführer, nicht Feuerwehrmann. Sein Platz im Leben stand fest.
Mit 29 musste er die Leitung des Betriebs an der Stelle des Vaters übernehmen, der mit gut 80 Jahren verstarb. Über die Ursachen des außergewöhnlichen Erfolgs, mit dem er diese Rolle bald ausfüllte, sagt er selbst wenig. Man muss ein bisschen spekulieren. Vielleicht war es seine relative Ferne zum Geschäft, die es ihm erlaubte, auch radikale Modernisierungsschritte zu gehen, moderne Managementmethoden beim Aufstieg vom traditionellen Handwerksbetrieb zum durchstrukturierten Industriebetrieb einzuführen, mit einem Außenseiterblick an überholte Muster heranzugehen; vielleicht hat ihn die Natur das Denken in extrem komplexen Systemen gelehrt – und in Gleichgewichten; vielleicht haben ihn die vielen Jahre mit Zeit im Überfluss Menschenkunde gelehrt. Er beschreibt sich selbst als fachfern, aber menschenklug: „Ich hatte immer das Glück, Leute zu erkennen, die in vielen Dingen besser waren als ich, diese Leute dann in den Betrieb zu holen und zu binden.“
Diejenigen Mitarbeiter, die ihn unter „Geh Du zur Jagd, wir schmeißen die Firma“ verbucht hatten, waren bald weg. Neben dem Menschenfängertalent mag auch die Begabung, Ziele über sehr lange Zeiträume mit großer Beharrlichkeit zu verfolgen, eine wichtige Zutat für den Erfolg gewesen sein. Was auch immer es war: Der Taugenichts wandelte sich zum Verantwortungs- und Führungsmenschen. Die Dynamik der ründungsjahre des Familienbetriebs fand in den kommenden zwei Jahrzehnten eine mindestens so dynamische und ertragsstarke Fortsetzung.
Die Sehnsucht will nicht weichen
Was blieb, war die Sehnsucht nach einer Eigenjagd, also nach deutschem Jagdrecht mindestens 75 Hektar Land. Seine ersten 40 Morgen Wiesengrund erwarb er in der Nordheide, im von der Familie gepachteten Jagdrevier, schon in den sechziger Jahren. Dort legte er Weideflächen für Wildtiere, sogenannte Wildäcker an. Die Jäger, aber auch die Landwirte der Umgebung buchten dieses Verhalten unter: „Der spinnt.“ Wildäcker!
Immer weiter kaufte er Flächen zu. Mehr als fünfzigmal in 15 Jahren, bis er sie schließlich zusammen hatte, seine 75 Hektar. „Ein langer Weg“, sagt er und lächelt. Es ist das ruhige, von einer langsamen Kopfbewegung und einem tiefen Blick begleitete Lächeln eines Menschen, für den hohe Ziele nichts Erschreckendes haben, sondern nur etwas Verlockendes.
Die Gründung einer Stiftung, die der Wildtierhege verschrieben war, der Aufbau einer Forschungsstation in der norddeutschen Heide, das waren erste Gehversuche in eine Richtung, deren Ziel er seinerzeit noch nicht erahnte. Erst die Wende machte das heutige Ziel möglich. 1990, schon auf dem Weg raus aus der operativen Verantwortung der bocoGmbH & Co. KG, bereisten seine Frau und er ein Jahr lang intensiv Mecklenburg-Vorpommern, das Land seiner Kindheit, auf der Suche nach land- und forstwirtschaftlichen Kaufobjekten. Beim Gut Klepelshagen wurden sie fündig. Keine Fernstraßen, die hindurchschnitten. Keine Plattenbauten. Guter Mischwald mit hohem Buchenanteil. Erstklassiger Wildbesatz.
Für ihn und seine Frau folgten viereinhalb Jahre Verhandlungen mit der Treuhand, dem Eigentümer von Gut Klepelshagen, bis zum glücklichen Abschluss, der Verkauf des väterlichen Betriebs, die Vorbereitungen und Modernisierungen der heruntergekommenen Bauten für den Umzug und schließlich Mitte der neunziger Jahre die endgültige Verlagerung des Lebensschwerpunkts auf Gut Klepelshagen.
„Die Fielmann-Brille der Jugendnaturbildung“
Entstanden ist seither ein kleines Paradies auf zwei Säulen. Das Dach, das diese Säulen tragen, heißt mittlerweile „Deutsche Wildtier Stiftung“. Dort hat er die Ländereien eingebracht. Das Stiftungskapital, aus dessen Ertrag die Arbeit der Wildtier Stiftung im Wesentlichen unterstützt wird, beläuft sich inzwischen auf 65 Millionen Euro.
