Die einzig Wahre

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In Warstein ist Warsteiner überall. Wie könnte es anders sein. Mit mehr als 800 Mitarbeitern, mit Hotels und Gastronomie und mit dem ranchähnlichen Warsteiner-Besucherzentrum prägt die Getränkegruppe das 28.000-Einwohner-Städtchen. Die Cramers, Inhaberfamilie der Warsteiner Brauerei, kennt hier jeder, wenn auch viele eher unter dem Spitznamen „Plücker“ (der alte Bauernname), den die Familie Cramer seit Generationen trägt. „Die alteingesessenen Mitarbeiter nennen mich tatsächlich oft „Plückers Jüngste,“ berichtet Catharina Cramer (32), Gesellschafterin und neben ihrem Vater Geschäftsführerin der Warsteiner Gruppe. Sie freut sich über den Spitznamen. Zeigt er doch, dass sie dazugehört, zur Warsteiner Welt.

Und anders als man beim Blick in ihr durchgestyltes Büro oder beim ersten Auftritt der modern-flippigen jungen Frau denken könnte, passt Catharina Cramer tatsächlich sehr gut in die Welt der Sudkessel und Braumeister. Und das trotz eines International-Business-Studiums in London, Madrid und Paris, trotz Praktika und Jobs bei J.P. Morgan in London oder beim Konsumgüterkonzern Pernod Ricard. Es sei ihr überhaupt nicht schwergefallen, vor vier Jahren mit Ende 20 in die Kleinstadt ihrer Kindheit zurückzukommen. „Im Gegenteil. Ich fand das immer ein bisschen komisch, dass ich mich von all dem hier mal trennen sollte“, sagt Cramer.

Denn ihr Einstieg ins Familienunternehmen war so nicht geplant. Vater Albert Cramer, in achter Generation Alleininhaber der Brauereigruppe, hatte immer klargemacht, dass nur ein Kind ins Unternehmen kommen und auch nur dieses Kind die Gesellschafteranteile erben sollte. Cramer selbst hatte sich einige Jahre die Geschäftsleitung mit seinem Cousin geteilt und schlechte Erfahrungen mit dieser Konstellation gemacht. Mitte der Achtziger konnte er diesem schließlich seine Anteile abkaufen.

Mit 19 für die Firma entschieden

Als sich Albert Cramers älteste Tochter Christina, die ursprünglich ins Unternehmen wollte, für einen anderen Lebensweg entschied, baten Cramer und seine damalige Ehefrau ihre Jüngste zum Gespräch. „Ich war total überrascht“, erinnert sich Catharina: „Meine Eltern hatten mich noch nie offiziell zu einem Gespräch eingeladen.“ In diesem Gespräch bot ihr Vater ihr nicht mehr und nicht weniger als die Geschäftsleitung eines 240 Jahre alten mittelständischen Familienunternehmens an, das heute über 2.400 Mitarbeiter weltweit beschäftigt und einen Jahresumsatz von 560 Millionen Euro erzielt. Das traute Albert Cramer seiner Jüngsten offenbar zu. Bedingungen oder Qualifikationsanforderungen gab es bis auf das abgeschlossene Studium keine. „Ich habe mich riesig gefreut“, erinnert sich Catharina.

Ihr sei sofort klar gewesen, dass dies eine große Richtungsentscheidung in ihrem Leben sein würde: „Entweder ganz oder gar nicht. So was kann man nur machen, wenn man davon überzeugt ist. Das kann man nicht seinen Eltern zuliebe machen.“ Lange überlegen musste Catharina nicht. Wichtig war ihr nur, vorher ausgiebig mit ihren beiden Schwestern zu sprechen. Beide haben auch BWL studiert, sich jedoch für einen anderen Lebensweg entschieden. Die eine lebt in Paris, die andere in Italien. „Beide haben mich ermutigt, das zu machen“, sagt Catharina. Die Entscheidung war gefallen. Damals war sie gerade einmal 19.

Kleinstadtfaible

Weder internationales Studium noch diverse Praktika konnten ihr das Ziel Warstein madig machen. Sie habe versucht, sich so gut wie möglich vorzubereiten, berichtet sie. Da ihre große Passion Vertrieb und Marketing seien, habe sie zunächst ganz gezielt bei einer internationalen Bank im Bereich M&A arbeiten wollen, um sich auch in anderen, sie nicht so faszinierenden Bereichen fit zu machen. „Das war eine komplett andere Welt für mich. Aber irgendwann merkt man, dass auch da nur mit Wasser gekocht wird“, erzählt sie. Also kein Grund, angesichts der Größe der Aufgabe kalte Füße zu bekommen. „Außerdem wusste ich ja genau, was auf mich zukam.“ Das Unternehmen Warsteiner und seine Mitarbeiter kennt sie gut. Nicht nur, weil sie als Kind in der Kantine ausgeholfen hat, auf dem Gelände Rollschuh lief oder ihren eigenen Kinderflohmarkt im Unternehmen veranstaltete. Seit die Entscheidung für das Unternehmen fiel, nahm sie regelmäßig an den halbjährlich stattfindenden Beiratssitzungen und später soweit möglich auch an den monatlichen Treffen mit den Bereichsleitern teil.

