Am liebsten möchte man das Haus zusammenklappen und gleich einpacken. Ein Fertighaus im Einklang mit der Natur, heimische Hölzer, schadstofffreie Holzspäne-Dämmung, Schutzebene gegen Elektrosmog. Das muss auch für den Menschen gut sein. „Manchmal halten Autofahrer und Urlauber auf dem Weg ins Allgäu sogar ganz spontan an, um sich unsere Häuser anzuschauen“, berichtet die Baufritz-Showroom-Mitarbeiterin. Dann muss der Funke bei der Führung durch die Musterhäuser überspringen. Leidenschaft für die Produkte zu vermitteln fällt der Mitarbeiterin nicht schwer. Sie hat ein gutes Vorbild: „Unsere Chefin ist sehr begeisterungsfähig, das strahlt auf die Belegschaft aus“, sagt sie.
Ein kräftiger Händedruck, ein fester Blick in die Augen. Dagmar Fritz-Kramer (40) empfängt ihre Gäste in einem Raum, der von Licht durchflutet wird. Eine große Fensterfront vermittelt den Eindruck, als sitze man eigentlich auf der Terrasse. „Zu Zeiten meines Vaters hatten unsere Häuser eher den Charakter eines Blockhauses mit klitzekleinen Fenstern“, erzählt Fritz-Kramer. Das, was man halt mit Bayern verbindet.
Heute, im 116. Jahr der Firmengeschichte, weiß die Firmenchefin, dass es überlebensnotwendig ist, dass das Design und die Funktionalität der Häuser auch „mit dem Zeitgeist gehen“. „Ökofertighäuser im Birkenstockstil der siebziger Jahre könnten wir heute gar nicht mehr verkaufen“, sagt sie. Das habe auch ihr Vater irgendwann eingesehen. Obwohl er immer mal wieder gern bemerkt, dass der Bauhausstil, den man bei Neubauten so oft sehe, doch nur ein Modetrend sei.
Führung und Eigentum übergeben
Mit Bemerkungen hier und da lässt Vater Hubert Fritz es auch gut sein. Denn zu sagen und zu entscheiden hat er nichts mehr. Im vergangenen Jahr hat er seine verbliebenen 20 Prozent an die beiden Kinder übertragen. Dagmar hält 72,5 Prozent der Anteile, ihr jüngerer Bruder Volker (38) die restlichen 27,5 Prozent. Der Wendepunkt war bereits am 4. Juni 2004 erreicht, genau an Huberts 65. Geburtstag. Dagmar wurde geschäftsführende Gesellschafterin, Vater Hubert schied aus dem operativen Geschäft aus und übertrug seiner Tochter die Mehrheit.
Das war ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Bundesregierung die Eigenheimzulage gekürzt hat. Der Umsatz brach um 30 Prozent ein. „Den Rucksack trägst jetzt du“, habe Hubert seiner Tochter bei der Übergabe während der Krise gesagt. Und zog zu seiner Frau nach Tirol. Seine erste Frau, Dagmars Mutter, war 1988 verstorben.
„Die räumliche Trennung war ein Segen“, sagt Dagmar Fritz-Kramer. „Für uns beide. Vielleicht der Erfolgsfaktor schlechthin für unsere Nachfolge.“ Ihr Vater habe nicht tagtäglich mitgekriegt, was im Unternehmen passiert, und konnte emotional besser Abstand gewinnen. Für die Mitarbeiter sei das ein Signal gewesen: „Ihr müsst jetzt die Daggi ansprechen.“ „Daggi“ Fritz-Kramer konnte sich ohne den Vater im Nacken auf ihre neue Rolle konzentrieren: Im Jahr 2004 hieß es zunächst Ärmel hochkrempeln.
