Prof. Dr. Tom Rüsen, die Ergebnisse des „wir“-Barometers zeigen, dass die befragten Unternehmerfamilien Steuern und Ab gaben als größte Bedrohung für den Erhalt des Familienvermögens sehen. Es folgen geopolitische und gesellschaftliche Faktoren, dann Konflikte im Gesellschafterkreis. Wie nehmen Sie die aktuelle Stimmung zu diesen Aspekten wahr?
Es gibt eine Reihe von inneren und äußeren Themen, die alle gleichzeitig auf die Familien ein wirken. Ich sehe in der aktuellen Situation, dass sich schleichend eine Verunsicherung über die Wertehaltung breitmacht. Es ist mittlerweile hoch attraktiv, das Unternehmen zu verkaufen. Seit Jahren flutet Liquidität den Markt; strategische und Finanzinvestoren haben den deutschen Mittelstand fest im Blick, der auf Kapital angewiesen ist, um die multiplen Krisen zu bewältigen. Überhaupt an einen Verkauf zu denken war allerdings über viele Jahre ein Tabu. Und zunehmend wird auch über Stiftungslösungen im Rahmen der Nachfolge und Unternehmensübertragung nachgedacht. Hinzu kommen zum Teil deutlich angewachsene Gesellschafterkreise. Viele Gesellschafter, die nicht operativ tätig sind, versuchen, in die Eigentümerrolle hineinzufinden. Auch das verändert die Wertehaltung einer Familie: Es gibt von Generation zu Generation immer mehr Personen, die von der Ausschüttung profitieren und denen die aktiven Gesellschafter Rede und Antwort stehen müssen. Es gibt Quoren, um Mehrheiten muss bei Entscheidungen manchmal gerungen werden. In dieser Gemengelage müssen die Unternehmerfamilien nun auch mit Kriegen, brüchigen Lieferketten, explodierenden Energiekosten und Fachkräftemängel klarkommen.
Wie beeinflussen diese inneren und äußeren Themen die Wertehaltung zwischen den Generationen?
Das lässt sich schwer verallgemeinern. Natürlich gibt es diejenigen unter den NextGens, die eher konservativ sind und sich als Treuhänder des Unternehmens sehen und entsprechend verhalten. Es gibt aber auch diejenigen, die ihren Lebensmittelpunkt zum Beispiel nach Neuseeland verlegt haben oder wie die digitalen Nomaden in der Weltgeschichte umherreisen und remote ihre Start-ups oder anderen Aktivitäten steuern. Die Individualisierung beeinflusst definitiv das Wertegefüge zwischen den Generationen. Eine „Me first“-Mentalität beeinflusst das Gesamtwohl der Familie. Die Gesellschafterkreise stehen unter diesem Gesichtspunkt unter einem völlig neuen Druck. Vor allem die Erziehungsfragen erscheinen unter unseren gesellschaftlichen Veränderungen in einem neu en Licht: Gibt es rote Linien, was den Umgang mit Vermögen betrifft? Wie klappt eine Vermögenssozialisation, so dass sie einerseits zur Persönlichkeit eines Kindes passt und es nicht überfordert, andererseits aber auch nicht zu einer Selbstüberschätzung führt? Das sind alles sehr schwierige Fragen. Es gibt die einen, die sich eine operative Rolle im Unter nehmen fernab der Ballungsgebiete vorstellen können; andere jetten von Sheraton zu Sheraton auf der ganzen Welt herum. Wo ziehen Eltern wann welche Grenzen?
Könnte diese Entwicklung eine Erklärung dafür sein, dass 34 Prozent der Befragten des Barometers sich vorstellen können, ein Stiftungsmodell als Nachfolgelösung zu wählen?
