Der Milky Oolong von Ronnefeldt sieht aus wie ein gewöhnlicher Grüner Tee. Im ersten Moment schmeckt er auch so – wie ein sehr feiner Grüner Tee allerdings. Aber dann entsteht plötzlich ein weiches, sahniges Gefühl auf der Zunge, das den Teetrinker einen überraschten Blick in die Tasse werfen lässt. Moment, hatte ich Milch reingetan? Nein? Warum schmeckt er dann so?
Das ist schon kein Tee mehr, das ist Erlebnisgastronomie. Und genau diese Erfahrungen machen das Luxusverständnis des Teehauses Ronnefeldt aus, das Jan-Berend Holzapfel so beschreibt: „Was bedeutet Luxus heutzutage? Luxus ist Zeit. Und dafür ist Tee das ideale Getränk, weil man sich den nicht einfach hinter die Binde kippen kann wie einen Espresso to go.“ Die Zubereitung und der Genuss erfordern Geduld, Aufmerksamkeit, Hingabe. Man kann „Tee“ nicht denken, ohne das Wort „Zeremonie“ gleich mitzudenken. Zeitwohlstand hat Geldwohlstand abgelöst: Das Statussymbol in einer dauergehetzten Burn-out-Gesellschaft sind die 15 Minuten, die man in eine Tasse Tee zu investieren bereit ist.

Ronnefeldt feiert in diesem Jahr 200-jähriges Jubiläum. Von Beginn an hat sich das Unternehmen im gehobenen Segment positioniert, und schon vor 200 Jahren war die anspruchsvolle Gastronomie und Hotellerie ein dankbarer Abnehmer für den Tee aus Frankfurt am Main. Damals hatte Ronnefeldt noch ein breiteres Angebot an „Kolonialwaren“ und verbreitete von seiner Anlegestelle im Westhafen aus den Duft der großen weiten Welt.
Ronnefeldt und die Teehändlerin
Luxus hieß damals: nach China reisen zu können – so wie er heute vielleicht bedeutet, nicht nach China reisen zu müssen. In Kurhotels und den feinen Salons des viktorianischen Zeitalters wurde Ronnefeldt-Tee ausgeschenkt. Bei dieser Vorstellung hört man regelrecht die gusseisernen Samoware zischen und die riesenhaften Frauenkleider rascheln, und genau aus diesem Grund erschien auch pünktlich zum 200-jährigen Firmenjubiläum der dritte Band des Romans „Die Teehändlerin“ im S. Fischer Verlag: Die Unternehmensgeschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden.
Wir schreiben das Jahr 1823. Johann Tobias Ronnefeldt ist der zweitgeborene Sohn seines Vaters, der in Frankfurt eine Schreinerei besitzt. Die erbt der Erstgeborene, und Johann Tobias muss sich etwas einfallen lassen. Also eröffnet er ein Kolonialwarengeschäft und verkauft Tee und Seidenschals aus China. 1845 verstirbt der Gründer und hinterlässt eine Witwe namens Friederike, die das Unternehmen 15 Jahre lang weiterführt. Ihre Lebensgeschichte ist die historische Grundlage für den Roman „Die Teehändlerin“.
Doch auch die jüngere Firmengeschichte hätte das Zeug zur „historical fiction“. 1984 übergibt der letzte Nachkomme von Johann Tobias und Friedrike Ronnefeldt, Herwarth Westphal, die Inhaberschaft an Frank Holzapfel. Dessen Sohn Jan-Berend Holzapfel ist heute der Inhaber und beschreibt diese Übergabe als Management-Buy-out. Jan-Berend Holzapfel selbst hat das Unternehmen durch eine Schenkung der Anteile in zwei Schritten übernommen. Ronnefeldt ist so zu einem Familienunternehmen geworden, dessen Geschichte von zwei verschiedenen Familien geprägt wurde: von der Gründerfamilie Ronnefeldt/Westphal einerseits und der Familie Holzapfel andererseits.
Jan-Berend Holzapfel entschied sich früh dafür, das Unternehmen von seinem Vater zu übernehmen, und bereitete sich entsprechend darauf vor. In Wien studierte er Wirtschaft mit Schwerpunkt auf kleine und mittelständische Unternehmen. 2002 trat er in die Kommanditgesellschaft ein und führte sie zehn Jahre lang Seite an Seite mit seinem Vater, bis dieser 2012 endgültig aus der Ronnefeldt KG ausschied. Dabei blieben Generationenkonflikte nicht aus: In Führungsstil und strategischen Fragen waren die beiden Holzapfels keineswegs immer einer Meinung, bemühten sich aber, ihre Konflikte nicht in das Unternehmen zu tragen, sondern privat auszufechten – „am Abendbrottisch“, wie Jan-Berend heute sagt.
Der andere Teehändler namens Holzapfel
Sein Bruder Arne hätte zunächst andere Interessen gehabt, erzählt Jan-Berend Holzapfel, und sei als Hotelier durch die Welt gereist. In den neunziger Jahren entschied sich Arne dann aber doch für den Teehandel und stieg in ein Unternehmen ein, das sein Vater kurz zuvor gekauft hatte: das Tee-Handels-Kontor Bremen. Beide Unternehmen sind heute vollkommen voneinander getrennt. Auf die Frage, ob er es als Konkurrenz empfindet, verneint Jan-Berend Holzapfel und zuckt dabei mit keiner Wimper: Die beiden Marken seien sehr unterschiedlich aufgestellt.

