Die Schlagzeile war reißerisch. Unter dem Titel „Die Vitamin-Lüge. Das Milliardengeschäft mit überflüssigen Pillen“ knöpfte sich das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Januar 2012 sogenannte Vitaminsupplemente vor, also mit Vitaminen angereicherte Nahrungsergänzungsmittel. Wissenschaftler sähen in den Präparaten eine erhebliche Gefahr für die Bevölkerung, so der Text. Die Tabletten könnten für „Tausende Todesfälle“ verantwortlich sein. Die verkaufte Auflage des Magazins lag bei knapp einer Million, entsprechend breit war die Wirkung. Die Diskussion lief heiß, schnell wandten sich verunsicherte Verbraucher an Ärzte und Apotheker. Mittendrin in der unübersichtlichen Gemengelage stand Nils Glagau (41).
Keine drei Jahre zuvor hatte der damals 33-Jährige in zweiter Generation unplanmäßig die Leitung des Familienunternehmens Orthomol übernommen – einer Firma, die ihr Geld mit diätischen Lebensmitteln speziell für kranke Menschen und mit Nahrungsergänzungsmitteln auf der Basis von Mikronährstoffen verdient und fast 420 Mitarbeiter beschäftigt. Wenn man ihn heute darauf anspricht, bemüht sich Glagau um Mäßigung. „Ich bezeichne es nicht als Krise“, sagt er rückblickend. Tore schließen, Mitarbeiter kündigen – solche Gedanken hätten damals nicht im Raum gestanden. „Trotzdem war es für die verwöhnte Orthomol-Welt eine neue, schwierige Erfahrung.“
Tatsächlich war die Geschichte der Orthomol pharmazeutischen Vertriebs GmbH bis zu diesem Zeitpunkt vor allem eine Erfolgsgeschichte. Gegründet hat das Unternehmen Nils Glagaus Vater Kristian. Mit zwei Mitarbeitern, vier Produkten und 17 verkauften Packungen startete er den Betrieb 1991 im Einfamilienhaus. Das Ziel: Von Langenfeld im Rheinland aus wollte er die orthomolekulare Medizin in Deutschland einführen. Er entwickelte und vertrieb – anfangs noch mit einem Geschäftspartner zusammen – Mikronährstoffkombinationen, unter anderem Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen helfen sollen. Die Idee, mit Mikronährstoffen Krankheiten vorzubeugen, stammt vom zweifachen US-amerikanischen Nobelpreisträger Linus Pauling. In Deutschland reagierte die Fachwelt erst einmal skeptisch. Und doch erwirtschaftete das junge Unternehmen Orthomol Mitte der neunziger Jahre bereits einen Umsatz von 7,5 Millionen D-Mark. „Wir haben den Markt im Grunde selbst geschaffen“, sagt Nils Glagau. Heute gibt es kaum eine Apotheke, in der die blauen Schachteln nicht im Regal liegen. Zum Kundenstamm gehören nicht nur chronische Kranke, sondern auch gesunde Sportler, Schwangere oder Veganer.
Keine externe Lösung
Zum Zeitpunkt der Gründung war Nils Glagau 15 Jahre alt. Obwohl er und seine Schwester Gesche Hugger schon als Schüler bei Orthomol mit angepackt hatten, zog keines der Geschwister für sich die Unternehmensnachfolge in Erwägung. „Wir hatten beide andere Wege eingeschlagen“, sagt Glagau. Er als Archäologe, sie als Psychologin. Im September 2009 verstarb jedoch überraschend der Unternehmensgründer Kristian Glagau mit 65 Jahren. Es gab keinen Nachfolgeplan. „Mein Vater war voller Kraft. Er strotzte vor Vitalität“, beschreibt Glagau rückblickend. Die Familie setzte sich zusammen. Rasch stand fest: kein Verkauf, kein Fremder ins Unternehmen – und das obwohl das Unternehmen schon lange von größeren Konkurrenten aus der Pharmabranche beäugt und auch umworben wurde und wird. Stattdessen rückte erst Nils Glagau in die Geschäftsführung, später für eine begrenzte Zeit auch seine Schwester. „Eine Herzensgeschichte“, nennt Glagau diese Entscheidung heute. „Jeder hat versucht, seinen Teil beizutragen, die Lücke zu füllen.“ Vor allem den rund 400 Mitarbeitern wollten sie schnell zeigen: Die Familie ist da, Orthomol hat Zukunft.

Nils Glagau über die Spiegel-Affäre
Wenn er über die Bewältigung der „Spiegel-Affäre“ spricht, sagt Nils Glagau lieber „man“ als „ich“: „Anscheinend hat man da auch vieles richtig gemacht.“ Das Unternehmen habe seinen Ruf nie kurzfristig durch Werbespots im Fernsehen aufgebaut, sondern durch langjährige Überzeugungsarbeit unter Ärzten, Apothekern und Verbrauchern. Auf diesen Rückhalt konnte Orthomol sich dann verlassen, so erzählt es Glagau. „Es war allerdings eine Phase, in der man eine gewisse Führungskompetenz an den Tag legen musste.“ Er wollte als Mittdreißiger nicht als der Patriarch auftreten, der sein Vater als Mittsechziger war. „Ich habe mehr Eigenverantwortung zugelassen, mehr kooperativen Führungsstil gelebt. So haben wir das als Mannschaft toll gemacht.“ Ein weiterer Unterschied zum Vater: „Mein Vater war sehr emotional. Ich gehe etwas gelassener an Sachen ran.“
In der Gemeinschaftsküche brummt die Kaffeemaschine, lagern Kapstachelbeeren im Obstkorb. Am Empfang trägt man Espandrilles, im Kopierzimmer Karohemd, auf dem Flur Neonshirt. Glagau selbst trägt halblange Locken, einen gepflegten Bart und ist in Sneakers und Chinos unterwegs. Der Konferenzraum sieht aus wie eine Pyramide, mit unbehandeltem Holz und warmgelben Licht. „Das Unternehmen lebt vom Spirit, von dieser besonderen Atmosphäre.“ Seitdem Glagau Geschäftsführer ist, hat keiner der 33 leitenden Mitarbeiter Orthomol verlassen. Die Belegschaft ist im Durchschnitt seit zwölfeinhalb Jahren im Unternehmen, Azubis eingerechnet. Die Mitarbeiterzeitung hat aufgehört, Jubiläen für fünf Jahre Betriebszugehörigkeit zu vermelden – die Zehn-Jahres-Jubiläen allein füllen zu viele Seiten.
Für seine eigene, fernere Zukunft hat Nils Glagau einen Traum. Eines Tages will er sich zurücklehnen und sagen: „Ich bin zwar 102, aber ich fühle mich gut.“ Wie die Hundertjährigen auf Sardinien in Italien, in Okinawa in Japan oder auf der Nicoya-Halbinsel in Costa Rica: Greise, die die Wissenschaft schon lang beschäftigen. Sie sind steinalt geworden – und dabei kerngesund geblieben. Der Gedanke lässt auch Glagau nicht los: „Warum haben dort so viele Leute die Hundert geknackt?“ Die Antwort liegt seiner Meinung nach nicht allein in den guten Genen, sondern mehr noch in einem guten Leben. In Ernährung, Bewegung, Geisteshaltung und Gemeinschaft. „Davon können wir uns etwas abgucken. Unsere Krankheiten sind Spiegelbilder der Gesellschaft.“ Da ist er wieder, der Feldforscher.
