Mehr Tradition geht nicht. Wenn der Zirkus Roncalli in eine Stadt kommt, rattert ein Museum auf etwa 400 Rädern durch die Straßen. Ein Glanzstück des Fuhrparks: der Speise- und Konferenzwagen der Direktion, an dessen Innenwänden die Belle-Époque-Ornamente fröhlich goldglänzend vor sich hinschnörkeln. Nur der schnörkellos-moderne Espresso-Vollautomat passt nicht so ganz ins Traditionsambiente. Und noch etwas müsste einen eingefleischten Traditionalisten eigentlich stören: dass alles so perfekt ist. Zu perfekt. Roncalli-Gründer Bernhard Paul sagt: „Ich musste diese Tradition erst erschaffen. In Wirklichkeit war Zirkus nie so prächtig, er war immer ein bisschen ärmlich. Der Schlosser, der’s am besten konnte, hat halt auch noch das Schild bemalt. Und so sah’s dann auch aus.“
Dabei ist der 68-Jährige selbst jemand, der alles Mögliche auf einmal macht. Und alles Mögliche gemacht hat. Der Handwerkersohn aus Niederösterreich hat die „Höhere Technische Lehr- und Versuchsanstalt für Hoch- und Tiefbau“ sowie in Wien die „Graphische Lehr- und Versuchsanstalt“ besucht. Er hat unter Brandauers Regie Theater gespielt und Bücher geschrieben. Er wohnt in einem Wiener Jugendstilhaus am Naschmarkt, in einem liebevoll „remallorcanisierten“ Anwesen bei Palma – und, wenn auch im prachtvoll verschnörkelten Wagen, auf wechselnden Innenstadtplätzen. Er sammelt alte Kaufmannsläden, Lithographien und alles, was mit den Beatles zu tun hat. Er gibt seit Jahrzehnten den Clown Zippo. Und den Unternehmer, der keine Zahlen im Kopf hat, aber trotzdem einen erfolgreichen Familienbetrieb leitet.
Seinen Circus Roncalli hat er 1976 gegründet, zunächst gemeinsam mit André Heller, der aber bald wieder ausstieg. Seit 1990 ist Bernhard Paul verheiratet: mit Eliana Larible, Artistin aus einer französisch-italienischen Zirkusdynastie, achte Generation. Im verschnörkelten Ess- und Besprechungszimmer bedient die 53-Jährige den schnörkellosen Espresso-Vollautomaten. Außerdem kocht sie regelmäßig Spaghetti, die von eminenter Bedeutung für die Funktionsfähigkeit des Zirkus sein sollen. Sie kontrolliert Abend für Abend, ob der Geldbetrag in der Kasse und die Anzahl der verkauften Eintrittskarten zueinanderpassen. Und sie kämpft, das sagt sie mit einem herzlichen Lächeln, für Zirkus-Tradition. „Für sie zählt, wie es schon ihr Vater und ihr Großvater gemacht haben“, sagt ihr Mann. Sich selbst hingegen beschreibt er als Direktor „ohne Scheuklappen“. Immerhin: Dass Zirkus sich wandeln muss, darin sind sich die beiden doch prinzipiell einig. Schließlich kommen die Zuschauer nicht nur, um bloß ein weiteres Mal zu sehen, was sie schon viele Male gesehen haben.
Doch Artisten können nicht immer schneller durch die Manege wirbeln, sich immer verschnörkelter in die Luft schrauben, immer weiter durch die Zeltkuppel schwingen. Also setzt Roncalli nicht nur auf perfektioniertes Traditionsambiente, sondern auch auf perfekte Moderne. Zum Beispiel bei den Kassen- und Vorverkaufssystemen. Oder beim neuen, 14 Meter langen und 300.000 Euro teuren Toilettenwagen mit zwei Erkern, Rollstuhllift, Palmen-Ambiente und dezentem Meeresrauschen. Und bei der Beleuchtung. „Wir hatten schon richtiges Theaterlicht, da haben andere noch ein paar Baustellen-Scheinwerfer ins Zelt gehängt“, sagt Bernhard Paul.
