Die Thronfolger

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Am Anfang war ein Knopf. So jedenfalls erzählt es die Firmenlegende: Als Notariatslehrling auf Botengang hat Rudolf Wöhrl den Knopf gefunden und aufgehoben. Zur Erinnerung an seinen Traum, den er sich 1933 verwirklicht hat: die Gründung eines eigenen Geschäfts. Was als „Zetka“ – wie „zuverlässige Kleidung“ – auf 150 Quadratmetern begonnen hat, ist heute eine Unternehmensgruppe, die mit ihren Modehäusern an 38 Standorten vertreten ist und rund 2.800 Menschen beschäftigt. Noch immer führt sie den legendären Knopf im Firmenschriftzug. Und noch immer gehört sie zu 100 Prozent der Gründerfamilie. Das soll auch so bleiben: „Mein Bruder und ich versuchen, den Clangedanken aufrechtzuerhalten“, sagt Gerhard Wöhrl, der Vorstandsvorsitzende und Mehrheitseigner.

Eine Art Verkörperung des Wöhrl’schen Clangedankens ist für den 63-Jährigen das neugotische Schloss Reichenschwand, mit angeschlossener Firmenakademie, nahe bei Nürnberg und doch mitten im Grünen. „Mein Bruder hat es 1975 gekauft“, sagt Gerhard Wöhrl. „Da war es praktisch eine Ruine. Heute ist es eine Art Hauptquartier.“ In seiner Stimme klingt Anerkennung für seinen Bruder Hans Rudolf mit. Hier hat er einen Ort gefunden, der – nach aufwendiger Renovierung – nicht nur ein aristokratisches Ambiente bietet, sondern auch einen unschlagbar niedrigen Gewerbesteuersatz. Die fiskalische Seite spielt nicht nur fürs verpachtete Schlossrestaurant eine Rolle: Vom angeschlossenen Verwaltungsgebäude aus werden diverse unternehmerische Aktivitäten der Familie gelenkt, zum Beispiel in der Immobilien- und Versicherungsbranche. Die Firmenzentrale der Modehäuser allerdings steht nach wie vor in Nürnberg- Langwasser. Auch wenn dort die Gewerbesteuer höher ist.

Vielleicht sei das etwas, was typisch ist für das Familienunternehmen Wöhrl, sagt der 27-jährige Gründer-Enkel Olivier: die Treue zu einem Standort, die nicht nur eine rationale Entscheidung ist, sondern auch etwas mit Tradition zu tun hat. Eine Wöhrl-Zentrale an einem anderen Ort als in Nürnberg, in dessen Innenstadt der „Knöpflesbrunnen“ das Firmenlogo zum öffentlichen Denkmal erhoben hat – das kann sich niemand aus der Familie so recht vorstellen. „Die Franken“ werden die Clanmitglieder gerne genannt. Dabei lebt der Vorstandschef schon lange in München, und er spricht mit einem dezenten, aber eindeutig bayerischen Akzent. Das „R“ zu rollen und den Unterschied zwischen „D“ und „T“ einzuebnen überlässt er seinem Bruder Hans Rudolf. Der 60-Jährige ist durch seine Erfolge in der Luftfahrtbranche und seine Ehe mit Dagmar Wöhrl, der Ex-Schönheitskönigin und Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, der bekanntere der beiden Brüder. An der Modehaus- Kette allerdings ist er heute nur noch als Minderheitseigner beteiligt.

Info

Historie

  • 1933 – Rudolf Wöhrl gründet unter dem Namen „Zetka“ einen Laden für Herren- und Knabenbekleidung.
  • 1945 – Neubeginn nach Kriegsende: In Wöhrl bei Nürnberg werden aus alten Uniformen, Decken und Zeltplanen Anzüge, Mäntel und Kostüme geschneidert.
  • 1949 – Eröffnung eines Modehauses in der Nürnberger Innenstadt.
  • 1970 – Die beiden Söhne Rudolf Wöhrls, Gerhard und Hans Rudolf, übernehmen das Modehaus mit mittlerweile fünf Filialen.
  • 2002 – Umwandlung der GmbH & Co. KG in eine Familien-AG. Die Brüder ziehen sich in den Aufsichtsrat zurück.
  • 2004 – Gerhard Wöhrl stockt das Kapital der AG um 9,5 Millionen Euro auf und hält seither etwa 70 Prozent der Anteile. Sein Bruder Hans Rudolf bleibt der Modehauskette verbunden, konzentriert sich aber unter anderem auf sein Engagement in der Luftfahrtbranche.
  • 2007 – Gerhard Wöhrl wird Vorstandsvorsitzender, sein Sohn Olivier folgt ihm an die Spitze des Aufsichtsrats.
  • Wöhrl heute – 38 Standorte, vor allem im süddeutschen Raum, mit über 100.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und 2.800 Mitarbeitern. Umsatz im Geschäftsjahr 2006/2007: 353 Millionen Euro.