„Da hatte ich das erste und bislang auch das einzige Mal schlaflose Nächte“, erinnert sich Fritz-Kramer. Baufritz musste im Markt auffallen und Investitions- und Innovationsstärke zeigen. Ein „brutaler“ Verdrängungswettbewerb tobte. Innerhalb von wenigen Monaten entstand das sogenannte Schwedenkonzept. Ein rotes Holzhaus, das an die malerischen Häuser in Skandinavien erinnert. Der Vater war von dieser Idee ganz und gar nicht überzeugt. Aber die 250 Mitarbeiter. „Das Vermächtnis meines Vaters sind die kreativen und experimentierfreudigen Mitarbeiter, die ständig hungrig sind nach Verbesserungen und tüfteln, was das Zeug hält.“ Und so saßen die Mitarbeiter wochenlang „mit dunklen Rändern unter den Augen“ zusammen und analysierten und zimmerten, bis das Musterschwedenkonzept stand. Es verkauft sich heute noch gut.
Ein Tropfen Wehmut
Vater Hubert hat in den ersten Jahren ab und an auf die Zahlen geschaut. Und dabei auf den Posten Fremdmittel geschielt. „Keine Verbindlichkeiten zu haben, das war ihm wichtig. Wir finanzieren uns auch heute noch aus eigenen Mitteln.“ Er kam zunächst alle zwei Wochen zu Besuch. Daraus wurden schnell vier, dann acht Wochen. Irgendwann habe er gemerkt, dass die Leute viel zu tun haben und eigentlich keine Zeit, um länger mit ihm zu plaudern.
Keine schöne Erfahrung für den Senior, aber eine, die ihn darin bestätigte, dass der Betrieb auch ohne ihn läuft. „Mein Vater hat gewusst, wie schwer ihm das Loslassen fallen würde“, erinnert sich Fritz-Kramer. Gerade deshalb habe er sich ein festes Ausstiegsdatum gesetzt. Und die Zeit bis dahin genutzt, um sich und seiner Tochter eine Probezeit aufzuerlegen.
Gemeinsam hatten die beiden einen Fünfjahresplan entworfen. Jedes Jahr sollte sie eine neue Abteilung übernehmen. Am Schluss die Finanzen. Während dieser Zeit setzte Dagmar auf ihr Studium für Innenarchitektur ein Studium für Wirtschaftsingenieurwesen drauf. „Ich hatte keine Ahnung von Betriebswirtschaft. Das ging gar nicht.“
In den fünf Jahren des Miteinanders haben sich Vater und Tochter „natürlich auch gerieben“, vor allem in den ersten beiden Jahren. Nicht im Tagesgeschäft, sondern bei übergreifenden Strategiefragen. Geholfen habe das offene Gespräch. „Ich finde, es ist ein Vorteil in Familienunternehmen, dass man auch mal richtig hart miteinander reden kann“, sagt Fritz-Kramer. So wie zum Beispiel über Marketing.
Ihr Vater wollte über Anzeigenschaltung diskutieren, sie über Google-Management. Da habe ihr Vater gespürt, dass es Zeit wird für ihn. „Er war gewohnt, alles zu wissen und alles zu können. Er hätte noch mit 80, ja mit 100 Jahren arbeiten können. Aber er wusste, dass es dem Betrieb nichts helfen würde.“
Das Unternehmen Baufritz: vier Generationen
Sylvester Fritz gründete im Jahr 1896 sein Unternehmen und stellte Fachwerkhäuser, Dachstühle und Kirchtürme her. Ihm folgte 1927 der Zimmerermeister Johann Fritz. 1963 ging Hubert Fritz an den Start. Der Tüftler entwickelte Methoden, um naturnah zu bauen, und legte somit den Grundstein für gesundheitliches, ökologisches Bauen. Seit 2004 leitet Dagmar Fritz-Kramer die Geschäfte gemeinsam mit einem familienfremden Geschäftsführer. Nach Haupt- und Realschule hatte sie sich zur Schaufensterdekorateurin ausbilden lassen, dann das Abitur nachgeholt und zunächst Innenarchitektur und danach Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Seit sie das Ruder übernommen hat, hat sie die Architektur weiter – entwickelt, neue Akzente im Design gesetzt, die Baubiologie auf Innenausstattung und Garten ausgeweitet sowie die Expansion in europäische Länder gestartet. Das Unternehmen beschäftigt 250 Mitarbeiter und setzt 60 Millionen Euro um.
