Tom Rüsen: „Die Familie lässt derzeit latente Konflikte eher nicht eskalieren“

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Prof. Dr. Tom Rüsen, das fünfte „wir“-Barometer zeigt: Die Sorgen um den Erhalt des Familienvermögens verdichten sich. Als die größten Bedrohungen werden zwar unverändert eine Erhöhung von Steuern und Abgaben, die Wettbewerbsfähigkeit Europas sowie Handelskriege und Abschottung genannt, aber die Zustimmungswerte haben hier stark zugenommen. Wie blicken Sie auf diese Verdichtung?

Diese Verdichtung spiegelt die zunehmende Komplexität in Unternehmerfamilien wider, die sie über verschiedene Wege versuchen zu beherrschen. Wirtschaft und Unternehmenswelt sind komplexer geworden. Mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und den darauffolgenden stark gestiegenen Energiekosten hat vor allem der produzierende Mittelstand zu kämpfen. Viele Familienunternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, kommen aus dem industriellen Umfeld. Zudem stagniert unsere Wirtschaft bereits im dritten Jahr. All das bedroht neben den geopolitischen Verwerfungen das Kern-Asset der Unternehmerfamilien, das Kernunternehmen sozusagen, das sich bei vielen in der dritten oder vierten Generation befindet.

Sind die Gesellschafterkreise denn gut gewappnet, um mit der zunehmenden Komplexität umzugehen? Beim vorherigen Barometer befanden 18 Prozent der Befragten, dass mangelnde Kompetenzen im Gesellschafterkreis eine Bedrohung für das Familienvermögen darstellen. Dieser Wert ist gestiegen: Beim diesjährigen Barometer sind es 22 Prozent. Wie ist Ihre Einschätzung hierzu?

Auch die Komplexität für die Gesellschafter von deutschen Familienunternehmen steigt. Die Gesellschafterkreise wachsen mit jedem Generationenübergang kontinuierlich. Hat man in der vorherigen Generation noch mit acht bis neun Personen die Governance entwickeln und klären müssen, sind es heute 30 Personen, mit denen man sich auseinandersetzen und an einem Tisch zusammenfinden muss. Das heißt, allein um das Management der Familie und ihrer Governance professionell aufzusetzen, bedarf es mehr Kompetenz und Expertise als noch vor einigen Jahren. Und wer als Gesellschafter in einem Aufsichtsgremium Mitglied ist, braucht angesichts der wirtschaftlichen und technologischen Herausforderungen des Unternehmens noch einmal andere Fähigkeiten. Die Bedeutung von Gesellschafterqualifizierung scheint angesichts des Barometer-Ergebnisses wieder wichtiger zu werden.

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Wenn Sie Interesse an den ausführlichen Ergebnissen des „wir“-Barometers haben, können Sie es nach Anmeldung unter diesem Link einsehen: „wir“-Barometer #5 – So sichern Unternehmerfamilien ihr Vermögen.

Es gab aber auch ein positives Ergebnis: Während im Vorjahr noch 28 Prozent der befragten Familienunternehmer eine Gefahr darin sahen, dass Konflikte im Gesellschafterkreis das Familienvermögen bedrohen, sind es in diesem Jahr nur noch 24 Prozent. Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis? Sind Gesellschafter im Durchschnitt konfliktfähiger geworden? Oder gibt es schlicht weniger Konfliktpotential?

Dies ist sicher ein interessantes Ergebnis. Allerdings sehe ich keinesfalls einen Rückgang des Konfliktpotentials, im Gegenteil! Ich vermute, dass aktuell einfach die Probleme und Herausforderungen in der Unternehmensumwelt so gravierend sind, dass sich die Familie derzeit zusammenstellt und latente Konflikte eher nicht ausagiert beziehungsweise eskalieren lässt. Aber ist schon ein interessantes Phänomen. Ich bin gespannt, wie es sich im nächsten Jahr weiterentwickeln wird.

