Die Patriarchen des Wirtschaftswunders

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Wirtschaftsführer, die Westdeutschland aus den Trümmern des Nationalsozialismus aufbauten, waren Männer, die es in sich hatten: farbige, knorrige Figuren, keine Schwächlinge, jeder auf seine Weise unverwechselbar. Gemeinsam war ihnen, dass sie noch im deutschen Kaiserreich geboren waren, die meisten zwischen 1880 und 1910, und fest in der vermeintlichen Sekurität des wilhelminischen Deutschlands wurzelten. Sie dachten patriarchalisch, ständestaatlich, antikommunistisch und waren politisch rechts bis rechtsaußen angesiedelt. Können und Erfahrung war ihnen nicht abzusprechen, das taten auch die Sieger nicht, die schon bald auf sie angewiesen waren. Was die deutsche Wirtschaft vor dem Krieg produziert hatte, war Weltstandard.

Ohne diese Männer mit Vergangenheit wäre das Wirtschaftswunder nicht zu haben gewesen – ohne ihre Energie, ohne ihre Begeisterungsfähigkeit, aber auch nicht ohne die kalte Bedenkenlosigkeit, mit der sie die zwölf Nazijahre als „accident de parcours“ abhakten und in der Bundesrepublik weitermachten. Als sie ihre zweite Karriere begannen, waren sie zwischen 40 und 50 Jahre alt. Jüngere Konkurrenten hatten sie nicht zu fürchten, weil viele Wirtschaftler des Dritten Reiches das Kriegsende und die frühe Besatzungszeit politisch und persönlich nicht überlebt hatten. Altgediente Generaldirektoren konnten deshalb ihre Amtszeit um Jahre verlängern. Einer von ihnen war Wilhelm Zangen (Jahrgang 1891). Als Chef der Mannesmannröhren-Werke war er einer der einflussreichen Unternehmenslenker, dessen Lebensweg eindrucksvoll illustriert, welche große Rolle Kontinuität für das Wirtschaftswunder spielte. Schon vor dem Krieg brachten ihn seine strategischen Fähigkeiten bis an die Spitze der Reichsgruppe Industrie und damit in nächste Nähe zum Naziregime, was er als notwendiges Übel wegsteckte.

Entnazifiziert

Nach Kriegsende saß er wie viele seiner Standesgenossen in Arrest, ohne dass sein Selbstbewusstsein darunter gelitten hätte. „Den Arrest trage ich, wie so mancher Unschuldige ihn tragen muss“, schrieb er in seinen „Aufzeichnungen“. Ungestört konnte er seine Gedanken um das Schicksal der Mannesmannröhren-Werke kreisen lassen, die auf den Demontagelisten und Entflechtungsplänen der Alliierten ganz oben standen. Zangen wollte mit aller Macht zurück – und zwar auf seinen alten Sessel als Generaldirektor –, um zu retten, was zu retten war. Das schien nicht nur ein schweres, sondern ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Zangen hatte sich erst relativ spät entnazifizieren lassen, als gewitzter Verhandler hatte er wissen wollen, mit wem er es zu tun hatte. Aber die Amerikaner wussten seine Rolle nicht recht einzuschätzen, so ging er 1948 zunächst als „Mitläufer“ durch und wurde schließlich entlastet. Im Vorstand seines Unternehmens hatten längst andere unbelastete Herrschaften das Sagen. Es sah ganz so aus, als würde niemand mehr ein Stück Brot von ihm nehmen.

Aber diese Rechnung war ohne den Wirt gemacht. Zangen hatte noch andere wohlwollende Bekannte, vor allem Hermann Josef Abs, vom Spiegel einmal als „Engel des bundesrepublikanischen Großkapitals“ porträtiert. Abs war zwar offiziell noch kaltgestellt, aber intern spielte er in der Deutschen Bank, die als Großaktionär bei Mannesmann seit eh und je ein wichtiges Wort mitzureden hatte, schon wieder die ausschlaggebende Rolle. Abs hielt Zangen für einen tüchtigen Mann, und Zangen seinerseits respektierte die Schlüsselrolle von Abs. Die Macht der Tradition und der wechselseitigen Treue behauptete sich auch in den Jahren, wo sie beide „brachlagen“.

Zangen kehrte am 1. Dezember 1948 zu Mannesmann zurück und war bald wieder „Herr im Hause“, auch wieder mit dem Titel „Generaldirektor“, das hatte er sich extra ausbedungen. Als wäre nichts gewesen, hörte alles wieder auf sein Kommando. Zu bedauern hatte das niemand. Zangen war der Erste, der seinen Konzern durch alle Klippen der Rückentflechtung hindurch zum alten Glanz und zu größerer Wirtschaftsmacht zurückführte. Am Ende gingen aus den alten Mannesmannröhren-Werken drei entflochtene Montangesellschaften hervor, deren Kapitalstock doppelt so hoch war wie der des alten Konzerns. Lapidar vermerkte der alte Haudegen, der seine Firmen wie Armeen führte: „Unsere Aktionäre konnten zufrieden sein“. Der Neuanfang der Mannesmann AG war ein Erfolg. Die meisten Leute nannten es damals ein Wunder.

