„Dieses Buch schreibst Du nicht.“

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Frau Jacobs, was war der Anlass, dieses Buch zu schreiben?

Geschrieben habe ich eigentlich schon immer. Irgendwann riet mir eine Bekannte mit Blick auf meine Biographie, die Geschichte meiner Familie aufzuschreiben. Ich war nicht gerade begeistert. Mein erster Gedanke war: Alles, nur das nicht!

Warum das?

Als Jugendliche spürt man Stimmungen und Atmosphären sehr gut. Auf Familienfeiern, wenn alle zusammenkamen, hat man irgendwie gespürt, dass da etwas fehlte. Eine bestimmte Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander. Es gab Themen, über die nicht gesprochen wurde. Ich habe wohl instinktiv gewusst, dass ein Buch über die Familie zu schreiben zu den Dingen gehörte, die man nicht tut.

Warum haben Sie es dann doch geschrieben?

Weil mich das Thema nicht mehr losgelassen hat. Als mir spontan nicht der Vorname meiner Großmutter väterlicherseits, die ich nie kennen gelernt hatte, einfallen wollte, habe ich angefangen zu recherchieren. Ich wollte wissen, wer meine Vorfahren waren.

Sie haben ein sehr persönliches Buch über Walther Jacobs geschrieben. Gab es Vorbehalte in der Familie Jacobs?

Ja, natürlich. Mein Vater z.B. war sehr dagegen. Da fielen solche Sätze wie: „Dieses Buch schreibst du nicht. Das kommt gar nicht in Frage.“ Oder: „Über die guten Familien wird am wenigsten gesprochen.“ Das hat mir irgendwie zu denken gegeben. Dann wollte ich das Buch umso mehr schreiben. Aber es gab auch andere Stimmen. Mein Onkel Klaus hat mich darin bestärkt, das Buch zu schreiben.“

Haben Sie das Buch vor der Veröffentlichung von Familienmitgliedern „gegenlesen“ lassen?

Nein. Ich habe auch irgendwann überhaupt kaum noch über das Buch gesprochen. Wenn ich das Skript Dritten zum Lesen gegeben hätte, hätte sicher jeder noch etwas hinzugefügt. Vielleicht wäre dann eine geschönte Version entstanden. Das wäre dann auch nicht mehr meine Geschichte gewesen.

Und wie waren die Reaktionen in der Familie nach der Veröffentlichung?

Sehr unterschiedlich. Positiv und negativ. Mein Vater war der Erste, der mir gesagt hat, dass es ein gutes Buch sei. Negativ, weil ich Dinge hervorgeholt habe, mit denen sich manche Personen in den letzten 50 Jahren nie auseinander gesetzt haben. Und weil ich über Dinge geschrieben habe, die für mich einfach nur „menschliches Schicksal“ sind. Eine andere Generation versteht diese Dinge aber nicht unbedingt als „menschliches Schicksal“, sondern eher als Schande. Als etwas, worüber man nicht spricht und schon gar nicht schreibt.“

Wie war die Recherche innerhalb der eigenen Familie?

Nicht leicht. Ich habe mich oft sehr schlecht gefühlt, weil ich überhaupt gefragt habe. Manchmal kam es erst nach dem dritten oder vierten Treffen zu einem richtigen Gespräch. Ich hatte oft das Gefühl, gegen eine unsichtbare Wand zu rennen. Mit dem Satz „Das war eine schreckliche Zeit“ wurden Erinnerungen einfach ausgesperrt. Dabei fand ich eigentlich, dass ich jedes Recht hatte zu fragen. Schließlich waren es auch meine Vorfahren.

Das Unternehmen „Jacobs“ wurde an Imperial Tobacco verkauft, als Sie noch ein Kind waren. Welche Beziehung haben Sie zum Unternehmen Jacobs?