Info

Die Warsteiner Brauerei

Die 1753 gegründete Warsteiner Brauerei gehört zu den traditionsreichsten Privatbrauereien Deutschlands. Zur Warsteiner Gruppe gehören die Paderborner Brauerei Haus Cramer GmbH & Co. KG (Paderborner, Isenbeck, Weissenburg), die Herforder Brauerei (u.a. Herforder Pils) sowie Beteiligungen an der König Ludwig GmbH & Co. KG Schlossbrauerei Kaltenberg (König Ludwig Dunkel, König Ludwig Weissbier), der Frankenheim Brauerei (Frankenheim Alt, Frankenheim Blue*) sowie weitere Auslandsbeteiligungen. Hinzu kommen die Hotel- und Gastronomiebetriebe der Welcome-Gruppe. Der Jahresumsatz 2009 betrug 560 Millionen Euro.

Ihr Einstieg war von langer Hand geplant und am Ende doch recht spontan. Als ihr letzter Arbeitgeber Pernod Ricard ihr ein größeres Marketingprojekt anbot, hielt sie den Zeitpunkt für gekommen, sich auf Warsteiner zu konzentrieren. „Ich habe meinen Vater angerufen und ihm gesagt, dass ich in ein paar Wochen käme“, berichtet sie. Gesagt, getan. Sie bezog ihr Büro und wurde offiziell neben dem langjährigen Fremdgeschäftsführer Gustavo Möller-Hergt Mitglied der Geschäftsleitung. Aufgabenbereiche oder gar Ressortzugehörigkeiten wurden nicht definiert. „Ich wollte erst einmal alles kennenlernen“, erklärt sie.

Das Kennenlernprogramm hat sie sich selbst zusammengestellt mit Stationen im Außendienst oder der Produktion. „Ich wollte unbedingt einmal Bier gebraut haben, obwohl mein Vater meinte, das sei nicht so wichtig“, sagt sie. Sie verordnete sich selbst einen Praxiskurs in der mit der Gruppe verbundenen König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg im Landkreis Landsberg. Früh aufstehen und mit Gummistiefeln an die Arbeit. „Da habe ich alles gemacht bis hin zur Bedienung der Etikettiermaschine“.

Aber nicht alles lief rund. Knapp ein Jahr nach ihrem Einstieg kam es zum Bruch mit dem Geschäftsführer Möller-Hergt. „Es hat einfach nicht mehr gepasst“, wehrt sich Catharina gegen die Vorwürfe der Presse, dass der Manager der Kronprinzessin hätte weichen müssen. Sie sei definitiv ein Teamplayer. Eine klare Aufgabenteilung hätte sicherlich geholfen, das Konfliktpotential zwischen Inhaber, Nachfolgerin und Co-Manager zu mildern.

Das haben auch die Cramers eingesehen. Statt die Doppelspitze Cramer/Möller-Hergt durch eine Doppelspitze Cramer/Cramer zu ersetzen, wurde eine vierköpfige Geschäftsleitung etabliert, bestehend aus den beiden Inhabern – Catharina Cramer hält bereits Unternehmensanteile – sowie einem Technikgeschäftsführer und einem kaufmännischen Geschäftsführer.

Person des öffentlichen Interesses

Das Ausscheiden des Fremdmanagers, gepaart mit einem öffentlich ausgetragenen Streit über die Höhe der Abfindung, in Kombination mit sinkenden Absatzzahlen von Warsteiner haben Catharina den Einstieg an einer Stelle schwer gemacht, an der sie es gar nicht erwartet hätte. Andererseits sei sie von Berufskollegen viel offener aufgenommen worden, als sie sich jemals erhofft hatte. Vorbehalte gegen eine junge Frau als Warsteiner-Repräsentantin hat sie nie zu spüren bekommen.

Umso schockierter war sie über die Reaktion der Presse: „Anscheinend reicht es, jung, blond und auch noch eine Frau zu sein, um in eine Schublade gesteckt zu werden.“ „Nur das Maskottchen ihres Vaters“ war da zu lesen oder „Jetzt braucht sie nur noch den richtigen Mann.“ Formulierungen, die ihr nicht gerecht werden. „Viele haben über mich geurteilt, ohne dass ich überhaupt eine Chance hatte, mich zu beweisen“, berichtet Catharina Cramer.

