Herr Jacobs, Sie stammen aus einer traditionsreichen Unternehmerfamilie. Wann haben Sie selbst begonnen, sich unternehmerisch zu engagieren?
Das war 1992, als mein Vater mir die Unternehmung Nabob Coffee in Vancouver vermachte.Mein Vater hat bereits sehr frühzeitig sein Erbe aufgeteilt. Rund die Hälfte seines Vermögens (Aktien, Cash, Immobilien usw.) teilte er unter seiner Frau und meinen fünf Geschwistern auf. Die andere Hälfte, und das umfasst im Wesentlichen die Beteiligungen an Adecco, Barry Callebaut und Infront Sports & Media, wurde in der Jacobs Holding AG gebündelt. Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt bei Boston Consulting Group gearbeitet. Nach dem Erbfall machte es für mich wenig Sinn, dort weiterzuarbeiten.
Was haben Sie mit Ihrem Erbe gemacht?
Nabob Coffee habe ich Ende 1993 veräußert. Einen Teil der Erlöse habe ich angelegt, mit dem anderen habe ich begonnen, insolvente Firmen zu kaufen und zu sanieren und tue das zum Teil immer noch. Dazu gehören z.B. die Minibar AG und die Acentic AG. Beide bieten Dienstleistungen für Hotels an. Andere Firmen, bei denen ich mich jedoch bereits wieder von meinem Engagement getrennt habe, waren z.B. die Fassadenbaufirma Schmidlin AG, der Fischverarbeiter Deutsche See oder Teile der Schuhkette Bally.
Nicht alle Ihre Engagements sind gutgegangen?
Das stimmt. Die Fassadenbaufirma Schmidlin AG konnten wir zwar zunächst vor der Insolvenz retten und sogar den Umsatz verdoppeln, mussten dann fünf Jahre später aber schließlich doch aufgeben. Dafür liefen andere Beteiligungen wie Deutsche See beispielsweise sehr gut.
Warum gerade insolvente Unternehmen?
Dort kann man am meisten bewegen. Bei insolventen Unternehmen können Sie auf die Unterstützung der Mitarbeiter zählen. Die Menschen sind oft verzweifelt angesichts der Lage. Mit neuen Produkten können Sie oft sehr schnell etwas bewegen, eine Trendwende schaffen. Mich interessieren Unternehmen, bei denen ich Wert schaffen kann.
Welche Kriterien müssen Unternehmen erfüllen, damit Sie sich engagieren?
In der Regel schaue ich mir nur Handel und Dienstleistungsunternehmen an, Branchen mit einer hohen People- Abhängigkeit. Hier können Sie mit neuen Produkten und ohne enormen Investitionsaufwand kurzfristig etwas drehen.
Heute sind Sie Vorsitzender der Jacobs Holding.Wann war für Sie klar, dass Sie die Nachfolge Ihres Vaters antreten würden?
Das hat sich so ergeben. Bei Jacobs bin ich eingestiegen, als die Bitte von meinem Vater kam: „Kannst Du helfen?“ Das war 2001. Damals habe ich mich um das US-Geschäft von Barry Callebaut gekümmert. Daraus wurde dann sukzessive immer mehr. Heute bin ich Verwaltungsratsvorsitzender von Barry Callebaut und Mitglied des Verwaltungsrats von Adecco. Da ein Verwaltungsrat in der Schweiz anders als in Deutschland auch mit Geschäftsleitungsaufgaben betraut und damit für die Strategieentwicklung zuständig ist, sind diese Mandate fast ein Fulltimejob. Allein das Mandat bei Barry Callebaut beansprucht momentan rund 50 Prozent meiner Zeit.
Die Familie Jacobs
Nach dem Verkauf des Bremer Familienunternehmens Jacobs-Suchard im Jahr 1990 engagierte sich Klaus Jacobs (71) in der Schweiz bei diversen Unternehmen und baute diese aus. Sein unternehmerisches Engagement ist heute in der Unternehmensgruppe Jacobs Holding AG gebündelt. Das sind im Wesentlichen die 29-prozentige Beteiligung an der börsennotierten Zeitarbeitsfirma Adecco SA (Umsatz 20,4 Milliarden Euro, Reingewinn 2006 611 Millionen Euro), die 50,5-prozentige Beteiligung am ebenfalls börsennotierten Industrieschokoladehersteller Barry Callebaut AG (Umsatz 2,5 Milliarden Euro) sowie die Beteiligung am Sportrechtevermarkter Infront Sports & Media AG. Andreas Jacobs (44), Sohn von Klaus Jacobs, hat 2004 dessen Nachfolge in der Jacobs Holding angetreten. Als Vorsitzender der Holding ist er gleichzeitig Verwaltungsratspräsident bei Barry Callebaut, stellvertretender Verwaltungsratspräsident bei Infront und Mitglied des Verwaltungsrats bei Adecco.
