Franziska Seibel und die Schuhfabrik Josef Seibel: Passt der Schuh?

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Still liegt der Paddelweiher zwischen bewaldeten Hügeln. Hier ist die Queich aufgestaut, ein Bach, der durch den Pfälzerwald fließt, und bildet einen kleinen Teich zum Angeln und Tretbootfahren. Plötzlich wird die ruhige Wasseroberfläche von einem kräftigen, silbrig beschuppten Körper durchstoßen, der auftaucht, springt, und sich mit einem lauten Klatschen wieder ins Wasser zurückfallen lässt. „Das war ein Delfin!“, kommentiert ein Ausflugsgast im Biergarten am Ufer. Der Fisch erscheint absurd groß für den winzigen Teich.

Der Paddelweiher gehört zu Hauenstein, einem kleinen Ort im Pfälzerwald. Hier stimmt irgendetwas mit den Größenverhältnissen nicht. So wie der Fisch für den Paddelweiher zu groß ist, erscheint die Schuhfabrik Josef Seibel zu groß für den Ort. Das Unternehmen beschäftigt allein in Hauenstein 200 Mitarbeiter, hat einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro und ist international aufgestellt, mit Tochterunternehmen und Markenrechten in aller Welt – Hongkong, Kanada, USA, Kenia. Seibel-Schuhe werden in circa 40 verschiedene Länder vertrieben. Weltweit sind es 500 Mitarbeiter, die für Josef Seibel arbeiten. Hauenstein hingegen mit seinen knapp 4.000 Einwohnern liegt ganz am Rand von Deutschland: im Biosphärenreservat „Pfälzerwald – Nördliche Vogesen“, das die deutsch-französische Grenze überlappt. Spektakulär aufgetürmte rote Buntsandsteinfelsen bilden den Eingang zur Stadt, das sogenannte Felsentor.

Neben vielen Touristen sind in der Region vor allem Schuhe omnipräsent: Nicht nur die Schuhfabrik Josef Seibel, sondern auch andere Produktionsstätten machen Hauenstein zur Schuhstadt. In Hauenstein wird auch alle vier Jahre die Deutsche Schuhkönigin gewählt, und an den Hauptverkehrsstraßen stehen zur Dekoration große, rote High Heels aus Pappmaché.

Franziska Seibel: Erst mal modernisieren

Carl-August Seibel / Foto: Josef Seibel

Der Grund ist ein historischer, erklärt Franziska Seibel, seit 2020 Geschäftsführerin der Schuhfabrik Josef Seibel. „Die Region war ursprünglich stark geprägt von der Schuhproduktion. In Pirmasens war ein Zentrum der Lederindustrie, und Hauenstein hatte Ende des 19. Jahrhunderts 32 Schuhfabriken. Kleinstbetriebe natürlich, größtenteils. Aber diese Region ist bis heute davon beeinflusst.“

Die zierliche Mittdreißigerin sitzt an diesem Sommertag im Innenhof der Fabrik, den sie selbst im Laufe der vergangenen drei Jahre so umgestaltet hat, dass er keinerlei Ähnlichkeit mehr mit einem Fabrik-Innenhof in der deutschen Provinz hat. Man fühlt sich eher wie im Garten eines hippen Cafés in einer europäischen Großstadt. Gleich im Anschluss an das Interview hat Franziska Seibel noch einen Termin mit dem Architekten. Noch ist der Innenhof nicht ganz fertig, aber die heiße Phase des inneren wie äußeren Umbaus ist vorüber.

Mit dem Einstieg Franziska Seibels in das Unternehmen hat nicht nur die physische Renovierung in den Pandemie-Jahren 2020/2021 stattgefunden, sondern auch das Re-Branding der Marke. Marketing, Außenwirkung, Touchpoints, das ist ihr Ding. Franziska Seibel hat BWL studiert und war unter anderem bei dem Modekonzern Hallhuber in München tätig, bevor sie in das Unternehmen ihres Ururgroßvaters einstieg. Auch die Webseite hat unter ihrer und der Führung ihres Ehemannes Michael Fischer einen neuen Anstrich bekommen: Ihr Mann ist Co-Geschäftsführer und kümmert sich unter anderem um die IT. An dem interaktiven Schuh-Konfigurator auf der Josef-Seibel-Webseite könnte man Stunden verbringen.

