Das (vermeintliche) Unternehmer-Gen

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Marie-Christine Ostermann (38) war schockiert. In einer unter 4.000 Studenten in Deutschland durchgeführten Umfrage fand die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY Ende 2014 heraus, dass ein Drittel nach Ende der Ausbildung am liebsten in den Staatsdienst treten würde. Es folgten im Ranking die Wissenschaft und die Kulturbranche. Selbstständig arbeiten? Weit gefehlt. „Warum wollen nur so wenige Unternehmer werden? Fehlt es uns an Vorbildern?“, fragt Ostermann sichtlich irritiert.

Daher hat sich Ostermann, in vierter Generation Geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittelgroßhandels Rullko, gemeinsam mit Verena Pausder (37), Gründerin und Geschäftsführerin der Fox & Sheep GmbH und Mitglied einer Unternehmerfamilie, darüber Gedanken gemacht, wie bereits Schüler für das Unternehmertum begeistert und neugierig gemacht werden könnten. Den Gedanken folgten Taten. Sie gründeten mit Hilfe weiterer Freunde und Bekannte – auch Familienunternehmer darunter, aber nicht nur – „StartUp Teens“, eine gemeinnützige Plattform, die Schülern helfen soll, ihre Geschäftsidee zu Papier zu bringen, einen Businessplan zu erstellen, Investoren zu gewinnen, um sich schließlich selbständig zu machen. StartUp Teens bietet Online-Trainings an sowie Events rund um das Thema Gründen und einen Businessplan-Wettbewerb. Über 100 Mentoren – alle Unternehmer – unterstützen die Initiative mit Know-how- oder Erfahrungstransfer, unter ihnen auch Xing-Gründer Lars Hinrichs. „Es geht uns nicht nur darum, dass Schüler ausschließlich gründen sollen. Auch als angestellte Führungskräfte sollen sie später unternehmerisch denken und handeln und Spaß an Eigeninitiative haben“, erklärt Pausder.

Auch Verena Hubertz (27) engagiert sich als Mentorin bei StartUp Teens. Sie ist Gründerin: Zusammen mit ihrer Studienkollegin Mengting Gao rief sie Ende 2013 in Berlin Kitchen Stories ins Leben. Die Rezepte-App wird heute von über 8 Millionen Nutzern aus 150 Ländern genutzt. Im vergangenen Jahr sammelten Hubertz und Gao in einer ersten Seed-Finanzierung etwa 1,8 Millionen US-Dollar ein und beschäftigen heute über 20 Mitarbeiter. Hubertz kommt nicht aus einer Unternehmerfamilie. Ihre Mutter ist Lehrerin, ihr Vater arbeitet als Angestellter in einem Industriebetrieb. Beide haben sie in ihrem Vorhaben unterstützt. „Sie haben ja gemerkt, wie begeistert ich war“, erinnert sie sich. „Kitchen Stories ist eine Leidenschaftsgründung.“

Dass sie einmal gründen würde – das hatte sie selbst überhaupt nicht auf der Agenda. Erst als sie während und nach ihrem Wirtschaftsstudium verschiedene Praktika bei Banken und Unternehmensberatungen gemacht hatte, wusste sie, dass sie genau das nicht wollte – als Angestellte in großen Dienstleistungsunternehmen arbeiten. Familienunternehmen als alternative Arbeitgeber? „Die waren in meinen Gedanken gar nicht präsent. Sie treten in der Öffentlichkeit zurückhaltend auf. Das ist eigentlich sehr schade.“

Da verwundert es nicht, dass Unternehmer als Vorbilder in Deutschland kaum existieren. „Wenn man junge Menschen nach ihren Vorbildern fragt, dann sind es meist Sportler, Musiker oder Models“, stellt Ostermann fest. Für Verena Pausder ist Facebook-Gründer Mark Zuckerberg das Vorbild schlechthin, für Verena Hubertz ist Sheryl Sandberg eine inspirierende Persönlichkeit.

Der 17-jährige Schüler Niclas Jakob hält Virgin-Group-Gründer Richard Branson für einen Vorbildunternehmer. „Er probiert immer wieder etwas Neues aus und ist nicht der typische Manager, der immer in Anzug und Krawatte herumläuft“, sagt er. Niclas Jakob führt gemeinsam mit Lena Kotlarov die Schülerfirma Ecological Revolutionary Company eSG am Landschulheim Schloss Heessen in Ostwestfalen. Die Schülergenossenschaft berät Firmen, die öffentliche Hand und auch Privatpersonen in Sachen Energie und Nachhaltigkeit. Jakob und Kotlarov haben die Online-Tools und -Trainings von StartUp Teens genutzt, auch die Unternehmerevents besucht und den Paneldiskussionen gelauscht. „Man gewinnt Vertrauen, wenn man mit den erfahrenen Gründern spricht. Und verliert im Gegenzug Ängste und Unsicherheit.“ Niclas’ Eltern sind beide selbständig und unterstützen ihren Sohn, auch wenn seine geschäftlichen Aktivitäten ihm die Zeit für eine intensivere Vorbereitung auf das Abitur nehmen. Dafür ist Niclas ihnen dankbar. Denn „nicht jeder hat hier in Deutschland die gleichen Chancen. Daher finde ich gut, dass StartUp Teens sich auch an Schüler in Realschulen und Hauptschulen wendet“, sagt Niclas. Dennoch glaubt er, dass das Elternhaus keine entscheidende Rolle dabei spielt, ob jemand gründen möchte oder nicht. Er ist überzeugt: „Jeder kann gründen. Man muss es nur machen. Es kommt auf einen selber und seine Eigeninitiative an.“

Verena Pausder teilt die Ansicht, dass Eigeninitiative und Leidenschaft mit zu den entscheidenden Erfolgsfaktoren von Gründungsunternehmern zählen. Von dem sogenannten Unternehmer-Gen hält sie ebenso wenig wie Ostermann, Hubertz und Jakob. Daher will StartUp Teens möglichst viele erreichen, „egal aus welchem familiären und sozialen Umfeld die Schüler kommen“, sagt Ostermann.

Gleichwohl räumt Verena Pausder ein, dass ihre Risikofreude und Unbekümmertheit in einigen Belangen sicherlich ihrem Aufwachsen in einer Unternehmerfamilie zuzuschreiben seien. Sie hat mit 20 Jahren zum ersten Mal gegründet, ihr Mann Philipp mit 36 Jahren. „Er entstammt nicht einer Unternehmerfamilie und hat viel länger mit dem Sprung in die Selbständigkeit gerungen.“

Marie-Christine Ostermann hat Spaß an StartUp Teens. Das Echo der Schüler sei durchweg positiv und motivierend. Und an den Online-Trainings nimmt sie selbst manchmal teil. „Ich lerne immer wieder dazu, auch aus den Gesprächen mit den Schülern.“ Gründer bewundert und beneidet sie manchmal fast um ihre Freiheit. Als Nachfolgerin arbeitet sie mit und in den Strukturen, die ihre Vorväter geschaffen haben. Nicht ohne Grund bangen manche in die Jahre gekommenen Firmenchefs, dass ihre Sprösslinge sich lieber selbständig machen. Die Begeisterung und die Leidenschaft der Gründerszene sind verlockend. Nicht jeder kann widerstehen.

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.