Davon können die meisten Gründer nur träumen: Ein Unternehmen bauen, das Nachhaltigkeit und Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellt – unter dem Dach einer Stiftung. Piet Mahler erhielt 2022 die Chance, diesen Traum mit der Gründung von Holi Social zu verwirklichen. Holi Social ist eine App, die gemeinnützige Initiativen und Organisationen sowie interessierte und engagierte Menschen auf einer Plattform miteinander vernetzt und verschiedene Tools für die Zusammenarbeit anbietet. Entstanden ist die Idee in der Holistic Foundation, einer von Benjamin und Janina Lin Otto gegründeten gemeinnützigen Stiftung, die sich zu gesellschaftlichen Themen engagiert.
Auf der grünen Wiese
Vor zwei Jahren grübelte das Gründertrio, wie man den Herausforderungen der Zeit am besten begegnen könnte. „Es gibt viele gute Initiativen, aber jede agiert in ihrer eigenen Blase. Wir wollten gesellschaftliches Engagement skalierbar machen. Uns war schnell klar, dass wir dies am besten über eine digitale Plattform erreichen können“, berichtet Mahler, der damals als Chief Digital Officer für die Holistic Foundation arbeitete und heute CEO von Holi Social ist.

Die Ansprüche der drei waren hoch: Ihr Unternehmen sollte Gemeinnützigkeit und Unternehmertum miteinander vereinen. Der Gesellschaftszweck sollte langfristig erhalten und das Unternehmen unabhängig bleiben. „Wir wollten die optimale Gesellschaftsform für unsere Vision finden. Zu Beginn hatten wir allerdings noch keine genaue Vorstellung davon, wie das aussehen könnte“, erinnert sich Mahler. Denn keine Rechtsform schien die gestellten Anforderungen zu erfüllen. Im Zuge ihrer Überlegungen stießen die Gründer auf das Konzept des Verantwortungseigentums. Die Idee dahinter: Nicht das Profitstreben, sondern der Unternehmenszweck soll im Vordergrund stehen.
Damit die Unabhängigkeit des Unternehmens dauerhaft gewahrt ist, wird das Vermögen an das Unternehmen gebunden, Gewinne werden reinvestiert oder gespendet. Die Kontrolle bleibt bei denjenigen, die dem Unternehmen langfristig verbunden sind. Daher sind Stimm- und Teilhaberechte getrennt. Stimmrechte können weder frei verkauft noch vererbt werden.
Das Dilemma für Mahler und die Ottos: Bislang gibt es keine Rechtsform für dieses Eigentumsmodell (siehe Kasten). „Daher mussten wir uns mit einer Ersatzkonstruktion behelfen. Die rechtliche Ausgestaltung für Holi Social war ganz schön kompliziert“, räumt Mahler ein.
Als Ideengeber für die Gründung eines Unternehmens in Verantwortungseigentum stand zunächst der Berliner Verlag Neue Narrative Pate. Aber auch mit anderen Start-ups wie dem Musiksoftwareproduzenten Ableton und dem Recycling-Start-up Wildplastic tauschten sich die drei Holi-Social-Gründer aus. Bei der Ausgestaltung des rechtlichen Rahmens unterstützte die Purpose-Stiftung, die es sich zu Aufgabe gemacht hat, Unternehmer mit einem treuhänderischen Unternehmensverständnis bei der Entwicklung individueller Eigentumslösungen zu begleiten.
Im ersten Schritt gründeten die Ottos und Mahler die Holi Moli GmbH. Im zweiten Schritt folgte die Gründung einer GbR. In der Satzung der Holi Moli GmbH wurden zwei Anteilsklassen festgelegt: stimmberechtigte und stimmrechtslose Anteile. „Mit-arbeitende, die das Unternehmen vorantreiben, können wir über stimmberechtigte Anteile einbinden, aber sie sind nicht am Gewinn beteiligt“, erläutert Mahler. Vor kurzem haben Benjamin Otto und Piet Mahler 15 Prozent ihrer Anteile an Holi Social auf die GbR übertragen. Über sie kann sich zunächst eine Handvoll Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen. Schritt für Schritt wollen sie weitere Anteile an Kollegen oder auch Partner abgeben. Als Partner gelten laut Mahler Organisationen, die das Geschäftsmodell mittragen, wie aktuell die gemeinnützige Spendenplattform Betterplace.
Info
Uneinigkeit herrscht darüber, wie die konkrete Ausgestaltung einer solchen Rechtsform aussehen sollte. Während die Stiftung Verantwortungseigentum und eine wissenschaftliche Expertengruppe eine eigene Rechtsform (Gesellschaft mit gebundenem Vermögen, GmgV) befürworten, hat das Bundesjustizministerium im September 2024 Eckpunkte für eine „thesaurierende Kapitalgesellschaft“ als GmbH-Variante vorgestellt. Damit würde die neue Rechtsform durch Sondervorschriften im GmbH-Gesetz geregelt.
