Oliver Holtz: „Ich halte die Inflationsgefahr für unterschätzt“

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Oliver Holtz, die Umfrage zum fünften „wir“-Barometer fand im November und Dezember 2024 statt, also nach den Wahlen in den USA und dem Bruch der Ampelregierung. Eine zentrale, wiederkehrende Frage zielt auf die Einschätzung der befragten Unternehmerfamilien zur größten Bedrohung, die sie für den Erhalt des Familienvermögens sehen. Die meisten fürchten wie im vergangenen Jahr die Erhöhung von Steuern und Abgaben in Deutschland. Überrascht Sie das?

Zum Ende des Jahres zeigte sich bereits im Befragungszeitraum eine Tendenz zu einem möglichen Regierungswechsel. Angesichts dieser Entwicklung hätte ich nicht erwartet, dass die Angst vor einer Erhöhung ganz oben auf der Liste der Sorgen steht. Vielmehr hätte ich die Befürchtungen über die anhaltenden Kriege und die potentiellen Auswirkungen einer zukünftigen Trump-Regierung, insbesondere in Bezug auf Zoll- und Handelsthemen, als dringlicher angesehen. Aktuell zeigt sich, wie sich in dieser Hinsicht manche Befürchtung bewahrheitet.

Inflationssorgen hingegen plagen die Befragten nicht mehr so sehr. Teilen Sie diese Einschätzung?

Im vergangenen Jahr haben wir beobachtet, dass die Inflation in Deutschland von einem Höchstwert von 10 Prozent auf etwa 3 Prozent gesunken ist. Nun wird es jedoch eine Herausforderung sein, den letzten Prozentpunkt in Richtung der Zielmarke von 2 Prozent dauerhaft zu reduzieren. Angesichts der Wahl von Donald Trump und seines bisher vorgestellten Regierungsprogramms ist eher zu erwarten, dass die Inflationsdaten in den USA wieder steigen werden, was sich in der Folge auch auf Europa auswirken könnte. Daher überrascht es mich schon etwas, dass das Inflationsrisiko von den befragten Familienunternehmern in dieser Umfrage so gering eingeschätzt wird.

Die Verschuldungsquote in den USA liegt bei 120 Prozent. Welche Auswirkung könnte sie auf die Inflation haben?

In der Weltwirtschaft sind die USA weiterhin der bestimmende Faktor. Die USA haben bei den Unternehmenssteuern mit 21 Prozent bereits ein recht niedriges Niveau erreicht. Trump hat im Wahlkampf sogar von einer Senkung auf 15 Prozent gesprochen. Ein solcher Steuersatz wäre für die USA ein Niveau, das in den vergangenen 20 Jahren nicht mehr gesehen wurde. Diese Maßnahme könnte langfristig inflationsfördernd wirken, da die Staatsverschuldung dadurch weiter steigt.

Für die Märkte jedoch ist der Zinssatz das alles Entscheidende. Wenn die Inflation wieder steigt, werden die Notenbanken ihren Zinssenkungspfad voraussichtlich wieder verlassen. Möglicherweise müssen die Zinsen sogar wieder leicht angehoben werden. Daher halte ich die Inflationsgefahr für unterschätzt. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der sich auch schon zum Zeitpunkt der Befragung abzeichnete: Weiterhin steigende Rüstungsausgaben tragen nämlich ebenso ihren Teil zu einer Erhöhung von Staatsverschuldung und daraus folgender Inflation bei.

Info

Wenn Sie Interesse an den ausführlichen Ergebnissen des „wir“-Barometers haben, können Sie es nach Anmeldung unter diesem Link einsehen: „wir“-Barometer #5 – So sichern Unternehmerfamilien ihr Vermögen.

Ein weiteres Ergebnis des Barometers ist, dass die Befragten ihre Erwartungen an die nominale Rendite für 2025 hochgeschraubt haben. Was könnte eine Erklärung dafür sein?

Ich würde sagen, dieses Ergebnis liegt in der menschlichen Natur begründet, die das Verhalten an den Finanzmärkten nun mal mitprägt. Nach zwei erfolgreichen Börsenjahren, in denen die Aktienmärkte 2023 und 2024 zweistellige Renditen erzielten, haben viele Unternehmer und Anleger diese positiven Entwicklungen in ihren eigenen Portfolios gespürt. Wenn die Zahlen so gut sind, neigt die Psychologie des Menschen dazu, auch für das dritte Jahr ähnliche Renditen zu erwarten.

Ein Viertel der befragten Familienunternehmer plant, Investitionen in Private Equity auszubauen, im vorherigen Barometer war es noch ein Drittel. Sehen Sie hier eine Trendwende?

