Noch schlichter wäre kurz vor schäbig. Das Vermögen der Familie Leitz wird aus einer Seitenstraße in der Stuttgarter Innenstadt heraus verwaltet. In einem gesichtslosen Haus, in dem, ausweislich der kleinen Klingelschilder, auch noch eine Gebäudereinigungsfirma residiert. Kein Schnickschnack: So muss das wohl sein, wenn am Anfang der Familiengeschichte ein Schwabe steht, der eine „Werkstätte zur Herstellung von Metallteilen für Ordnungsmittel“ betrieb und darin einen „Hebelordner mit Exzenterverschluss und Raumsparschlitzen“ entwickelt hat.
Dabei thront der markante Firmenschriftzug bis heute in großen Lettern über Stuttgart-Feuerbach, unübersehbar für jeden, der mit dem Zug ankommt. Die Familie Leitz allerdings verbindet mit dieser Firma nur noch der Name. 1998 haben die 30 Gesellschafter ihre Anteile an den internationalen Büroartikelhersteller Esselte verkauft. Und sich damit in eine ungewohnte Situation gebracht: Auf einmal waren sie wohlhabend, in Wirklichkeit und nicht nur auf dem Papier.
Denn vor dem Verkauf war Leitlinie bei Leitzens: Vermögen ist fürs Unternehmen da. „Die Gesellschafter hatten nichts zu sagen. Wir haben immer darauf geachtet, dass nicht zu viel aus der Firma gezogen würde“, berichtet Exgeschäftsführer Helmut Leitz. „Ja, strengstens“, bekräftigt seine Schwester Margit. Typisch schwäbisch? „Wir waren ein schwäbisches Familienunternehmen, ganz klar“, sagt Helmut Leitz. „Und die Familie war dadurch geprägt.“ Heißt konkret: „Es gab keinen, der ausgeflippt ist, mit Kunst oder anderen teuren Hobbys. Das Geld dazu hatten die Leute nicht. Außer sie haben es selbst verdient.“ Kein Schnickschnack: Das galt für die Firma, und das galt für die Familie. Und es galt auch nach dem Verkauf.
Das Geld sollte zusammenbleiben. Warum? Helmut Leitz nennt einen typisch schwäbischen Grund: Weil sich aus einem großen Batzen Geld mehr machen lässt als aus vielen kleinen. Aber das allein war es nicht. Schließlich waren die Gesellschafterversammlungen des Unternehmens mehr als geschäftliche Veranstaltungen gewesen, es waren Familientreffen. Die Bindung sollte auch nach dem Verkauf weiter bestehen. „Wir müssen, wir wollen als Familie zusammenhalten“, sagt Margit Leitz.
Viele Wege, um die Welt zu verbessern
Die Leitzens halten ihr Geld zusammen. Es entstand jene Vermögensverwaltungs-GmbH, die so schlicht als Family-Office in einer Seitenstraße der Stuttgarter Innenstadt residiert. Und zu der bald noch eine zweite Klammer kam. Der neue Reichtum hatte bei so manchem eine Frage provoziert, erinnert sich Margit Leitz: „Was können wir gemeinsam als Privilegierte der Gesellschaft tun, um etwas zurückzugeben?“ Etwas Sinnstiftendes sollte es sein: die Louis Leitz Stiftung. Der Name war schnell gefunden. Benannt ist sie nach dem Firmengründer, dessen Andenken die Familie hochhält. Mit ernstem Blick und bärtigen Wangen wacht seine Büste heute über den Flur des schlichten Familienbüros; die äußerliche Strenge des Patriarchen wird nur durch den Hut ein wenig abgemildert, den ihm ein kecker Nachfahre aufs Haupt gesetzt hat.
Nicht ganz so einfach war die Suche nach einem Stiftungszweck. Ein Arbeitskreis von etwa zehn Familienmitgliedern dachte über eine Aufgabe nach, mit der sich alle identifizieren könnten. Leitfrage: „Was sind die Herausforderungen von morgen und übermorgen?“ Um eine Antwort zu finden, holte sich die Familie „etwas Hilfe von außen“. Andere Stifter berichteten von ihren Erfahrungen. Aber entscheiden musste der Leitz-Clan selbst. „Wir hatten alle unsere Themen“, erinnert sich Margit Leitz. Ökologie stand im Raum. Aber auch das Stichwort Firmen- und Familiengeschichte. Mind-Mapping hilft schließlich beim Sortieren und beim Gewichten der Vorschläge.
