Heute ist ein wichtiger Tag für Karl Ludwig Schweisfurth. Die Hühner werden auf eine andere Koppel umgesiedelt. Dafür werden die Hühnerställe aufgebockt und von einem Traktor zu seinem neuen Standort gezogen. Das besondere Ereignis dokumentiert Schweisfurth mit einem Fotoapparat. Von seinem verstauchten Knöchel lässt sich der 82-Jährige nicht abhalten. „Jetzt erleben Sie symbiotische Landwirtschaft hautnah“, ruft er begeistert und humpelt über die Wiese. Schon seit einigen Jahren experimentiert Schweisfurth mit neuen Formen der Agrarkultur: Verschiedene Nutztiere werden in einer Koppel gehalten, auf der unterschiedliche Pflanzenarten für den passenden Lebensraum und die richtige Ernährung der Tiere sorgen „mit dem Ziel, höchste Lebensmittelqualität im Einklang mit ganzheitlicher und ökologischer Wirtschaftsweise zu vereinen“, erklärt Schweisfurth.
Karl Ludwig Schweisfurth war einmal Großunternehmer. Ihm gehörte bis 1984 Herta, mit 5.000 Mitarbeitern und 1,5 Milliarden D-Mark Umsatz der damals größte Fleischkonzern in Europa. Heute gilt Schweisfurth als Pionier auf dem Gebiet der ökologischen Lebensmittelherstellung. Den Biobetrieb Herrmannsdorfer Landwerkstätten, den er nach dem Verkauf von Herta gründete, hat er längst seinem Sohn Karl übergeben. Die symbiotische Landwirtschaft ist Schweisfurths Altersprojekt.
Karl Schweisfurth: „Meine beiden Söhne waren mir fremd geworden und ich ihnen.“
Wenn Schweisfurth zurückblickt, dann teilt er sein Leben in eine „alte“ und eine „neue“ Welt. In seinem alten Leben war Karl Schweisfurth immer unterwegs. Er baute Fleischfabriken in Brasilien und Äthiopien und ging als Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Fleischwarenindustrie in Bonn und Brüssel ein und aus. Wie jeder Vater wünschte er sich, dass seine Kinder einmal in seine Fußstapfen treten würden. Auch er hatte den Betrieb im westfälischen Herten vor langer Zeit von seinen Eltern übernommen. Während eines Auslandsaufenthalts in Chicago, in den Union Stock Yards, dem damaligen Zentrum der amerikanischen Fleischverarbeitung, hatte Schweisfurth als 25-Jähriger die Möglichkeiten der technisierten Fleischverarbeitung kennengelernt und war begeistert gewesen. Fünf Jahre hatte er gebraucht, um Herta zur modernsten Fleischwarenfabrik in Europa umzubauen.
Ende der siebziger Jahre ist Schweisfurth erfolgreich und angesehen, zu Hause spürt er jedoch nur Ablehnung. „Es gab immer häufiger Diskussionen mit meinen heranwachsenden Kindern“, erinnert er sich. Vor allem sein Sohn Karl wirft ihm seinen hektischen Lebensstil und sein Streben nach Größe vor. „Wozu?“, fragt er. „Für euch“, antwortet der Vater. Doch seine Kinder wollen mit seiner Welt nichts zu tun haben. Nach dem Abitur gehen sie eigene Wege.
„Meine beiden Söhne waren mir fremd geworden und ich ihnen.“
Auch das Verhältnis zu seiner Tochter Anne, die bei Schweisfurths geschiedener Ehefrau lebt, ist distanziert. „Ich habe erst später verstanden, dass mir meine Kinder einen Spiegel vorgehalten haben“, sagt der Vater.
Die Diskussionen mit den Kindern setzen bei Schweisfurth etwas in Bewegung. Er fängt an, sein Leben zu hinterfragen und genauer hinzuschauen: Warum sind die Tiere, die in den Fabriken ankommen, so gestresst und empfindlich? Warum tropft Wasser aus dem Fleisch? Als er der Sache auf den Grund geht, ist er schockiert, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten werden. „Ich hatte immer häufiger das Gefühl, dass sich das ganze System der Massentierhaltung und der Fleischproduktion in die verkehrte Richtung entwickelte“, gibt Schweisfurth zu.
Der Schnitt kommt durch eine Fastenkur
Den Entschluss, noch einmal neu anzufangen, fällt er während einer Fastenkur im Jahr 1984. Bis zur Trennung von Herta vergehen nur neun Monate. Seine zweite Ehefrau Dorothee gibt ihm Rückhalt. Jahrelang hat sie ihn auf all seinen Reisen begleitet, war bei allen wichtigen Sitzungen mit dabei. Nun ist sie bereit, mit ihm ein neues Leben in München anzufangen. Dort gründet Schweisfurth 1985 eine gemeinnützige Stiftung mit dem Zweck, „Wege zu einem ganzheitlichen und erfüllten Leben zu fördern, in dem Arbeit und Technik wieder in einen besseren Einklang mit der Natur gebracht werden“.
