Unternehmensverkauf: Die Vermessung der Gefühle

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Verkauf des Familienunternehmens an einen Private-Equity-Investor? Diese Form der Nachfolgelösung wählen Familienunternehmen aus unterschiedlichsten Gründen. Doch wie entscheiden sich Familienunternehmer für einen Investor? Dieser Frage geht die Studie „Family firm exit: A vignette study on selling to an activist versus a steward private equity investor“ nach. Das Paper wurde im International Small Business Journal veröffentlicht und war Teil der Doktorarbeit von Christopher Khoury an der WHU – Otto Beisheim School of Management.

Activist vs. Steward Private Equity

Khoury differenziert in seiner Untersuchung: „Wir haben in der Studie zwischen zwei Archetypen eines Investors unterschieden: einem Activist Private Equity (APEIs) Investor und einem Steward Private Equity Investor (SPEIs)“, erklärt er. APEIs werden als Investoren definiert, die eher auf schnelle Rendite und eine umfassende Restrukturierung setzen. SPEIs sind hingegen Investoren, die eine stabilere und „wertebasierte“ Strategie verfolgen, oft aber einen geringeren Kaufpreis zahlen als APEIs.

Bei der Wahl zwischen den Investorentypen spielt vor allem der sogenannte Sozioemotionale Wert (SEW) eine Rolle. Einfluss darauf nehmen kann beispielsweise, wie stark die Unternehmerfamilie am Standort des Unternehmens verwurzelt ist. Aber auch die Faktoren, ob die Familie in der Öffentlichkeit steht oder den gleichen Namen wie das Unternehmen trägt, können laut Wissenschaftler Khoury Indikatoren dafür sein, dass der SEW gegeben beziehungsweise stark ausgeprägt ist. Ist der SEW stark ausgeprägt, bevorzugen die meisten Verkäufer einen SPEI gegenüber einem APEI, da sie Wert darauf legen, dass das Unternehmen in ihrem Sinne weitergeführt wird – auch wenn sie einen niedrigeren Kaufpreis für ihr Unternehmen erhalten.

APEIs werden dementsprechend als potenzielle Käufer ausgewählt, wenn der sozioemotionale Wert nicht stark ausgeprägt ist. Khoury konnte beobachten, dass das oft der Fall ist, wenn nicht das komplette Unternehmen verkauft wird, sondern nur eine Sparte oder ein Tochterunternehmen. „Wenn nur ein Portfoliounternehmen verkauft wird, ist die Denkweise oft eine andere. Das Kalkül dahinter:  Familienunternehmer bleiben ja Unternehmer und wollen, dass Geld in ihre Kasse gespült wird, was dem übrigen Familienunternehmen zugutekommt. Deshalb werden in solchen Fällen oft APEIs bevorzugt, da man sich von diesen einen höheren Verkaufspreis erhofft und einem nicht ganz so wichtig ist, was dann mit dem veräußerten Unternehmensteil passiert“, erklärt Khoury.

Differenzierung in der Praxis

Doch wie lassen sich diese beiden Archetypen in der Praxis voneinander unterscheiden? „In der Realität ist es natürlich schwierig, alle Investoren über einen Kamm zu scheren, denn es gibt verschiedene Ausprägungen und Arten von Investoren“, weiß der Verfasser der Studie. „Aber im Groben lassen sich die meisten Investoren in diese beiden Kategorien einordnen. Mit welcher Art man es zu tun hat, merkt man meist schon in den ersten Gesprächen oder in der Due Diligence Phase“, sagt Khoury. Oft lasse sich auch durch die Frage, was der Investor nach der Übernahme mit dem Unternehmen vorhat, erahnen, um welche Art von Investor es sich handelt. Außerdem, sagt Khoury, sei es von Vorteil, sich vor dem Verkauf in seinem Netzwerk umzuhören, wer schon einmal mit diesem Investor zu tun hatte. „Erfahrungsberichte sind da natürlich die beste Quelle, um sich sicher zu gehen, mit wem man am Verhandlungstisch sitzt.“ Mittlerweile gebe es zudem viele Investoren, die sich auf Familienunternehmen in Deutschland spezialisiert haben und entsprechendes Know-How im Umgang Familienunternehmen aufgebaut. 

„Lassen Sie sich bei der Entscheidung Zeit!“

An Familienunternehmer, die darüber nachdenken, ihr Unternehmen zu verkaufen, hat Khoury indes einen Rat: „Lassen Sie sich bei der Entscheidung Zeit und fangen Sie so früh wie möglich an, sich gedanklich mit einem möglichen Verkauf auseinanderzusetzen.“ Da ein Verkauf auch ein emotionaler Prozess ist, sollte auch aus einer Position der Stärke verhandelt werden. Das heißt für Familienunternehmer, sich verschiedene Investoren anzugucken, sich verschiedene Meinungen einzuholen und die Prioritäten festzulegen. Khoury führt aus: „Wenn dem Verkäufer beispielsweise wichtig ist, dass der lokale Fußballverein auch in Zukunft weiter gesponsert wird oder dass in den nächsten Jahren keine Stellen abgebaut werden sollen, kann man das alles im Kaufvertrag festhalten. Dann sollte man aber auch bereit sein, Abstriche bei der Höhe des Preises zu akzeptieren.“