Für die Quote

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Echte Feministinnen findet man selten in Deutschlands Unternehmerfamilien. Die junge Generation mag das Thema nicht. Sie erkämpft sich lieber eine Führungsposition, statt lautstark gegen Ungleichbehandlung zu protestieren. Die ältere Generation lebt mehrheitlich eine eher traditionelle Rollenverteilung. Die Nummer eins im Familienunternehmen ist meist der Mann. Zwar arbeiten viele Frauen im Familienunternehmen mit. Aber oft in einer nachrangigen Rolle. Unternehmerfrauen wie Regine Sixt oder Alice Schardt-Rossmann haben über Jahrzehnte in verantwortungsvoller Position zum Unternehmenserfolg beigetragen.

Öffentlich sichtbar ist ihre Arbeit aber kaum. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen liegt bei Familienunternehmen nach einer Intes-Studie aus dem Jahr 2010 immerhin bei 25 Prozent. Er nimmt allerdings mit zunehmender Unternehmensgröße dramatisch ab. Prof. Dr. Ulrike Detmers (56) gehört zu den 25 Prozent und zwar zu denjenigen, die auch nach außen hin in der ersten Reihe stehen. Sie ist neben ihrem Mann und Schwager gleichberechtigtes Mitglied der Geschäftsleitung des Gütersloher Backwarenherstellers Mestemacher.

Dabei ist Ulrike Detmers keine Unternehmertochter. „Ich stamme aus einem Beamtenhaushalt“, berichtet sie. Ihr Mann Albert Detmers ist der mit der Unternehmertradition. Seine Familie hatte aus einer 1904 gegründeten Dorfbäckerei eine mittelständische Lieferbäckerei gemacht. Diese wurde 1985 verkauft (siehe Kasten). Fast zeitgleich übernahmen die Brüder Albert und Fritz Detmers dann die Gütersloher Spezialbäckerei Mestemacher.

Heute wird das Unternehmen von einer Dreierspitze aus Ulrike, Albert und Fritz Detmers geführt. „Das funktioniert sehr gut. Die klare Ressorttrennung trägt sicher dazu bei“, sagt Ulrike Detmers. Während sie der kreative Kopf ist, ist ihr Mann Albert eher Vertriebstyp und Zahlenmensch. Ihr Schwager Fritz ist der Praktiker in der Familie und kümmert sich u.a. um die Produktion.

Für die Aufgabe qualifiziert hat sich Ulrike Detmers auf einem ganz anderen Feld. Die promovierte Betriebswirtin hält seit 1994 einen Lehrstuhl für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Bielefeld und ist verbeamtet. „Dass ich mich an der Hochschule gegen eine Vielzahl von Mitbewerbern durchgesetzt habe, hat vielleicht auch meinen Mann beeindruckt“, sagt Detmers heute. Mitglied der Geschäftsführung wird Detmers im Jahr 2000. Die beiden Kinder Christine (31) und Albert Hendrik (29) sind damals im jungen Erwachsenenalter. „Mitgearbeitet habe ich eigentlich immer“, erinnert sich Detmers. Aber wie so oft in Familienunternehmen als mithelfende Familienangehörige ohne klares Stellenprofil. Ab 2000 ist sie für das Zentralressort Markenmanagement und Social Marketing verantwortlich und krempelt die Marke Mestemacher zur Lifestyle Bakery um.

Nicht vielen Ehefrauen gelingt der Sprung in die Geschäftsleitung. In der Familie Detmers war es vergleichsweise einfach. Weder Albert noch Fritz seien Patriarchen alter Schule, so Detmers. Die Brüder Detmers sind es gewohnt, dass Frauen wie die Großmutter Friederike und die Mutter Magdalene Einfluss auf die Unternehmenspolitik genommen haben.