Ja, das Stiftungsmodell erlebt gerade einen Boom. Hier gibt es mehrere Gründe: Zum einen schützt das zum Beispiel in eine Familienstiftung eingebrachte Vermögen das Unternehmen vor massiven Kapitalabflüssen abgängiger Gesellschafter. Das Unternehmen ist also nicht mehr „Spielball“ der individuellen Lebensgestaltung einzelner Gründernachkommen, sondern in eine Struktur eingebracht, die dem Treuhändergedanken vieler langlebiger Familienunter nehmen entspricht. Zum anderen ermöglicht die Stiftung den Mitgliedern einer Gesellschafterfamilie große Freiräume. So müssen beispielsweise für einen Destinatär einer Stiftung keine Beschränkungen beim Wegzug in ein EU-Drittland befürchtet werden. Direktbeteiligte Familienmitglieder haben hier größere Herausforderungen in der Vermeidung der Wegzugsbesteuerung oder müssen zurück nach Deutschland ziehen, was die individuelle Lebensplanung sehr beeinträchtigt. Die Stiftung kann quasi als „Gegenreaktion“ zur Individualisierungsdynamik der Gesellschafterfamilien angesehen werden. Es wird einfach immer weniger wahrscheinlich, dass der größer werdende Gesellschafterkreis sich den Wünschen und Werten der Gründer- beziehungsweise Vorgängergeneration unterwirft.
Das Ansehen von Unternehmertum in der Gesellschaft sehen 29 Prozent der Befragten als Bedrohung für das Familienvermögen. Welche Erklärung könnte es hierfür geben?
Zunächst einmal finde ich diese Zahlen verheerend. Hier zeigt sich sehr deutlich, wie das über Jahrzehnte stabile Beziehungsgeflecht der Garanten der sozialen Marktwirtschaft und der Restbevölkerung auseinanderklafft. Dazu hat sicherlich auch die undifferenzierte Auseinandersetzung über Familien unternehmen und deren Übergabe auf Nachfolgegenerationen im politischen Diskurs beigetragen. Ich denke, es ist an der Zeit, dass unsere Spitzenpolitiker nicht nur auf Verbandstagungen ihre Treue zu den Familienunternehmen beteuern, sondern bei allen sich bietenden Gelegenheiten. Ich wünsche mir hier einen Kanzler oder Wirtschaftsminister, der Familienunternehmertum als ein schützenswertes Wirtschaftskulturgut bezeichnet, das für unser Modell der sozialen Marktwirtschaft unabdingbar, wichtig und wertvoll ist.
Auch wenn die Befragten die größten Gefahren für das Familienvermögen in den wirtschaftlichen und politischen Faktoren sehen, haben sie dennoch den Gesellschafterkreis im Blick. Welche Rolle spielt die Gesellschafterqualifizierung?
Das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Gesellschafterqualifizierung ist gewachsen und sehr präsent. Das größte Problem ist allerdings der persönliche Zeiteinsatz. Es mangelt nie an Geld für Qualifizierungsmaßnahmen, aber es mangelt an der Bereitschaft, freie Tage einzusetzen. Allein sich auf zwei bis drei freie Tage im Jahr zu committen scheint bereits schwierig. Für ein Hobby nimmt man sich mehr Zeit.
Wie steht es um Vermögen und Verantwortung bei Unternehmerfamilien, also das gemeinnützige Engagement?
Es fehlt in Deutschland noch an wissenschaftlichen Studien und belastbaren Daten zur Spendenbereitschaft der vermögenden Unternehmerfamilien. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir hier unter unseren Möglichkeiten bleiben, vor allem, was den Vergleich mit den USA betrifft. Das mag daran liegen, dass in Deutschland vielleicht die Einstellung überwiegt, im Vergleich zu den USA relativ hohe Steuern zu zahlen, damit wir uns unseren deutschen Sozialstaat leisten können, der ja viele soziale Aufgaben übernimmt. Ein weltweiter Vergleich zu philanthropischem Engagement von Unternehmerfamilien wäre sicherlich interessant. Aber hierfür müssten Daten wissenschaftlich erhoben werden. Noch scheinen die gemeinnützigen Aktivitäten von deutschen Unternehmerfamilien eher unkoordiniert und opportunistisch zu sein. Dennoch beobachte ich bei der jungen Generation ein wachsendes Bewusstsein für die gesellschaftliche Verantwortung, die mit dem ererbten Vermögen einhergeht – nach dem Motto: „Ich habe etwas, also mache ich damit auch etwas Sinnvolles.“ Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir zukünftig ein größeres Engagement in diesem Bereich sehen werden, sofern die Unternehmen ertragsstark erhalten bleiben.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