Die Louis Leitz Stiftung
- 1871 Louis Leitz, Dreher und Mechaniker, gründet eine Fakturabücher-Werkstatt
- 1896 Louis Leitz erfindet die Hebelmechanik: die Geburtsstunde des Leitzordners
- 1998 Verkauf des schwäbischen Familienunternehmens an den Büroartikelkonzern Esselte
- 1999 Alle 30 Exgesellschafter bündeln den Verkaufserlös in einem Family-Office (Louis Leitz GmbH & Co. KG)
- 2001 Gründung der Louis Leitz Stiftung als unselbständige Förderstiftung
- 2006 Selbständige Stiftung bürgerlichen Rechts
Quelle: Louis Leitz Stiftung.
„Zukunft stiften durch Bildung – Ausbildung – Arbeit“: Das würde das offizielle Motto der Stiftung, die im November 2001 als unselbständige Förderstiftung unter der Rechtsträgerschaft des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft entstand, bevor sie Mitte 2006 eine selbständige Stiftung bürgerlichen Rechts wurde. Zugang zu Bildung, Ausbildung, Arbeit schaffen – und zwar für Menschen, „die in körperlicher, seelischer oder wirtschaftlicher Benachteiligung leben“. Da geht es zum Beispiel um Hauptschüler aus einer Brennpunktschule im Norden Stuttgarts. Und um die Frage, was sich dagegen tun lässt, dass mehr als die Hälfte von ihnen keine Ausbildungsstelle bekommt. Herzige Bilder mit kulleräugigen Kindern entstehen da nicht. Die Geförderten werden auch keine Spitzenleistungen bringen, deren Renommee auf die Förderer zurückfällt. Und erst recht ist nicht jener Glanz zu erwarten, den ein Engagement für Kunst und Kultur verspricht.
Kunst sei „ungeheuer wichtig“, sagt Margit Leitz. „Aber nicht lebensnotwendig.“ Auch für die Stiftung gilt: kein Schnickschnack. „Außerdem spielte Ausbildung im Unternehmen immer eine große Rolle“, ergänzt die Erbin, die – im Gegensatz zu ihrem Bruder – nach vielen Jahren in Paris kaum noch schwäbelt. Noch ein Bindeglied zur Firmengeschichte: Viele Migranten haben im Unternehmen gearbeitet.
Wer knausert?
Um die Geldbeutel der Verwandtschaft zu öffnen, holten sich die Vorreiter der Stiftungsidee wieder Hilfe von außen. Helga Breuninger, Stuttgarterin, Spross einer Unternehmerfamilie und Geschäftsführerin der Breuninger-Stiftung, sollte bei einer Versammlung für das Konzept werben. Die Idee zog tatsächlich: „Alle haben mitgemacht“, sagt Margit Leitz. Und klingt immer noch ein bisschen erstaunt. Alle: Das waren nicht nur die 30 Exgesellschafter, sondern auch weitere zehn Familienmitglieder. 40 Gründungsstifter. Und jeder von ihnen musste mindestens 10.000 Euro beisteuern. 1,6 Millionen Euro kamen schließlich als Anfangskapital zusammen. Ein voller Erfolg? Ein bisschen mehr hätte es ruhig noch sein dürfen, meint Helmut Leitz. Ein bisschen mehr soll es noch werden. Genauer: „Wir müssen dreimal so groß werden.“ Das ist das Ziel, das sich Helmut Leitz für die nächsten Jahre gesetzt hat. Im Moment führen er und seine Schwester Margit als Stiftungsvorstand die Geschäfte der Stiftung. Ehrenamtlich. Obwohl die Aufgabe für ihn fast den Umfang einer halben Stelle habe, überschlägt er.
Eigentlich hatte er sich nach dem Verkauf der Firma als Business Angel engagiert. Dass es anders gekommen ist, scheint ihn nicht zu stören. Aber für eine Dauerlösung hält er das nicht: Langfristig müsse es einen angestellten Geschäftsführer geben, die Familie solle nur noch eine Aufsichtsfunktion übernehmen und dafür die fünf bis sieben Mitglieder des Stiftungsrats stellen. Für unrealistisch hält er die Hoffnung auf weiteren kräftigen Kapitalfluss nicht. Doppelt so viel Geld wie am Anfang sei schon beisammen. „In vier, fünf Jahren müssten wir so weit sein“, überschlägt er mit Blick aufs große Ziel. Schließlich werden in einer Familie auch immer wieder Testamente gemacht. Außerdem zähle die Stiftung mittlerweile direkt zu den Gesellschaftern des Familienvermögens. „Das verzahnt noch einmal zusätzlich“, sagt Helmut Leitz.