Nicht nur die Bindung an den Ort der Anfänge ist für die Wöhrls ein Charakteristikum ihres Unternehmens. Gerhard Wöhrl berichtet von einer „unendlichen Zahl an ungeschriebenen Gesetzen“, die den Familienbetrieb regieren. Neue Mitarbeiter, die von außen kommen, hätten es oft schwer damit. Und doch ist dieses Problem einfach die Kehrseite eines Phänomens, dessen sich die Wöhrls gerne rühmen: einer überdurchschnittlichen Identifikation der Beschäftigten mit ihrem Arbeitgeber. Es sei „irrsinnig rührend“, wie eng die Bindung mancher Mitarbeiter an das Unternehmen – und an die dahinterstehende Familie – sei, erzählt Gerhard Wöhrls Sohn Olivier. „Irrsinnig rührend“, das ist nicht unbedingt die Ausdrucksweise seines Großvaters. Aber mit etwas anderen Worten erzählt auch der 94 Jahre alte Gründer gerne Geschichten, die von solchen Bindungen zeugen.

Rudolf Wöhrl berichtet von Kunden, die sich über Jahre hinweg vom immer gleichen Verkäufer beraten ließen. Und von Verkäufern, die sich auch noch im Ruhestand mit ihren Stammkunden trafen, um sie beim Kleidungskauf zu beraten. Der Patriarch klingt stolz, wenn er von solchen Mitarbeitern erzählt – und noch heute ihre Namen auflistet. So, wie er stolz auf die eigene unternehmerische Leistung ist: „Ich war der Erfinder des Markengedankens“, sagt er. Andere Modehäuser hätten es ihren Lieferanten noch lange verboten, ihr Etikett in die Kleidungsstücke zu nähen. Er dagegen habe sie dazu ermutigt. Das Ergebnis: „Mir sind alle Fabrikanten geradezu zugelaufen.“

Das war eine Gemeinheit

Seine beiden Söhne hat er 1970 an die Firmenspitze geholt. Dass er in diesem Alter schon die Nachfolge regelte, sei „seinerzeit neu und beispielgebend“ gewesen, rühmt die offizielle Firmengeschichtsschreibung. Rudolf Wöhrl selbst beschreibt jenen Vorgang nüchterner: „Das hatte rein erbrechtliche Gründe. Die Kontrolle habe ich noch lange behalten.“ So ähnlich berichten das auch die beiden Söhne. Gemeinsam hatten sie schon 1966 ihren eigenen Laden auf die Beine gestellt: Carnaby’s, eine avantgardistische Boutique, die noch bis in die 1990er Jahre fortbestand. „Das waren richtig wilde Jahre“, schwärmt Hans Rudolf Wöhrl im Rückblick. „Am Anfang hatten wir kein Geld, wir haben die Sachen auf Pump gekauft. Aber wir hatten Erfolg.“ Vor diesem Hintergrund habe der Vater die letzte Chance genutzt, um seine Söhne im Unter – nehmen zu halten. Aber eigentlich sei dessen Konstruktion eine „Gemeinheit“ gewesen.

Beide Söhne mit gleich großen Anteilen – das habe „enorme Konflikte“ provoziert, räumt auch Gerhard Wöhrl ein. „Unser alter Herr blieb das Zünglein an der Waage. Das hat uns überhaupt nicht geschmeckt. Aber für den Vater war das sehr angenehm, er wurde immer gefragt. Er musste immer gefragt werden.“ Heute allerdings bleibt dem greisen Patriarchen nur die Rolle eines Zuschauers: „Ich freue mich über jeden Erfolg, jede gute Idee“, sagt er. Und: Er gebe gerne Ratschläge, wenn er gefragt werde. „Ob das dann gehört wird, ist eine andere Frage.“ Auch die Zeit der großen Brüder-Konflikte scheint auf den ersten Blick vorbei. Früher stritten sie um zum Beispiel über den Sinn von Filialen in den neuen Bundesländern. Heute sind die Mehrheitsverhältnisse geklärt. Aus der GmbH & Co. KG ist eine Familien-AG geworden, und an der hält Gerhard Wöhrl etwa 70 Prozent der Anteile.

Im Jahr 2007 hat er seinen Einfluss dann noch einmal vergrößert: Mit 62 Jahren hat er den Vorstandvorsitz übernommen. Er sei mit der Arbeit der angestellten Geschäftsführer nicht zufrieden gewesen, begründet er diesen Schritt. Weil kurzfristig kein passender Nachfolger bereitgestanden habe, habe er eben selbst das Ruder übernommen. Dabei wolle er nach außen hin gar nicht viel verändern. Aber hinter den Kulissen gebe es viel zu tun: „Wir haben aufwendige Kommunikationsmuster, brauchen viel zu viel Papier“, sagt er, und stöhnt über die ewigen Kopien von allem für jedermann. Hans Rudolf Wöhrl hat vor allem spöttische Töne für die Anstrengungen seines Bruders: „Er ist jetzt ziemlich fertig mit der Welt. Ich hab ihm gesagt: Lass den Quatsch. Aber ihn hatte halt der Rappel gepackt. Er wollte zeigen, dass er auch ein guter Kaufmann ist.“ Eigentlich hätte zu Gerhard eine akademische Karriere viel besser gepasst, meint der jüngere Bruder. Der Kaufmann, das sei halt von jeher er selbst gewesen: „Ich hab immer Geschäfte gemacht. Für die Schule hatte ich nie Zeit.“