Dabei ist Rethwisch kein Mäzen-Typ, der mit Geld großzügig um sich wirft. Ganz Unternehmer sieht er seine Rolle darin, Effizienz und Profitabilität nie aus dem Auge zu verlieren und den „Druck“ nicht absinken zu lassen. Druck darauf, dass die beiden „Geschäftsbereiche“ der Stiftung – der Naturschutz und der ökologische Landbau – möglichst schnell lernen, aus den eigenen Erträgen zu leben. In der Landwirtschaft kommt er diesem Ziel näher – trotz der hohen Kosten, die Wildrücksicht und Verzicht auf künstliche Dünger und Pestizide bedeuten.
Im Naturschutz ist der Weg länger. In Deutschland sei es nicht einfach, Leistungen, die typischerweise „kostenlos“ von der öffentlichen Hand erbracht würden, als zu bezahlende Produkte auf den Markt zu bringen. Doch auch dort gibt es Fortschritte: Besucherreisen zur Hirschbrunft im September, Wild-Forschungsprojekte mit Drittmittelbeimischung, die Wildmetzgerei mit angeschlossenem Delikatessenversand „Gourmet-Manufaktur.de“ oder ein OnlineShop für Wild- und Naturliebhaber mit so hübschen Produkten wie einem „Schmetterlingshotel mit Wiesenblumen-Samentüte“. Profitabilität muss sein, denn der Stifter will kein Strohfeuer zünden, sondern „Spuren hinterlassen“. Als hätte er mit 72 nicht längst genügend Spuren gezogen, bereitet er nun den dritten Geschäftsbereich vor. Er senkt seine Stimme, als er sagt: „Mit diesem Geschäftsbereich verbinde ich mein Schicksal.“ Das Thema: „Jugendnaturbildung“. Es seien seine Kindesjahre in der Natur gewesen, denen er letztlich alles verdanke. Und das wolle er möglichst vielen Kindern und Jugendlichen nahebringen. Nicht irgendwelchen Kindern, sondern jenen, die naturfern und vor dem PC aufwüchsen.
Alle Erfahrung spreche dafür, dass die intensive Begegnung mit der Natur junge Persönlichkeiten stark positiv in ihrer Entwicklung beeinflussen würde. Nein, charismatische Persönlichkeiten aus der Wildbiologie seien es nicht, die er suche, um die Kinder zu fesseln. Und die müssten auch gar nicht alle nach Meck-Pomm kommen. Er wolle „die Fielmann-Brille der Jugendnaturbildung. Standardisierte hohe Qualität, mit vielen Filialen im ganzen Land, einfach und gut.“ Und sieht genau dort das riesige Versäumnis aller bisherigen Bildungspolitik: Sport und Kultur würden massiv vermittelt.
Doch die dritte Säule, die Natur, unsere Herkunft, unser größter Schatz, jene Säule, die uns die Demut, Bescheidenheit und Geduld lehre, die bliebe außen vor und habe im Alltag keinen festen Platz mehr. Wer aber diese nicht lieben lernen dürfe, gehe arm durchs Leben und nicht selten in die Irre.
Seine Mitarbeiter respektieren den Chef und verstehen die Idee. Aber sie sehen auch, wie dick dieses Brett ist, das sie da bohren sollen, und sind deshalb nicht ohne Zweifel. Natur ist nicht cool. So schön Klepelshagen auch ist: Es sind im Durchschnitt keine zehn Menschen, die pro Tag die „Wildtierbotschaft“ besuchen. Und nur etwa 1.000, die zur Hirschbrunft im September die Ausgucke beziehen. Die Wirkung vor Ort ist begrenzt. Der Leiter des Bereichs Naturschutz und Monitoring im „Wildtierland“, Jens-Peter Kiel, vermutet außerdem einen umgekehrten Zusammenhang: je höher die Naturbedürftigkeit eines Jugendlichen, desto geringer die Erreichbarkeit.
Haymo Rethwisch irritiert das nicht weiter. „Vielleicht müssen wir sie da abholen, wo sie sind: online.“ Vielleicht auch woanders. Er hat das große Ziel vor Augen und keinen Blick für das, was die Sache schwierig machen könnte. Da es sein Wille ist, wird auch ein Weg sein. Früher oder später. Die Suche nach dem passenden Schlüssel hat gerade erst begonnen. „Man muss Geduld haben und beharrlich sein.“ Wie alle guten Jäger.
