Auslagern von Anlageentscheidungen: Make or Buy?

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Zollkriege, Zinsfragen und geopolitische Konflikte: Die Zeiten sind unruhig, politisch wie wirtschaftlich – und das spiegelt sich in einem volatilen Kapitalmarktumfeld wider. Die passende Vermögensallokation zu finden, ist derzeit eine enorme Herausforderung. Das gilt auch und umso mehr bei der Verwaltung von Familienvermögen. Schließlich müssen hier neben Faktoren wie Chance-Risiko-Verhältnis noch weitere Aspekte wie emotionale Bindungen, Werte und Traditionen berücksichtigt werden. Das sorgt für eine besonders hohe Komplexität.

Michael Kreibich ist Leiter Investment Consulting bei Berenberg. / Foto: Berenberg
Michael Kreibich ist Leiter Investment Consulting bei Berenberg. / Foto: Berenberg

Eine Möglichkeit, die mit dem Familienvermögen verbundenen Fragestellungen – zu denen neben der Anlagestruktur auch steuerliche Belange oder der Vermögensübertrag gehören – anzugehen, ist die Einrichtung eines eigenen Single Family Offices. Das ergibt bei größeren Vermögen durchaus Sinn. Bei unter 200 Millionen Euro kann es sich aufgrund der hohen Kosten und geringeren Skaleneffekte jedoch anbieten, sich einen externen Partner an die Seite zu holen. Mit einem Outsourced Chief Investment Office (OCIO) haben Familien die Möglichkeit, auf professionelle Strukturen und Investmentexpertise zurückgreifen, ohne sich eigens ein Team aufzubauen.

Dynamischer Prozess

Ein OCIO unterstützt Investoren mit einem maßgeschneiderten Ansatz, da jedes Familienvermögen Besonderheiten mit sich bringt. Zunächst geht es darum, gemeinsam die Anlageziele zu definieren – sowohl aus Renditesicht als auch mit Blick auf die gesellschaftliche Wirkung, die gegebenenfalls erzielt werden soll. Darauf folgen die Bestandsaufnahme und die Analyse, denn das vorhandene Vermögen ist meist vielschichtig: Neben Liquidität besteht es in der Regel aus Investments wie Anleihen, Aktien und nicht börsennotierten Investitionen in Unternehmen, Krediten, Infrastruktur oder Immobilien. Dazu kommen mitunter unternehmerische Beteiligungen oder auch Liebhaberstücke wie Oldtimer oder Kunst.

„Es ist wichtig, die unterschiedlichen Vermögensbestandteile im Detail zu analysieren.“ 
– Michael Kreibich und Dennis Nacken

Daher ist es wichtig, die unterschiedlichen Vermögensbestandteile im Detail zu analysieren, aus Risiko-Rendite-Gesichtspunkten zu bewerten und anschließend zu kategorisieren. Dabei lassen sich beispielsweise drei Segmente unterscheiden: Zunächst die Sicherheitsreserve, bestehend aus Tages- und Termingeldern sowie selbst genutzten Immobilien und Versicherungsprodukten, bei der Renditeeinbußen im Gegenzug für Sicherheit bewusst in Kauf genommen werden. Daneben steht das Marktportfolio, das der langfristigen Finanzierung des Lebensunterhalts und dem realen Vermögenswachstum dient und – je nach Anlageziel – börsennotierte sowie illiquide Investments beinhaltet. Den dritten Pfeiler kann das unternehmerische Portfolio bilden – konzentrierte Positionen mit unternehmerischem Charakter, bei denen bewusst höhere Risiken in Kauf genommen werden. Auf Basis dieser Bestandsaufnahme erfolgt der Aufbau einer individuell abgestimmten strategischen Asset-Allokation.

Dennis Nacken ist Leiter Single Family Office Investment Advisory bei Berenberg. / Foto: Berenberg
Dennis Nacken ist Leiter Single Family Office Investment Advisory bei Berenberg. / Foto: Berenberg

Gesagt, getan: Auf die strategische Planung folgt dann die praktische Umsetzung. Dabei kann das OCIO ebenfalls unterstützen – zum Beispiel, wenn es um die Selektion passender Asset-Manager oder den Zugang zu bestimmten Investments geht.

Bei allen Vorteilen, die ein OCIO bieten kann, sollten sich Investoren die Entscheidung für eine solche Lösung jedoch nicht zu einfach machen. Es ist wie in einer guten Ehe: Ihnen muss bewusst sein, dass es sich bei der Auslagerung der Investmententscheidungen um einen großen Schritt handelt – schließlich geben sie einen Teil der Kontrolle ihres Vermögens in externe Hände. Dies erfordert ein hohes Maß an Vertrauen. Dazu kommt eine gewisse Abhängigkeit vom gewählten Dienstleister, da ein gegebenenfalls nötiger Wechsel Zeit braucht und mit Aufwand verbunden ist. Daher kommt der Wahl des passenden Partners eine hohe Bedeutung zu: Augen auf bei der Partnerwahl!

Für Investoren mit einer komplexen Vermögensstruktur, die dazu bereit sind und bei denen die Einrichtung eines eigenen Family Offices noch nicht wirtschaftlich sinnvoll ist, kann ein OCIO eine effiziente Lösung sein. Wichtig dabei ist: Es sollte sich bei der Zusammenarbeit mit einem OCIO um einen dynamischen Prozess handeln, bei dem jederzeit Anpassungen vorgenommen werden können.