Immerhin: Gute Ideen habe er schon, der neue Vorstandschef. Und das Jubiläum – die Firma wird in diesem Jahr 75 – habe er „generalstabsmäßig geplant“. Trotzdem: „Ab kommenden Jahr werden wir eine Rückbesinnung haben“, sagt Hans Rudolf Wöhrl. Auch Gerhard Wöhrl selbst hat schon angekündigt, dass er sich mit 65 wieder von der Vorstandsspitze zurückziehen will. Wie es dann weitergehen soll, darüber allerdings gehen die Vorstellungen der beiden Brüder auseinander. Auch wenn er selbst die operative Leitung übernommen hat: Grundsätzlich sollten Familienmitglieder sich eher mit einer Kontrollfunktion bescheiden, meint Gerhard Wöhrl. Alles andere führe nur zu Interessenkonflikten. Sein Bruder dagegen sieht die Dinge genau andersherum. Auch wenn er es nicht unbedingt für eine gute Idee hielt, dass sein Bruder die Geschäftsführung übernahm: Grundsätzlich sei es besser, wenn Familienmitglieder den operativen Kurs bestimmen, meint Hans Rudolf. Ein angestellter Vorstand dürfe nur an den kurzfristigen Erfolg denken, wenn er sich in seiner Position halten wolle. Inhaber dagegen könnten es sich leisten, längerfristig zu denken – und dafür bei manchen Projekten auch Durststrecken in Kauf zu nehmen. Genau deshalb seien familiengeführte Unternehmen auf Dauer erfolgreicher.

So oder so – die dritte Generation steht jedenfalls bereit, um ihre Rolle im Modehausimperium zu finden. Christan Greiner, ein Sohn Hans Rudolf Wöhrls, hat unter dem Namen U1 im Untergeschoss des Nürnberger Stammhauses einen Konzeptladen entwickelt, der junge Mode mit einer Art Szenetreff kombiniert. Der 29-Jährige spricht nicht nur von seinem Faible für Mode, er zeigt es auch: mit besonders trendig geschnittenem Anzug und der entsprechenden Frisur. Gerhard Wöhrls Sohn Olivier dagegen setzt auf ein Erscheinungsbild, das eine Spur klassischer angelegt ist. Und seine Begeisterung gilt der Technik: Er arbeitet als Ingenieur für einen Automobilzulieferer in der Nähe von Stuttgart.

Und doch nimmt auch Olivier Wöhrl für sich in Anspruch, sich für Stil im Allgemeinen und für Mode im Besonderen zu interessieren. „Alles, was ich mache, dient dazu, mir einen reichhaltigen Erfahrungsschatz zu erwerben“, sagt er, und es klingt beinahe feierlich. „Das Unternehmen Wöhrl ist mein Leben, es hat mein Leben von frühester Kindheit bestimmt.“ Seit Gerhard Wöhrls Wechsel in den Vorstand steht Olivier auch an der Spitze des Aufsichtsrats. „In 90 Prozent der Sachen kann er sich meiner Unterstützung sicher sein“, so umschreibt der 27-Jährige seine Rolle als Nachfolger und erster Kontrolleur des eigenen Vaters. „Aber ich muss auch die Interessen des anderen Familienzweigs im Auge behalten.“

Das aktuelle Interesse seines Onkels jedenfalls scheint klar: „Ich sehe die dritte Generation im Vorstand“, sagt Hans Rudolf Wöhrl. „Und ich arbeite auch bewusst darauf hin.“ Konfliktpotential mit dem Bruder also. Aber darüber scheint sich Hans Rudolf fast zu freuen: Streit helfe bei der Suche nach Lösungen, und er streite sich gerne – am liebsten mit seinem Bruder. Falls der tatsächlich ebenso viel Freude am Streit hat, lässt er sich das zumindest nicht so deutlich anmerken. Aber auch Gerhard Wöhrl weiß aus Erfahrung: „Konfliktmanagement ist die wichtigste Aufgabe eines Familienunternehmens.“ Und er setzt hinzu: „Der familiäre Zusammenhalt ist wichtiger als das Rechthaben in letzter Instanz.“

Dieses Clandenken scheint auch die dritte Generation verinnerlicht zu haben: Ein simpler Händedruck tut es jedenfalls nicht, als sich die beiden Cousins Olivier Wöhrl und Christian Greiner voneinander verabschieden. Es ist eher ein jugendlich-sportliches Abklatschen mit angedeuteter Umarmung, das sie da vorführen. Und zur Not hilft der alte Talisman des Patriarchen. „Es ist vielleicht nicht mehr der Knopf von damals“, sagt Rudolf Wöhrl, während ein Lächeln um seine Lippen spielt. „Aber dabei habe ich immer einen. Im Portemonnaie.“