In Zangens 58 Berufsjahre fielen zwei Weltkriege, zwei Wiederaufbauzeiten und zwei Perioden als Generaldirektor der Mannesmannröhren- Werke (von 1934 bis 1945 und von 1948 bis 1957). Danach amtierte er noch bis 1969 als Aufsichtsratsvorsitzender und bis zu seinem Tod als Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats. War er ein Patriarch? Streng genommen, war er wie die meisten anderen Bosse der großen Kohleund Stahlgesellschaften im Revier nur ein angestellter Manager. Aber mit diesem Begriff konnten Menschen seinesgleichen wenig anfangen. Sie waren „Herr im Hause“ – eine Selbsteinschätzung, die ihnen niemand streitig machte, auch die Eigentümer nicht. Die waren zufrieden, solange die Gewinne flossen. Kohle war das Schwungrad der Wirtschaft, Stahl die Basis. Das Wachstum ihrer Unternehmen war gesichert. Unter Skrupeln litten die „Wundertäter“ nicht. Vielmehr erwarteten sie breite Dankbarkeit dafür, dass sie die Menschen wieder in Arbeit und Brot brachten.

Der negative Patriarchenbegriff wird geprägt

Die Selbstherrlichkeit der Vorstände in den fünfziger Jahren, die zuweilen die Grenze zu plumper Anmaßung überschritt, wäre heute schwer zu ertragen. Ihr Großmachtanspruch sorgte mit für die negative Konnotation, die der Begriff des Patriarchen in den sechziger und siebziger Jahren bekam. Er wurde zum Synonym für eine autoritäre, hierarchische, konservative Männerwelt – der geborene Buhmannn für alles, was weiblich, kritisch, antiautoritär und jung war.

Es gab aber auch andere, revierferne, von der Vergangenheit weniger belastete Unternehmer, wie zum Beispiel den „gottesfürchtigen Mittelstand“ in Schwaben. Auch denen fiel es nicht schwer, sich an den feinen „Herren im Westen“ zu reiben. In ihrem Gedächtnis hat sich tief eingegraben, wie herablassend sie von den allgewaltigen „Schlotbaronen“ in den schwierigen Nachkriegsjahren behandelt wurden. Einer dieser Schwaben ist Helmut Eberspächer, Jahrgang 1915, der Familienpatriarch des gleichnamigen, inzwischen weltweit tätigen Herstellers von Autozubehör in Esslingen am Neckar. Er war Ritterkreuzträger der Luftwaffe und beendete den Krieg als Nachtjäger in einer einsitzigen Focke-Wulf 190. Auch er fuhr damals als Bittsteller ins Revier, weil er Stahl brauchte, aber keine Genehmigung dafür hatte. Fast 50 Jahre später fiel sein Urteil über die Kohlenpottgrößen immer noch eindeutig aus: „Die Kerle im Ruhrgebiet waren so selbstherrlich und so unerträglich, die gingen mir wirklich auf den Keks.“

Die zahlreichen, eigenbrötlerischen „Blechlöffelesfabrikanten“ und „Knöpflesmillionäre“, die genauso zum Aufschwung der fünfziger Jahre gehören wie die großen Konzerne, hatten ihre eigenen Ansichten über den Reichtum an Rhein und Ruhr. Das Fundament des Reichtums im Revier war ihrer Ansicht nach „geschenkt“ – eine verschwenderische Mitgift der Natur, die nur ans Licht gehoben werden musste. Sie selber konnten sich auf nicht viel mehr verlassen als auf ihr „Köpfchen“ und auf die alten Tugenden des Pietismus: Fleiß, Sparsamkeit und die beherzte Hinwendung zur Tat.

Zu Unternehmern wie Eberspächer, die ihr privates König – reich gründeten, um es zu vererben, passt das Bild vom Patriarchen immer noch. Gemeint ist das Familienoberhaupt, das aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Lebensleistung unangefochten an der Spitze steht, für die Familie (zu der damals noch die Mitarbeiter zählten) sorgt und die Politik bis in die Enkelgeneration hinein bestimmt. Patriarchen dieser Art können sich auch heute noch sehen lassen – vor allem, wenn sie von den Enkelinnen abgelöst werden.

* Nina Grunenberg, langjährige Redakteurin und Chefreporterin der ZEIT. Von 1987 bis 1995 war sie stellvertretende Chefredakteurin.