Ein weiterer Kniff: Der Zirkus Roncalli führt nicht nur Kunststücke vor, sondern erzählt Geschichten. Zum Beispiel, indem Artistik mit einer Liebesromanze verknüpft wird. „Ich will alle Emotionen wecken – außer Mitleid“, sagt Bernhard Paul. Auch Adrian Paul meint: „Emotionen sind das Wichtigste.“ Der 24-Jährige mit dem hippen Vollbart hat zwei Schwestern, die 26-jährige Vivian und die 17-jährige Lili. Die drei Direktorenkinder sind ganz zirkustraditionell aufgewachsen, haben spezielle Schulen besucht und einen großen Teil ihrer Kindheit auf Innenstadtplätzen in nostalgischen Wohnwagen verbracht. Doch das sind gute Orte für Kinder, meint ihr Vater.
Kinder trainieren nachts heimlich
Schließlich umschließt das Wagendorf ein Zaun, auf den ein Wachdienst aufpasst. Und drinnen ist „heile Welt“, beteuert Bernhard Paul. Anders gehe es gar nicht: „Wer Drogen nimmt oder trinkt, stürzt buchstäblich ab.“ Auch die Kinder schwärmen von diesem speziellen Lebensstil – von der menschlichen Nähe, die eine Zirkustruppe bietet. Und von der Privatsphäre, die der eigene Wagen beschert. Und vom behaglichen Geräusch des Regens, der aufs Blechdach prasselt. So haben sie beschlossen, dass sie die Tradition fortsetzen wollen. Wobei sie es erst einmal heimlich angegangen sind, mehr oder weniger zumindest. „Die Mutter hat’s natürlich gewusst“, sagt Bernhard Paul. „Aber ich durft’s net wissen.“ Geahnt hat er trotzdem, was da vor sich ging.
Schließlich, so erzählt er, war da nachts immer wieder dieses Geräusch: „Rrrrr, rrrrr.“ Dem ist er irgendwann auch nachgegangen. Dass er das Geheimnis entdeckt hatte, ließ er sich trotzdem nicht anmerken: „Wie das Kind, das herausgefunden hat, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, aber für die Eltern trotzdem weiter mitspielt.“ So ganz recht war es ihm aber eigentlich nicht, dass seine Kinder ihre eigene Rollschuh-Nummer einstudierten. Ob er Angst gehabt habe, dass sie dem großen Namen nicht gerecht werden, wenn sie damit in die Manege gehen? „Nein“, antwortet Paul. „Ich hab gewusst, die machen das. Die wollen, dass es gut wird. Und sie san unglaublich talentiert. Aber es hätt’ net gleich Artistik sein müssen. Artistik ist gefährlich. Und Artisten kann ich mieten.“ Schließlich sollen die Kinder den Zirkus eines Tages eher leiten als bespielen. Andererseits ist eigene Manegen-Erfahrung auch dafür nicht verkehrt: „Man kriegt ein Gefühl fürs Publikum.“
Bernhard Paul hat auch schon eine ungefähre Vorstellung davon, wer sich auf was konzentrieren könnte: Vivian, die Älteste, auf die künstlerische Seite, Adrian auf Musik und Technik. Und Lili, das Nesthäkchen? „Die hat Talent für Geld“, sagt der 68-Jährige. Der eigentlichen Königsdisziplin, der Auswahl der Nummern, sollen sich alle drei gemeinsam stellen. Ihr Vater sagt: „Ein Programm zusammenzustellen, das heißt: so lange Frösche küssen, bis man einen Prinzen findet.“ Mitreden darf die nächste Generation dabei auch jetzt schon. Auch wenn die Geschwister manchmal anderer Meinung sind als ihr Vater. Der sagt: „Das Gute ist, wir haben eine höhere Instanz – das Publikum. Das ist der Schiedsrichter.“ Doch die Zuschauer sind Artisten-Truppen in verschnörkelten Wagen längst nicht mehr so gewogen wie früher. Selbst wenn auf deren Plakaten große Namen prangen.