Bei der GmgV handelt es sich um eine „personalisierte“ Körperschaft mit eigener Rechtspersönlichkeit. Kern der GmgV ist, wie der Name bereits vermuten lässt, die rückwirkend unumkehrbare Vermögensbindung. Die Gesellschafter verfügen über Stimmrechte, haben aber keinen Anspruch auf Gewinnausschüttung, so dass investierte und erwirtschaftete Gewinne dauerhaft für den Unternehmenszweck und die Entwicklung des Unternehmens zur Verfügung stehen. Gesellschafter treten, ähnlich wie bei einer Mitgliedschaft in einer Genossenschaft, gegen Zahlung einer Einlage in die Gesellschaft ein – und auf demselben Weg gegen die Erstattung der Einlage wieder aus. So wird eine quasi-treuhändische Weitergabe ermöglicht. Bei Liquidation muss überschüssiges Vermögen an andere Organisationen mit Vermögensbindung oder gemeinnützige Einrichtungen übertragen werden. Erfolgsbezogene Beteiligungen sind grundsätzlich nicht mit Stimmrechten verbunden. Investments können zu marktüblichen Konditionen getätigt werden. Dafür kommen insbesondere schuldrechtliche Finanzierungsinstrumente in Frage, wie variable verzinste Nachrangdarlehen, Genussrechte oder stille Beteiligungen.
Quelle: Stiftung Verantwortungseigentum; T. Bauer, L. Weber, A. Saponare (Görg, 25.9.2024): „Kommt nun die ‚thesaurierende Kapitalgesellschaft‘? Ein Update zur neuen Rechtsform für Purpose-Unternehmen“.
In der Präambel von Holi Social bekundet das Gründungstrio die Absicht, innerhalb von fünf Jahren seine stimmberechtigten Anteile auf maximal zusammen 25 Prozent zu reduzieren. Der Gedanke dahinter: Es sollen nur Menschen im Unternehmen das Sagen haben, die auch Verantwortung tragen. Dass Mahler irgendwann seine Anteile an einen Nachfolger abgeben muss, ist für ihn kein Problem. „Ich sehe mich nicht als Eigentümer, eher als Treuhänder unseres Start-ups.“
Durch die Schaffung von stimmrechtslosen Anteilen können auch Investoren eingebunden werden. Dafür erhalten diese eine risikoadäquate Verzinsung. Allerdings sind die Renditechancen gedeckelt. Als mögliche Investoren für Holi Social kommen laut Mahler Family Offices oder Impactfonds in Frage.
Mit Investoren wachsen
Wäre nicht eine Stiftungslösung am Ende einfacher gewesen? Mahler schüttelt den Kopf: „Obwohl die rechtliche Gestaltung komplexer war, als wir erwartet hatten, würde ich es wieder so machen“, ist er sich sicher. „Mit der jetzigen Struktur können wir unsere Handlungsfreiheit erhalten und den Verkauf des Unternehmens zum Zweck der Profitmaximierung verhindern. Denn die Anteilseigner erhalten nur ihre Einlage zurück.“ Stiftungen, die eine unternehmerische Betätigung ermöglichten, seien hochkomplex und im Hinblick auf den notwendigen Beratungsaufwand entsprechend kostspielig, gibt Mahler zu bedenken. Zudem ließen sich die Anteile nicht so einfach übertragen.
Obwohl es inzwischen keine rechtliche Verbindung mehr zur Holistic Foundation gibt, wird Holi Social nach wie vor von den Ottos finanziert. Auf lange Sicht soll sich das Start-up aber selbst tragen. „Benjamin Otto begleitet uns zwar langfristig, er schaut aber sehr genau auf unsere Entwicklung und die Performance“, stellt Mahler fest. Die Frage, wie das Geschäftsmodell aussehen soll, beantwortet er eher vage: „Wir denken über verschiedene Erlösmodelle nach, derzeit befinden wir uns aber noch in der Phase des Product-Market-Fits.“
Dass Holi Social einmal Gewinn erzielen wird, steht für den CEO aber außer Frage. Seit Juli 2024 ist das Unternehmen, das inzwischen 40 Mitarbeiter beschäftigt, mit seiner App auf dem deutschen Markt. Ab 2026 soll die App auch für die Zielgruppe im Ausland zur Verfügung stehen. Damit die Expansion finanziert werden kann, will sich das Start-up in den kommenden Monaten für externe Investoren öffnen. Das Ziel: Holi Social zu einer weltweiten sozialen Bewegung zu machen.
Info
Die Holi-Social-App bietet eine Plattform für soziales Engagement und richtet sich an Personen, die sich ehrenamtlich engagieren möchten und gemeinnützige Organisationen, die Unterstützung für ihre Initiativen suchen. Holi Social vereint Spendenaufrufe, Freiwilligenprojekte und redaktionelle Inhalte zu sozialen Themen. Organisationen werden Tools zur internen Kommunikation, Spendenverwaltung und Projektorganisation angeboten.
Inzwischen wurde das Start-up aus der Holistic Foundation ausgegründet und firmiert unter dem Namen Holi Moli GmbH (in Verantwortungseigentum). Piet Mahler ist Geschäftsführender Gesellschafter. Benjamin Otto und Janina Lin Otto sind im siebenköpfigen Sounding-Board – eine Art Beirat – vertreten.
