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Nach dem Verkauf des Familienunternehmens stand Philipp Haindl vor der Entscheidung, was er mit seinem Leben anfangen wollte. Etwas Eigenes aufbauen wollte er, um selbst zu gestalten – ohne die Familie im Nacken. Die Unternehmertradition und die für seine Familie damit verbundenen Werte wollte er jedoch fortführen. So entstand die Idee von der Serafin Privat Holding. Seit zwei Jahren baut der 33-Jährige gemeinsam mit seinen beiden Partnern Falk Daum und Dino Kitzinger eine Unternehmensgruppe auf, die einmal eine Milliarde Euro Umsatz machen soll. Serafin investiert nur in mittelständische Firmen und erwirbt ausschließlich Mehrheitsbeteiligungen, die ersten beiden Unternehmen sogar zu 100 Prozent. Das Geld dafür stammt aus dem Verkauf des Papierherstellers Haindl, den der Vater Clemens Haindl 2001 an den finnischen UPM-Kymmene- Konzern veräußert hat.

Die richtige Entscheidung

Philipp Haindl sitzt am großen ovalen Konferenztisch in seinem Büro in der noblen Münchner Maximilianstraße, vis-à-vis dem Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski und stützt die Unterarme auf den Tisch, die Hände gefaltet. Wenn er über das Familienunternehmen seiner Vorväter spricht, scheint es, als gäbe es keinerlei emotionale Bindung mehr – vielleicht gab es auch nie eine. „Die Firma war bei uns zu Hause nicht tagtäglich präsent“, sagt er sachlich. „Mein Vater ist zur Arbeit gegangen wie andere Väter auch. Ich bin wie andere Kinder aufgewachsen“, erklärt er und belässt es dabei.

Das klingt nach Understatement, denn Philipp Haindl ist der Spross einer Unternehmerfamilie, die über 150 Jahre mit vereinten Kräften einen Papierkonzern geschaffen hat, der bis zu seinem Verkauf mit weltweit 4.300 Mitarbeitern 3,2 Milliarden D-Mark Umsatz erwirtschaftete und zu den größten europäischen Herstellern von Rollendruckpapieren gehörte. Seit dem Tod des Firmengründers Georg Haindl leiteten über vier Generationen immer mehrere Familienmitglieder die Geschicke des Unternehmens. Gemeinsam schulterten sie die großen Investitionen, die in dieser Branche notwendig sind, um wachsen zu können und konkurrenzfähig zu bleiben. Stets darauf bedacht, gute Arbeiter an die Firma zu binden, gehörten seit den 1870er Jahren eine Betriebskrankenkasse, eine Pensionskasse und Werkswohnungen zu den Haindl’schen Papierfabriken. (In einem dieser Häuser für die Angestellten und Arbeiter wuchs auch der Schriftsteller Bertolt Brecht auf, dessen Vater 46 Jahre lang bei Haindl beschäftigt war.) Während der gesamten Firmengeschichte gab es laut Firmenaufzeichnungen keinen einzigen Arbeitsgerichtsprozess. Als Clemens Haindl den Konzern 2001 für 3,6 Milliarden Euro verkaufte, wurden 1 Prozent des Verkaufserlöses an die Beschäftigten ausgeschüttet.

„Natürlich haben mich die Werte des Unternehmens geprägt“, sagt Philipp Haindl, „die lange Unternehmertradition und die Firmengeschichte, vor allem die soziale Verantwortung für die Mitarbeiter. Aber mein Vater hat mich und meinen Bruder nie gedrängt, in die Firma einzusteigen, er hatte nie dieses dynastische Denken. Bei meinem Großvater war das noch anders.“ Seine Eltern hätten ihn sogar in ein Berufsberatungsseminar geschickt, als er ihnen sagte, er wolle Wirtschaftswissenschaften studieren. „Sie wollten sichergehen, dass ich mich nicht nur wegen meines Vaters für diese Richtung entscheide“, erzählt der Serafin-Geschäftsführer.

Als Heranwachsender spielte Philipp Haindl immer mal wieder mit dem Gedanken, später in die Firma einzusteigen. Doch bevor die Endscheidung überhaupt akut wurde, verkaufte die Familie das Unternehmen. Enttäuscht war Philipp, der damals Anfang 20 war und in England mitten im Studium steckte, deswegen nicht. „Ich bin heute sehr froh über die Entscheidung meiner Familie“, sagt er, auch sein Vater habe diese nie bereut. „Selbst wenn der Verkauf das Ende einer lange bestehenden Familiengeschichte war, ist es nicht das Ende der Unternehmertradition. Ich bin heute viel freier, als es mein Vater war, ohne den Familienverbund im Rücken“, versichert Haindl.