Kampf gegen die Bürokratie
Barum gab 2008 seine letzte Vorstellung, Busch-Roland hat den Reisebetrieb im Jahr 2010 eingestellt, Sarrasani reist nicht mehr. Bernhard Paul sagt: „Zirkus hatte es nie so schwer wie heute.“ Denn er hat Feinde. Bürokraten zum Beispiel, die Glühbirnen verbieten. Das ist für einen Zirkusdirektor so, wie wenn man einem Pfarrer die Kerzen wegnimmt, sagt der Roncalli-Chef, der Zehntausende Lämpchen gebunkert hat. Noch lauter stöhnt er über die Geschichte mit den neuen Bremssystemen: „Ich musste bei allen meinen historischen Wagen für 400.000 Euro die Achsen rausreißen und ersetzen.“ Nun haben sie autobahntaugliche Zweikreisbremssysteme, um mit minimaler Geschwindigkeit durch Innenstädte zu zuckeln. Denn auf den eigenen Rädern müssen sie nur vom Bahnhof bis zum Zirkusplatz, von Stadt zu Stadt reisen die 100 verschnörkelten Museumsstücke ausschließlich auf Bahnwaggons.
Das allein kostet pro Umzug 50.000 Euro. Und weil die Wagen von März bis Dezember im Freien stehen, müssen viele von ihnen in jedem Winter neu lackiert werden. Was pro Stück um die 10.000 Euro verschlingt. Als größten Feind des Zirkus allerdings betrachtet Bernhard Paul weder Behörden noch Wind und Wetter, sondern den Zirkus selbst: „In der Bibel steht: ,Viele fühlen sich berufen, wenige sind auserwählt.‘ Es gibt Zirkusse, wer da als Zuschauer reingeht, ist für den Zirkus für alle Zeit verloren.“ Doch allein mit perfektionierter Tradition kommt auch er gegen so viel Widrigkeiten nicht an. Immerhin beschäftigt er 150 festangestellte Menschen – 30 von ihnen arbeiten im Kölner Winterquartier mit seinen Werkstätten und der Verwaltung, die übrigen gehen mit auf Tour. „Man muss nebenbei arbeiten gehen, um den Zirkus zu subventionieren“, sagt der 68-Jährige. Also besteht sein Imperium längst nicht mehr nur aus den – mittlerweile zwei – Truppen der Circus Roncalli GmbH, die von März bis Dezember auf Tour sind.
Erweiterung des Geschäftsmodells
Die Apollo Varieté Betriebs GmbH kümmert sich um einen 1997 neben dem Düsseldorfer Landtag errichteten Theaterbau mit 500 Sitzplätzen, etwa 100 Mitarbeitern und eigener Edelgastronomie, der alle drei Monate ein neues Varietéprogramm auf die Bühne bringt. Die Roncalli Markt GmbH richtet seit dem Jahr 2000 den historischen Weihnachtsmarkt in Hamburg aus, der pro Jahr 2,5 Millionen Zuschauer anzieht. Sie veranstaltet den historischen Jahrmarkt in Kornelimünster bei Aachen, und sie organisiert chinesische Märkte an wechselnden Orten. Die Roncalli Event GmbH beschert Unternehmen Firmenfeiern oder Produktpräsentationen mit Roncalli-Ambiente. Und sie stemmt Sonderproduktionen wie den Berliner Weihnachtszirkus im Tempodrom oder Zirkusshows, die Artistik mit Auftritten der Kölner „Höhner“, mit klassischen Konzerten oder mit Gourmet-Essen im historischen Spiegelzelt verbinden.
Diese verschnörkelte Vielseitigkeit ist für Paul die Überlebensgarantie. Doch dass sich das Roncalli-Imperium aus so vielen Firmen zusammensetzt, will er wieder ändern: Für so ein Konstrukt sprachen einst steuerliche Gründe, die mittlerweile entfallen sind. Nun soll eine Struktur her, die für die Zukunft passt. „Ich muss das Haus wetterfest machen für die Zeit, wenn ich nicht mehr da bin“, sagt Paul. Denn nun werden die Kinder „allmählich“ immer mehr Verantwortung übernehmen. Einen Komplett-Rückzug in den Ruhestand allerdings mag sich Bernhard Paul dann doch nicht so recht vorstellen. Schließlich ist ein Zirkusdirektor nicht nur Unternehmenschef, sondern auch Künstler. Und als solcher hat er einen ebenso schnörkellosen wie traditionellen Grundsatz: „Ein Künstler hat nicht das Recht, nicht zu arbeiten.“