Baufritz wurde vielfach ausgezeichnet. Im Jahr 2009 gewann das Unternehmen den „Deutschen Nachhaltigkeitspreis“, verliehen unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel. Hubert Fritz wurde bereits 1995 „Ökomanager des Jahres“. Im Jahr 2008 kürte Ursula von der Leyen Baufritz zum familienfreundlichsten Unternehmen. Baufritz unterstützt flexible Arbeitszeitmodelle und hat einen Kindergarten auf dem Betriebsgelände. Dagmar Fritz-Kramer hat zwei Kinder, ihr jüngerer Bruder Volker vier.
Das Unternehmen entwickelt sich gut. Seit 2004 hat sich der Umsatz um 50 Prozent auf heute 60 Millionen Euro erhöht. Fritz-Kramer hat viel bewegt, um einerseits die Abhängigkeit vom deutschen Markt für Einfamilienhäuser zu verringern und andererseits das Angebotsspektrum zu erweitern. Baufritz baut mittlerweile auch für das Gewerbe und die öffentliche Hand, vor allem Schulen und Kindergärten. Vor sieben Jahren ging es in die Schweiz, vor fünf Jahren nach England. Außerdem sieht sich Baufritz nicht mehr als reiner Holzhausbauer. Die 25 Baubiologen sorgen dafür, dass z.B. auch der Garten, Badkacheln und Bodenbeläge die Schadstoffbilanz des Ökohauses nicht durcheinanderbringen. Und vier Ingenieure entwickeln in einer „stark strukturierten“ F&E-Abteilung die technische Architektur weiter. Früher hatte ihr Vater allein F&E betrieben.
Ihre Stärke sieht Dagmar Fritz-Kramer in ihrem Gespür für neue Trends. Sie hat noch viel vor. „Die Holzbauer in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz sind führende Hersteller im wirklich nachhaltigen Bauen“, erzählt sie und kommt richtig in Fahrt. „Da haben wir einen super Exportartikel.“ Den Rohstoff- und Energieverbrauch in der Hausbaubranche prangert sie an. „Sapperlot, so können wir nicht weiterleben! Wir sind nur ein kleiner Allgäuer Betrieb. Aber wir können Impulse setzen.“
Vierte Generation: zwei ungleiche Geschwister
Im Jahr 1999 legte Hubert Fritz fest, sich an seinem 65. Geburtstag am 4. Juni 2004 aus dem Familienunternehmen zurückzuziehen. Der Zeitpunkt kam nicht von ungefähr: Aus steuerlichen Gründen übertrug er im Jahr 1999 10 Prozent der Gesellschafteranteile an seine Kinder. Damit verbunden war die Frage: Wollt ihr lieber im Geschäft arbeiten oder Gesellschafter sein?
Die Kinder Dagmar und Volker überlegten nicht lange. Beide haben den ökologischen Hausbau „mit der Muttermilch auf – gesogen“, sagt die ältere Schwester. Sie wollte in die Geschäftsführung, ihr Bruder nicht. „Mein Bruder hat früh gesagt, dass er gern im Betrieb mitarbeiten möchte, aber nicht in der Führung. Das würde ihn zu sehr belasten.“ Volker ist gelernter Bauzeichner und Zimmerer und verantwortlich für das Qualitätsmanagement. „Ich habe nicht so ein dickes Fell“, sagt er über sich selbst. Reklamationen nimmt er sehr persönlich.
„Ich bin im Gegensatz zu meinem Bruder eher oberflächlich“, sagt Dagmar. Das soll nicht negativ klingen. Was sie damit meint: „Ich kann Probleme recht gut auf eine sachliche Ebene bringen.“ Das helfe auch in den Gesprächen mit Mitarbeitern und Kunden. Außerdem setze sie viel Vertrauen in ihre Mitmenschen. „Ich kann ihnen Verantwortung übertragen und verteile so meine Last auf mehrere Schultern.“
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

