„Ich liebe das Unternehmen“, sagt Thomas Hoyer (59) voller Inbrunst. So viel offen artikuliertes Gefühl erwartet man nicht von einem Hamburger. Eher kühle Distanz. Davon ist nichts zu spüren. Hoyer plaudert gerne, manchmal auch aus dem Nähkästchen. Sein Weg war – wie für so viele seiner Generation – vorgezeichnet. Als Kind habe er viel Zeit im Unternehmen verbracht. Sein Vater, der das Logistikunternehmen 1946 gründete, verlangte seinen vollen Einsatz, auch in den Semesterferien. Thomas sollte lieber in befreundeten Firmen Praktika absolvieren, als an der Elbe Fahrrad fahren oder mit Freunden Unsinn anstellen. „Dass der Vater den Sohn in die Firma drängt, war früher völlig normal. Das hätte schiefgehen und ich das Unternehmen ablehnen können.
Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ein Leben ohne dieses Unternehmen kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Thomas Hoyer gibt alles für die Firma. Mittlerweile erwirtschaften über 5.000 Mitarbeiter des Logistikdienstleisters über 900 Millionen Euro Umsatz. Hoyer ist Weltmarktführer im Transport von Flüssigkeiten im Tankfahrzeug und Tankcontainer. Irgendwas muss der Vater also richtig gemacht haben.
Auch seine drei Schwestern fühlen sich dem Unternehmen sehr verbunden. Das Verhältnis seiner Schwestern zum Vater, den Thomas Hoyer als emotionalen und liebevollen Menschen beschreibt, sei immer sehr innig gewesen. Seine jüngere Schwester Martina Hoyer-Hertel (54) hat ihr Büro mit Erinnerungsstücken an ihren Vater ausgestattet. Sie arbeitet an seinem alten Schreibtisch. Sein Geschirr ziert eine Vitrine ihres Büros.
Die Bindung der Familie an das Unternehmen ist stark. Sie manifestiert sich in einer Familienverfassung, die die Gesellschafter vier Jahre nach dem Tod des Vaters im Jahr 2002 erarbeitet und schriftlich auf acht Seiten niedergelegt haben. Nicht, dass das Band zwischen Familie und Unternehmen oder zwischen den Geschwistern zuvor lose war oder gar Risse hatte. Aber es war anders. Wenig sichtbar und noch nicht wirklich in das Bewusstsein der Familie eingedrungen.
Gründer mit Familiensinn
Als Walter Hoyer noch lebte, hatte jedes der Kinder seinen festen Platz. Thomas steigt nach seinem Studium in St. Gallen und einem zweijährigen Auslandsaufenthalt im Jahr 1980 als vom Vater erwünschter Nachfolger ins Unternehmen ein. In New York eröffnet er ein Büro für Hoyer und treibt die Internationalisierung der Gruppe voran. Er ist viel unterwegs. „Ich bin meinem Vater etwas aus dem Weg gegangen. Das hat ihn zwar manchmal gekränkt, aber gleichzeitig sichergestellt, dass wir beide, jeder auf seine eigene Art, das Unternehmen vorantreiben konnten.“ Martina, die auch in St. Gallen BWL studierte, führt die Personalabteilung, Annette arbeitet als Juristin aus einer Sozietät heraus für Hoyer, und die älteste Tochter Elisabeth lebt entfernt vom Unternehmen in Süddeutschland.
Gründer Walter Hoyer zieht sich 1991 in den Beirat zurück, Thomas wird geschäftsführender Gesellschafter. Walter Hoyer und seine Frau machen sich schon viele Jahre Gedanken, wie es weitergehen könnte in der Zeit danach, wenn sie einmal nicht mehr da sein würden. Der Vater legt in einer Satzung fest, die Unternehmensanteile zu gleichen Teilen auf die Kinder zu übertragen. Das geschieht 1994, lange vor seinem Tod.