Ins Museum und nach Kenia

Franziska Seibel führt das Unternehmen nicht nur gemeinsam mit ihrem Ehemann, sondern auch mit ihrem Vater. „Michael und ich ergänzen uns super. Auch wenn es uns nicht immer gelingt, das Private und das Berufliche zu trennen. Aber im Geschäft haben wir die verschiedenen Bereiche ganz klar untereinander aufgeteilt, und wir sitzen auch nicht im selben Büro.“ Sie lacht: „Das würde nicht funktionieren.“

Und ihr Vater? „Er ist dieses Jahr 65 geworden“, erzählt Franziska Seibel. „Ursprünglich war mal geplant, dass er mit 50 in Rente geht, aber …“ In diesem Moment erscheint ein drahtiger älterer Herr auf der Bildfläche und steuert zielstrebig auf unseren Tisch im Fabrikgarten zu. „Ah, da ist er ja“, bemerkt Franziska. Carl-August Seibel stellt sich vor, mit Handschlag, alte Schule. „Braucht ihr mich? Nee, oder? Sie haben ja eine kompetente Gesprächspartnerin …“ sagt er. „Nein, alles gut“, erwidert Franziska und lächelt. „Gut, gut, ich muss dann auch weiter“, brummelt ihr Vater und wendet sich zum Gehen, „in meinem Zweitjob bin ich nämlich Direktor vom Deutschen Schuhmuseum.“

Das Deutsche Schuhmuseum? Tatsächlich, das Museum für Schuhproduktion und Schuhkultur befindet sich ebenfalls in Hauenstein und zeigt nicht nur Seibel-Schuhe, sondern widmet sich der Geschichte von Schuhen allgemein. Auch die Seibel-Produktion vor Ort erinnert eher an ein schickes Museum als an eine Fabrik, und drinnen wird der Besucher in einem Vorraum erst mal museumspädagogisch in die Grundlagen der Schuhproduktion eingeführt. In einer Ecke sitzen Leute, die Nadel und Faden in der Hand halten und Schuhe in Handarbeit zusammennähen, eine Produktionsweise, die man in Deutschland des 21. Jahrhunderts wahrlich nicht erwartet hätte. Der Großteil der Produktion befindet sich heute in Asien, wie Franziska Seibel ­berichtet. 2,2 Millionen Paar Schuhe produziert das Unternehmen jährlich. Ungefähr 10.000 davon werden in Hauenstein produziert.

Auch in Kenia steht eine Seibel-Fabrik, die von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft gefördert wird: nicht für den Export nach Europa, sondern für die Uniformen kenianischer Schulkinder. „Die Leute dort sind total motiviert!“, erzählt Franziska Seibel begeistert. Weniger begeistert ist sie allerdings von der kenianischen Bürokratie und den hohen Ein- und Ausfuhrzöllen in Europa: „Kein Wunder, dass bei uns höchstens ein bisschen Kaffee und ein paar Blumen aus Kenia in den Supermarkt­regalen zu finden sind.“

Diese Fabrik in Kenia war einmal eine der verrückten Ideen von Carl-August Seibel gewesen, als er vor Jahren vor Ort war, sich schwer in das Land verliebt hatte und nach mehreren Gläsern Rotwein beschloss, hier eine Fabrik zu bauen. Doch mittlerweile hat sie sich zu einem Herzensprojekt der ganzen Unternehmerfamilie entwickelt. Regelmäßig kommen angehende Schuster aus Kenia zu Besuch und lernen vor Ort in Hauenstein ihr Handwerk.

