Von einem, der auszog…

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Über Steinhoff International können wir reden. Aber die Familie lassen wir außen vor!“ Bruno Steinhoff und seine beiden Töchter sind sich darüber einig, dass die privaten Aktivitäten der Familie auch privat bleiben sollen. Der weißhaarige Bruno Steinhoff trägt eine helle Baumwollhose und ein kariertes Hemd. Im angelsächsischen Sprachraum würde man sein Outfit „casual“ nennen. Der Unternehmer ist gerade dabei, die Verantwortung auf die nächste Generation zu übertragen. Schon lange bastelt er an einer Konstruktion, die den Fortbestand des Unternehmens und die Zukunft seiner Kinder sichert. Er ist fast fertig. Da gibt es das Unternehmen Steinhoff International, ein Möbelhandels- und Logistikunternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 4 Milliarden Euro, das seit 1998 in Südafrika börsennotiert ist und an dem Bruno Steinhoff weiterhin einen Minderheitsanteil hält. Und da gibt es die Familiengesellschaft Steinhoff, die zahlreiche andere Aktivitäten bündelt und die nur noch durch ihren Namen mit dem Möbelkonzern verbunden ist.

Die Konstruktion der Familiengesellschaft und deren anstehende Übertragung in eine Stiftung ist das Ergebnis vieler Gespräche innerhalb der Familie und mit Dritten. „Mein Modell ist das beste, das ich bis jetzt irgendwo gesehen habe“, behauptet Steinhoff. Das Modell sichert den unabhängigen Fortbestand des Unternehmens über Generationen hinaus, und es bietet den Töchtern die Gelegenheit, sich unternehmerisch zu engagieren und das Unternehmen weiter auszubauen. Details nennt er jedoch nicht. Das Thema ist zu privat. Dass sich seine Töchter selbst unternehmerisch engagieren, ist Steinhoff besonders wichtig: „Ich halte gar nichts davon, seinen Kindern einen Berg Geld zu hinterlassen. Das führt doch regelmäßig zu Katastrophen in Familien.“

Ein Engagement seiner Töchter bei Steinhoff International kam aus vielen Gründen weder für Bruno Steinhoff noch für seine Töchter in Frage. Außerdem hat Steinhoff International seit vielen Jahren ein gut funktionierendes Fremdmanagement. In der Holding von Steinhoff International besteht das Topmanagement mehrheitlich aus südafrikanischen und britischen Geschäftsführern: „Sehr gute Leute sind das. Zahlenmenschen, BWLer und Wirtschaftsprüfer.“ Die könnten den Konzern besser verwalten als er, gibt Steinhoff unumwunden zu. Er selbst ist als Chairman aber weiterhin gefragt und aktiv: „Ich bin im Board zwar nicht der Einzige, der was von Möbeln versteht, aber niemand ist so lange im Geschäft wie ich.“ Auf seine jahrelange Erfahrung im Geschäft wollen die Manager, die in Johannesburg und Großbritannien sitzen, nicht verzichten.Von denen hält Steinhoff viel, vor allem von seinem CEO: „Markus Joste ist der beste Manager, dem ich in meinem Leben begegnet bin“, schwärmt er.

Vom Familienunternehmen zum Börsenkonzern

Steinhoff war sein Leben lang mehr unterwegs als zu Hause. Die meisten Märkte, auf denen Steinhoff International und seine Tochtergesellschaften heute tätig sind, hat er selbst erschlossen: „Ich habe vor 44 Jahren mit nichts angefangen.“ Damals importierte Steinhoff Möbel nach Westdeutschland. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs kaufte Steinhoff Produktionsstätten in der ehemaligen DDR, in Ungarn, Polen und der Ukraine oder baute diese selbst auf. „Ich bin da immer selbst hingefahren und habe mir das angeschaut, damals, als noch keiner glaubte, dass man in Osteuropa Geld verdienen kann.“

Den Sprung nach Südafrika Mitte der neunziger Jahre verdankt er seinem langjährigen Freund, dem Unternehmer Claas Edmund Daun, der damals einige Textilaktivitäten am Kap aufgebaut hatte. Die Freundschaft zwischen Daun und Steinhoff besteht bis heute. Daun hat einen Sitz im Board der Steinhoff International. Steinhoff nutzte die Gelegenheit, um dem ruinösen Preiskampf auf dem deutschen Möbelmarkt zu entkommen. „Früher gab es in Deutschland viele gute Möbelhersteller und Händler, aber die haben sich alle gegenseitig zerstört.“ Auf dem europäischen und internationalen Möbelmarkt sind IKEA, Dänisches Bettenlager oder die österreichische XXXLutz-Gruppe die Großen. Kein deutsches Möbelhaus hat den Sprung in die Internationalität geschafft. Der einzige paneuropäische Spieler neben Steinhoff war Schieder Möbel, der in diesem Jahr Insolvenz angemeldet hat.

Gemeinsam mit Daun gründete Steinhoff in Südafrika ein Joint Venture und beteiligte sich an der südafrikanischen Gommagomma Holding. Sukzessive entstand über verschiedene Fusionen und Übernahmen ein Möbelund Speditionsunternehmen, dessen Mehrheitsaktionär Bruno Steinhoff war. Unter dem Namen Steinhoff International ging das Unternehmen 1998 in Johannesburg an die Börse. Im Zuge weiterer Kapitalerhöhungen verringerte sich Bruno Steinhoffs prozentualer Anteil im Laufe der Zeit. Diese Entwicklung hat Steinhoff unterstützt und gefördert, um die finanzielle Basis für die weitere Expansion zu erhalten.

