Was haben die Zentrale der Deutschen Bank und der Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main, die Flughäfen in Hongkong und London-Heathrow, die Aida-Kreuzfahrtschiffe und das Schauspielhaus im Staatstheater Stuttgart gemeinsam? Sie alle und noch viele mehr stehen auf der Referenzliste der niederbayerischen Lindner Group. Das Unternehmen mit Sitz in Arnstorf, das sich auf alle Spielarten des Innenaus- und Fassadenbaus spezialisiert hat, feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Jubiläum.
Am Anfang, vor einem halben Jahrhundert, war an eine solche Erfolgsgeschichte nicht im Ansatz zu denken. „Der Gedanke der Selbständigkeit entstand bereits während meiner Gymnasialzeit im klösterlichen Internat in Metten“, erinnert sich Unternehmensgründer Hans Lindner. Doch die ursprüngliche Idee, Fertighäuser in Finnland zu bauen und zu vertreiben, musste der an der FH Rosenheim ausgebildete Holztechniker aufgrund des frühen Tods seiner Mutter wieder verwerfen. Wie so oft im Leben kam der Zufall zu Hilfe: Ein rühriger Vertreter für Baustoffe wurde auf Lindner aufmerksam und bat ihn, eine Akustikdecke für die Landwirtschaftliche Berufsschule in Deggendorf zu installieren.
Mit zwei damals arbeitslosen Zimmerern führte Lindner den Auftrag aus. Der Bauherr war zufrieden und unter dem Strich blieb sogar noch ein schöner Gewinn übrig. So fing alles an. Von dem Einmannbetrieb in dem kleinen Schuppen seines Elternhauses hat Lindner das Unternehmen binnen fünf Jahrzehnten zu einer international agierenden Gruppe mit Produktions- und Vertriebsstandorten auf der ganzen Welt und inzwischen rund 6.000 Mitarbeitern entwickelt. Das Gravitationszentrum aber ist Arnstorf geblieben. Knapp die Hälfte der Belegschaft arbeitet dort, und rund 80 Prozent des umfangreichen Produktspektrums von Boden-, Wand-, Deckenund Fassadensystemen bis hin zu Lichtanlagen und Türen werden dort gefertigt.
Heute erstreckt sich das Firmengelände in Arnstorf über eine Gesamtfläche von rund 184.000 Quadratmetern – das entspricht 26 Fußballfeldern – und ist der dominante Blickfang, wann man aus der Vogelperspektive auf die Ortschaft blickt. Die Lindner Group ist der größte Arbeitgeber im Landkreis Rottal-Inn und auch eines der größten Unternehmen in der Region Niederbayern. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei einer Milliarde Euro. Mit dem Ergebnis sei man „zufrieden“, erzählt der inzwischen 74 Jahre alte Firmenchef in dem für Familienunternehmen typischen zurückhaltenden Duktus.
Durchaus erstaunlich: Die Transformation in ein Unternehmen dieser Größenordnung über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts verlief ohne größere Anpassungsschmerzen. In all den Jahren, sagt Lindner, habe der Umsatz stetig zugelegt. Dass Rückgänge in einzelnen Märkten stets kompensiert werden konnten, liegt zum einen an der tiefen Wertschöpfungskette – von der Planung bis zur Umsetzung beim Kunden liefert Lindner alles aus einer Hand – und zum anderen an der breiten Aufstellung: Rund die Hälfte des Umsatzes generiert das Unternehmen inzwischen im Ausland. Klar, mit Blick auf die zahlreichen Großprojekte im In- und Ausland habe man auch Fehler gemacht. „Es gab beim Ergebnis ein paar schwache Jahre, weil wir uns zu viel vorgenommen hatten“, erzählt der Gründer, ohne dabei konkreter zu werden. Doch habe man versucht, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, um so etwas künftig zu vermeiden.
Geregelte Nachfolge
Hans Lindner hat die Regelung seiner Nachfolge bereits früh angepackt. „Unser Vater hat uns vier Töchtern Firmenanteile übertragen, da konnten wir gerade laufen“, sagt Veronika Lindner. Heute liegt die Lindner Group in den Händen des Gründers, der sich langsam aus dem operativen Geschäft zurückziehen möchte, seiner vier Töchter, die sich alle – wie ihre Ehemänner auch – im Unternehmen engagieren, und der gemeinnützigen Hans-Lindner-Stiftung.
Als entscheidende Treiber für das Unternehmenswachstum macht der Firmenchef zum einen die Technologiesprünge in der Bauindustrie aus, mit denen man nicht nur Schritt gehalten habe, sondern „in der Regel Schrittmacher“ gewesen sei. So gelang es Lindner immer wieder, technologisch neuartige Produkte auf Kundenwunsch zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist die nicht brennbare Echtholzdecke für den Flughafen in Madrid. Zum anderen lobt er das Engagement seiner Mannschaft. „Drei Viertel der Belegschaft sind Eigengewächse, die bei uns mit einer Lehre gestartet und dabeigeblieben sind. Unsere Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital“, sagt Lindner stolz. Allein in diesem Jahr feiern 99 Mitarbeiter ihr 25-jähriges Firmenjubiläum, 9 ihr 40-jähriges.
