Nora Oberländer von der Hübner-Gruppe: Gummistiefel, Faltenbalg, KI

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Nora Oberländer, wenn Sie an die Unternehmensgeschichte der Hübner-Gruppe denken – was sind die Meilensteine für Sie?

Mein Urgroßvater Kurt Hübner, meine Urgroßmutter Anne Hübner und ihr Vater Georg Schellhas haben die Firma 1946 gegründet, nachdem die Familie nach Kassel geflohen war. Angefangen haben sie gewissermaßen als Start-up mit der Reparatur von Gummistiefeln – das war wertvoll, da diese Artikel nach dem Zweiten Weltkrieg gebraucht wurden. Darüber haben sie sich Kompetenzen im Umgang mit Gummi angeeignet. In den 50er-Jahren stellte die Firma dann den ersten Faltenbalg her, erst für die Bahn, dann für Gelenkbusse der Firma Henschel. Ende der 80er, Anfang der 90er ging es los mit Hochgeschwindigkeitszügen, angefangen beim ICE. Die Übergangssysteme sind heute in der ganzen Welt im Einsatz, und die Gruppe hat sich weiterentwickelt mit heute vier Geschäftsbereichen Rail, Road, Material Solutions und Photonics.

Was steckt hinter diesen Übergangssystemen?

Ein Übergangssystem verbindet Waggons in allen Straßenverkehrsmitteln wie im Bus, im Zug, in einer Metro oder einer Straßenbahn. Es bietet einen sicheren und komfortablen Übergang von Wagenkasten zu Wagenkasten und ist ein sicherheitskritisches Element. Für Gelenkbusse zum Beispiel liefern wir heute das Komplettsystem – also 1,60 Meter Bus. Da ist alles drin: das Gelenk, die Energieführung, die speziell entwickelten Materialien, die zum Beispiel Brandschutz möglich machen. Unser Anspruch ist es, den Kunden zu helfen, den CO₂-Fußabdruck zu verbessern. Nicht nur bei den Materialien, die wir einsetzen, sondern auch bei der Wartung. Bei der Erneuerung verfolgen wir einen nachhaltigen und ressourcenschonenden Ansatz: Wir tauschen nur das, was wirklich nötig ist.

Seit März sind Sie als CDO im Tagesgeschäft der Hübner-Gruppe tätig. Wie war Ihr Weg dorthin?

Ich war über zehn Jahre im Beirat der Firma Hübner, der vergleichbar mit einem Aufsichtsrat ist. Von dort aus habe ich die Entwicklung mitbegleitet. Gleichzeitig habe ich bewusst in anderen Firmen gearbeitet. Das hat mir sehr geholfen, mich weiterzuentwickeln. Ich war immer neugierig auf Hübner – auf die Möglichkeiten, etwas zu bewegen, und auf die Verantwortung, die man hier übernehmen kann. Für mich heißt das: gestalten statt verwalten, neue Themen anstoßen, Innovationen vorantreiben. Mein Fokus liegt auf Nachhaltigkeit, Digitalisierung und auch auf KI – immer mit Blick darauf, was es dem Kunden bringt.

Info

Die Hübner-Gruppe wurde 1946 in Kassel von Kurt Hübner gegründet. Angefangen hat alles mit einer Werkstatt, in der Gummistiefel repariert wurden. Nach dem ersten Faltenbalg für die Deutsche Bundesbahn und den Systemen für Gelenkbusse stattete Hübner Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre erstmals Hochgeschwindigkeitszüge wie den ICE. Heute arbeiten rund 3.500 Mitarbeitende an mehr als 30 Standorten weltweit. Die Geschäftsbereiche sind Mobility, Material Solutions und Photonics. Das Unternehmen gehört einer Stiftung, die die Mehrheit der Anteile und mit den Ausschüttungen Projekte in Wissenschaft, Bildung, Soziales und Kultur finanziert.

Vor allem als Familienmitglied kennen Sie die Herausforderung, das zu bewahren, was das Unternehmen erfolgreich gemacht hat und gleichzeitig neue Dinge voranzutreiben. Wie gehen Sie das an?

Mein Ansatz ist Tradition mit Innovation zu verbinden, durch diese Kombination kann man jahrelange Erfahrung mit neuen Ansätzen kombinieren und das bringt uns zusammen zum Erfolg. Unser Mindset ist sehr „Hands on“ und unternehmerisch, die Wege sind kurz. Wir sind nah am Produkt und den Kunden. Das ist ein Vorteil. Vor allem beim Thema Künstliche Intelligenz, das ich als CDO im Blick habe.

Kann KI in ihrer aktuellen Entwicklungsphase schon Teil einer langfristigen Strategie sein?

Für uns ist KI klar strategisch. Wir priorisieren jetzt schon die Use Cases: Was ist sinnvoll, was braucht der Kunde? KI wird unsere Arbeit verändern – in der Verwaltung, in der Produktion und auch an den Schnittstellen zum Kunden. Aus meiner Sicht ist es eine Superpower, die jede und jeder Mitarbeitende für sich in der täglichen Arbeit nutzen sollte.

Können Sie konkrete Beispiele geben?

In der Administration arbeiten wir zum Beispiel mit Copilot von Microsoft, um Verträge zu vergleichen. Wir testen KI auch für Patentrecherchen. Ein praxisnahes Beispiel betrifft die akustische Fehlerdiagnose an Gelenksystemen in Bussen: Bei Störgeräuschen, die auftreten können, testen wir ein eigenes KI-Modell, das Tonaufnahmen analysiert und charakteristische Geräuschmuster konkreten Fehlerbildern zuordnet. Vergleichbar ist das Prinzip mit der App Shazam, die Musiktitel anhand kurzer Klangmuster identifiziert. Der Nutzen: schnellere Diagnose, gezieltere Wartung und die Möglichkeit, den Service künftig auch externen Kunden anzubieten. Solche produktionsnahen KI-Anwendungen mit Kundenfokus sind neben vielen internen Prozessoptimierungen aus meiner Sicht ein großer Hebel im Mittelstand.

Wie stellen Sie sicher, dass KI echten Nutzen bringt?

Für uns gilt aktuell: Der ROI sollte unter drei Jahren liegen. Was länger dauert, braucht eine sehr gute Begründung. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass manche längerfristigen Projekte strategisch extrem wertvoll sein können – etwa im Bereich Wissenssicherung oder Kundenbindung.

Auf dem Weg zur Implementierung von KI-Lösungen: Wie fällt Ihr Rat an andere Mittelständler aus?

Nicht zu lange in der Theorie bleiben. Schnell in die Praxis gehen, Leuchtturmprojekte starten. Früh den Schritt gehen und auch mit Kunden zusammen Dinge testen und zusammen an Lösungen arbeiten. Dazu hilft eine starke Vernetzung mit anderen Akteuren und Partnern über Veranstaltung wie letztens zum Beispiel der deutsche KI-Gipfel von A11, denn man muss das Rad auch nicht immer neu erfinden und kann sich zu Erfahrungen mit anderen auf solchen Veranstaltungen austauschen und gemeinsam lernen.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.