Nein, das würde ich nicht sagen, vor allem nicht auf mittlere und lange Sicht. Im Private-Equity-Bereich haben wir in den vergangenen zwei Jahren eine eher stagnierende Entwicklung erlebt, im Gegensatz zu den Aktienmärkten. Diese stagnierende Entwicklung zeigt sich insbesondere bei den Ausschüttungen, die für den Erfolg eines Private-Equity-Investments entscheidend sind. Diese sogenannten Distributions sind in den vergangenen zwei Jahren tendenziell gesunken. Ein wesentlicher Grund dafür ist der massive Zinsanstieg, der im Jahr 2022 stattfand. Durch die gestiegenen Zinsen haben sich die Bedingungen für den Kauf und Verkauf von Unternehmen verschlechtert. Dies führte zwischenzeitlich zu einer Zurückhaltung im Private-Equity-Geschäft. Was vor einigen Jahren erworben wurde, ließ sich in den vergangenen zwei Jahren nicht so einfach wieder veräußern, zumindest nicht zu den erhofften Preisen. Die Investoren haben oft noch die alten Preise und Multiples im Kopf, die sich aber aufgrund der veränderten Zins- und Inflationslage nicht durchsetzen konnten. Renditen im Private-Equity-Bereich werden meist erst am Ende der Laufzeit der verschiedenen Fonds sichtbar, besonders im Vergleich zu den gelisteten Märkten, sprich den Aktienmärkten. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass das Interesse, in Private Equity zu investieren, zwischenzeitlich etwas zurückgegangen ist. Wären die Renditen 2023 und 2024 wie früher zweistellig ausgefallen, würde die Situation anders aussehen. Allerdings: Der Markt zieht jetzt wieder an. Im letzten Quartal 2024 haben wir festgestellt, dass die Transaktionshäufigkeit wieder zunimmt. Dies wird nun auch wieder zu höheren Ausschüttungen und einer positiven Entwicklung der Renditen führen.

Hedgefonds bleiben als Asset-Klasse bei Unternehmerfamilien weiterhin ein Nebenschauplatz.

Ja, Hedgefonds haben in Deutschland nach wie vor nicht den besten Ruf. Hinzu kommt, dass die Regulatorik herausfordernd und komplex ist. Allerdings hat diese Anlageklasse im vergangenen Jahr zweistellige Renditen erzielt, und dies bei einem überwiegend geringeren Rendite/Risiko-Profil im Vergleich zu den Aktienmärkten. Auch die gegenwärtigen Entwicklungen sprechen grundsätzlich für Anlagen in Hedgefonds.

Mehr als die Hälfte der Befragten plant hingegen, ihre Investitionen in Immobilien zu erhöhen. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis?

Immobilien sind traditionell eine starke Anlageklasse bei Unternehmerfamilien. Allerdings erzielen Investoren in der Regel im Vergleich zum Aktienmarkt deutlich geringere Renditen. Hinzu kommt, dass die Finanzierungsbedingungen, insbesondere bei gewerblichen Immobilien, nach wie vor herausfordernd sein können. Bei Wohnimmobilien oder eigengenutzten Immobilien ist dies hingegen weniger relevant. Grundsätzlich gewinnt der Immobiliensektor an Bedeutung in Zeiten sinkender Zinsen.

40 Prozent der Befragten sagen, dass nachhaltiges Investieren keine hervorgehobene Rolle im Rahmen der Vermögensstrategie spielt. Im Jahr zuvor waren es nur 22 Prozent. Was ist da passiert?

Das Thema Nachhaltigkeit – oder auch ESG für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – bleibt in den Köpfen der Menschen sicherlich präsent. Dennoch hat es in den vergangenen zwei Jahren vordergründig etwas an Bedeutung verloren, da andere geopolitische Themen, die subjektiv als noch wichtiger erachtet werden, in den Vordergrund gerückt sind. Ob diese Priorisierung gerechtfertigt ist, ist eine andere Frage. Zudem gibt es immer noch erhebliche Unklarheiten darüber, was genau ein nachhaltiges Investment ausmacht. Das Beispiel des „Green Deal“ der EU verdeutlicht, dass es hier viele Lücken und fehlende Daten gibt. Ein weiterer Punkt ist, dass die USA, insbesondere in der aktuellen politischen Lage, weniger Interesse an den von der EU festgelegten ESG-Kriterien zeigen. Dies ist problematisch, wenn wir über Vermögensanlage sprechen, denn wenn die USA – die einen großen Teil des Kapitalmarktes ausmachen – nicht aktiv an der Umsetzung dieser Kriterien teilnehmen, wird es schwieriger, nachhaltige Investments zu realisieren. Allerdings sind die Herausforderungen des Klimawandels nach wie vor da. Geeignete Lösungen zu seiner Bewältigung werden lohnende Investments nach sich ziehen – und das Bewusstsein wird sich wieder stärker in diese Richtung entwickeln, da bin ich mir sicher.

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.