Damit das so bleibt, hat Lindner früh entsprechende Strukturen und Anreize geschaffen. „Wir versuchen, unseren Mitarbeitern ein familiäres Umfeld zu geben und auf Konzernstrukturen zu verzichten, obwohl wir die Größe dafür haben“, erklärt Veronika Lindner, Tochter des Firmengründers und seit 2008 im Vorstand für den Finanzbereich zuständig. Sichtbar ist das beispielsweise in der Firmenzentrale, wo ein offener Umgang bis hoch in die Chefetage gepflegt wird – auch und vor allem zwischen Vater und Tochter. „Wir sind nicht immer einer Meinung“, sagt die Tochter, doch am Ende bekämen immer die besseren Argumente recht, „manchmal seine, manchmal meine“. Sichtbar ist das auch beim alljährlichen Betriebsfest in Arnstorf, wo die rund 3.000 Gäste – Mitarbeiter und Partner – von der Familie Lindner noch per Handschlag begrüßt werden.
Auf Arbeitsebene bedeutet diese Ausrichtung ein hohes Maß an Eigenverantwortung und eine dezentrale Organisation. „Jeder Bereich, der auf eigenen Füßen stehen kann, tut das auch“, sagt Firmenchef Lindner. Und so finden sich insgesamt 75 Einzel-GmbHs unterhalb des Holdingdachs der Lindner Group, die auf Profitcenter- Basis geführt werden. Jeder Mitarbeiter, so die Philosophie des Gründers, soll seinen persönlichen Erfolg erleben dürfen. Dazu gehört auch, die Belegschaft am Gewinn der Gruppe zu beteiligen. „Wir schütten deshalb schon seit Jahren 15 Prozent unseres Ergebnisses an die Mitarbeiter aus. Das hat maßgeblich zum Erfolg der Firma beigetragen.“
Finanziell gute Verfassung
Heute steht die Lindner Group auf einem sehr soliden Fundament: Die Eigenkapitalquote liegt bei 58 Prozent, Bankschulden gibt es nicht. „Wir arbeiten auf Guthabenbasis“, erklärt die Finanzchefin knapp. Übersetzt heißt das: Investitionen werden ausschließlich aus dem operativen Cashflow gestemmt – eine Strategie, die für Familienunternehmen nicht untypisch ist und die oftmals aus historischen Erfahrungen rührt. „Ich habe mich anfangs nie ums Geld gekümmert“, sagt der Unternehmensgründer rückblickend. Bis sich eines Tages die Bank bei dem Jungunternehmer meldete und meinte, so ginge es nicht weiter, die Schulden seien zu hoch. „Daraufhin musste ich eine Lebensversicherung abschließen und diese der Bank verpfänden. Das war sehr erniedrigend. An diesem Tag habe ich mir geschworen: Du baust die Schulden ab und lässt fortan die Finger davon.“
Wachstum ist kein Selbstzweck
Diesem Grundsatz hält Hans Lindner bis heute die Treue. Die finanziell gute Verfassung erlaubt es der Gruppe, auch ohne Fremdfinanzierung zu wachsen. Sichtbare Meilensteine sind bedeutende Firmenübernahmen und die Gründung neuer Niederlassungen und Geschäftsbereiche. Mit der Lindner GmbH in Österreich ging das Familienunternehmen den ersten Schritt in Richtung Internationalisierung. 1981 wurde der Standort in Baden bei Wien eröffnet. Eine der größten Übernahmen erfolgte 1998 mit dem Kauf der Norit-Gruppe vom Energieversorger RWE. Dabei ist Wachstum kein Selbstzweck. „Wir halten zwar die Augen nach interessanten Übernahmezielen offen“, sagt Veronika Lindner. Doch stünden potentielle Akquisitionen immer unter dem Postulat, dass jeder zugekaufte Umsatz-Euro nicht nur einen klaren Ergebnisbeitrag liefern müsse, sondern die Firmen auch kulturell zum Familienunternehmen passen. Interessant und spannend sei zurzeit insbesondere der arabische Markt. Aber auch Russland und Amerika böten gute Geschäftsperspektiven.
Der Blick nach vorn fällt zum 50-jährigen Jubiläum des Unternehmens positiv aus. Es gelte, die gute Entwicklung der Vergangenheit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zu konservieren, sind sich Veronika und Hans Lindner einig – bei allem Wandel, den die Zukunft naturgemäß bereithält. „Wir wollen in 50 Jahren genauso gut dastehen wie heute, vielleicht in neue Bereiche expandieren, die gar nichts mit dem Bau zu tun haben“, blickt der Firmenchef voraus. „Und wir wollen auch in 50 Jahren noch ein einhundertprozentiges Familienunternehmen sein“, ergänzt Veronika Lindner.