Ich bin nicht in Bremen aufgewachsen, sondern in der Schweiz. Das war also alles recht weit weg. Auch hatte mein Vater, als jüngster Sohn von Walther Jacobs, nie etwas mit dem Unternehmen zu tun. Bei den Jacobs wurde das Unternehmen traditionell immer an den ältesten Sohn weitergegeben, also an Klaus Jacobs. Natürlich hatten wir auch die „Krönung“ in der Vorratskammer stehen. Mir wurde aber erst spät richtig bewusst, dass mein Großvater der Walther Jacobs von der „Jacobs Krönung“ war. Eine wirkliche Beziehung zum Unternehmen habe ich erst durch die Recherche an dem Buch aufgebaut. Ich habe lange mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen, z.B. mit Walther Jacobs Sekretärin, Frau Sörös. Die arbeitet mit ihren 65 Jahren immer noch für die Stiftung Gut Fährhof, die mein Großvater gegründet hat. Heute weiß ich, dass ich sehr stolz bin auf diesen Großvater, auf seine Tatkraft, auf das, was er beim Wiederaufbau geleistet hat. Ich wünschte, ich hätte ihn besser gekannt. Ich habe ihn als Kind zwar auf Familienfeiern gesehen. Aber Zweiergespräche haben wir nie geführt.

Wie war das, als Sie sich das Werk in Bremen angeschaut haben?

Na, ein bisschen traurig war das schon. Da steht eben nicht mehr Jacobs über der Eingangshalle, sondern Kraft Foods. Die Produkte, die einem entgegenleuchten, sind ja nicht nur Jacobs Kaffee. Da steht auch Miracle Whip und anderes.

Was war das Einprägsamste, das Sie im Laufe der Recherche über Ihre Familie erfahren haben?

Wahrscheinlich, dass beide Familienstränge Anfang des letzten Jahrhunderts in einer sehr ähnlichen Lage waren. Die Geschichten haben sich dann aber komplett unterschiedlich entwickelt: Die eine Familie hat alles verloren, die andere alles gewonnen.

Info

Louise Jacobs

Louise Jacobs (22) ist Enkelin von Walther Jacobs, der die Bremer Kaffeerösterei Jacobs nach dem Krieg wieder aufgebaut hat. Ihr Onkel, Klaus Jacobs, hat das Unternehmen 1972 von seinem Vater übernommen und unter anderem die Schweizer Schokoladenfirmen Tobler und Suchard hinzugekauft. 1990 wurde der Konzern an Imperial Tobacco verkauft. Als Grund für den Verkauf nannte Klaus Jacobs damals die hohe Verschuldung des Unternehmens: Jacobs hatte seinen Geschwistern ihren Erbteil auszahlen müssen.

Der Familie von Klaus Jacobs gehört heute ein Mehrheitsanteil an der Schweizer Zeitarbeitsfirma Adecco sowie am Schokoladenkonzern Barry Callebaut, den er aus Teilen der alten Jacobs- Gruppe (Industriegeschäft Schokolade) neu aufgebaut hat.

In ihrem Buch „Café Heimat“, das im August 2006 im Ullstein Verlag erschienen ist, schreibt Louise Jacobs die Geschichte ihrer Großeltern mütterlicher- und väterlicherseits auf: die Geschichte des Aufstiegs der Bremer Kaufmannsfamilie Jacobs und die Geschichte der Flucht der jüdisch-sephardischen Familie Jessurun aus Europa.

„Café Heimat“

Von Louise Jacobs*

Ich bin 22. Diese Reise war ich meinen Vorfahren und mir selbst längst schuldig. Ich folge verschütteten und vergessenen Spuren nach Hamburg und Arizona, zu den Gräbern meiner Vorfahren in Rio de Janeiro und in New York. Wer war Walther Jacobs? Diese Frage führt mich zurück an den Anfang meiner Erinnerung an Familie. Die jüdischen Spuren mütterlicherseits führen mich nach Hamburg, wo ich mit dem Archivar, Herrn Sielemann, die Geburtsurkunden und Gemeindebücher im Keller des Staatsarchivs durchblättere. Die blauen Akten meines Urgroßvaters sehe ich mehrere Male im Lesesaal ein sowie ein Biographisches Lexikon der Sepharden in Hamburg, in welchem ich unter den Familiennamen Cohen, Luria, Ferro und zahlreichen anderen auch die Jessuruns finde.

