Der Generationenwechsel in Familienunternehmen war schon immer ein komplexer und emotionaler Prozess. Doch in der heutigen, immer stärker digitalisierten Welt, hat sich die Dynamik verändert. Der Wechsel gleicht nun weniger einem behutsamen Staffelstab-Übergang, sondern einem großen Bühnenwechsel inmitten eines technologischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Wie ein Ensemble, das mitten in einem langlaufenden Theaterstück plötzlich die Hauptdarsteller austauscht, muss auch das Familienunternehmen die Kulissen rechtzeitig neugestalten, bevor der Vorhang für die nächste Generation fällt.
Das neue Drehbuch: Flexibilität und Innovation an erster Stelle
In der Vergangenheit lag der Fokus bei der Unternehmensübergabe häufig darauf, bewährte Strukturen beizubehalten, als wären sie der sichere Bühnenaufbau eines Stücks, das immer nach dem gleichen Muster inszeniert wird. Doch heutzutage braucht es neben den vertrauten Kulissen mehr frische Ideen und Technologien denn je. Während die älteren Generationen häufig an den „bewährten Requisiten“ festhalten, weiß die neue Generation um die Bedeutung neuer Arbeitsmethoden und digitaler Innovationen, um zukunftsorientiert die verschiedenen internen und externen Stakeholder zu begeistern.
Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Einführung von Remote-Arbeitsmodellen in vielen Unternehmen während der Corona-Pandemie. Für jüngeren Generationen ist dies keine Option mehr, sondern meist eine Grundvoraussetzung. Das Skript muss also angepasst werden, um auf die Erwartungen des modernen Publikums alias der Talente der Zukunft einzugehen. „Geht bei uns nicht“ ist hierbei ein schlechter Ansatz. „Neue kreative Wege finden“ ist der Rat der Stunde.
Risiko des Stillstands: Warum Flexibilität der Schlüssel zum Erfolg ist
Ein erfolgreicher Bühnenwechsel gelingt nur, wenn die Übergabe sorgfältig inszeniert wird – andernfalls droht das Bühnenwerk an Relevanz zu verlieren. Der technologische Fortschritt und der Druck, sich digital zu transformieren, sind wie neue Regieanweisungen, die die Inszenierung grundlegend verändern. Wer stur am alten Drehbuch festhält, riskiert, dass das Unternehmen den Anschluss verliert und vom Wettbewerb überholt wird.
Ein Paradebeispiel für eine gelungene Inszenierung des Generationswechsels bietet Sabine Moser-Wilms, die kürzlich das Unternehmen ihrer Familie übernahm. Als nun geschäftsführende Gesellschafterin der Moser Agrar & Baufachzentrum GmbH & Co. KG erkannte sie gemeinsam mit ihrem Mann Marco Wilms, ebenfalls Geschäftsführer des Familienunternehmens, dass insbesondere digitale Abläufe in ihrem sonst stark analog geprägten Tagesgeschäft auf den neuesten Stand gebracht werden mussten. Automatisierung in den nachgelagerten Prozessen, wie belegloses Arbeiten in der Buchhaltung, Datenbearbeitung nur am Bildschirm oder moderne digitale Workflowprozesse sind nur ein paar Beispiele dafür. „Dadurch können wir unter anderem ein attraktives Homeoffice Modell, das – insbesondere für Mütter – einen hohen Stellenwert hat, anbieten“ betont Sabine Moser-Wilms. „Dazu kommen Themen wie die Umstellung der IT von on premise in die Cloud, um mehr Sicherheit und ortsunabhängige Erreichbarkeit zu erzielen“, ergänzt Marco Wilms. So verschafft die Nachfolgegeneration dem traditionellen Familienunternehmen eine widerstandsfähige Basis für die Zukunft.

Unterstützung ist kein Zeichen von Schwäche – sondern von Erfahrung
Bei einem Bühnenwechsel sind es nicht nur die neuen Hauptdarsteller, die glänzen sollen – vielmehr das Gesamtensemble spielt eine entscheidende Rolle. Motivierte Mitarbeitende, zufriedene Kund:innen sowie zuverlässige Partner:innen, Lieferanten etc.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Unterstützung von externer Begleitung und Sparringspartner in Anspruch zu nehmen, um den Übergang reibungslos zu gestalten. Sie helfen, den emotionalen Moment des Wechsels zu moderieren, fachlich zu beraten und das Drehbuch so zu verfeinern, dass das Unternehmen im Takt bleibt.
Nur etwa ein Drittel der Familienunternehmen in Deutschland schafft den Generationenwechsel innerhalb der Familie. Oft liegt das daran, dass die Nachfolger:innen sich noch unsicher fühlen, um die Bühne komplett zu übernehmen. Das liegt nicht selten an oft unterschätzten Bereichen wie der Kommunikation und des Brandings vor, während und nach dem Generationenwechsel. Denn vom interfamiliären Austausch über externe Kommunikation bis hin zur Zusammenarbeit oder Training mit den Teams sind Bestandteile, die idealerweise ein bis zwei Jahre vor dem Generationenwechsel beginnen und danach auch nicht enden.
Innovation als Chance: Die neue Generation ins Rampenlicht stellen
Wie im Theater ist auch bei einem Generationswechsel der Moment entscheidend, wenn das Scheinwerferlicht auf die neuen Protagonist:innen fällt. Sie stehen vor der Aufgabe, Traditionen zu bewahren, Innovationen zu treiben und gleichzeitig in ihrem eigenen Stil das Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Selten sind die Chancen dafür größer als in dieser Wechsel-Phase. Königsdisziplin für Nachfolger:innen ist es, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Bewährtem und Neuem zu finden, um das Publikum zu begeistern.
Ein weiteres Beispiel ist der Generationenwechsel der Kufferath GmbH. Es zeigt eindrucksvoll, wie ein mutiger Schritt in die Zukunft aussehen kann. Vor der Übernahme durch die nächste Generation war das Unternehmen zwar erfolgreich, doch Nachfolgerin „Lara Kufferath sieht doch so einiges als nicht mehr zeitgemäß“, berichtete das Manager Magazin in der Mai-Ausgabe 2024. „Also legte sie los trotz skeptischer Blicke von Vater und Onkel, den Co-Chefs.“ Durch Workshops zum Thema Kultur und Führung, Organisationsentwicklung und klare Wachstumsziele sowie Investitionen schreibt die Nachfolgerin ein neues Kapitel in der Unternehmensgeschichte und verschafft der Firma eine noch stärkere Position auf dem Markt als bisher.
Fazit: Den Bühnenwechsel mit Weitblick gestalten
Ein Generationenwechsel in einem Familienunternehmen ist wie ein gut geplanter Bühnenwechsel: Er erfordert Timing, eine klare Regie und den Mut, Neues zu wagen. Die nächste Generation steht bereit, ins Rampenlicht zu treten, aber nur mit einer strategischen Planung, der richtigen Unterstützung und der Bereitschaft, loszulassen, kann dieser komplexe Prozess gelingen. Professionelle Kommunikation und ein starkes Branding spielen dabei eine entscheidende, oftmals jedoch unterschätzte Rolle.
Mit diesen Voraussetzungen steht einem harmonischen Übergang in die neue Generation nichts im Wege. Das Unternehmen wird für die kommenden Akte gestärkt und bereit sein, die nächsten Herausforderungen zu meistern.
