5. „wir“-Barometer: Die Furcht nimmt zu

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Als die vorherige Ausgabe des „wir“-Barometers Ende 2023 in Arbeit war, hatte die deutsche Ampel-Regierung gerade Halbzeit. Ein Jahr später stand die Umfrage für die nunmehr fünfte Ausgabe des „wir“-Barometers unter dem Eindruck der im Dauerstreit zerbrochenen deutschen Regierung und des Wahlsiegs Donald Trumps. 151 Gesellschafter aus Unternehmerfamilien nahmen vollständig an der anonymisiert durchgeführten Befragung zu Familienvermögen und Anlagestrategie teil und gaben unter anderem an, was sie als die aktuell größte Bedrohung für das Familienvermögen ansehen. Die Umfrage wurde erneut vom „wir“-Magazin durchgeführt und von der WIFU-Stiftung und Pictet Wealth Management unterstützt. Der Zeitraum der Umfrage lag zwischen November und Dezember 2024.

Sorge vor Handelskriegen und Abschottung 

Eine Kernfrage beschäftigt sich mit den größten Bedrohungen für den Erhalt des Familienvermögens. Die Top 3 haben sich im Vergleich zur vorhergehenden Ausgabe der Umfrage zwar nicht verändert, wohl aber ihre Gewichtung. Sahen im vierten „wir“-Barometer noch 55 Prozent der Befragten die Erhöhung von Steuern und Abgaben in Deutschland als größte Bedrohung an, sind es jetzt 62 Prozent. Auch die Sorge, dass in Europa das Tempo bei technischen Entwicklungen im Vergleich zu den USA und China zu langsam sei, ist im Vergleich zum vierten „wir“-Barometer gestiegen. Ende 2023 sahen 42 Prozent diesen Punkt als größte Bedrohung an. Heute sind es 46 Prozent. Diesem Trend folgt auch die Angst vor (Handels-)Kriegen und einer Abschottung der Märkte, die von 38 auf 44 Prozent gestiegen ist – und darin sind die jüngsten geo- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen noch nicht abgebildet. Unterm Strich heißt das: Die Gesellschafter blicken noch skeptischer in die Zukunft als in der vorherigen Umfrage.

Info

Wenn Sie Interesse an den ausführlichen Ergebnissen des „wir“-Barometers haben, können Sie es nach Anmeldung unter diesem Link einsehen: „wir“-Barometer #5 – So sichern Unternehmerfamilien ihr Vermögen.

Ein schwacher Trost: Das Angstgespenst Inflation scheint in Deutschland nur noch den wenigsten schlaflose Nächste zu bereiten. Hier ist ein Trend ablesbar: Ende 2022, ein knappes Jahr nach Beginn des Kriegs Russlands gegen die Ukraine, sahen noch mehr als die Hälfte der Befragten dort die größte Bedrohung, bei der Folgebefragung waren es noch 28 Prozent. Inzwischen sehen nur noch 15 Prozent der Befragten in der Geldentwertung die größte Sorge. Oliver Holtz von Pictet Wealth Management Deutschland schätzt die Inflationsgefahr anders ein. „Angesichts der Wahl von Donald Trump und seines bisher vorgestellten Regierungsprogramms ist zu erwarten, dass die Inflationsdaten in den USA wieder steigen werden, was sich in der Folge auch auf Europa auswirken könnte. Daher überrascht es mich etwas, dass das Inflationsrisiko von den befragten Familienunternehmern in dieser Umfrage so gering eingeschätzt wird“, sagt er.  

Hochgesteckte Ziele 

Bei den langfristigen Zielen, die die Gesellschafterfamilien mit ihrem Gesamtvermögen verfolgen, ist der Trend genau umgekehrt: Die meisten wollen durchweg höhere nominelle Renditeziele als bei der vorherigen Umfrage erreichen. Eine nominale Rendite von mehr als 10 Prozent streben 9 Prozent der Befragten an – das entspricht einem Zuwachs von zwei Prozentpunkten im Vergleich zur vorhergehenden Befragung. Mit 48 Prozent gibt fast die Hälfte der Befragten 5 bis 10 Prozent nominale Rendite als Ziel vor – im Vorjahr haben 43 Prozent diese Zahl ins Visier genommen. Nur noch 31 Prozent der Befragten wollen eine nominale Rendite von 3 bis 5 Prozent, dieses Ziel hatten zuletzt noch 41 Prozent.  


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Die Befragten setzen weiterhin auf den Ausbau ihrer Investments in alternative Anlageklassen. Ein Viertel etwa plant, mehr in Private Equity, knapp über die Hälfte mehr in den Immobiliensektor zu investieren. Unternehmerfamilien sind mittlerweile auch in einer Asset-Klasse aktiv, von der sie viele Jahre die Finger gelassen haben: Venture Capital. 40 Prozent investieren jedoch nach wie vor nicht in diese Asset-Klasse.  

Lediglich 22 Prozent geben Auskunft über die Performance der Investments gemessen an ihren Planzahlen für das erste Halbjahr 2024. Innerhalb dieser Gruppe haben sich die Erwartungen an die Asset-Klasse stärker erfüllt als im Vorjahr: 13 Prozent der befragten Gesellschafter geben an, dass die Planzahlen erreicht wurden. 2 Prozent freuen sich über eine Outperformance über die veranschlagten Zielgrößen hinweg. Nur bei 7 Prozent der befragten Gesellschafter erreichten die Start-up-Investments die Planzahlen nicht. Vergleicht man diese Zahlen mit denen des vierten „wir“-Barometers, kann man erkennen, dass die Reifung des Start-up-Ökosystems auch damit einhergeht, dass die Unternehmerfamilien ihre Investments dort realistischer einschätzen können: Noch vor einem Jahr gab es größere Schwankungen, was die Performance-Erwartung anging.  

Nachhaltigkeit vor Rendite? 

Mit zwei Fragen und damit einer mehr als bei der vorherigen Ausgabe des „wir“-Barometers wurde das Thema Nachhaltigkeit der Investments beleuchtet. Auf die Frage, wie man Investments nachhaltig ausrichtet, gab es mehrere Antwortmöglichkeiten, und auch nicht alle Befragten zeigten sich überzeugt vom Nachhaltigkeitsansatz in den Investmententscheidungen: 40 Prozent der Gesellschafter geben an, in ihrer Asset-Auswahl keine Nachhaltigkeitsaspekte zu berücksichtigen.



38 Prozent und damit fast ebenso viele orientieren sich dagegen an ESG-Kriterien – eine Steigerung im Vergleich zum vierten „wir“-Barometer, als nur 29 Prozent angaben, sich an ESG-Kriterien zu orientieren. Neu in dieser Ausgabe war die Antwortmöglichkeit des Impact-Investing. Diesem Ansatz gehen 12 Prozent der Befragten nach. Daneben investiert jede fünfte Familie gezielt in Werte, die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) besonders unterstützen. Und 3 Prozent der Befragten sagen, ausschließlich in Produkte nach Artikel 8 oder 9 der EU-Offenlegungsverordnung zu investieren. Mehr als die Hälfte, 53 Prozent, geben an, für mehr Nachhaltigkeit im Portfolio auf Rendite zu verzichten. Das macht Hoffnung in einer Zeit, in der die Befragten zugleich kritisch auf Steuern, Abgaben und internationale Märkte blicken. 

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.