Dem Verkauf vorausgegangen waren Querelen unter den 34 Gesellschaftern. Die beiden Mitgesellschafter und Brüder Georg und Fritz Holzhey hatten sich gegen einen Verkauf gewehrt, bis ihr Cousin Clemens Haindl, der damals dem Unternehmen vorstand, sie am Ende doch überzeugen konnte, dass die Firma in der kapitalintensiven Papierbranche als Familienunternehmen auf Dauer nicht überleben könne. Im Nachhinein eine gute Entscheidung. Haindl wird nachgesagt, er habe den optimalen Zeitpunkt zum Verkauf des Augsburger Traditionsunternehmens gewählt. Philipp und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Patrick wurden damals vom Vater in die Verkaufsentscheidung einbezogen. „Die Diskussionen im Gesellschafterkreis haben mir vor Augen geführt, wie schwierig es ist, Mehrheiten in der Familie zu finden“, sagt er.

Substanz schaffen

Nach dem Verkauf rief Vater Clemens Haindl ein Family Office ins Leben, das bis heute das Vermögen aus dem Verkaufserlös für einen Teil der Familie verwaltet. Als Philipp nach dem Abschluss seines Studiums ein Praktikum dort absolvierte, war ihm schnell klar, dass dies nicht seine Welt war. Er wollte kein passiver Investor sein, schon gar kein Vermögensverwalter, stattdessen interessierten ihn die Direkt – investments. Langsam reifte der Wunsch, selbst eine Unternehmensgruppe aufzubauen. Nach Zwischenstationen im Bereich Wirtschaftsprüfung und im Private-Equity-Beteiligungsgeschäft gründete Haindl 2010 Serafin. „Ich wollte unternehmerisch tätig werden, in einer Art und Weise wie es bei Haindl über vier Generationen hin geschehen ist. Insofern hat die Firmengeschichte von Haindl mit ihren Werten sehr starken Einfluss auf unser Tun und den grundsätzlichen Ansatz von Serafin“, beteuert er.

Unterstützung bekommen Haindl und seine Partner durch ihren hochkarätigen Beirat. Vater Clemens Haindl, Escada- Gründer Wolfgang Ley und der ehemalige Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer sorgen für den nötigen Dealflow mit und bringen ihre Erfahrungen und Know-how ein.

Die Serafin Privat Holding ist kein Finanzinvestor, die Unternehmen werden auch nicht geleveraged. Pro Unternehmen werden 1 bis 20 Millionen Euro „ausschließlich mit eigenen Mitteln“ investiert. „Wir suchen Unternehmen, die sich in einer reifen Unternehmensphase befinden“, sagt Haindl, „Underperformer, die idealerweise noch positive Cashflows erwirtschaften und Potential haben.“ Vor allem für die klassischen Sektoren wie Automobil, Chemie, Konsum- und Industriegüter, Kunststoff, Maschinenbau und für Nischenanbieter aus anderen Sektoren wie Handel interessiert sich das Team von Serafin. Seit 2010 gehören die Unternehmen nextrusion und Perga-Plastic zur Holding. Nextrusion entwickelt technische Monofilamente zur Weiterverarbeitung in Papiermaschinenbespannungen u.a. für die Papierproduktion und erwirtschaftet einen Umsatz von 44 Millionen Euro. Perga-Plastic ist ein Hersteller von Industriefolien und Folienverpackungen mit einem Umsatz von 50 Millionen Euro.

„Wir sehen die Beteiligungen nicht als passive Geldanlage, sondern wollen uns aktiv um die Firmen kümmern“, sagt Haindl. Dafür sind vier Mitarbeiter von Serafin in den Unternehmen vor Ort und unterstützen die Geschäftsführungen bei der Restrukturierung und Neuausrichtung. „Uns ist es wichtig, Werte und Substanz zu schaffen. Es geht uns nicht darum, Profite herauszuziehen oder die Unternehmen weiterzuverkaufen“, versichert Haindl. Daher sollen auch alle Erlöse innerhalb Serafin reinvestiert werden. Trotz der guten Absichten sind die Restrukturierungsmaßnahmen, nicht immer populär. „Wir müssen uns erst unter Beweis stellen. Aber wenn es so weit ist, wollen wir den Mitarbeitern auch wieder etwas zurückgeben. Diese Philosophie hat 150 Jahre lang gut funktioniert“