Oliver Holtz: „Der reale Werterhalt ist immer noch das wichtigste Anlageziel“

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Oliver Holtz, ein Ergebnis des 6. „wir“-Barometers zeigt, dass die befragten Unternehmerfamilien die größte Gefahr für den Erhalt des Familienvermögens in einer Erhöhung von Steuern und Abgaben in Deutschland sehen. Wie beurteilen Sie das Ergebnis?

Ich bin etwas überrascht, dass die Sorge vor einer Steuer- und Abgabenerhöhung unter einer CDU-geführten Regierung gestiegen und nicht gefallen ist. Ich vermute, das hängt damit zusammen, dass das Bundesverfassungsgericht noch nicht über die anhängigen Verfahren zur Erbschaftsteuer und den Verschonungsregeln entschieden hat. Der Vorstoß der SPD vom Januar dieses Jahres für eine Reform der Erbschaftsteuer hat wahrscheinlich die Unsicherheit unter Familienunternehmern erhöht. Die Barometerumfrage fand in etwa parallel dazu statt, möglicherweise gibt es hier einen zeitlichen Zusammenhang.

Kommen wir zur Inflation: Nur 10 Prozent der Befragten sehen sie als Bedrohung für das Familienvermögen. Damit bildet die Inflation das Schlusslicht aller Gefahrenpotentiale. Sie hatten bereits im vergangenen Jahr gewarnt, die Inflationsgefahr werde unterschätzt.

Ja, die Inflationsgefahr wird meiner Ansicht nach zu wenig in den Blick genommen, insbesondere in den USA. Die Inflation dort zeigt sich derzeit als „sticky“: Sie ist zwar von 10 Prozent auf 3 Prozent gesunken, aber seit Erreichen dieser 3 Prozent bewegt sich nicht mehr viel. Und die bereits hohe US-Staatsverschuldung wird nun unter anderem durch den „One Beautiful Bill Act“ mit weiteren Steuererleichterungen zusätzlich befeuert. Und grundsätzlich müsste eine höhere Staatsverschuldung auf lange Sicht in einer höheren Inflation münden. Ein weiteres wichtiges Argument, stärker auf die Inflation in den USA zu achten, ist der deutlich gestiegene Goldpreis, der das schwindende Vertrauen in den US-Dollar widerspiegelt. Investoren reduzieren ihre US-Dollar-Abhängigkeit und kaufen verstärkt Gold, um sich vor Inflation zu schützen.

Info

Wenn Sie Interesse an den ausführlichen Ergebnissen des „wir“-Barometers haben, können Sie es nach Anmeldung unter diesem Link einsehen: „wir“-Barometer #6 – So sichern Unternehmerfamilien ihr Vermögen.

Zur Frage nach dem langfristigen Anlageziel der befragten Unternehmerfamilien fällt eine Veränderung ins Auge: Im Jahr 2025 nannten noch 52 Prozent den realen Werterhalt als Ziel. Jetzt im Jahr 2026 sind es nur noch 44 Prozent. Die relative Rendite im Vergleich zu einer Benchmark ist in den Vordergrund gerückt. Wie könnte eine Erklärung lauten?

Die Veränderung lässt sich durch die außergewöhnlich gute Börsenentwicklung der vergangenen drei Jahre erklären, in denen Aktienanlagen jeweils zweistellige Renditen erzielten – weit über dem historischen Durchschnitt von 7 bis 8 Prozent hinaus. Nach drei aufeinanderfolgenden starken Börsenjahren neigen Investoren dazu, sich stärker mit Benchmarks zu vergleichen, anstatt nur den realen Werterhalt im Blick zu haben. Das liegt in der menschlichen Natur. Die Ansprüche sind gestiegen und Investoren fragen vermehrt, wie ihr Depot im Verhältnis zum Dax, Euro Stoxx oder MSCI World abschneidet. Die Veränderung des Ergebnisses ändert jedoch nichts an der Grundaussage, dass der reale Werterhalt immer noch das wichtigste Anlageziel ist. Die Betrachtungsweise hat sich vor dem Hintergrund der außergewöhnlich guten Marktentwicklung lediglich ein wenig verschoben.