Thomas Hoyer hat eine klare Meinung hierzu: „Ich fand das nicht gut.“ Schließlich lastete auf ihm die Verantwortung, das Unternehmen gut und sicher in die Zukunft zu führen. Weil Thomas Hoyer ein offener Mensch ist, sagt er das auch so seinen Schwestern. „Nennt mir einen klugen Mann aus der Familienunternehmerszene, der dieses Modell für vorbildlich hält. Ihr werdet ihn nicht finden.“
HOYER GmbH Internationale Fachspedition
Das Familienunternehmen legt in einem jährlichen Unternehmensbericht seine Zahlen offen.
- Umsatz:852 Millionen Euro
- EBIT:29 Millionen Euro
- Umsatzrentabilität:(vor Steuern) 2,4 Prozent
- ROCE: 9,0 Prozent
- Eigenkapitalquote:33 Prozent
Diese Meinung kann man, muss man aber nicht teilen. Für Martina war die Entscheidung des Vaters richtig. Sie teilt sein Gerechtigkeitsbedürfnis. „Ich kann die Entscheidung gut nachvollziehen. Für mich ist ganz klar, dass meine Anteile am Familienunternehmen auch wiederum zu gleichen Teilen auf meine Kinder übertragen werden.“
In vielen Unternehmerfamilien führen unterschiedliche Ansichten darüber, wer bei einer Übertragung von Anteilen was als gerecht und fair empfindet, zu nervenaufreibenden und verletzenden Konflikten. Manchmal zerbrechen daran auch ganze Familien. Die Hoyers nicht. Zum Streit sei es durch die Entscheidung der Eltern nicht gekommen, beteuern beide, Thomas und Martina. „Ich gehöre zu den Menschen, die mit Fakten leben können, auch wenn sie einem nicht so passen“, sagt Thomas Hoyer. Und man nimmt es ihm ab. Zu viel Lebensfreude steckt in ihm, als dass er sich in einen beleidigten Miesepeter verwandeln könnte.
Die Erklärung für den Zusammenhalt der Geschwister liefert Martina: „Die Gründe für Streit und Eifersucht unter Geschwistern liegen in der Erziehung der Eltern“, ist sie überzeugt. „Wir haben es unseren Eltern zu verdanken, dass wir vier uns gut verstehen.“ Thomas würde es sicherlich nicht ganz so formulieren, teilt aber die hohe Wertschätzung für die Familie: „Ich habe mich mit meinem Vater zwar viel über das Unternehmen gestritten. Aber das betraf nie die Familie – er hatte einen sehr großen Familiensinn. Diese Familiengene muss er an uns weitergegeben haben.“
Neues Familiengefüge
Die Familienbande sind stark. Und gerade deshalb hinterlässt Walter Hoyer nach seinem Tod eine Leere. Es war weitsichtig von ihm, frühzeitig die Nachfolge zu regeln. Trotzdem muss die Familie sich jetzt allein, ohne ihn, wieder ein Stück neu finden. Vor allem in ihrer Rolle als Familiengesellschafter.
„Meine Schwestern sind erst mit dem Tod meines Vaters für mich in ihrer Rolle als Gesellschafter spürbarer geworden“, sagt Thomas Hoyer. Auf einmal forderten sie mehr Informationen. Dabei habe er sie immer mit Wesentlichem versorgt. „Meine Schwester Annette ist als Juristin naturgemäß sehr kritisch und hinterfragt vieles.“ Thomas Hoyer wirkt zwar nicht genervt, wenn er von der Zusammenarbeit mit den Schwestern spricht. Aber spürbar angestrengt.