Das mediale Aufsehen um ihre Person – gerade in der Boulevardpresse – hat sich mittlerweile gelegt. Was bleibt, ist die kritische Berichterstattung der Fach- und Wirtschaftspresse über die geschäftliche Entwicklung des Unternehmens. Die Marke Warsteiner kämpft im Kerngeschäft mit rückläufigen Absatzzahlen.

Schwieriges Marktumfeld

Ausgerechnet in diesem schrumpfenden Markt in einem harten Wettbewerb mit starken Konkurrenten mit Anfang 30 und nur vier Jahren Berufserfahrung außerhalb des Unternehmens seine Frau stehen zu müssen ist nicht gerade eine einfache Aufgabe. Catharina Cramer bleibt gelassen: „Wir werden immer nur an unserem Ausstoß gemessen. Der geht mit dem Schrumpfen des Marktes zurück. Das ist richtig. Aber auf der Ertragsseite stimmt das Geschäft immer noch, denn wir sind solide Kaufleute“, macht sie deutlich. Genaue Zahlen werden traditionell nicht veröffentlicht. Außerdem sei die Gruppe mit ihren verschiedenen regionalen Marken und einer eigenen Hotelsparte sehr breit aufgestellt.

Und sie hätte ja auch noch einiges vor. Ihre Augen funkeln. „Ich habe da eine Vision.“ Sie lacht, weil sie weiß, dass dieser Satz im ersten Moment komisch klingt. Aber sie bleibt dabei. „Wir wollen Warsteiner zu dem deutschen Bier im Ausland machen.“ Das große Vorbild ist Heineken. „Natürlich, hinter Heineken steckt ein Riesenkonzern, und wir sind nur ein kleiner Mittelständler.“ Aber trotzdem. Sie will dranbleiben. Dazu wurden die Marketingaktivitäten zentralisiert. Zukünftig soll das einheitliche „Look and Feel“ der Marke wieder von Warstein aus gesteuert und von dort in die Welt getragen werden. Im neu zusammengesetzten Marketingteam sind neue Leute und alte Hasen. Das ist ihr wichtig. Know-how und Erfahrung der alteingessenen Mitarbeiter will sie nicht missen.

Seite an Seite

Seit vier Jahren ist Catharina Cramer nun dabei. Der große geschäftliche Erfolg ist bislang ausgeblieben. Misserfolge allerdings auch. Die Menschen in ihrem direkten Umfeld hat sie längst für sich eingenommen, nicht nur durch ihre unbekümmerte unkomplizierte Art, sondern auch durch ihren aktiven Einsatz für mehr Zusammenhalt und Unternehmenskultur. Sie hat einen Family Day ins Leben gerufen, damit sich auch die Familien der Mitarbeiter wieder kennenlernen. Mit den Jubilaren geht sie einmal im Jahr traditionsgemäß essen, und Lehrlinge tauft sie bei deren Abschluss mit einer Kelle Hefe. Auf die regionale Auszeichnung als familienfreundliches Unternehmen ist sie sichtlich stolz. Und auf der jährlichen Brauerkirmes steht sie an der Theke ohnehin ihren Mann. Ihre Wertschätzung der Mitarbeiter, ihre Liebe zum Familienunternehmen und ihre Leidenschaft für das Produkt sind authentisch.

Die Zusammenarbeit mit ihrem Vater funktioniert. Auch wenn sie generationsbedingt an manche Themen anders herangeht. Mit ihren leitenden Mitarbeitern werden jeweils an einem Jour fixe Aufgabenportfolios definiert und klare Zielvereinbarungen getroffen. „Das sind sicherlich Tools, die mein Vater so nicht eingesetzt hat“, erklärt sie. Und manchmal kollidiert das System Albert Cramer dann mit dem System Catharina. Beispielsweise, wenn Albert Cramer einem Mitarbeiter ohne Absprache mit seiner Tochter Aufgaben aufbürdet, die die vorher getroffenen Zielvereinbarungen unerreichbar machen. Die Tochter nimmt das gelassen. „Dann reden wir drüber und korrigieren das.“ Das Verhältnis zu ihrem Vater trübe das nicht. „Mein Vater ist mein Fels in der Brandung“, betont sie.

Aber auch, wenn nicht immer alles rund lief seit ihrem Einstieg, sei es nun tatsächlich oder nur in der Außenwahrnehmung der Presse: Catharina Cramer bringt so schnell keiner von ihrem Weg ab. Dabei scheut sie sich auch nicht, andere um Rat zu bitten. „Ich hatte einen guten Coach. Das kann ich nur empfehlen.“ In ihrem Fall war es ein Mitglied des Beirats, eine Person, die das Unternehmen gut kannte, aber auch der Familie sehr nahestand, die ihr bei vielen Fragen als Sparringspartner diente.