Ein Vorbild für Familienmitglieder, die größere Summen einbringen und selbst inhaltliche Akzente setzen wollen, könnten auch die beiden separaten Stiftungsfonds sein, die unter dem Dach der Louis Leitz Stiftung einen Platz gefunden haben. Auch sie dienen dem übergeordneten Stiftungsziel, aber mit eigener Zielrichtung: einmal Osteuropa, einmal die „Dritte Welt“. Was da genau gefördert wird, entscheidet – wie in allen anderen Fällen – der Stiftungsrat, der sich vier- bis sechsmal jährlich trifft. Aber natürlich entscheide das Gremium im Einvernehmen mit den Stiftern der Sonderfonds, sagt Helmut Leitz. 150.000 Euro pro Jahr schüttet die Stiftung nach eigenen Angaben im Moment aus. Dass das Geld so verwendet wird wie vorgesehen, dafür sorgen die Projektpaten aus dem Stiftungsrat.
Margit Leitz zum Beispiel kümmert sich um „Medica Zenica“, ein Ausbildungszentrum für Frauen und Mädchen, die in Bosnien-Herzegowina während des Krieges sexueller Gewalt ausgesetzt waren. Präsenz vor Ort gehört da dazu.
Eine Präsenz, die die Geförderten auch fordern kann. Es gehe nicht darum, vor Ort Vorschriften zu machen, sondern zu begleiten, sagt Margit Leitz. „Unsere Partner sind professionell.“ Aber freundliche Hinweise gibt sie manchmal schon. Gar nicht unbedingt aus der gesammelten Erfahrung einer Unternehmerfamilie heraus. Gesunder Menschenverstand reiche da oft schon aus, sagt sie. Und natürlich müsse man dann mit dem umgekehrten Hinweis rechnen, dass der Vorschlag zwar gut sei, aber die Verwirklichung Geld koste.
Für jeden eine Spielwiese
Schwieriger wird es, wenn Projekte in Afrika unterstützt werden. Da kam es erstmalig zu „Adaptionen eines ursprünglichen Konzepts, die wir so nicht mehr nachvoll – ziehen konnten“, räumt Helmut Leitz ein. Konsequenz: Die Stiftung arbeitet mit anderen, erfahrenen Einrichtungen zusammen, die sich vor Ort auskennen. Überhaupt, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit: Die ist es, was die Louis Leitz Stiftung besonders auszeichnet, meinen die beiden Vorstandsmitglieder. Eigentlich bleibe ihr auch gar nichts anderes übrig, sagt Helmut Leitz: „Wir sind schließlich eine kleine Stiftung.“ Trotzdem bedeutet es, dass die Leitzens den Ruhm der guten Tat mit anderen teilen müssen. Aber es geht ja nicht um Eitelkeit, sondern um die Sache. Kein Schnickschnack: Das gilt eben nicht nur für die Unternehmer-, sondern auch für die Stifterfamilie Leitz.
Für gutwillige, aber naive Sentimentalität ist kein Platz. Ein Grundsatz: Unterstützt werden Projekte nur mittelfristig, also vier oder fünf Jahre lang. Bis dahin müssen die Geförderten auf eigenen Füßen stehen – oder neue Helfer gefunden haben. Das könne bedeuten, ein Projekt auch einmal auslaufen zu lassen, sagen die beiden Leitz-Geschwister. Bislang allerdings sei ihnen das erspart geblieben. Zum Glück. Wenn Helmut Leitz an seinem Engagement etwas ganz grundsätzlich verdrießt, dann vielleicht die Tatsache, dass die Familie nicht eher auf die Idee mit der Stiftung kam. „Eher“, das hätte geheißen: vor dem Verkauf der Firma.
Dann würde heute vielleicht doch nicht ein internationaler Büroartikelhersteller von der Marktführerstellung jener Marke profitieren, an deren Anfang Louis Leitz und seine „Hebelordner mit Exzenterverschluss und Raumsparschlitzen“ standen. Sondern die Stiftung, die nach dem schwäbischen Tüftler mit Sinn für Ordnung benannt ist. Unternehmerfamilien, die vor dem Rückzug aus dem Unternehmen stehen, sollten über so eine Variante jedenfalls nachdenken, meint Helmut Leitz: „Es ist ein schönes Konzept. Nicht nur, um die Nachfolge zu regeln, sondern auch, um Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen.“