In Herrmannsdorf bei Glonn, 40 Kilometer von München entfernt, findet Schweisfurth einen alten Gutshof. Auf 160 Hektar will er seinen Traum auf die Erde bringen: weg von der Spezialisierung und hin zu einer ökologischen Lebensmittelerzeugung, handwerklich und regional. „Ich wollte Lebensmittel herstellen, die wieder Mittel zum Leben sind. Lebensmittel, von höchstem Geschmacks- und Gesundheitswert.“
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Der ehemalige Fleischfabrikant spricht plötzlich über Ethik und davon, dass Tiere unsere Mitgeschöpfe sind. Die meisten seiner früheren Weggefährten erklären ihn für verrückt. „Meine alte Welt und bis auf ganz wenige Ausnahmen die Menschen, mit denen ich bislang zu tun hatte, gehörten von da an der Vergangenheit an“, sagt Schweisfurth und klingt dabei kein bisschen verbittert. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe.“ Während sich Freunde und Bekannte von Schweisfurth abwenden, findet die Familie wieder zusammen: Von dem Lebens-Wandel ihres Vaters beeindruckt, suchen die Kinder nach und nach wieder den Kontakt. „In den ersten Jahren nach meinem Neuanfang kam ein Kind nach dem anderen wieder zu mir zurück, erst die Anne, dann der Georg und schließlich auch der Karl“, erinnert sich Schweisfurth.
Er gründet die Herrmannsdorfer Landwerkstätten und setzt mit Hilfe seines Sohnes Georg den heruntergekommenen Hof wieder instand. Georg zieht es nach einer Weile ins Ausland, später gründet er mit Freunden in Deutschland die Biosupermarktkette „Basic“. Seine Verbindung zu Herrmannsdorf reißt in all dieser Zeit nicht ab. Mitte der neunziger Jahre meldet Sohn Karl Interesse am väterlichen Betrieb an: „Er kam als selbständiger Mann zurück, er hatte sich von der Familie emanzipiert und selbst etwas aufgebaut“, erzählt Schweisfurth. „Eines Tages sagte er: ,Vater, hier bin ich, Herrmannsdorf interessiert mich.‘“ 1996 übernimmt Karl das Ruder in den Landwerkstätten.
Auf viele Fehler kommt der Lohn
Im Laufe der Jahre entstehen auf dem Hofgut eine Warmfleischmetzgerei, Bäckerei, Käserei und Brauerei, Wohnhäuser für die Angestellten, ein Kindergarten, ein Hofladen und ein Wirtshaus – ein kleines Dorf eben. Im Zentrum des Ganzen steht die Erzeugung und Verarbeitung von Fleisch nach ökologischen und ethischen Grundsätzen. Das Geld dafür kommt aus dem Verkauf von Herta. „Es hat sehr lange gedauert, bis Herrmannsdorf rentabel war, ich habe so viele Fehler gemacht“, gesteht Karl Schweisfurth. „Ich wusste aber, dass Herrmannsdorf nur Signalwirkung für andere haben kann, wenn es wirtschaftlich erfolgreich ist.“ Seit zehn Jahren schreibt der Betrieb schwarze Zahlen. Der Verkaufserlös von Herta ist inzwischen aufgebraucht. Schweisfurth macht das angeblich nichts aus. „Ich will nicht der Reichste auf dem Friedhof sein“, kokettiert er.
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Seit 1996 führt Sohn Karl Schweisfurth das Unternehmen. Der Betrieb beschäftigt 200 Mitarbeiter und erzielte im vergangenen Jahr rund 17 Millionen Euro Umsatz. Tochter Anne leitet dort das Schullandheim „Dorf für Kinder und Tiere“. Georg Schweisfurth – Zwillingsbruder von Karl – ist seit 1996 Geschäftsführer des ökologischen Seminarhotels Gut Sonnenhausen, das sich ebenfalls im Besitz der Familie Schweisfurth befindet. 2002 überträgt Karl Ludwig Schweisfurth sämtliche Anteile an seinen Betrieben an seine Kinder und widmet sich der symbiotischen Landwirtschaft, einem Versuchsprojekt nach dem Vorbild von Sepp Holzer: In einer eigens angelegten Kultur aus Bäumen, Hecken, Äckern, Wiesen und Beeten werden verschiedene Nutztiere zusammen ganzjährig in einer symbiotischen Gemeinschaft gehalten.
Auch seine anderen beiden Kinder Georg und Anne arbeiten an der Verwirklichung der Vision ihres Vaters mit: Seit 1997 führt Georg das Gut Sonnenhausen, ein ökologisches Seminarhotel auf einem denkmalgeschützten Hofgut, das ebenfalls der Familie Schweisfurth gehört und in direkter Nachbarschaft zu den Herrmannsdorfer Landwerkstätten liegt. Tochter Anne leitet von ihrer Wahlheimat Bremen aus das „Dorf für Kinder und Tiere“, eine Art Schullandheim in – mitten des Ökobetriebes.
Bereits vor zehn Jahren hat Schweisfurth die Herrmannsdorfer Landwerkstätten und das Gut Sonnenhausen „unwiderruflich“ auf seine Kinder übertragen und sich operativ zurückgezogen. „Nun bin ich der Alte, ich mische mich nicht mehr ein“, beteuert er, „ich widme mich ganz der symbiotischen Landwirtschaft.“ Auch daraus ist schon wieder ein kleines Unternehmen entstanden. Gemeinsam mit einem Planungsteam von fünf Mitarbeitern exportiert Schweisfurth das Konzept ins In- und Ausland.
Später, als die Hühner längst mit den Schweinen und Kühen Bekanntschaft gemacht haben, sitzt Schweisfurth in seinem Garten auf dem idyllischen Hofgut, zieht genussvoll an einer Zigarre und lächelt zufrieden. Entfernt sind Kinderstimmen zu hören, vielleicht die seiner Enkel, die mit ihren Eltern Karl und Gudrun im Nachbarhaus wohnen. „Am Ende meines Lebens kann ich heute sagen“, resümiert Schweisfurth, „ich bin meinem Metier treu und Unternehmer geblieben. Ich habe es aber in eine zukunftsfähige Form gebracht. Und: Die ganze Familie ist wieder zusammen. Das können nicht viele von sich behaupten.“