Trotz schwieriger Jahre in der Asset-Klasse Private Equity planen 36 Prozent der Befragten des „wir“-Barometers, ihre Investitionen in Private Equity auszubauen. Das sind 12 Prozentpunkte mehr als im vergangenen Jahr. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis?

Das Ergebnis ist angesichts der aktuellen Entwicklung ermutigend. Private Equity hat mit Abschluss des Jahres 2025 das vierte schwierige Jahr in Folge hinter sich gebracht, in dem die M&A-Aktivität, die Voraussetzung für Exits und Ausschüttungen, stark zurückgegangen ist. Zwar haben sich die Transaktionen im letzten Quartal 2024 und im ersten Quartal 2025 wieder in Richtung gewohnter Größenordnung entwickelt. Doch mit dem „Liberation Day“ am 2. April 2025 und der Einführung der Zölle ist die Deal-Aktivität substantiell zurückgegangen, womit die Private-Equity-Branche bis heute zu kämpfen hat. Dass die Befragten trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen planen, mehr in Private Equity zu investieren, zeugt von einer zunehmenden Professionalisierung im Umgang mit dieser Asset-Klasse. Man realisiert zum einen, dass genau solche schwierigen Jahre die guten Jahre zum Investieren sind, weil die Bewertungen entsprechend niedrig sind, und zum anderen, dass Private Equity ein langfristiges Investment ist.

Hedgefonds spielen weiterhin nur eine untergeordnete Rolle in der Asset-Allokation.

Hedgefonds-Investments haben in Deutschland unter Investoren wie Unternehmerfamilien nach wie vor keinen guten Ruf, was immer noch aus den Erfahrungen der Finanzkrise resultiert und viel mit der Illiquidität und Intransparenz in diesem Bereich zu tun hat. Hinzu kommen regulatorische Hürden. Man kann in Deutschland nicht so einfach direkt in diskretionäre Hedgefonds-Mandate investieren. International nimmt man jedoch wahr, dass das Interesse an Hedgefonds steigt, was auch mit der überdurchschnittlichen Performance in den vergangenen Jahren zu tun hat.

Fast alle der befragten Unternehmerfamilien sind in Immobilien investiert, 51 Prozent wollen ihre Investments sogar ausbauen. Was tut sich gerade im Markt?

Immobilien sind für Unternehmerfamilien traditionell ein wichtiger Baustein in der Gesamtvermögensallokation. Wir sehen, dass die Investoren und Unternehmer derzeit auf ihrem Bestand sitzen, die Marktbedingungen allerdings Veränderungen im Bestand oder erhöhte Transaktionen nach wie vor nicht zulassen. Dabei muss man zwischen Wohn- und Gewerbeimmobilien unterscheiden: Beim Gewerbeimmobilienmarkt passiert weiterhin praktisch nichts, die Mieten sinken weiterhin. Es gibt Ausnahmen in einigen Nischen, zum Beispiel erleben Hotelinvestments gerade einen kleinen Aufschwung. Wohnimmobilien sind zwar weiterhin gefragt, stehen aber nicht mehr so im Fokus wie vor fünf oder zehn Jahren. Insbesondere die großen institutionellen Immobilienfonds stehen unter Druck, irgendwann etwas verkaufen zu müssen, um Ausschüttungen generieren zu können. Grundsätzlich steht der Immobilienmarkt weiterhin extrem unter Druck, und die Zeiten scheinen herausfordernd zu bleiben.

Die Bedeutung von Nachhaltigkeit bei Investitionen hat abermals abgenommen, wie die Barometerergebnisse in diesem Jahr zeigen.

Es fehlt nach wie vor ein klares Regelwerk, auf das sich Unternehmer mit Blick auf nachhaltige Investments verlassen können. Im Rahmen des „Green Deal“ der EU, der zuletzt wieder aufgeweicht wurde, ist bis heute kein ausgestaltetes Regelwerk vorhanden. Das macht jedem Investor die Umsetzung schwierig. Pictet ist als Haus zwar weiterhin davon überzeugt, dass es langfristig sehr wichtig sein wird, Investments mit Nachhaltigkeitskriterien zu versehen beziehungsweise diese bei der Gesamtallokation zu berücksichtigen. Aber gegenwärtig überlagern andere Themen sowohl das Investmentgeschehen wie auch das operative Geschäft von Familienunternehmen, insbesondere die geopolitischen Entwicklungen.

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.