Das Barometer hat in diesem Jahr auch wieder danach gefragt, in welchem Rahmen die Befragten die Vermögensstrategie diskutieren. Unverändert gibt die Mehrheit an (54 Prozent), die Vermögensstrategie formell mit Beratern und Mitgliedern der Familie zu besprechen. Es gibt aber eine signifikante Veränderung: Während im vorherigen Barometer 31 Prozent sagten, sie würden informell mit Familienmitgliedern hierüber sprechen, sind es in diesem Jahr 39 Prozent.

Das ist in der Tat ein erstaunliches Ergebnis. Es rüttelt an einem der letzten Tabuthemen, nämlich innerhalb des Familienkreises über Vermögen, sprich über das Sekundärvermögen zu diskutieren. Hier scheint sich eine Sprechfähigkeit zu entwickeln. Früher hieß es ja so oft: Über Geld spricht man nicht. Das ist heute anders. Außerdem schließt sich hier auch der Kreis zur Komplexität. Auch die Vermögensanlage ist viel komplexer geworden, und die Zeiten sind vorbei, in denen man den Großteil einfach in die Hände des Vermögensverwalters gegeben hat, der schon irgendwie eine auskömmliche Rendite mit Aktien und Anleihen erwirtschaften wird. Die Familie redet jetzt mit, oftmals ist die NextGen ja auch in Finanzmarkt- und Anlagethemen gut ausgebildet.

Kommen wir zum Thema Stiftung als Nachfolgelösung: Nach wie vor kann sich zwar die Hälfte nicht vorstellen, die Unternehmensanteile auf eine Stiftung zu übertragen. Aber bei der anderen Hälfte sehen wir abermals die Entwicklung, dass sich 21 Prozent eine Familienstiftung vorstellen könnten. Im Jahr zuvor waren es noch 18 Prozent. Was beobachten Sie?

Ja, diese Entwicklung hin zu Stiftungsgründungen beobachten wir seit geraumer Zeit. Die Gründe sind allerdings vielschichtig; ich denke, da kommt vieles zusammen. Zum einen kann eine Stiftungslösung das Unternehmen zusammenhalten und vor Erbstreit und Missgunst schützen. Allerdings dürften auch andere Faktoren zunehmend eine Rolle spielen. Seit Jahren macht der Standort Deutschland mit seiner überbordenden Bürokratie den deutschen Mittelständlern zu schaffen. Die Wegzugsteuer ist zudem für die meist international aufgestellten Unternehmerfamilien ein Hemmnis. Und auch das Ansehen von Unternehmertum, um das es in Deutschland nicht so gut bestellt ist, wie das Barometer ja zeigt, verleitet den einen oder anderen Familienunternehmer vielleicht dazu, sich mit einer möglichen Stiftungslösung auseinanderzusetzen. Viele sehen sich ja ohnehin als Treuhänder der Unternehmen und nicht als Eigentümer, so dass es für sie möglicherweise emotional keinen so großen Unterschied macht, wo die Anteile eines Unternehmens schlussendlich liegen.

Die Antworten auf nachhaltiges Investieren des Familienvermögens fielen in diesem Jahr deutlich anders aus. 40 Prozent gaben die Antwort, nachhaltiges Investieren spiele keine hervorgehobene Rolle. Im Vorjahr waren es nur 22 Prozent. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Ich denke, dass sich hier der Frust und die Enttäuschung darüber zeigen, wie viel Greenwashing betrieben wurde und wie weit die Märkte eigentlich noch davon entfernt sind, Nachhaltigkeit ordentlich messen zu können. Man muss aber auch sagen, dass Unternehmerfamilien ihren Fokus in Sachen Nachhaltigkeit und ESG vor allem auf und in ihr Unternehmen lenken. Dort tun die meisten von ihnen bereits sehr viel, jenseits von den Regularien und Richtlinien, die auch aus Brüssel kommen. Daher spielt der Nachhaltigkeitsgedanke in Vermögensfragen vielleicht keine so große Rolle.

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.