Für immer Hauenstein

Michael Fischer / Foto: Josef Seibel

Trotz seines modernen Auftretens spürt man aber doch die altmodische Struktur des knapp 140 Jahre alten Unternehmens – nämlich dann, wenn man nach der Governance-Struktur fragt. Die Anteile gehen immer auf einen einzigen Unternehmenserben über, der gleichzeitig Geschäftsführer ist. Noch liegen sie alle bei Carl-­August Seibel. Einen Beirat gibt es nicht, externe Geschäftsführer auch nicht. Franziska Seibel hatte lange gezögert, bevor sie als Geschäftsführerin in das Unternehmen eingestiegen ist. Sie hat noch zwei jüngere Geschwister, die aber etwas ganz anderes machen: Ihr Bruder interessiert sich für Kfz-Mechanik, und ihre Schwester ist Hebamme. Bei Franziska zeichnete sich durch ihr BWL-Studium und den Einstieg in die Modebranche schon eher ab, dass sie für die Nachfolge in Frage kam. Damals lebte ihr Großvater Josef Seibel junior noch, Sohn des Gründers Josef Seibel senior, der sie immer wieder fragte, ob sie nicht die neue Geschäftsführerin und Unternehmens­erbin der Josef-Seibel-Schuhfabrik werden wolle – aber sie wollte nicht. Lange nicht.

Zehn Jahre lang suchte sie ihren eigenen Weg, fing schließlich bei Hallhuber in München an und war dort sehr glücklich, als die Familie erneut an sie herantrat und sie bat, bei Josef Seibel einzusteigen. „In ein Familienunternehmen steigt man nicht mal eben ein und dann wieder aus, wenn es einem nicht mehr gefällt. Davor hatte ich Respekt“, sagt Franziska Seibel. Hauenstein, für immer? Schweren Herzens ließ sie München hinter sich und wurde die erste Geschäftsführerin in der Geschichte des Unternehmens, die nicht Carl-August oder Josef hieß. Nüchtern betrachtet könnte niemand sie aufhalten, wenn sie sich in ein paar Jahren dazu entscheiden würde, das Geschäft in die Hände eines externen Geschäftsführers zu geben und nach München zurückzukehren. Auch wenn es im Moment nicht danach aussieht; schließlich hat Franziska Seibel sich ganz in der Nähe ein Haus gebaut.

Was bringt die Zukunft?

Franziska Seibel verfolgt heute noch, wie es ihrem ehemaligen Arbeitgeber Hallhuber geht, der im Mai 2023 zum zweiten Mal Insolvenz anmelden musste. In der Corona-Zeit kauften die Leute keine neuen Kleider mehr, und die Inflation seit dem Ukraine-Krieg hat die Kosten für Produktion und Logistik teilweise verzehnfacht. Ist das die schwerste Zeit, die Josef Seibel je erlebt hat? „Mein Vater hat das tatsächlich vor kurzem genau so formuliert. Mein Großvater hat noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt und hätte dazu wahrscheinlich eine andere Meinung.“ Ihr längst verstorbener Urgroßvater Josef Seibel senior führte das Unternehmen durch zwei Weltkriege und eine Weltwirtschaftskrise und hätte bei dieser Frage wahrscheinlich laut gelacht. Trotzdem ist die multiple Krise der Gegenwart eine reale Bedrohung für Schuhhersteller, ebenso wie für den Modehandel in Deutschland, wie die vielen Insolvenzen der vergangenen zwölf Monate eindringlich vor Augen führten. Ob sie in letzter Zeit Angst um das Unternehmen gehabt habe? „Nein“, antwortet Franziska Seibel, „zu keinem Zeitpunkt. Auch wenn die Planung natürlich sehr erschwert wird.“ Sie war froh, auf die Erfahrung ihres Vaters zurückgreifen zu können, als sie ausgerechnet 2020 in die Geschäftsleitung einstieg. Doch ihr Vater wird irgendwann in Rente gehen. „Man weiß nicht: Ist das ein Versprechen oder eine Drohung?“, lacht sie. Formal ist er immer noch für so zentrale Bereiche wie Finanzen oder Personal zuständig, aber: „Er trifft keine Entscheidung mehr allein. Wir sprechen uns immer zu dritt ab.“ Für Josef Seibel war die mehrgenerationale Führung also vielleicht sogar ein Absicherungsmechanismus in der Krise.

„Ich bin heute nicht mehr dieselbe, die ich vor zehn Jahren war“, sagt Franziska Seibel nachdenklich und zuckt die schmalen Schultern. „Wer weiß, wer ich in zehn Jahren sein werde.“ Wer weiß, ob dieser Fisch nicht irgendwann zu groß sein wird für den Paddelweiher und eines Tages die Queich hinabschwimmt, dann in den Rhein und schließlich ins offene Meer.

Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.