Die Wege führen mich nach New York an das Grab meines Urgroßvaters Fritz Moritz alias Fred Milton, auf einen Friedhof in Queens. Die Reise bringt mich erstmals nach Arizona zu seiner Tochter Eva, zu seinem Humidor, zu seiner Briefmarkensammlung. Eva erzählt mir Geschichten von ihm, manche lassen mich schmunzeln und manche bestürzen mich.War ich sonst nur alle drei Jahre in Bremen bei meiner Großmutter Ann, besuche ich sie jetzt häufiger, sitze auf ihrem Sofa und blättere in einem alten Kochbuch meiner Urgroßmutter Else. Ann erzählt nur ungern von der schweren Zeit der Familie in Amerika. An Elses Grab in Rio de Janeiro wird mir klar, wie weit eine Diaspora sein kann, nicht mehr messbar in Raum und Zeit. Ich begegne in Bremen, Zürich und München den Hinterbliebenen meines Großvaters väterlicherseits und jenen, die Walther Jacobs kannten und sich gerne an ihn erinnern. Ich höre seine Sekretärin mit leuchtenden Augen von dem freundlichen und verbindlichen Herrn sprechen. Ich sitze meiner Tante gegenüber, die mit verlorenem Blick Halt sucht, während sie von ihrem Vater spricht, der sie nie in den Arm genommen hat und der auf ihre Ausbildung keinen Wert legte.

Ich sollte dieses Buch nicht schreiben. Nie war die Geschichte unserer Familie bei uns ein Thema. Ich wuchs als Deutsche in einem viersprachigen Binnenland auf, mit fünf Geschwistern und liebevollen Eltern. Ohne Alpen und die Leidenschaft fürs Skifahren, ohne Pfadfinder, ohne Gletscherwanderungen und schlaflose Nächte in Berghütten wäre ich nicht die Deutsche, die ich heute so schweizerisch bin. Eines aber fehlte mir in dieser Heimat – es waren die Vorfahren.

In Zürich hatte die Familie keine Wurzeln, keine Geschichte – mir fehlten familiäre Traditionen, um mich dort heimisch zu fühlen. Um zu leben musste ich wissen, wer wo, wann und woran gestorben war. Die Vergangenheit begann in meine Gegenwart einzudringen. »Sag mal, hast du eigentlich spanische Vorfahren?«, fragte mich mein Freund eines Abends. »Was?«, rief ich aus. »Spanien? Wir sind ein norddeutsches Bauerngeschlecht. « »Du hast mit Sicherheit spanische Vorfahren.« Wie konnte es sein, dass ich mit 22 Jahren nicht wusste, woher ich kam? Ich fühlte mich nicht zum ersten Mal in meinem Leben verloren, doch diesmal wusste ich endlich warum. Seine Beharrlichkeit und meine unbehagliche Ahnung von fremden Ursprüngen veranlassten mich zum ersten Mal in meinem Leben, meine Mutter danach zu fragen: »Könnte es sein, dass wir spanische Vorfahren haben?« Mit ihrer Antwort tat sich der dünne Boden eigener Vergangenheit unter meinen Füßen auf. Die Reise ins Ungewisse, ins Unbekannte hatte begonnen. Da tauchten plötzlich Rabbiner aus Venedig auf, Pilger aus Lissabon. Erstmals sah ich ein Bild meiner Urgroßmutter Else und erfuhr den Namen meines Urgroßvaters. Für jedes dieser Details wagte ich mich auf das Minenfeld der Erinnerung. Ich war wie im Rausch: Das ist das Blut, das in mir fließt, das sind meine Gene! Es sind also die Sepharden, die spanischen Juden. Es sind die Bauern aus Borgfeld mit Sau, Kuh und Hof.

Meine Mutter musste vierzig werden, bis die ersten Bücher über das Judentum ihren Weg in unsere Bibliothek fanden. Erst heute spricht mein Vater über das „Bremer Brot mit Würfelschinken“, das sich mein Großvater ins Büro mitnahm und bei einer Tasse Kaffee um zehn Uhr aß. Ich weiß heute, was mir als Kind und Jugendliche fehlte: dass ich nie auch nur ein Wort mit Walther Jacobs, meinem Großvater, gewechselt hatte, an das ich mich erinnern könnte, dass ich nie verstand, warum meine Mutter in Nicaragua geboren war, ihre Mutter aber in Bremen lebte – und wir in der Schweiz. Ich fragte nicht danach, weil niemand fragte. Der Normalzustand war, dass meine Großmutter vielleicht zweimal im Jahr bei uns war. Von meinem Opa Jacobs erreichte mich jährlich zum Geburtstag ein Brief mit einem Geldschein und einem Foto von seinem Haus. Der Normalzustand war das Nicht-Sprechen, war die Unantastbarkeit der Vergangenheit.

* Auszug aus dem Buch „Café Heimat“, erschienen im August 2006. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Ullstein Verlags.