Südafrika statt Deutschland

1999 erfolgte die erste Akquisition in Australien. Heute gehört das australische Einrichtungshaus Freedom mit verschiedenen Tochtergesellschaften zur Steinhoff Gruppe. Parallel wurden im britischen Markt sukzessive Möbelhersteller und Einzelhändler gekauft. Steinhoff integriert die einzelnen Marken nicht unter einer einheitlichen Dachmarke, weswegen Steinhoff als Marke weniger bekannt ist. Steinhoff verdeutlicht den Expansionskurs auf einer 4 mal 2 Meter großen Karte, die er mittels Fernbedienung an der Wand in seinem Westersteder Büro ausrollt. Auf Knopfdruck zieht sich Europa zurück und macht Platz für die Welt. Steinhoff berichtet von den Anfängen der Expansion, als wäre es gestern gewesen: vom Zustand der ersten Produktionsstätten in Polen, von chinesischen Geschäftspartnern, die ihn einmal betrogen haben. Der Aufbau der Unternehmensgruppe war kein glatter Durchmarsch. Die Unermüdlichkeit und Beharrlichkeit einer Unternehmerpersönlichkeit stehen dahinter. „Wenn man eine Aufgabe hat, muss man sich der auch stellen.“

Damit ist schon fast alles gesagt, was es nach Steinhoffs Meinung zu seiner eigenen Leistung zu sagen gibt. Fast: „Und dann muss man sich noch überlegen, in welcher Liga man spielen will. Wenn man ganz oben dabei sein will, fordert das eben einen anderen Einsatz als in der Regionalliga.“ Bruno Steinhoff spielt selbstverständlich Bundesliga. Steinhoff International deckt heute in der Möbelbranche die gesamte Wertschöpfungskette von Rohstoffgewinnung über Herstellung, Transport & Logistik bis hin zum Vertrieb in Groß- und Einzelhandel ab. In Südafrika und Australien gehören die bekanntesten Einrichtungshäuser zur Steinhoff-Gruppe. Produziert wird immer noch viel in Osteuropa, vor allem in Polen, aber auch im südlichen Afrika, in Indien, China, Vietnam und Australien. Heute arbeiten 44.000 Mitarbeiter für Steinhoff International, davon nur noch 700 in Deutschland. Der Umsatz lag im vorletzten Geschäftsjahr bei rund 3,3 Milliarden Euro, der Gewinn bei 205 Millionen Euro. Im letzten Geschäftsjahr stieg der Umsatz auf rund 4,5 Milliarden Euro.

Rückzug aus der Liga

Seit ein paar Jahren bereitet Bruno Steinhoff seinen schrittweisen Rückzug aus der Bundesliga vor. Im Jahr 2002 übertrug er die Verantwortung für das Tagesgeschäft seinem Managing Director Markus Jooste. Tatsächlich sieht Bruno Steinhoffs Büro auf dem Firmengelände in Westerstede nicht so aus, als würde er von hier aus einen Weltkonzern lenken. Der auf den Hinterpfoten aufgerichtete Grizzlybär wirkt trotz Angriffspose ein wenig verstaubt. Auf dem Boden liegen stapelweise Möbelkataloge und Unterlagen. Bruno Steinhoff ist bodenständig. Er macht wenig Aufhebens um sich und die eigene Leistung, kann aber stundenlang über Märkte und Produkte sprechen. Die Vergangenheit beschäftigt ihn wenig. Ihn interessiert vor allem, wie es weitergeht, was als Nächstes zu tun, zu regeln ist. Seine Nachfolgeregelung hat ihn in den letzten Jahren stark beschäftigt.

In der Region sind die Steinhoffs trotz von der Autobahn aus unübersehbaren Hochregallagers mit großem Steinhoff-Logo relativ wenig bekannt. Der Taxifahrer aus dem benachbarten Oldenburg hat zwar das Hochregallager schon mal gesehen.Wer Bruno Steinhoff oder gar Steinhoff International ist, weiß er nicht. Auch Steinhoffs Assistentin, die vor wenigen Monaten Steinhoffs langjährige Sekretärin abgelöst hat, kommt aus Oldenburg und kannte das Unternehmen Steinhoff vor ihrer Einstellung nicht. „Wir haben viele gute Freunde in der gesamten Welt“, fällt Bruno Steinhoff auf.Mit vielen von ihnen geht er seiner Passion nach, der Jägerei. Aber „zu Hause“ ist für Steinhoff immer noch Deutschland. Seine Familie und Freunde möglichst oft um sich herum zu haben ist Steinhoff das Wichtigste. Den internationalen Freundeskreis und die Familie in Westerstede unter einen Hut zu bringen ist bei großen Feierlichkeiten wie dem 70. Geburtstag von Bruno Steinhoff in diesem Jahr nicht einfach. Um die Geburtstagslocation zu erreichen,mussten sich seine Freunde – und dazu zählt er auch das gesamte Board von Steinhoff International – in den Flieger setzen. Das Ziel war weder Deutschland noch Südafrika.