Und tatsächlich, auf dem Tisch in seinem Frankfurter Büro stehen neben den Teepackungen von Ronnefeldt auch welche vom Tee-Handels-Kontor Bremen, so als wollte er Werbung für die Produkte seines Bruders machen.
Jan-Berend Holzapfel war es, der das Hotellerie-Segment im gehobenen Bereich ausbaute, zurück zu den Wurzeln der Kurhotels im 19. Jahrhundert also. Doch die Corona-Pandemie war ein herber Schlag nicht nur für die Gastronomie, sondern auch für Gastro-Zulieferer wie Ronnefeldt. Hier zahlte es sich aus, dass das Unternehmen frühzeitig auch auf den Online-Handel gesetzt hatte. Wer pandemiebedingt im Homeoffice arbeiten musste, konnte sich seinen Lieblingstee übers Internet nach Hause liefern lassen.
Ein weiteres Standbein des Unternehmens ist heute der Fachhandel. Jan-Berend Holzapfel möchte seinen Tee zwar nicht im Supermarktregal neben den Billig-Beuteln sehen, unterhält jedoch langfristige Geschäftsbeziehungen zum stationären Fachhandel. Wie bedroht dessen Geschäftsmodell ist, ist ihm aber bewusst, und so kam es dann doch zu Kompromisslösungen wie zum Beispiel dem Vertrieb über die Feinkostabteilung von Edeka.
Die Zukunft ist postkolonial
Zurück zu den Wurzeln geht es auch für das Frankfurter Büro, das sich bisher am Kurfürstenplatz im Stadtteil Bockenheim befand. Direkt nebenan wird derzeit mit großem Getöse eine alte Feuerwache abgerissen; eine neue soll an derselben Stelle aufgebaut werden. Doch das werden die Büromitarbeiter von Ronnefeldt nicht mehr miterleben: Im April haben sie das neue Büro im Frankfurter Westhafen bezogen – genau an der Stelle, wo im 19. Jahrhundert die Lastkähne am Mainufer anlegten.

Die Vergangenheit wird zelebriert zu diesem 200-Jährigen, aber die Zukunft, wie der Schriftsteller Max Frisch einst sagte, ist unvermeidlich. Wie also wollen wir sie gestalten? Wo sieht sich das Unternehmen Ronnefeldt in den nächsten 200 Jahren?
Jan-Berend Holzapfel hat drei Kinder im Teenageralter. Ob eines von ihnen und, wenn ja, welches Interesse an Ronnefeldt zeigen wird, ist jetzt noch nicht abzusehen. „Wie bei allen Familienunternehmen sitzt die Firma mit am Esstisch“, erläutert Jan-Berend Holzapfel, „und die Kinder stellen auch Fragen.“ Klar ist, dass der Teehändler sich weiterhin als internationales Unternehmen aufstellen muss und wird, wenn er den Herausforderungen der Zukunft gerecht werden will.
Schon jetzt liegt jedes Jahr ein Nachhaltigkeitsbericht vor, die Zusammenarbeit mit Kleinbauern soll ausgebaut und der Anteil an Bioprodukten im Teesortiment gesteigert werden. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir bald nur noch Bio-Tees im Angebot haben werden“, sagt Jan-Berend Holzapfel. „Ob das in 5 oder in 20 Jahren sein wird, kann ich jetzt aber noch nicht sagen.“ Der alte Kolonialwarenhändler hat nur dann eine Zukunft, wenn er im post-kolonialen Zeitalter ankommt und in den Anbaugebieten der Herkunftsländer ökologische und soziale Verantwortung übernimmt. Das ist Jan-Berend Holzapfel bewusst, und dafür arbeitet Ronnefeldt auch mit der Stiftung Childaid Network aus Königstein zusammen.
Doch die Ökonomie ist, wie so oft, auch bei Ronnefeldt schneller als alle guten Absichten: „Seit 1999 machen wir richtigen Export“, sagt der Inhaber und meint damit: Export außerhalb der DACH-Region. Längst sitzen nicht nur Zulieferer, sondern auch 70 Ronnefeldt-Vertragshändler im „richtigen“ Ausland. Die gehobenen Hotels in Japan und Südkorea servieren ihren Gästen Tee, der zwar in Asien angebaut wurde – doch auf ihrer Verpackung steht „Ronnefeldt“.
Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.