Öffentlichkeit nutzen

Die Situation bei Mestemacher war also nicht der Grund für ihr feministisches Engagement. Die Initialzündung gab eine wissenschaftliche Studie zum Thema „Erfolgsfaktoren für Unternehmerinnen“, an der sie fast zwei Jahre gearbeitet hat. Hinzu kam die historische Aufarbeitung der Unternehmensgeschichten von Detmers und Mestemacher, in deren Zuge Detmers auf die zentrale Rolle von Frauen in den beiden Unternehmen stieß. Seitdem lässt sie das Thema „Gleichberechtigung von Frauen in der Wirtschaft“ nicht mehr los. Sie hat Preise wie „Managerin des Jahres“, „Spitzenvater des Jahres“ oder den Mestemacher Kita-Preis erfunden und lobt diese seit vielen Jahren aus. Teilweise bekommt sie dafür sehr prominente Unterstützung aus der Politik. Dr. Ursula von der Leyen übernahm in ihrer Zeit als Familienministerin mehrmals die Schirmherrschaft für ein Mestemacher-Projekt.

Mit dem Preis „Managerin des Jahres“ fördert Detmers ganz bewusst angestellte Managerinnen, die sich in Konzernstrukturen durchsetzen. Keine Nachfolgerinnen aus Familienunternehmen: „Die haben ja ohnehin bessere Startvoraussetzungen“, erklärt sie. Neben öffentlichkeitswirksamen Einsätzen für mehr Geschlechtergerechtigkeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat Ulrike Detmers ihre Überzeugungen auch im Unternehmen umgesetzt. „Die Unternehmenskultur ist sicherlich auch durch meine wissenschaftlichen Fähigkeiten geprägt“, sagt Detmers. Eine von Detmers’ ehemaligen Angestellten an der Fachhochschule ist mittlerweile Geschäftsführerin einer Mestemacher Auslandsfiliale. Führungspositionen sind grundsätzlich bei Mestemacher auch in Teilzeit und mit Kind möglich.

Als Teilzeitprofessorin ist Detmers weiterhin in der Lehre und Betreuung ihrer Studenten engagiert. Die Doppelrolle möchte sie nicht aufgeben. Ihre Position im Unternehmen verdankt sie auch ihrer Hochschulkarriere. Und ihrem klaren Bekenntnis zu Frauenthemen. Sie scheut sich nicht, eine gesetzliche Frauenquote einzufordern: „Nach der frei – willigen Verpflichtung der Wirtschaft, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, ist doch nichts passiert“, konstatiert sie kühl: „Wenn der Staat nicht für die Frauen eintritt, wer denn dann? Angesichts des Fachkräftemangels können wir es uns gar nicht leisten, Frauen in der Wirtschaft weiter zu benachteiligen.“ Detmers wünscht sich für Deutschland eine Regelung nach Vorbild des norwegischen Modells. Norwegen hat nach langem Hoffen auf eine freiwillige Steigerung des Frauenanteils im Topmanagement im Jahr 2008 eine Zwangsquote von 40 Prozent für Frauen in Aufsichtsräten eingeführt.

Seit über zehn Jahren engagiert sich Detmers für die Gleichstellung. „Sicherlich hat sich seitdem schon viel getan“, gibt sie zu. „Die männlichen Seilschaften funktionieren aber immer noch“, ist sie überzeugt.

Info

Familie Detmers und Mestemacher

Mestemacher gehört seit 1985 der Familie Detmers. Damals verkauften Albert und Fritz Detmers ihr eigenes Familienunternehmen, die Lieferbäckerei Detmers aus Jöllenbeck, aufgrund des schwierigen Marktumfelds und der zunehmenden Konkurrenz von Bäckereiketten an die Großbäckerei Wendeln (heute Lieken AG). Kurz darauf übernahm die Familie die Spezialbäckerei „Mestemacher“ in Gütersloh, ebenfalls ein Familienunternehmen. Mit einer Innovationsoffensive, neuen VertriebskanäIen und der Fokussierung auf lang haltbare Brotspezialitäten sollte Mestemacher auf Wachstum getrimmt werden. Im Jahr 2011 macht der Gütersloher Brotspezialist mit 552 Mitarbeitern einen Umsatz von 118 Millionen Euro. 23 Prozent gehen in den Export. Derzeit führen die drei Gesellschafter Fritz (50 Prozent), Albert und Ulrike (50 Prozent) das Unternehmen gemeinsam. Aus der nächsten Generation arbeiten bereits Maik Detmers (Betriebsleiter) und Albert Hendrik Detmers (Junior-Export-Manager) im Unternehmen.