Die Erträge der Jacobs Holding fließen in vollem Umfang an die Jacobs-Stiftung, die sich der Jugendarbeit verschrieben hat und u.a. mit 200 Millionen Euro eine Bremer Privatuniversität unterstützt. Christian Jacobs (45), der älteste Sohn von Klaus Jacobs, kümmert sich um die Aktivitäten der Stiftung. Der Familie gehört weiterhin das 1960 von Walter Jacobs gegründete und im Galopprennsport erfolgreiche Gestüt Fährhof in Sottrum bei Bremen. Klaus und Andreas Jacobs unterhalten darüber hinaus Gestüte in England und Südafrika.
Das klingt, als seien Sie eher ein Beteiligungsmanager als ein Familienunternehmer?
Ich bin ganz klar Familienunternehmer. Ich möchte langfristig für die Familie Wert stiften.
Bei Ihren Restrukturierungsfällen haben Sie sich aber eher wie ein Finanzinvestor verhalten: Sie kaufen sich ein, restrukturieren und veräußern die Beteiligung wieder.
Als ich 1994 mit meinen Direktbeteiligungen begonnen habe, war das noch ein anderes Geschäft. Damals hat man nicht sofort an den Ausstieg gedacht, wenn man sich irgendwo eingekauft hat. Man hat auch nicht in dem Maß mit Leverage und Deleverage gespielt, wie das heute der Fall ist. Heute hat man beides bereits vor der Investitionsentscheidung sehr sorgfältig durchdacht. Aber ich habe auch keine Angst, eine Beteiligung einmal länger zu halten.
Wie sieht es mit den Beteiligungen der Jacobs Holding AG aus? Ist das ein Portfolio von Finanzbeteiligungen, das man je nachdem,wo die beste Rendite zu erzielen ist, umstrukturiert? Sprich, ist es denkbar, dass sich die Jacobs Holding von Beteiligungen wie Adecco oder Barry Callebaut eines Tages trennt?
Grundsätzlich ja. Es gibt keine heilige Kuh. Aber anders als ein reiner Finanzinvestor verkaufen wir nicht gleich, wenn das Geschäft nicht läuft. Wir gehen immer erst einmal davon aus, dass es an uns liegt, dass wir etwas besser machen müssen. Und sicherlich ist die Identifikation mit dem Schokoladengeschäft am stärksten, weil unsere Familie traditionell mit Kaffee und Kakao zu tun hatte. Für mich ist klar:Mit Kakao müssen wir irgendwie Geld verdienen, egal wie sich der Markt entwickelt. Ansonsten gilt: Die Jacobs Holding wird sicherlich nicht plötzlich in die Investitionsgüterindustrie einsteigen. Unser Kerngeschäft waren schon immer Consumer Goods bzw. Produkte mit kurzer Wertschöpfungskette.
Gab es jemals Überlegungen, die Marke Jacobs Kaffee zurückzukaufen?
Nein. Der Verkauf war sicherlich Anfang der neunziger Jahre ein sehr schmerzhafter Prozess. Aber das Ganze ist jetzt 17 Jahre her. Das Kapitel ist wirklich abgeschlossen.
Inwieweit sind Sie in die Aktivitäten der Jacobs-Stiftung involviert?
Um die Stiftung kümmert sich mein Bruder Christian. Das wäre auch nichts für mich. Ich möchte unbedingt etwas Operatives machen, etwas Unternehmerisches, wo ich etwas bewegen kann. Wie sieht es mit Ihrer Risikoneigung bei Vermögensanlagen aus? In meinen Direktbeteiligungen gehe ich ein relativ hohes Risiko ein. Bei meinen anderen Vermögensanlagen schaue ich eher auf risikoärmere Geldanlagen. Entsprechend sind auch meine Renditeerwartungen. Wenn ich mit Wertpapieren rund 6 Prozent Rendite im Schnitt machen kann, müssen meine Direktbeteiligungen wegen des höheren Risikos im zweistelligen Bereich liegen. Das war in den letzten fünf bis sechs Jahren auch meist der Fall.
Ihr Vater war und ist eine beeindruckende Unternehmerpersönlichkeit. Inwiefern setzt Sie das Vorbild Ihres Vaters unter Druck?
Es gibt viele Dinge, für die ich meinen Vater sehr bewundere. Natürlich für das, was er aufgebaut hat, für seine Disziplin und seine Fähigkeit, andere Menschen zu begeistern. Und es gibt andere Dinge, die ich bewusst anders mache, als er es getan hat. Dazu gehört z.B. die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Ich habe vier Kinder. Mit denen möchte ich Zeit verbringen.