Angestrengt dürften hier und da auch mal die Schwestern sein. Thomas Hoyer ist niemand, der Gedanken und Gefühle bei sich behält. Wie sein Vater trage er sein Herz auf der Zunge, sagt er über sich selbst. „Manchmal sprudeln aus ihm spontan nicht so nette Dinge heraus. Aber am nächsten Tag, wenn alle einmal drüber geschlafen haben, fügt sich alles auch wieder“, sagt Martina. Auch Thomas’ Offenheit im Unternehmen ist den Schwestern nicht geheuer. „Ich finde, auch unser Lehrling soll wissen, wie unsere Zahlen aussehen. Auch habe ich nichts dagegen, dass andere Leute in unsere Familienverfassung schauen“, sagt Thomas. Für Martina dagegen ist die Familienverfassung mehr etwas Persönliches und somit sehr Privates. „Es geht schließlich um unsere Werte für uns und für das Unternehmen. Das muss ja nicht in die ganze Welt verschickt werden.“
So unterschiedlich die Geschwister, so unterschiedlich ihre Ansichten auch sein mögen: Nach dem Tod des Vaters schien es selbstverständlich, die Wandlung in Familie und Unternehmen professionell begleiten zu lassen. Der Vater hat es schließlich vorgelebt. Er hat nicht nur seine Kinder, sondern auch seine Enkelkinder in seine Gedanken an die Zukunft mit einbezogen, als er bereits in den achtziger Jahren an der Satzung arbeitete. „Unsere Kinder liebten ihren Großvater. Er hat sich um alle zwölf gekümmert“, erinnert sich Martina. „Mit der Familienverfassung wollten wir nicht nur, aber auch den Übergang von uns Geschwistern auf die dritte Generation einleiten und sicherstellen.“
Mit Hilfe externer Expertise diskutierten die Geschwister Hoyer in Workshops über das Unternehmen, die Familie, Werte und die Zukunft des Familienunternehmens. Die Rolle jedes Einzelnen ist nun klar definiert und niedergeschrieben. Martina und Annette sind abwechselnd Beiratsmitglieder, Elisabeth ist Familienverantwortliche. Martina und Thomas sind aus dem operativen Geschäft ausgestiegen: Sie hat einen Beratervertrag, er ist Vorsitzender des Beirats und der Gesellschafterversammlung. Zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte findet sich kein Mitglied der Hoyer-Familie in der Führungsspitze. Aufgaben und Verantwortlichkeiten haben sich radikal verändert.
Sich selbst zurücknehmen
Die Hoyers sind froh, mit ihren Familienbanden ein gutes Stück weitergekommen zu sein. Freilich, die Grundpfeiler der Familie, die Beziehungen der Geschwister untereinander haben sich nicht geändert. Aber sie sind stärker ins Bewusstsein vorgedrungen und dadurch gefestigt. Wenn Hoyer von seinen Schwestern spricht, spricht er immer noch von „den Mädchen“. Er sagt das aber nicht herablassend oder zynisch, eher liebevoll. Er sei nun einmal ein wenig chauvinistisch, konservativ. „Preußen ist mein Hobby“, strahlt er. Und für die „Mädchen“ ist Thomas Hoyer nun einmal der designierte Nachfolger des Vaters. „Das haben wir nie in Frage gestellt“, sagt Martina Hoyer-Hertel. Im Gegenteil: „Als Thomas schon mit Mitte 50 das Zepter an einen Fremden übergeben wollte, mussten wir uns mit der Idee auch erst anfreunden.“
Es hat sich aber etwas anderes, wesentliches geändert. Nicht mehr die vier Geschwister stehen im Mittelpunkt aller Gedanken, sondern die nächste Generation. Die Familie möchte nicht mehr in Stämmen, sondern in Generationen denken. Denn da ist ja auch noch das Unternehmen, das Vermächtnis des Vaters. Es ist kostbar und soll an die dritte Generation weitergegeben werden. Zwölf Kinder haben die vier Geschwister insgesamt. Sie werden auch einmal zu gleichen Teilen Unternehmensanteile erhalten und sollen gute, verantwortungsvolle Gesellschafter werden, damit Hoyer ein unabhängiges Familienunternehmen bleiben kann. So offen und emotional Thomas Hoyer auch sein mag: Sein Unternehmen würde er für einen Streit über Unternehmensanteile niemals aufs Spiel setzen. „Dieses Unternehmen ist meine Heimat“, sagt er.
Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

